Dem Bienensummen um die Rose.
(Fiedler.)
Aber lassen wir die Person Nikolaus’ II. beiseite und sehen wir zu, was der Monarch im allgemeinen als Gesalbter Gottes bedeutet, er, der die Pflicht hat, das ihm anvertraute Volk dem Lichte entgegenzuführen, in dem Gott wohnt, und laß uns zusehen, ob Puschkin recht hatte, ihn mit dem alten Freunde Gottes, mit Moses zu vergleichen? Der Mensch, auf dessen Schultern das Schicksal von Millionen seiner Brüder gelegt ist, der durch die furchtbare Verantwortlichkeit für sie, die er Gott gegenüber auf sich genommen hat, von jeder Verantwortlichkeit vor den Menschen befreit ist, der unter der Furchtbarkeit dieser Verantwortung leidet und vielleicht im stillen solche Tränen vergießt und so schmerzliche Qualen erduldet, wie sie sich ein tief unten stehender Mensch nicht einmal vorzustellen vermag, dem inmitten aller Sinnengenüsse und Zerstreuungen die ewige, nie verstummende Stimme Gottes in den Ohren klingt, die unaufhörlich mahnend zu ihm spricht, der darf wohl mit Recht dem alten Gottesfreund Moses verglichen werden, der darf, wie er, seine Tafeln in Trümmer schlagen und das leichtsinnige, gaukelnde Menschengeschlecht verfluchen, das, statt danach zu streben, wonach alles, was auf dieser Erde lebt, streben sollte, unruhig und eitel um seine von ihm selbst geschaffenen Götzen springt. Aber was Puschkin so tief bewegte, das war neben allem andern jene höchste Bedeutung der Herrschergewalt, die sich die Ohnmacht und Schwäche der Menschheit vom Himmel herabgefleht hat; und dies Flehen war kein Schrei nach der ewigen Gerechtigkeit, vor der kein Mensch dieser Erde zu bestehen vermöchte, es war ein Schrei nach der himmlischen, göttlichen Liebe, die alles zu vergeben vermag: unsere Pflichtvergessenheit, unser ungeduldiges Murren und unsere Unzufriedenheit, mit einem Wort alles, was ein Erdenmensch nicht verzeihen kann; auf daß ein einziger alle Macht in seiner Person vereinigte, sich von uns allen entfernte und sich über alles Irdische erhob, um sich gerade dadurch allen um so mehr zu nähern, allen gleich zu werden, von seiner Höhe zu uns allen herabzusteigen und allem verständnisvoll zu lauschen: vom Donner des Himmels und der Lyra des Dichters bis herab zu unseren unscheinbarsten Freuden und Vergnügungen.
Es hat den Anschein, als sei Puschkin in diesem Gedicht, nachdem er sich selbst die Frage gestellt hatte, was denn diese Macht eigentlich sei, vor der Größe und Erhabenheit der sich seinem Geiste aufdrängenden Antwort in den Staub gesunken. Es ist gut, hierbei im Auge zu behalten, daß das derselbe Dichter ist, der so ungeheuer stolz auf die Unabhängigkeit seines Geistes und auf seine persönliche Würde war. Niemand hat so gesungen wie er:
Ein Denkmal hab’ ich mir errichtet ohnegleichen;
Zu diesem Geisterbau bewächst nie Gras den Pfad,
Trutzhäuptig überragt es selbst die Ruhmeszeichen,
Die sich Napoleon errichtet hat[2].
(Nach Fiedler.)
An den „Ruhmeszeichen Napoleons“ bist freilich du schuld, aber selbst wenn diese Zeile in ihrer ursprünglichen Fassung erhalten geblieben wäre, sie wäre dennoch ein Beweis, ja ein zwingender Beweis dafür, daß Puschkin, trotzdem er sich persönlich, als Mensch, vielen gekrönten Häuptern überlegen fühlte, doch tief im Innern empfand, wie klein und gering sein Beruf im Vergleich mit dem eines gekrönten Königs war, und daß er es verstand, sich ehrfürchtig vor denen unter ihnen zu beugen, die der Welt die ganze Größe und Erhabenheit ihres Amtes vor Augen geführt haben.