„Er kommt, Peppe kommt!“ trompetete siora Cecilia aus einer Straßenecke.
„Principe, Principe! Das ist ja Peppe! Da ist Peppe! (ecco Peppe, ecco Peppe!)“ schrien die Kinder auf der Straße.
„Ich seh, ich sehe,“ sagte der Fürst, ganz betäubt von dem lauten Geschrei.
„Da bin ich, eccellenza. Da bin ich!“ sagte Peppe, indem er die Mütze abnahm. Man merkte es ihm an, daß er schon etwas vom Karneval abgekriegt hatte. Er war auf einer Seite mit einer Ladung Mehl bedacht worden: der ganze Rücken und eine Seite waren ganz weiß, der Hut war eingekeilt und das ganze Gesicht mit weißen Tupfen bedeckt. Peppe war schon deswegen merkwürdig, weil er sein ganzes Leben lang den Diminutivnamen Peppe getragen hatte. Er hatte sich durchaus nicht bis zum Giuseppe aufschwingen können, obwohl er bereits grau zu werden begann. Er stammte sogar aus einer guten und wohlhabenden Kaufmannsfamilie, aber er hatte sein letztes Häuschen in einem Prozeß verloren. Schon sein Vater, ein Mensch von derselben Gattung wie Peppe, trotzdem er sior Giovanni genannt wurde, hatte sein ganzes Vermögen aufgezehrt, und nun fristete Peppe gleich vielen andern notdürftig sein Leben, so wie es gerade kam: bald nahm er Dienste bei einem Ausländer, bald spielte er den Boten bei einem Rechtsanwalt, bald brachte er einem Künstler das Atelier in Ordnung, bald wieder diente er als Wächter in einem Weinberg oder in einer Villa und je nach dem Amt, das er bekleidete, wechselte er auch beständig sein Kostüm. Mitunter begegnete man Peppe in einem weiten Rock und einem runden Hut auf der Straße, bald wieder in einem engen Kaftan, der an zwei drei Stellen geplatzt war, und so enge Ärmel hatte, daß Peppes lange Arme wie zwei Besenstiele aus ihnen hervorguckten, zuweilen aber erschien er in einem ganz undefinierbaren Kostüm, wobei er die einzelnen Kleidungsstücke noch nicht einmal richtig angezogen hatte: mitunter konnte man fast glauben, er habe die Jacke an Stelle der Hosen angezogen und sie hinten, so gut es eben ging, zugebunden. Er war stets zu allen möglichen Diensten bereit und übernahm allerlei Aufträge, häufig sogar, ohne daß dabei etwas für ihn abfiel. Er lief hin und verkaufte für die in seiner Straße wohnenden Damen allerhand alten Plunder: in Pergament gebundene Bücher eines verarmten Abbés oder Antiquars oder das Gemälde eines Künstlers; er ging morgens zu den Abbés und nahm ihre Hosen und Schuhe, um sie zu putzen, mit sich nach Hause, wobei er es dann meist vergaß, sie zur rechten Zeit wieder zurückzubringen, bloß aus dem übereifrigen Wunsch, sich irgendeinem Dritten gefällig zu erweisen, und die Abbés hatten dann den ganzen Tag über Zimmerarrest, da sie ja nicht ohne Hosen und Stiefel ausgehen konnten. Oft fiel ihm eine beträchtliche Geldsumme zu. Aber er verfügte über sie nach römischer Art, d. h. schon am folgenden Tage war fast nichts mehr davon übrig, und dies nicht etwa deshalb, weil er das Geld für sich verbrauchte oder verschwendete, sondern weil er alles in der Lotterie verspielte, für die er eine große Leidenschaft besaß. Es gab kaum eine Nummer, mit der er es nicht schon versucht hatte. Jede unbedeutende, ganz alltägliche Begebenheit erhielt für ihn eine große Bedeutung. Wenn es sich einmal ereignete, daß er irgendeinen Plunder auf der Straße fand, so sah er gleich in seinem Wahrsagebuch nach, unter welcher Nummer er dort verzeichnet stand, um sich sofort das entsprechende Lotteriebillett zu besorgen. Einmal träumte er, daß der Satan, — den er ohnedies aus einem unbekannten Grunde jedesmal zu Beginn des Frühlings im Traume sah — daß ihn der Satan bei der Nase gepackt hielt und über die Dächer sämtlicher Häuser schleifte, von der St. Ignatiuskirche, über den ganzen Corso durch die Tre Ladronigasse bis nach der Via della Stamperia, bis er endlich auf der Treppe der Trinita haltmachte und sagte: „Das hast du dafür, daß du zum heiligen Pankratius gebetet hast, Peppe! Deine Nummer wird nicht gewinnen.“ Dieser Traum machte in der ganzen Straße großes Aufsehen, und besonders siora Cecilia und siora Susanna regten sich sehr über ihn auf; aber Peppe deutete ihn in seiner Weise: er holte sofort sein Wahrsagebuch und fand hier, daß der Teufel 13, die Nase 24 und der heilige Pankratius 30 bedeutet, und kaufte sich noch am selbigen Morgen alle drei Nummern. Dann addierte er alle drei Zahlen zusammen, was 67 ergab und besorgte sich noch Nummer 67. Wie gewöhnlich waren alle vier Nummern Nieten. Ein anderes Mal geriet er in Streit mit einem Weinbauer, einem dicken Römer namens sior Raphael Tomacelli. Was der Anlaß zu diesem Streite war, das weiß Gott allein; es gab jedoch zwischen ihnen einen sehr lauten, von lebhaften Handbewegungen begleiteten Disput, und schließlich wurden beide kreidebleich — ein drohendes Zeichen, auf das hin gewöhnlich alle Frauen entsetzt ans Fenster eilen und der vorüberkommende Spaziergänger sich in Sicherheit zu bringen sucht — mit einem Wort, ein Zeichen dafür, daß beide Parteien gleich zum Messer greifen werden. Und in der Tat, der dicke Tomacelli hatte bereits seine Hand in den ledernen Stiefelschaft gesteckt, der seine dicke Wade eng umspannte, um sein Messer hervorzuholen, und rief: „Warte nur, ich krieg dich schon, du Kalbskopf!“ als sich Peppe plötzlich mit der Hand vor den Kopf schlug und eilig das Schlachtfeld verließ. Es war ihm eingefallen, daß er sich noch nie ein Lotteriebillett auf das Stichwort „Kalbskopf“ gekauft hatte. Er sah im Wahrsagebuch nach, unter welcher Nummer der „Kalbskopf“ verzeichnet stand, und lief schleunigst nach der Lotteriekollekte, so daß alle Straßenbewohner, die sich bereits auf ein blutiges Schauspiel gefaßt gemacht hatten, durch diese unerwartete Wendung aufs höchste überrascht wurden, ja selbst Raphael Tomacelli ließ sein Messer wieder in den Stiefelschaft gleiten, wußte lange nicht, was er nun beginnen sollte und sagte schließlich: „Che uomo curioso!“ (Seltsamer Mensch!) Übrigens ließ sich Peppe dadurch, daß die Billette stets Nieten waren, und daß das Geld weggeworfen war, nicht im mindesten beirren. Er war fest überzeugt, daß er einmal reich werden würde, und wenn er an einem Laden vorüberging, unterließ er es nie, zu fragen, was ein jeder Gegenstand koste. Als er einmal erfuhr, daß ein großes Haus verkauft werden sollte, begab er sich zum Verkäufer, um sich bei diesem genauer danach zu erkundigen, und als seine Bekannten sich über ihn lustig machten, versetzte er treuherzig: „Was lacht ihr, warum lacht ihr? Ich will es doch nicht gleich kaufen, sondern später einmal, wenn ich Geld haben werde. Das ist doch gar nicht so seltsam ... Ein jeder sollte sich ein Vermögen erwerben, um seinen Kindern, den Armen, oder für einen Kirchenbau und andre schöne Dinge etwas zu hinterlassen ... Chi lo sa.“ Der Fürst kannte ihn schon lange, sein Vater hatte ihn sogar einmal als Bedienten engagiert, aber sehr bald wieder davongejagt, weil Peppe seine Livree bereits in einem Monat aufgetragen und die ganzen Toiletten des alten Fürsten durch einen unvorsichtigen Stoß mit dem Ellenbogen aus dem Fenster auf die Straße geworfen hatte. „Hör mal, Peppe!“ sagte der Fürst. „Was befehlen eccellenza?“ versetzte Peppe, der barhaupt vor dem Fürsten stand, „der Herr Fürst braucht nur zu sagen, ‚Peppe!‘ und schon bin ich da! Daher brauchen der Herr Fürst nur zu sagen: ‚Hör mal, Peppe!‘ so erwidere ich schon: ecco me eccelenza!“
„Du mußt mir folgenden Dienst leisten, Peppe!“ ... Bei diesen Worten sah der Fürst sich um, und bemerkte, daß sich sämtliche siore Grazias, sämtliche Susannen, Barbarucci, Tettas und Tuttas, soviel ihrer da waren, neugierig aus dem Fenster lehnten; die arme siora Cecilia aber war beinahe im Begriff, auf die Straße herunterzufallen. „Hm, die Sache steht schlimm!“ dachte der Fürst, „komm Peppe, folge mir!“
Mit diesen Worten schritt er voran, während Peppe ihm gesenkten Hauptes folgte und vor sich hinmurmelte: „Eh! diese Weiber sind so neugierig, weil’s eben Weiber sind, weil sie eben neugierig sind.“
Lange schritten sie, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, aus einer Straße in die andere. Peppe dachte bei sich: „Der Fürst will mir wahrscheinlich einen wichtigen Auftrag geben, weil er nicht in Gegenwart der andern davon reden will; folglich habe ich ein schönes Geschenk oder gar Geld von ihm zu erwarten. Wenn mir der Fürst aber Geld gibt, was soll ich damit anfangen? Soll ich es dem Cafébesitzer sior Serviglio geben, dem ich schon lange was schuldig bin? Sior Serviglio wird in der ersten Fastenwoche sicherlich sein Geld von mir zurückfordern, denn er hat all sein Geld für den Bau der ungeheuren Geige verbraucht, an der er drei Monate lang eigenhändig gearbeitet hat, um während des Karnevals mit ihr durch alle Straßen zu ziehen, jetzt wird sior Serviglio wahrscheinlich noch lange statt Rostbraten nur Ziegenfleisch und in Wasser gekochte Broccoli essen, bis er sich wieder mit seinem Café genug Geld verdient hat. Oder soll ich sior Serviglio noch nicht bezahlen, sondern ihn bloß zum Mittagessen in eine Osteria auffordern? Denn sior Serviglio ist ein — vero Romano und wird mir um der ihm erwiesenen Ehre willen die Rückzahlungsfrist noch ein wenig verlängern; die Lotterie beginnt bestimmt in der zweiten Woche der Fasten. Wie soll ich nur bis dahin das Geld verwahren? Die kann ich es so verstecken, daß weder Giacomo noch Meister Petruccio, der Drechsler, etwas davon erfährt, die mich sicherlich bitten werden, ihnen etwas zu leihen? Giacomo hat nämlich all seine Kleider bei den Juden im Gettho versetzt, Meister Petruccio hat gleichfalls seine Kleider zum Juden ins Gettho getragen, und hat einen Unterrock und das letzte Tuch seiner Frau in Stücke gerissen, um sich als Weib zu verkleiden ... wie soll ich es nur anstellen, daß ich ihnen nichts leihen muß?“ Dies waren die Gedanken, die Peppe durch den Kopf gingen.
Der Fürst seinerseits aber dachte: „Peppe kann herauskriegen, wo das schöne Mädchen wohnt, wer sie ist und kann sie mir auffinden. Erstens kennt er alle Menschen und hat daher eher als alle andern Gelegenheit, in der Menge einem Freund zu begegnen, er kann von diesem etwas erfahren, kann in alle Cafés und Osterien hineinblicken und kann sogar jemand ansprechen, da er durch seine Figur bei niemand Verdacht erregt. Er schwatzt zwar mitunter zuviel und ist recht zerstreut, aber wenn man ihn bei seiner Römerehre faßt und ihm sein Ehrenwort abnimmt, so wird er das Geheimnis schon zu bewahren wissen.“
So dachte der Fürst, während er die Straßen durchschritt; endlich blieb er stehen, als er gewahrte, daß er die Brücke längst überschritten hatte und sich schon lange auf der Seite Roms befand, die jenseits des Tibers liegt, daß er bereits bergan ging und daß die Kirche S. Pietro in Montorio nicht mehr fern war. Um nicht auf dem Wege stehenzubleiben, betrat er den Platz, von dem aus man ganz Rom überblicken kann und sagte zu Peppe gewandt: „Hör mal, Peppe: ich muß dich um einen Dienst bitten.“
„Was wünschen eccellenza?“ versetzte Peppe.