V
Ein Überblick über das Werden Kleinrußlands[2]

I

Welch furchtbar armselige Rolle spielt doch das XIII. Jahrhundert in der Geschichte Rußlands. Hundert kleine Staaten, die einer Rasse entstammen, einen Glauben bekennen, eine Sprache sprechen, gemeinsame Charaktereigentümlichkeiten haben und — fast möchte es scheinen, gegen ihren Willen, durch Blutsverwandtschaft untereinander verbunden sind — alle diese kleinen Reiche waren so miteinander verfeindet, wie dies selbst unter verschiedengearteten Völkern nur selten vorkommt. Nicht Haß (denn einer wirklich starken Leidenschaft waren sie nicht fähig), auch nicht eine stetige Politik als Folge eines unbeugsamen Sinnes oder reifer Lebenserkenntnis waren es, die sie trennten: es war ein Chaos von Kämpfen um vorübergehender, momentaner Vorteile willen, und diese Streitigkeiten waren um so verderblicher, weil sie den Volkscharakter, der unter den starken normannischen Fürsten angefangen hatte, eine eigenartige Physiognomie anzunehmen, allmählich zersetzten. Die Religion, die die Völker mehr denn alles andere miteinander verbindet und erzieht, hatte nur wenig Einfluß auf sie; denn sie war damals noch nicht mit den Gesetzen und mit dem Leben verwachsen. Die Mönche, die Lehrer, ja sogar die Metropoliten waren Einsiedler, die sich in ihre Zellen zurückzogen und ihre Augen vor der Welt verschlossen; sie beteten zwar für alle Menschen, aber verstanden es nicht, mit Hilfe ihrer gewaltigen Waffe: des Glaubens — Macht über das Volk zu erringen und mit diesem Glauben die kleine Flamme des Glaubenseifers bis zum Enthusiasmus zu schüren, der doch allein imstande ist, junge Völker zu verbinden und sie für große Taten zu begeistern. Das war der große Unterschied gegenüber dem Westen, wo der allmächtige Papst ganz Europa mit seiner geistlichen Macht umspann, wie mit einem unsichtbaren Spinngewebe, wo sein allmächtiges Wort Streitigkeiten schlichtete oder entfachte, und wo die Bedrohung mit seinem furchtbaren Fluch die Leidenschaften und die noch halbwilden Völker bändigte. Hier waren die Klöster noch Zufluchtsstätten für die Menschen, die sich durch ihre Sanftmut und Güte von dem allgemeinen Charakter des Jahrhunderts abhoben. Nicht selten redeten die Geistlichen von ihren Höhlen und Klöstern aus den Teilfürsten ins Gewissen; aber ihre Ermahnungen blieben erfolglos, die Fürsten verstanden es nur, zu fasten und Kirchen zu bauen, damit glaubten sie, den Anforderungen des Christentums Genüge geleistet zu haben: es als ein Gesetz zu achten und sich seinen Geboten zu fügen, verstanden sie nicht. Die geringfügigsten Ursachen hatten endlose Kriege zur Folge. Das waren keine Kriege zwischen dem König und seinen Lehnsmännern oder der Vasallen untereinander — nein — das waren Zwistigkeiten zwischen Blutsverwandten, zwischen leiblichen Brüdern, Vätern und Kindern. Nicht Haß oder starke Leidenschaft fachten sie an — nein — der Bruder erschlug seinen Bruder um eines Stückes Land willen, oder auch nur um Mut und Kühnheit an den Tag zu legen. Welch schreckliches Beispiel für das Volk! Blutsverwandtschaft galt für nichts, denn die Bewohner zweier benachbarter Teile, die alle untereinander verwandt waren, waren jeden Augenblick bereit, mit der Wut von Wölfen übereinander herzufallen. Es war nicht ererbte Zwietracht, die sie antrieb, denn der Freund von heute wurde zum Feinde von morgen und umgekehrt. Das Volk hatte eine kaltblütige Bestialität angenommen: es mordete, ohne recht zu wissen warum. Kein starkes Gefühl, weder Fanatismus, noch Aberglaube, ja nicht einmal ein Vorurteil konnten es begeistern, und es schien, als seien alle starken und hohen menschlichen Leidenschaften in ihm erloschen; wenn zu jener Zeit ein Genie erschienen wäre, das den Wunsch gehabt hätte, mit diesem Volk etwas Großes zu vollbringen, es hätte keine Saite gefunden, bei der er es hätte fassen können, um diesen gefühllosen Körper aufzurütteln; es sei denn etwa die eiserne physische Kraft. Damals schien die „Geschichte“ gleichsam erstarrt zu sein und sich in „Geographie“ verwandelt zu haben: das einförmige Leben, das sich in den einzelnen Teilen regte, aber als Ganzes starr und unbeweglich dalag, konnte als geographisches Zubehör des Landes gelten.

II

Da nun trat ein wunderbares Ereignis ein. In Asien, im Herzen dieses Erdteils Asien, in diesen Steppen, die schon so viele Völker über Europa ausgegossen hatten, erhob sich jetzt das furchtbarste und zahlreichste von allen, dessen Eroberungszüge eine Ausdehnung annahmen, wie nie vorher. Die fürchterlichen Mongolen, mit ihren zahllosen Roßherden und Zeltwagen, wie sie in Europa noch nie gesehen worden waren, überfluteten Rußland, und mit echt asiatisch-barbarischer Freude bezeichneten sie ihren Weg durch flammende Rauchsäulen und Feuersbrünste. Diese Invasion unterwarf Rußland einer zweihundertjährigen Sklaverei und entzog es den Blicken Europas. War dies nun eine Rettung, indem es Rußland seine Selbständigkeit wahrte, da doch die Teilfürsten seine Integrität gegenüber den litauischen Eroberern kaum aufrecht erhalten hätten, oder war es eine Strafe für die fortwährenden Streitigkeiten — genug, dieses furchtbare Ereignis zog gewaltige Folgen nach sich: es erlegte den Fürstentümern Nord- und Mittelrußlands ein schweres Joch auf, schuf aber zugleich im Süden ein neues slawisches Geschlecht, ein Geschlecht dessen ganzes Leben in einem beständigen Kampf bestand und dessen Geschichte ich hier schildern will.

III

Am meisten hatte Südrußland unter den Tataren zu leiden gehabt. Niedergebrannte Städte und Felder, verkohlte Wälder, das alte Kiew in Trümmern, menschenleere Wüsten — das war der Anblick den dies unglückliche Land darbot. Die erschrockenen Einwohner flohen nach Polen oder nach Litauen; zahlreiche Edelleute und Fürsten wanderten nach dem Norden Rußlands aus. Schon früher war die Zahl der Bevölkerung in dieser Gegend sichtlich zurückgegangen. Kiew war längst nicht mehr die Hauptstadt, und die bedeutenderen Fürstentümer hatten sich nach Norden hinaufgezogen. Es schien, als hätte das Volk seine eigene Nichtigkeit erkannt, denn es verließ die Plätze, wo die bunte Natur ihre Erfindungskraft zu entfalten beginnt; herrliche, unübersehbare Steppen breiten sich hier aus und die verschiedenartigsten Gräser von gigantischer Höhe bedecken sie; hie und da steigen unvermittelt ganz mit wilden Kirschbäumen und Edelkirschen übersäte Hügel auf, oder es tut sich ein blumengeschmückter Abgrund vor uns auf, viele rauschende Flüsse schlängeln sich durch das Land und bilden entzückende Landschaftsbilder, gewaltig gleitet der Dnjepr wie ein leuchtendes Band mit seinen unersättlichen Stromschnellen zwischen großartigen, steilabstürzenden Ufern und durch unübersehbare Wiesen dahin — und dies alles erwärmt der milde Odem des Südens. — Das Volk verließ diese Gegenden und drängte sich nach den Teilen Rußlands, wo die Oberfläche der Erde einförmig glatt und eben, fast immer sumpfig ist, und wo ein paar elende Kiefern und Fichten aus dem Boden ragen; hier gibt es kein frischpulsierendes Leben voller Bewegung, sondern nur ein dumpfes Vegetieren, das wie ein schwerer Druck auf dem Geiste lastet. Es ist, als wäre damit die Wahrheit des Satzes bewiesen, daß nur ein starkes, lebens- und charaktervolles Volk Gegenden von großartiger Naturbeschaffenheit aufsucht, oder daß nur gewaltige und großartige Naturszenerien ein kühnes, leidenschaftliches, charaktervolles Volk hervorbringen können.

IV

Als der erste Schreck vorüber war, begannen allmählich Auswanderer aus Polen, Litauen und Rußland sich in diesem Lande, der eigentlichen Heimat der Slawen, niederzulassen; hier war die Wiege der alten Poljanen und Ssewerjanen, dieser rein slawischen Stämme, die sich in Großrußland schon mit finnischen Völkerschaften zu vermischen begannen, aber sich hier in ihrer Reinheit erhielten, mit all ihren heidnischen Glaubenslehren, ihren kindlichen Vorurteilen, ihren Sagen und Gesängen und ihrer slawischen Mythologie, die bei ihnen so naiv mit dem Christentum verschmolz. Den in ihre alte Heimat zurückkehrenden Einwohnern folgten auch Auswanderer aus anderen Ländern auf den Fersen, mit denen sie sich durch längeres Beisammenleben allmählich vermischt hatten. Diese Einwanderung vollzog sich furchtsam und zaghaft, weil das schreckenverbreitende Wandervolk nicht weit entfernt war: sie waren nur durch die Steppe voneinander getrennt, oder besser gesagt, miteinander verbunden. Trotz der bunten Bevölkerung fehlte es hier an jenen Zwistigkeiten, die im Innern Rußlands nie aufhörten. Die von allen Seiten drohende Gefahr ließ den Menschen keine Zeit zum Streit. Das von den furchtbaren Herdenbesitzern übel zugerichtete Kiew, die altehrwürdige Mutter der russischen Städte, blieb noch lange verarmt und konnte sich kaum mit so mancher unbedeutenden Stadt des nördlichen Rußlands messen. Alle Menschen hatten es verlassen, selbst die Mönche und Chronisten, die es immer wie ein Heiligtum verehrt hatten, zogen fort. Die Kunde von Kiew hört plötzlich auf, und obwohl dort eine Linie des russischen Fürstengeschlechts zurückblieb, geriet es für ein halbes Jahrhundert vollständig in Vergessenheit. Nur hin und wieder sprechen noch die Chronisten wie im Traum von Kiew, sie erzählen, daß es in der schrecklichsten Weise zerstört wurde, und daß die Beamten der Chane dort residierten — dann aber ist’s als hätte sich ein undurchdringlicher Vorhang darüber gebreitet.

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