„Wie Landsmann? ich sagte dir doch — zu Gletschik,“ antwortete der Gast, etwas erstaunt über diese merkwürdige Vergeßlichkeit.

„Zum Mirgoroder Oberst? Da hast du gar nicht nötig, weit zu reiten; kein anderer als er selbst in eigener Person sitzt vor dir, Mosjpane!“

Wenn in diesem Augenblick eine Flintenkugel an Laptschinskys Ohr vorbeigesaust wäre, er hätte nicht mehr erstaunt sein können. Ihm so plötzlich und unerwartet, so unvorbereitet zu begegnen, wo seine Gedanken ganz anderswo umherschweiften — wo er — doch nein — es konnte nicht sein, sicherlich hatte er falsch verstanden. Und seine Augen richteten sich starr auf seinen Wirt, als wollte er sich vergewissern, daß sein Gehör ihn betrogen hätte.

1830.

IV
Über den Unterricht in der Weltgeschichte

I

Die Weltgeschichte in ihrer wahren Bedeutung ist nicht die besondere Geschichte der einzelnen Völker und Reiche, ohne allen Zusammenhang, ohne allgemeinen Plan und allgemeinen Zweck, sie ist keine Reihe von Begebenheiten ohne alle Ordnung, in lebloser, trockener Form vorgetragen, wie man sie sehr häufig darzustellen pflegt: ihr Gegenstand ist etwas ganz Großes: sie soll die ganze Menschheit umfassen und zwar mit einem Blick und in einem vollständigen Bilde, sie soll zeigen, wie sie sich aus ihrer ursprünglichen armseligen Kindheit entwickelt hat, sich allmählich in verschiedenen Richtungen vervollkommnete und endlich die Epoche der Jetztzeit erreichte. Diesen ganzen gewaltigen Prozeß, den der freie Menschengeist durchgemacht hat, der von seiner Wiege an mit ungeheurer Anstrengung und mit blutigen Mitteln gegen die Roheit, die Natur und gegen furchtbare Hindernisse aller Art ankämpfen mußte, darzustellen — das ist der Zweck der Weltgeschichte. Sie soll alle Völker der Erde, die durch Zeit, Zufall, Gebirge oder Meere getrennt sind, sammeln, in ein geordnetes Ganzes vereinigen und ein großartiges, vollkommenes Epos daraus formen; Ereignisse, die keinen Einfluß auf die Welt ausgeübt haben, gehören nicht in sie hinein. Alle Weltereignisse müssen so fest ineinandergefügt sein, so eng ineinander eingreifen, wie die Glieder einer Kette; wenn nur ein Glied springt, zerreißt die ganze Kette. Dieses Band muß man natürlich nicht in buchstäblichem Sinne verstehen: das ist kein sichtbares, greifbares Band, durch das man oft Geschehnisse oder Systeme, wie sie häufig ganz unabhängig von den Tatsachen in den Köpfen zustande kommen, und die man nachträglich mit den Weltereignissen künstlich verbindet, gewaltsam zusammenfügt. Dieses Band darf nur in einer allgemeinen Idee in dem ununterbrochenen Entwicklungsgang der Menschheit bestehen, im Verhältnis, zu dem die Reiche und die Ereignisse nur temporäre Formen und Gleichnisse sind. Die Welt muß in ihrer ungeheueren Majestät dargestellt werden, in der sie sich uns darbietet, durchdrungen von den geheimnisvollen Wegen der Vorsehung, die sich in ihr in so wunderbarer unbegreiflicher Weise kundgeben. Das Interesse muß durchaus und zwar in so hohem Maße angeregt werden, daß die Zuhörer vom Wunsche gequält werden, immer mehr zu erfahren, sie müssen unfähig sein, sich den Vortrag nicht bis zum Schluß anzuhören oder das Buch zu schließen; — und wenn sie das doch tun, so nur zu dem Zweck, um wieder von vorn anzufangen; es muß ihnen klar werden, wie das eine Ereignis ein anderes gebiert und wie ohne das Vorhergehende auch das Folgende nicht da wäre. Nur so kann eine Weltgeschichte geschaffen werden.

II

Alles, was in der Geschichte vorkommt: die Völker und die Ereignisse müssen lebendig dargestellt werden, und sozusagen den Zuhörern oder Lesern vor Augen stehen; jedes Volk, jedes Reich muß seine eigene Welt, seine eigene Farbe bewahren, jedes Volk muß sich mit all seinen Taten, seinem Einfluß auf die Welt und so, wie es war, gleichsam in dem Kostüm, in dem es ehemals auf Erden wandelte, klar und deutlich von den übrigen Völkern abheben. Allein um das zu erreichen, muß man nur ganz wenige Züge zusammenfügen — aber es müssen die eigenartigsten Züge sein, die ein Volk vor allen anderen auszeichnen. Um die charakteristischen Züge ausfindig zu machen, dazu gehört ein klarer Verstand, der imstande ist, alle unauffälligen Nuancen, die dem gewöhnlichen Auge entgehen, zu entdecken, und dazu eine große Geduld, die notwendig ist, um eine Menge häufig ganz uninteressanter Bücher zu durchstöbern. Allein was einer entdeckt hat, kann er andern leicht mitteilen, und so können die Zuhörer es erfahren, ohne selbst die Archive zu durchforschen.

III