Ich würde nun schildern, wie dieses wilde kriegerische Volk sich ein Reich nach dem anderen unterwirft, sich an den zusammengeraubten Gütern bereichert und den ganzen Orient verschlingt. Seine Legionen dringen selbst bis in die Länder Europas, deren Besitz den Menschen nichts mehr zu bieten vermag. Schon Cäsar setzt seinen Fuß auf Britanniens Boden, und der römische Adler weht über den Felsen von Albion ... Während dessen speien die unbekannten Steppen Mittelasiens ganze Massen fremder Völker aus, die andere Stämme verdrängen und vor sich herjagen und sie nach Europa treiben, sie folgen ihnen auf den Fersen durch die Wälder Germaniens, und durch unpassierbare Sümpfe gegen die Römer gedeckt, machen sie erst im Norden halt, drohend wie ein furchtbares Ungetüm, das des ihm verfallenen Opfers harrt. Allmählich haben alle Reiche ihre Unabhängigkeit verloren. Die ganze Welt ist in römische Provinzen eingeteilt. Die Römer eignen sich alles von den unterworfenen Völkern an — erst ihre Laster, dann auch die Kultur — wieder mischt sich alles durcheinander. Alle Menschen werden Römer — und doch gibt es keinen wahren Römer mehr. Und während lasterhafte Imperatoren, Prätorianerheere, freigelassene Sklaven und Veranstalter grausiger Schauspiele die Welt tyrannisieren, findet in ihrem Schoße unbemerkt ein gewaltiges Ereignis statt: inmitten der Alten Welt wird eine neue geboren. Von niemand erkannt, vollzieht sich die Fleischwerdung des göttlichen Heilandes — und das ewige Wort ertönt, unverstanden von den Großen der Welt, in den Gefängnissen und Wüsten und erwartet geheimnisvoll die neuen Völker. Endlich senkt sich ein rätselhafter lethargischer Schlaf auf die ganze antike Welt, jene schreckliche Starrheit und jenes furchtbare Absterben des Lebens, während dessen die Kultur weder vorschreitet noch sich zurückentwickelt, Kraft und Charakter verschwinden, und sich alles in eine elende, armselige Etikette und in jämmerliche, lasterhafte Charakterlosigkeit verwandelt. Unterdessen erfolgt in Asien ein neuer Stoß, der wie ein elektrischer Funke die ganze Kette durchläuft: ein Volk drängt und jagt das andere vor sich her, dieses treibt das dritte vorwärts, und die am meisten vorgeschobenen Nationen erscheinen schon an den Grenzen des römischen Reiches, während die armseligen Welteroberer ihre letzten Kräfte zusammenraffen, um sich zu retten; erst versuchen sie sich mit Gold loszukaufen, dann dingen sie ein Heer von Verteidigern; sie treten den Eindringlingen eine Provinz nach der anderen ab, bis auf die letzte und endlich auch Rom, alle Gebildeten, die sich noch eine Spur von Kenntnissen bewahrt haben, fliehen nach Osten, und der Rest, die Ungebildeten und Schwachen, geht in der Masse des neuen Volkes unter.

Ich würde schildern, wie in Europa ein neues Leben beginnt, wie barbarische Reiche innerhalb der ihnen von der Natur gezogenen Grenzen entstehen und das Christentum annehmen. Ich würde die feudalen Rechte, die Vasallenstaaten schildern, und darstellen, wie der mächtige Papst, der ursprünglich nur römischer Bischof war, zu einem gewaltigen Herrscher wird und seiner großen geistlichen Macht allmählich auch die weltliche hinzufügt. Unterdessen wird im Osten der Rest der Römer von einem neuen starken Volk bedrängt und unterworfen, das ganz plötzlich und in beinahe phantastischer Weise auf der steinigen arabischen Halbinsel geboren, von dem halb wahnsinnigen Enthusiasmus Muhammeds und seiner echt orientalischen Religion fast bis zur Raserei getrieben wird. Ich würde schildern, wie dieses Volk mit dem krummen asiatischen Säbel in der Hand durch den Islam die Überbleibsel früherer griechischer Kultur verdrängt, und wie überraschend schnell diese herrliche Nation aus einem Eroberer zu einem Kulturträger wird, sich zu vollem Glanz entfaltet, und wie dieses Volk mit seiner herrlichen Phantasie, seinen tiefen Gedanken und seiner lebendigen Poesie plötzlich erlischt und von den Nomaden, die vom Kaspischen Meere herkommen, verdunkelt wird, indem es ihnen den Islam als Erbe hinterläßt. Fast um dieselbe Zeit tauchten in Europa die Normannen, diese Korsaren der nördlichen Meere, auf: mit unerhörter Kühnheit kommen sie, trotz ihrer geringen Zahl, plündernd dahergezogen, erobern ganze Reiche, vertauschen ihre barbarische Religion gegen das Christentum und führen Europa ihre Kraft und ihre Sitten zu.

Indessen wird der Papst allmählich der unumschränkte Beherrscher Europas, und selbst der von allen Völkern geachtete deutsche Kaiser wagt es nicht, sich wider ihn zu erheben; auf seinen Wink verlassen ganze Völker, Vasallen und Könige ihr Land und ihre Besitztümer, nähen das rote Kreuz auf ihre Achseln und ziehen begeistert nach Palästina. Ich würde erzählen, wie ganz Europa sich aufmacht und nach Asien zieht — wie der Osten und der Westen und die beiden großen Mächte Islam und Christentum aufeinandertreffen und wie dieses Ereignis das Rittertum erzeugt, das in ganz Europa zur Herrschaft gelangt; es entstehen die Ritterorden, die ihre Mitglieder zu einem ehelosen Leben in der Einsamkeit verdammen, nur um dem einen Ziel zu dienen, und so beginnt das tiefreligiöse christliche Zeitalter. Ich würde darlegen, wie dann die religiöse Begeisterung die Grenzen, die ihr die Hand des göttlichen Heilands gezogen hatte, überschreitet und wie um dieselbe Zeit, ganz ohne daß Europa es bemerkt, eine große, weltgeschichtliche Episode anbricht. Um diese Zeit entsteht das nach seiner Größe unermeßliche Reich des Dschingis-Chan und verschlingt alle Länder Asiens, die den Europäern unbekannt waren. In Europa besaßen nur die Klöster eigenes Land und feste Wohnsitze; alles verwandelt sich in fahrendes Rittertum, alles nomadisiert, alles irrt unruhig hin und her; jeder ist zugleich Krieger und Befehlshaber, Vasall und Herrscher, jeder gehorcht und gebietet zugleich — es ist das Jahrhundert der größten Zersplitterung und zugleich der größten Einheit. — Jeder unterwirft sich nur dem eigenen Willen, und doch sind alle in einem Ziel, in einem Gedanken verbunden. Nachdem die armen Landleute viel Ungemach erlitten, beschließen sie, sich von ihren Unterdrückern unabhängig zu machen und in Städten zu vereinigen. Es bildet sich der Mittelstand, die Städte fangen an, reich zu werden, und im Norden Europas entsteht die Hansa, als Schutzwall gegen die Raubritter, diese verbindet bald durch ihren Handel allmählich alle nordeuropäischen Staaten. Im Süden aber erblüht als Frucht der Kreuzzüge das durch seine Handelsgewalt so imponierende Venedig, diese Königin des Meeres, diese herrliche Republik, mit ihrer außerordentlich komplizierten und merkwürdigen Verfassung. Alle Reichtümer Europas und Asiens gehen unmerklich in ihre Hände über. So wie der Papst Europa durch seine religiöse Macht beherrscht, ebenso beherrscht es Venedig durch seinen unermeßlichen Reichtum. Der geistliche Despot ließ kein Mittel unversucht, den venezianischen Handel zu zerstören, aber alles war vergeblich, bis endlich ein Bürger Genuas durch seine Entdeckung der Neuen Welt ihn vernichtete. Schließlich müßte ich schildern, wie sich der Aktionskreis der Geschichte plötzlich erweitert und der Handel des Mittelmeers zurückgeht. Die Europäer eilen habgierig nach Amerika und führen von dort Berge von Gold ein. Der Atlantische und der Große Ozean sind in ihrer Macht, um dieselbe Zeit dringen die päpstlichen Missionare bis in das nordöstliche Asien und Afrika vor, und die Welt tut sich fast plötzlich in ihrer unendlichen Größe auf. Jetzt aber beginnt man in Europa allmählich, an der Rechtmäßigkeit der päpstlichen Gewalt zu zweifeln, und wie ehemals ein armer Genueser den Handel Venedigs vernichtete, so erschütterte jetzt ein Augustinermönch, Luther, die Macht des Papstes. Ich würde erzählen, wie dieser Gedanke in dem Kopf des bescheidenen Mönches entstand, und wie er seine Thesen kraftvoll und trotzig verteidigte; wie dann der Papst bei seinem Sturz noch furchtbarer und erfinderischer wurde, wie er die schreckliche Inquisition und den, durch seine unsichtbare Macht Schrecken verbreitenden Jesuitenorden schuf, wie letzterer sich über die ganze Welt verbreitete, überall eindrang und einschlich und geheime Verbindungswege mit allen Enden der Welt herstellte.

Aber je härter der Papst wurde, um so eifriger arbeiteten die Druckerpressen. Ganz Europa teilte sich in zwei Parteien, und diese feindlichen Lager griffen endlich zu den Waffen, ein langer, harter Krieg innerhalb und außerhalb der Staaten entbrannte plötzlich in ganz Europa. Jetzt wurde nicht mehr mit Pfeil und Bogen gekämpft, sondern mit Kanonen und Kugeln, mit Donner und Blitz; dieser furchtbare Streit wurde mit Hilfe der schrecklichen und unheilvollen Erfindung eines Mönchs und Alchimisten ausgefochten. Die geistliche Macht sinkt immer mehr, und die weltlichen Herrscher erstarken. Dann müßte man darstellen, wie sich Europa nach diesen Kriegen veränderte. Die einzelnen Staaten und Völker schließen sich immer inniger zu unteilbaren Massen zusammen. Die frühere Teilung der Gewalten, die im Mittelalter vorherrschte, hat aufgehört. Die ganze Macht konzentriert sich nunmehr in einer Person. Hierdurch kommen die starken Charaktere mehr zur Geltung, der Wirkungskreis der Herrscher, ihrer Minister und Feldherrn erweitert sich. Ganz von selbst entsteht in Europa ein Völkerbund, der mit Waffengewalt die Unantastbarkeit eines jeden Reiches verteidigen will. Unterdessen ergreifen unermüdliche holländische Kaufleute, die ihr Land mit Gewalt dem Meere abgerungen, Besitz von den Inseln des Indischen Ozeans und verdienen Millionen durch die Kultur der kostbaren, exotischen Gewächse, sie reißen, wie einstmals Venedig, den Handel der ganzen Welt an sich, bis ein hervorragender Fürst, die Unantastbarkeit der Staaten mißachtend, auch diesen Handel wieder vernichtet. Ich würde das glänzende Zeitalter schildern, das dieser König (Ludwig XIV.) herbeiführte; Frankreich strotzte förmlich von Erzeugnissen des Luxus, die französischen Fabriken, die französischen Gelehrten taten sich überall hervor, Paris wurde die Hauptstadt der Welt, wo sich ganz Europa ein Rendezvous gab, und französische Sprache, französische Sitten und französische Etikette verbreitete sich über die europäische Welt. Aber indem dieser ehrgeizige König die Unantastbarkeit fremden Besitzes mißachtete und den holländischen Handel zugrunde richtete, zerstörte er auch seinen eigenen Staat und vernichtete seine eigene Größe. Schnell macht sich das britische Inselvolk, das bis dahin sein Ziel langsam aber sicher verfolgt hatte, diesen Umstand zunutze und steht plötzlich als Beherrscher des ganzen Welthandels da, bald setzt es in Indien Millionen um, besteuert Amerika, und wo es ein Meer gibt, da weht die britische Flagge. Ihr tritt Napoleon, dieser Riese des XIX. Jahrhunderts, in den Weg, und er bedient sich dabei einer anderen Waffe — eines absoluten militärischen Despotismus; mit seinen stürmischen Bewegungen bringt er ganz Europa außer Fassung und legt ihm sein eisernes Protektorat auf. Umsonst wettert Pitt im englischen Parlament gegen ihn, umsonst bringt er seine schrecklichen Bündnisse zustande. Niemand hat den Mut, Napoleon zu widerstehen, bis er selbst sich ins Verderben stürzt, indem er einen Vorstoß nach Rußland macht, wo ihn ein unbekanntes Land, die Härte des Klimas und ein durch eine rauhe Taktik gestähltes Heer zugrunde richten. Rußland, das diesen Riesen an seiner uneinnehmbaren Feste zerschellen ließ, hält nun im weiten Nordosten in drohender Majestät die Wacht; die befreiten Staaten nehmen wieder ihr früheres Aussehen und ihre alten Formen an und schließen von neuem einen Bund zum Schutz ihres Besitzes. Die Bildung und die Kultur, die sich durch nichts hemmen läßt, beginnt, sich allmählich auch in den unteren Klassen zu verbreiten, die Dampfmaschinen lassen die Industrie eine bewunderungswürdige Vollkommenheit erreichen, leisten den Menschen, gleich unsichtbaren Geistern, Hilfe und lassen seine Kraft immer schrecklicher, zugleich aber auch wohltätiger werden: mit heiligem Schaudern erkennt er, wie das Wort aus Nazareth endlich sich über die ganze Welt ergießt.

Wenn die Weltgeschichte in eine so kurze aber vollständige Skizze gefaßt wird, und alle Ereignisse in dieser Weise untereinander verbunden werden, dann wird nichts dem Gedächtnis der Zuhörer entschwinden, und in ihren Köpfen wird sich unwillkürlich ein Ganzes bilden. Und schließlich wird diese Skizze sich nach allen Seiten hin erweitern und eine vollständige Geschichte der Menschheit darstellen.

VII

Nach der Darstellung der ganzen Menschheitsgeschichte würde ich die Geschichte der einzelnen Staaten und Völker, die den großen Mechanismus der Weltgeschichte bilden, behandeln. Natürlich muß auch hier bei der Betrachtung jedes Einzelnen die Fülle und Abgeschlossenheit gewahrt werden. Ich muß die Geschichte jedes Staates mit einem Blick von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende umfassen, muß zeigen, wie ein Reich gegründet wurde, wann es seine höchste Macht und seinen höchsten Glanz erreichte, wann und warum es unterging (wenn es überhaupt unterging) und wie es die Gestalt annahm, die es noch heutzutage besitzt; wenn ein Volk vom Angesicht der Erde verschwunden ist, dann müßte man aufzeigen, wie ein neues an seine Stelle trat und was dies letztere von dem früheren übernommen hat.

VIII

Damit das Vorgetragene sich dem Gedächtnis noch tiefer einprägt, ist nach Beendigung des Kursus noch eine wiederholende Übersicht notwendig. Damit aber diese Wiederholungen ihren Zweck besser erfüllen, muß man sich bemühen, ihnen das Interesse und die Anziehungskraft der Neuheit zu geben. Nach der Geschichte der Welt im allgemeinen und der eines jeden Landes und Volkes im besonderen ist es ratsam, eine Übersicht über alle Erdteile zu geben und hierbei auf ihre Verschiedenheiten und die Besonderheiten der sie bewohnenden Völker hinzuweisen, damit die Zuhörer selbst ihre Schlüsse daraus ziehen können.

Zuerst müßte man mit Asien anfangen, dieser großen Wiege der jungen Menschheit, des Kontinents der ungeheuren Umwälzungen, wo plötzlich ganze Völker von furchtbarer Größe auftauchen und ebenso plötzlich wieder von anderen verschlungen werden; wo so viele Nationen eine nach der anderen für immer verschwinden, während die Regierungsformen und der Geist der Völker dieselben bleiben; noch heute ist der Asiat immer gleich hochmütig und stolz, schnell begeistert und von Leidenschaft ergriffen; und ebenso schnell verfällt er wieder der Trägheit und dem tatenlosen Genußleben; zugleich ist dieser Erdteil der Schauplatz der großen Widersprüche und einer gewaltigen Unordnung; noch immer wandert ein Volk von unübersehbarer Menschenzahl mit unzähligen Roßherden sorglos von Ort zu Ort, während am anderen Ende, irgendwo in der Wüste, ein rasender Fanatiker, ganz blaß und abgemagert vom beständigen Fasten, über einer neuen Religion brütet, die einmal ganz Asien erfassen, das ganze Volk in eine leidenschaftliche Begeisterung versetzen, gleichsam in einen undurchdringlichen Panzer hüllen und es seinem Verderben entgegenführen soll; zugleich aber ist es möglich, daß dicht daneben ein anderes Volk lebt, das, von Luxus umgeben und angefressen von asiatischer Übersättigung, schon alle diese Phasen und Krisen längst hinter sich hat. Nur hier können diese merkwürdigen Gegensätze existieren, die wir an den Bäumen des Südens beobachten, wo sich an demselben Zweige eine Blüte entfaltet, eine andre schon eine Frucht ansetzt, eine dritte reift und zugleich eine vierte überreif zu Boden fällt.