„Nun, und was geschah weiter?“ fragte er den Mann, der plötzlich stumm geworden war, und er versuchte es, sich die Angst nicht merken zu lassen, die ihn unwillkürlich erfaßt hatte.

„Was? Nun dem Herrn erging es schlecht; er entließ sein ganzes Gesinde und wurde ein Einsiedler; erst nachdem er zweiundfünfzig Seelenmessen für den verstorbenen Kirchensänger gelesen hatte, verschwand der Spuk. Was dann weiter aus dem Einsiedler geworden ist, das wird Ihnen wohl niemand sagen können. Drei Tage vor Johannisnacht aber tropft Tag und Nacht ein feuchter Tau von diesem Baume herab. Ja, man behauptet sogar, daß eine verlorene Seele hier im Walde umherirrt. Meine Schwiegermutter erzählte mir noch vor vier Jahren, als sie noch bei Verstande war, daß sie dem Teufel einmal im Walde begegnet sei; und er hätte eine rote Jacke getragen, gerade so wie der verstorbene Pan es zu tun pflegte. Zop, zop, zop! Hüh! Na, da wären wir, Euer Gnaden.“

Laptschinsky erblickte tatsächlich eine kleine Pforte, die aus wenigen quer übereinanderliegenden Brettern zusammengefügt war, wie man sie auch jetzt noch bei allen kleinrussischen Bauern finden kann. Hundegebell erfüllte den Wald, und ein altes Weib, das sich schnell einen Pelz übergeworfen hatte, trat heraus, um das Tor zu öffnen. Unser Reiter sah einen kleinen Hof vor sich, den ein Zaun aus Schilfrohr einfaßte, im Hintergrunde sah man ein paar Scheunen und Ställe, die gleichfalls mit Dächern aus Schilfrohr gedeckt waren und eine gewöhnliche kleinrussische Hütte.

Auf dem Hof lagen eine Menge Bienenkörbe herum, viele von ihnen hingen auch an den Bäumen, die ihre eigentümlich geformten Zweige von allen Seiten in den Hof herabhängen ließen, als könnte diesen Riesen das einfache, bukolische Leben ein anziehendes Schauspiel darbieten. Hinter dem Hof zog sich noch ein Gebäude hin, das man in der Dunkelheit nicht recht erkennen konnte. All dieses ließ darauf schließen, daß das Gut einem recht wohlhabenden Kosaken gehörte; denn zu jener Zeit konnte man nicht bei jedem soviel Pracht und Überfluß finden.

Während der Hausherr mit dem Abladen seiner Säcke beschäftigt war, hatte Laptschinsky vollauf Zeit, das Innere seiner Behausung zu betrachten. Es war fast alles genau so, wie man es heute noch bei den kleinrussischen Bauern findet: der Tür gegenüber befanden sich einige Fenster und vor ihnen stand ein Tisch, auf dem er ein Roggenbrot und etwas Salz bemerkte; dieses wird nie fortgenommen zum Zeichen, daß hier jeder Gast stets einer freundlichen Aufnahme gewärtig sein kann. Um die ganze Stube zogen sich breitere und schmälere Bänke aus Lindenholz hin; neben der Tür stand ein mächtiger Ofen, der unten eine große Öffnung hatte; diese war von einem dichten Gitter umschlossen, hinter dem Hühner, Gänse, Truthähne und Hauskaninchen hervorguckten. Jeder von diesen der Sprache beraubten Hausgenossen machte sich auf seine Art bemerkbar, piepte, gackerte, schnatterte und gab zu verstehen, daß er durchaus keines von den Geringsten unter Gottes Geschöpfen sei. Auf dem Fußboden saß ein vierjähriger Knabe und schlug mit dem mächtigen Stengel einer Sonnenblume auf einen umgestülpten Topf; während ein anderer, der ein Jahr älter sein mochte, einen Kater an der Kehle hielt und ein Lied dazu sang, das sich ihm wohl, weil er es so oft von seiner Mutter gehört, für sein ganzes Leben eingeprägt hatte. Vor einer großen eisenbeschlagenen Kiste saß ein elfjähriges Mädchen, sie hielt einen Säugling auf dem Schoß, der aus vollem Halse schrie, obgleich sie zu seiner Unterhaltung mit einem großen Hängeschloß klapperte und das Kind mit dem neuen Ankömmling schreckte. An der Wand hingen: eine Sichel, ein Säbel, eine Flinte, deren Hahn abgeschraubt war und in der Nähe auf einem Regal lag, wohin man ihn wahrscheinlich gelegt hatte, weil er reparaturbedürftig war, ferner ein Beil, eine türkische Pistole, noch eine Flinte, eine Sense ohne Stiel und eine kurze Nagaika — alles Waffen, die seit undenklichen Zeiten miteinander im Streite liegen und die der unbegreifliche Mensch zwingt, trotz ihres so unverträglichen Charakters miteinander in Frieden zu leben.

„Bitte nehmt mirs nicht übel, daß ich Euch etwas warten ließ, Euer Gnaden!“ sagte der eintretende Hausherr, „der verfluchte Jahrmarkt hat mir so sehr den Kopf verwirrt, daß er mir noch immer brummt. Ein wahres Glück, daß meine Alte nicht zu Hause ist, sonst hätte sie ihn mir tüchtig gewaschen. Nur meine Schwiegermutter und ich sind zu Hause.“

Bei diesen Worten trat dieselbe Alte herein, die ihnen vorhin das Tor geöffnet hatte. Der Reisende betrachtete sie mit einem eigentümlich wehmütigen Gefühl. Es war ihm so, als sähe er ein dem Grabe verfallenes Wesen vor sich, in dem eine starke Natur noch einen Rest von Leben festzuhalten suchte, um dem Menschen die ganze Nichtigkeit eines langen Lebens, nach dem er so gierig strebt, vor Augen zu führen. Auf ihren von Runzeln durchfurchten Zügen lag die Gleichgültigkeit des Todes. Kein Funken von Leben oder Interesse war in ihren Augen zu entdecken; nur hie und da richteten sie einen ihrer trüben Blicke auf ihn; doch der hätte sich sehr geirrt, der irgend etwas wie Neugierde in ihnen zu lesen geglaubt hätte. Sie blieben an keinem Gegenstande haften, und alles erschien ihnen in Nebel gehüllt, wie einem Menschen, der sich den Schlaf noch nicht ganz aus den Augen gerieben hat.

Während Laptschinsky solchen Gedanken nachhing, kletterte die Alte auf den Ofen; dies war ihr gewöhnlicher Aufenthalt, ihre ganz Welt, die ihr ebenso geräumig und belebt schien, wie die anderer Menschen; der Hausherr wandte sich seinen Kindern zu. „Sieh mal an, Fedot!“ sagte er und hob den Jungen mit der Sonnenblume mit einem Griff bis an die Decke, „wo hast du diesen fürchterlichen Stengel her? Damit kannst du ja einen Menschen totschlagen! Was machst du da, Karpo? Du erwürgst ja den Kater! Ich habe dir was Süßes mitgebracht! Komm doch her, du Hundesohn, was stehst du da und hältst Maulaffen feil? Seht, Euer Gnaden, so geht’s, hundertmal habe ich ihm schon gesagt, daß ich sein Vater bin, aber er will’s immer nicht glauben, der Taugenichts! Und du Schreihals, wirst du noch lange brüllen? Reich’ mir mal den Stock, ich will’s ihm schon zeigen. Reich’ ihn nur mal her, Marjusja; ich werf’ ihn gleich aus dem Fenster, da können ihn die Wölfe fressen, oder die Polen ...“

„Gott hat dich reich mit Kindern gesegnet, Landsmann!“ sagte unser Gast zum Hausherrn.

„Ja, ’s sind ihrer nicht wenige, Mosjpane, ich habe ihrer sieben. Zwei sind in der Fremde, die sind schon verheiratet, aber der Teufel mag wissen, was die für eine Mitgift bekommen haben: je ein paar Fuß Land, wo nichts außer Steppengras und Beifuß wächst. Nun Fedot, sagst du nicht, danke? Der Herr gibt dir einen Pfefferkuchen, und du verbeugst dich nicht einmal? Bitte küssen Sie ihn nicht, seine ganze Fratze ist ja voller Asche. Als er hörte, daß ich zum Jahrmarkt fahre, da gab es ein Geschrei! Nimm mich mit, Vater! — Ja, was soll ich denn mit dir? Wie soll ich dich mitnehmen, man wird dich dort totdrücken! — Nein, man wird mich schon nicht totdrücken! Nimm mich mit, nimm mich mit! — Ja, aber es gibt doch so viele Zigeuner, die stehlen dich mir noch am Ende weg, — dann heißt’s auf Nimmerwiedersehn! — Nein, nimm mich mit, so ging’s in einem fort weiter. Was sollte man da machen? Er fing so an zu heulen, daß Gott erbarm’. Endlich gelang es mir, ihn zu beruhigen, ich versprach ihm, ein Lebkuchenpferd mit einem goldenen Kopf mitzubringen. Nun, Marjusja, auf die Mutter wollen wir nicht warten, bring’ uns das Abendbrot. Großmutter schläft sicher schon. Also Euer Gnaden,“ fuhr er fort und wandte sich plötzlich, sich am Tisch niederlassend, an den Gast „zu wem sagtest du, willst du reiten? Jetzt wo ich alt bin, da gleicht mein Kopf einem Sieb, man mag noch so viel reingießen, er ist immer leer; sprich so klug, wie du willst, ich vergesse doch alles.“