Dann muß man zu Europa übergehen, dessen Geschichte einen ganz entgegengesetzten Charakter hat, wo das Leben der Völker im Gegensatz zu Asien viel länger und viel großartiger ist und alles Ordnung und Regelmäßigkeit atmet; hier bewegen sich die Völker Schritt für Schritt und in gemessenem Takte wie reguläre europäische Truppen; fast alle Staaten wachsen und entwickeln sich hier zu gleicher Zeit. Trotz aller Verschiedenheiten der einzelnen Nationen beobachtet man hier eine allgemeine Einheitlichkeit, sie sind alle so wunderbar miteinander verflochten, daß sie nur im Zusammenhang mit dem ganzen Europa verstanden werden können, und so erscheint Europa selbst fast wie ein einziger geeinigter Staat. In diesem kleinen Teil der Welt kam ein alter Prozeß zum Austrag: der Mensch erhob sich über die Natur, und die Natur ward zur Kunst; ja ihre Armut und ihre Sprödigkeit brachte erst die unendliche Welt ans Licht, die im Menschen verborgen lag, ließ ihn fühlen, wie hoch er über allem Irdischen stand, und ließ das Sein der Welt als ein ewiges Leben des Geistes erscheinen. Nur in diesem Erdteil entfaltete sich der hohe Genius des Christentums ganz, und schwebt der unermeßliche Gedanke, beschattet vom himmlischen Zeichen des Kreuzes über ihm, wie über seiner Heimat.
Dann folgt Afrika, das im Gegensatz zu Europa den geistigen Tod darstellt, wo die Natur stets despotisch über den Menschen herrscht, wo sie ihn in ihrer königlichen Majestät immer wieder in seinen Urzustand, das sinnliche Leben, zurückstieß; wo kein einziges einheimisches, eingeborenes Volk sich zu vollem Leben entwickelte, und einen hellen Lichtstrahl in die Welt sandte, und wo selbst die Kolonisten aus andern Ländern vergeblich den Kampf mit der glühenden, afrikanischen Natur aufnahmen, denn je tiefer sie in das Innere Afrikas eindrangen, desto mehr verfielen sie den sinnlichen Trieben.
Und endlich — Amerika, — diese Weltkolonie, dieses Babel aller möglichen Nationen, wo sich drei verschiedene Erdteile trafen, sich miteinander mischten, aber noch zu keinem Ganzen verschmolzen und daher auch bis heute noch keine Einheit, nicht einmal die der Religion erreicht haben. Trotzdem es in seinen Teilen so manches Charakteristische an sich hat, hat es doch noch keinen allgemeinen Charakter ausgebildet; noch immer besteht es trotz der großen Massen, die es umfaßt, noch aus unorganisierten Urkräften und Urelementen und gleicht, obwohl es aus lauter unabhängigen Staaten besteht, noch immer einer Kolonie.
Ein flüchtiger Überblick über die Geschichte eines jeden Erdteils in seinen am stärksten ausgeprägten Charakterzügen, die Darstellung der tiefsten Ergebnisse der Jahrhunderte und der sich in ihnen abspielenden Begebenheiten, nicht etwa nur ihrer oberflächlichen Resultate, sind darum eine Notwendigkeit, weil sie die Zuhörer zum Nachdenken veranlassen und Gedanken bei ihnen auslösen. Ihr Geist arbeitet schneller, wenn er sich Fragen von echter und poesievoller Größe gegenübersieht. Solch ein Überblick ist schon deshalb so notwendig, weil er dieselben Objekte häufig in einem andern Lichte zeigt. Denn um einen Gegenstand ganz zu verstehen, muß er von allen Seiten beleuchtet werden, oder, wie Schlözer einmal sagt, man kennt die Geschichte nur dann gut, wenn man sie von vorn bis hinten, von rechts nach links und in allen Richtungen kennt.
IX
Daher ist es gut, nach Beendigung des Kursus die ganze Weltgeschichte noch einmal nach einzelnen Jahrhunderten gleichsam in Form eines Epilogs zu überblicken. Dann wird die Weltgeschichte wie eine Stufenfolge der Jahrhunderte vor uns stehen. Dabei muß man unbedingt darauf hinweisen, wodurch der Anfang, die Mitte und das Ende eines jeden Jahrhunderts gekennzeichnet sind, und ferner — seinen Geist und seine hervorstechenden Züge darstellen. Um jedes Jahrhundert genauer zu charakterisieren und eine gewisse Monotonie der Jahreszahlen zu vermeiden, würde ich es nach dem Namen des Volkes oder des Mannes bezeichnen, die sich in dem betreffenden Zeitraum weit über die andern emporschwangen und sich am intensivsten auf der Weltenbühne betätigten. Eine solche Stufenleiter der Jahrhunderte ist das beste Mittel, dem Gedächtnis der Zuhörer den Synchronismus der Ereignisse, der Erscheinungen und der Personen einzuprägen.
X
Mir scheint, daß solch eine Art des Unterrichts natürlicher wäre und der Wahrheit mehr entsprechen würde. Jedenfalls wird der, der die Erhabenheit der Geschichte im Tiefsten erfaßt hat, einsehen, daß sie nicht das Erzeugnis einer plötzlichen Eingebung, sondern die Frucht einer sorgfältigen Überlegung und Erfahrung ist; daß hierbei kein Epitheton, und kein einziges Wort nur aus Stilrücksichten oder eitler Schönrednerei verloren wurde, sondern daß es das Resultat eines langen Studiums der Weltchroniken ist; daß selbst der Entwurf einer allgemeinen und vollständigen Skizze der allgemeinen Weltgeschichte, der selbst, wenn er so kurz ist, wie das hier geschildert wurde, nicht anders möglich ist, als indem man die allerfeinsten und verwickeltsten Fäden der Geschichte aufgespürt und entwirrt hat, und daß nur die Liebe zur Wissenschaft, die einem zum Genuß ward, einen dazu bewegen konnte, seine Gedanken darzustellen, daß unser Zweck dabei die Herzensbildung der jungen Zuhörer durch jene gründliche Erfahrung ist, wie sie uns durch die Geschichte vermittelt wird, sofern wir sie nur in ihrer wahren Größe erkennen.
Sie sollen erkennen, daß wir nur einen Zweck im Auge haben, in unseren Zuhörern feste und männliche Grundsätze zu entwickeln, die fortan kein leichtsinniger Fanatiker und keine vorübergehende Erregung zu erschüttern vermögen — sie zu bescheidenen, demütigen, vornehmen Charakteren und zu nützlichen und notwendigen Mitarbeitern des großen Königs zu machen, auf daß sie weder im Glück noch im Unglück ihre Pflicht, ihren Glauben, ihre unantastbare Ehre und ihr Gelübde, treue Diener des Vaterlandes und des Kaisers zu sein, verletzen.
1832.