Der Lehrer muß auch die Geographie zu Hilfe nehmen, aber nicht in jener kläglichen Gestalt, wie das häufig geschieht, d. h. indem man nur den Ort, wo etwas vorgefallen ist, auf der Karte aufweist. Nein, die Geographie soll uns so manches erklären, was uns ohne sie unbegreiflich erscheinen würde. Sie soll uns lehren, wie die Bodenbeschaffenheit und Lage eines Landes ihren Einfluß auf das Leben ganzer Nationen ausübte; wie sie ihnen einen besonderen Charakter aufdrückte; wie häufig Gebirge, die ewigen von der Natur selbst aufgerichteten Grenzen, den Ereignissen eine gewisse Richtung gaben und das Weltbild veränderten, indem sie die weitere Ausbreitung eines Volkes, das verwüstend durch die Länder zog, aufhielten, oder ein kleines Volk wie in einer uneinnehmbaren Festung einschlossen; wie diese starke Position, die Tatkraft eines Volkes zu wunderbarer Entfaltung brachte, während sie ein anderes zur Starrheit verdammte; die Geographie kann uns Aufschluß geben über den Einfluß der Lage eines Landes auf dessen Sitten, Gebräuche, seine Verwaltung und seine Gesetze; hierbei kann der Schüler erfahren, wie die Staaten entstehen, und daß es nicht allein die Menschen sind, die sie errichten, sondern daß die geographische Lage des Landes die Staatsform unmerklich herbeiführt und entwickelt; daß daher die Staatsformen etwas Heiliges sind und daß ihre Abschaffung unfehlbar das Unglück eines Volkes zur Folge haben muß.

IV

Die großen, universalen Ereignisse müssen in ein klares Licht gestellt und mit all ihren weltumwälzenden Folgen in den Vordergrund gerückt werden, nicht so wie das viele Lehrer tun, die sich damit begnügen zu erklären, dies oder jenes sei ein bedeutendes Ereignis, und nur die nächsten Folgen anführen, wie wenn sie abgehackte Äste aufschichteten, statt die Vorgänge in ihrer ganzen Breite zu entwickeln, alle geheimen Ursachen einer bedeutsamen Erscheinung ans Tageslicht zu ziehen um zu zeigen, wie ihre Folgen gleich gewaltigen Zweigen in die folgenden Jahrhunderte hineinragen, sich immer mehr verästeln, um endlich ganz zu verschwinden, oder aber kaum merklich bis in unsere Zeit fortwirken und verklingen, wie ein mächtiger Ton in der Felsschlucht, der gleich nach seiner Geburt wieder erstirbt aber noch lange in seinem Echo widerhallt. Solche Ereignisse müssen in dieser Weise dargestellt werden, damit jeder klar erkennt, daß sie die mächtigen Leuchttürme der Weltgeschichte sind, daß diese auf ihnen ruht, wie die Erde auf dem ursprünglichen Granitgestein oder wie das Tier auf seinem Knochengerüst.

V

Jetzt noch ein Wort über die Art und Weise des Vortrags. Der Vortrag des Professors muß hinreißend und feurig sein. Er muß die Aufmerksamkeit der Zuhörer im höchsten Grade fesseln. Wenn auch nur einer von ihnen imstande wäre, seine Gedanken während der Vorlesung umherschweifen zu lassen, fällt die ganze Schuld auf den Professor: er hat es dann eben nicht verstanden, interessant zu sein und den Willen wie die Gedanken seiner Zuhörer zu meistern. Es ist schwer, sich es vorzustellen, wenn man es nicht an sich selbst erprobt hat, was für einen schlechten Einfluß es hat, wenn der Vortrag eines Professors matt und trocken ist und wenn ihm die Lebhaftigkeit fehlt, die es dem Hörer unmöglich macht, seine Gedanken, und sei es auch nur für einen Augenblick, auf andre Dinge zu richten. Dann wird ihm auch die größte Gelehrsamkeit nichts helfen, man wird ihn nicht anhören, ja, selbst die größten Wahrheiten werden, von ihm vorgetragen, ohne jeden Einfluß auf die Hörerschaft bleiben, denn ihr Alter ist das Alter der Begeisterung und der starken seelischen Erschütterungen; dann kann es häufig geschehen, daß die unwahrsten Gedanken, die ihnen anderswo in glänzender und anmutiger Form dargeboten werden, sie augenblicklich begeistern und ihrer Entwickelung eine ganz falsche Richtung geben. Was aber geschieht erst, wenn der Professor noch dazu an der alten Schulmethode mit ihren toten scholastischen Regeln festhält, ohne doch selbst die dazu nötige geistige Überzeugungskraft zu besitzen; wenn den jugendlichen, noch in Entwickelung begriffenen Geistern dieser Mangel klar wird und sie sich darüber erheben, so fangen die Zuhörer an, ihren Lehrer zu verachten. Dann reizen sie sogar die richtigen Bemerkungen, die er zuweilen macht, zum Lachen, und in den jungen Seelen regt sich in Denken und Handeln der Widerspruch gegen den Lehrer. In seinem Munde erhalten die allerheiligsten Worte: wie Anhänglichkeit an die Religion, Vaterlandsliebe und Kaisertreue für sie etwas Banales. Leider können wir gar nicht selten beobachten, was das für furchtbare Folgen hat, und daher sollte man nie außer acht lassen, daß das Alter der Hörer das Alter der starken Eindrücke ist; man muß einen hinreißenden Schwung und eine begeisternde Kraft besitzen, um diesen Enthusiasmus auf das Schöne und Gute zu richten; und daher muß der Vortrag des Professors selbst von Enthusiasmus durchdrungen sein. Seine Überzeugungen müssen so fest, so natürlich sein und so sehr aus seinem tiefsten Wesen hervorquellen, daß die Zuhörer die Wahrheit schon erkennen lernen, noch ehe er sie ganz vor ihren Augen enthüllt hat. Der Vortrag des Professors muß sich zeitweise ins Erhabene steigern, er muß hohe Gedanken enthalten und erwecken, dabei aber muß er doch einfach und für jeden verständlich bleiben: wahrhafte Größe erscheint stets in erhabener Schlichtheit; denn wo Größe ist — da ist auch Einfachheit! Der Professor darf sich nicht damit begnügen, nur von einzelnen verstanden zu werden, nein, alle sollen ihn verstehen. Um sich leicht verständlich zu machen, muß er nicht mit Gleichnissen geizen. Wie oft wird das Klare durch ein Gleichnis noch weit klarer.

Diese Gleichnisse muß er stets einem Gebiet entnehmen, das seinen Zuhörern gut bekannt ist. Dann wird sowohl das Ideale wie das Abstrakte verständlich. Er muß nicht zuviel reden; dadurch ermüdet er die Aufmerksamkeit seiner Hörer, denn eine allzu große Kompliziertheit der Gegenstände, ihr Übermaß erschwert es dem Zuhörer, alles in seinem Gedächtnis festzuhalten. Jede Vorlesung eines Professors muß unbedingt ein Ganzes bilden und den Eindruck des Abgeschlossenen machen, sie muß sich dem Geist des Zuhörers als eine wohlgeordnete Dichtung darstellen, und sie müssen von vornherein erkennen, was dies Ganze enthalten soll und was es tatsächlich enthält; dann werden auch sie bei der Wiedererzählung immer das Ziel und das Ganze im Auge behalten. Dies ist besonders notwendig in der Geschichte, wo kein Ereignis ziel- und planlos eintritt.

VI

Auf Grund vieler Beobachtungen und einer langen Prüfung meiner selbst wie meiner Zuhörer halte ich folgenden Lehrplan für den besten:

Vor allem halte ich es für unbedingt notwendig, den Hörern eine vollständige Skizze von der Geschichte der Menschheit zu geben, und zwar in wenigen, aber starken Worten und in ununterbrochener Reihenfolge, damit sie das Ganze dessen, wovon die Vorlesungen handeln sollen, mit einem Blick überschauen; sonst werden sie den ganzen Mechanismus der Geschichte nicht so klar und nicht so schnell erfassen, wie es ja auch unmöglich ist, eine Stadt vollständig kennen zu lernen, indem man nur durch all ihre Straßen hindurchgeht, dazu muß man einen erhöhten Standpunkt einnehmen, von dem aus die Stadt wie auf der Handfläche vor einem liegt. Ich will hier einen Entwurf dieser Skizze geben, um zu zeigen, in welcher Art und in welchem Zusammenhang die Geschichte dargestellt werden muß.

Vor allem muß ich darlegen, wie die Menschheit im Orient ihren Ursprung nimmt. Ich muß zuerst den Orient mit seinen alten patriarchalischen Staaten, mit seinen in ein tiefes Geheimnis gehüllten und dem einfachen Volke noch unverständlichen Religionen schildern; die hebräische Religion bildet hierin eine Ausnahme, denn in ihr hat sich die reine und ursprüngliche Kunde von dem wahrhaftigen Gott erhalten. Ich würde schildern, wie diese alten Reiche durch Intoleranz und chinesische Ängstlichkeit, gleich unübersteiglichen Mauern, voneinander getrennt waren, wie nur das Volk der Phönizier, dieses erste Seevolk der Alten Welt, diese starren Reiche durch seinen Handel und seine Industrie unfreiwillig miteinander in Berührung brachte, und wie der erste Welteroberer Cyrus mit seinem frischen, starken Perservolk den ganzen Osten seiner Macht unterwarf und so viele verschieden geartete Völker gewaltsam zusammenschweißte; doch blieben die Sitten, die Religionen und die Staatsformen in all diesen Reichen unverändert; die Könige verwandelten sich nur in Satrapen, und der ganze Orient beugte sich unter eine höchste Gewalt, den König der Könige, den Beherrscher Persiens. Ich würde darstellen, wie diese Völker durch den gemeinschaftlichen Verkehr allmählich ihre Besonderheiten und ihre Nationalität verloren und zusammen mit dem König der Könige, der, fast wie ein Gott verehrt, dem Volke unsichtbar blieb, dem asiatischen Luxus verfielen. — Hier mache ich halt und wende mich dem anderen Teil der Alten Welt, d. h. Europa zu. Ich muß nun schildern, wie sich hier das griechische Volk, diese höchste Blüte der Antike entfaltete; sein lebhafter Verstand, seine Wißbegierde, sein republikanischer Geist, seine so anders gearteten Staatsformen, seine poetische Religion, seine klaren, lebendigen Ideen widersprachen in jeder Beziehung dem gewichtigen, geheimnisvollen Wesen des Orients; ich würde nun schildern, wie die Kultur Griechenlands sich zu ungewöhnlichem Glanz entwickelte, wie endlich ein ehrgeiziger Grieche das ganze Land der monarchischen Gewalt unterwarf, und wie dieser große Mann den gigantischen Plan faßte, den Orient mit Europa zu vereinigen und die griechische Kultur überall hinzutragen. Um nun die drei Weltteile fester miteinander zu verbinden, wird die Stadt Alexandrien gegründet, der Held stirbt und mit ihm stürzt auch das Weltreich in Trümmer. Aber seine Taten bleiben lebendig, und ihre Früchte reifen; das berühmte alexandrinische Zeitalter bricht an, die ganze Alte Welt drängt sich in den Häfen Alexandriens, die griechischen Gelehrten weilen in allen Städten, die Nationalitäten verschwinden aufs neue, und die Völker schmelzen wieder zusammen. Unterdessen aber reift in Italien fast unbemerkt die eherne Gewalt der Römer heran.