Unsere Dichter haben die hohe Bestimmung des Monarchen durchschaut, indem sie erkannten, daß sie unweigerlich zuletzt ganz in der reinsten Liebe aufgehen, und daß es so allen offenbar werden müsse, warum der Kaiser das Ebenbild Gottes ist, wie dies unser ganzes Land vorerst nur instinktiv fühlt. Diese Bedeutung des Herrschers wird allmählich auch in Europa in derselben Weise zum Ausdruck kommen. Alles zielt darauf hin, in den Fürsten diese höchste göttliche Liebe zu ihrem Volk zu erwecken. Schon vernimmt man den Schrei der Seelennot, an der die ganze Menschheit und beinahe jedes moderne europäische Volk leidet; die Bedauernswerten winden sich alle in ihrem Schmerz und wissen sich selbst nicht zu helfen: jede äußere Berührung ist ihren schmerzenden Wunden eine Pein; jedes Mittel, jede Hilfe, die der Verstand ersinnt, erscheint ihnen rauh und qualvoll und bringt keine Heilung. Dieser Schrei wird schließlich so laut werden, daß selbst das gefühlloseste Herz vor Mitgefühl zerspringen wird, und ein tiefes Mitleid von einer bisher noch nicht gekannten Stärke wird die ganze Kraft einer andern, neuen Liebe wachrufen, wie sie bisher nicht ihresgleichen hatte. Dann wird der Mensch von Liebe zu allem, was menschlich ist, entbrennen — von einer gewaltigen Liebe, wie er noch nie von einer gleichen ergriffen war. Von uns gewöhnlichen Menschen aber wird keiner die ganze Kraft dieser Liebe in sich verwirklichen können, sie wird eine Idee, ein Gedanke bleiben und nie ganz zur Tat werden; nur die können völlig von ihr durchdrungen werden, denen das ewige unwandelbare Gesetz auferlegt ward, alle Menschen zu lieben, wie wenn sie ein einziger Mensch wären. Wenn so der Fürst von Liebe für jeden Menschen seines Reichs, für jeden Beruf und Stand ergriffen werden, und alles, was da lebt, gleichsam zu seinem eigenen Fleisch und Blut machen wird, wenn er in seinem Herzen mit allen leiden, Tag und Nacht um sein leidendes Volk trauern und klagen und für es beten wird, dann wird im Fürsten jene allmächtige Stimme der Liebe lebendig werden, die der leidenden Menschheit allein verständlich ist, die ihre Wunden nicht schmerzlich berühren wird und die allein allen Ständen Frieden und Versöhnung bringen und den Staat in einen wohlgeordneten Chor harmonisch zusammenklingender Stimmen verwandeln kann. Nur da wird ein Volk ganz gesunden, wo der Monarch seine hohe Bestimmung erkennen wird — ein Abbild Dessen auf Erden zu sein, Der selbst die Liebe ist. In Europa ist es niemand in den Sinn gekommen, die höchste Bedeutung, die höchste Aufgabe des Monarchen zu ergründen. Die Staatsmänner, die Gesetzeskundigen und Rechtsgelehrten haben immer nur die eine Seite der Sache in Betracht gezogen, nämlich die, daß der Monarch der höchste Beamte des Staates ist, [der von Menschen eingesetzt ward], und daher wissen sie auch nicht, wie sie sich zu dieser Institution verhalten sollen, [wie sie ihre wahren Grenzen bestimmen sollen], wenn die sich täglich ändernden Umstände es notwendig machen, ihre Kompetenzen zu erweitern oder zu beschränken; dadurch aber wird dort der Fürst seinem Volk und umgekehrt das Volk seinem Fürsten gegenüber in eine sonderbare Lage versetzt; beide betrachten sich gegenseitig beinahe wie zwei Gegner, von denen jeder die Macht auf Kosten des andern an sich reißen will. Bei uns aber haben die Dichter und nicht die Rechtsgelehrten die höchste Bestimmung des Monarchen erkannt; — die Dichter haben Gottes Willen mit ehrfürchtigem Zittern vernommen, sie, d. h. die monarchische Gewalt in Rußland in ihrer wahren Gestalt zu begründen, daher nehmen ihre Töne einen biblischen Charakter an, sobald ihr Mund das Wort „Zar“ ausspricht. Das erkennen bei uns auch die, die keine Dichter sind, weil jede Seite unserer Geschichte zu deutlich von dem Willen der Vorsehung spricht: diese monarchische Gewalt in Rußland in ihrer höchsten und vollkommensten Gestalt zu begründen. Alle Ereignisse, die sich von der Invasion der Tataren ab in unserem Vaterlande abgespielt haben, zielen deutlich darauf hin, alle Macht in der Hand eines einzigen zu vereinigen, um diesen einen zu jener berühmten Umwälzung des ganzen Staats zu befähigen, ihm die Kraft zu verleihen, alle aufs tiefste zu erschüttern, alle aufzurütteln, jeden von uns mit jener höheren Selbsterkenntnis auszurüsten, ohne die der Mensch sich selbst nicht verstehen, sich nicht selbst das Urteil sprechen, und nicht den Kampf gegen Unwissenheit und Finsternis in sich selbst aufnehmen kann, wie ihn der Herrscher in seinem Reiche aufgenommen hat; auf daß nachher, wenn jeder von dieser heiligen Kampfbegeisterung erfaßt und alles sich seiner Kraft bewußt ist, der Einzige wiederum allen voran und die Leuchte in der Hand voraustragend, sein ganzes von einem Geiste beseeltes Volk mit sich reißen und jenem höchsten Lichte entgegenführen könne, nach dem sich Rußland so innerlich sehnt. Und sieh nur, durch welche wunderbare Fügung bereits die Saat der Liebe in die Herzen gesenkt ward, noch ehe sich dem Herrscher selbst und seinen Untertanen die volle Bedeutung dieser monarchischen Gewalt enthüllen konnte. Kein königliches Geschlecht darf sich eines ähnlichen Ursprungs rühmen, wie das der Romanows. Schon dieser ihr Ursprung ist ein hohes Werk der Liebe. Der letzte und geringste der Untertanen des Reichs hat sein Leben hingegeben und hingeopfert, um uns einen Zaren zu schenken, und mit diesem reinen Opfer ein unzerreißbares Band zwischen dem Herrscher und seinem Volk gestiftet. Die Liebe ist uns in Fleisch und Blut übergegangen und hat eine tiefe Blutsverwandtschaft zwischen uns allen und dem Zaren erzeugt. [Und so haben sich Herrscher und Untertanen miteinander verschmolzen und sind so sehr eins geworden, daß es uns allen heute als ein großes Unglück erscheinen würde, wenn der Fürst seinen Untertan vergessen und sich von ihm abwenden oder der Untertan seinen Herrscher vergessen und sich von ihm lossagen wollte.] Wie deutlich kommt der Wille Gottes gerade in dieser Wahl der Romanows und keines andern Fürstengeschlechts zum Ausdruck! Wie unbegreiflich ist diese Erhebung eines ganz unbekannten Jünglings auf den Thron, wo doch Männer aus den ältesten Adelsgeschlechtern und noch dazu verdienstvolle Männer, die ihr Vaterland gerettet hatten: ein Poscharski, ein Trubetzkoi oder endlich eine Reihe von Fürsten, die in direkter Linie von Rjurik abstammten, daneben standen. Und doch wurden sie bei der Wahl übergangen, und es erhob sich keine Stimme des Protestes: auch nicht einer wagte es, seine Rechte geltend zu machen! Und solches geschah in jener finsteren Zeit der Wirren, wo jeder Streit und Unruhe stiften und Scharen von Anhängern um sich sammeln konnte. Und wer wurde erwählt? Einer, der in weiblicher Linie ein Verwandter jenes Zaren war, der noch vor kurzem die Erde in Schrecken gesetzt hatte, [so daß nicht nur unter den Bojaren, denen er nachgestellt und die er verfolgt hatte, sondern auch im Volk, das kaum etwas von ihm zu leiden gehabt hatte, noch lange das Sprichwort im Schwange blieb: „Der Kopf war gut, gottlob, daß er in der Erde ruht.“] Und trotz alledem beschlossen alle, von den Bojaren bis zum letzten Habenichts herab einstimmig, daß der Thron ihm gehören solle. Solche Dinge geschehen bei uns! Wie kannst du da glauben, daß die Lyrik unserer Dichter, die doch die wahre ganze Bedeutung des Königs aus den Büchern des Alten Testaments kennen und die den Willen Gottes in allen Ereignissen, die unser Vaterland betrafen, sich so deutlich äußern sehen konnten — wie kannst du glauben, daß die Lyrik unserer Dichter nicht voller biblischer Anklänge sei? Ich wiederhole, die einfache Liebe hätte nicht genügt, ihren Tönen eine so nüchterne Strenge zu verleihen: dazu bedarf es einer vollen und festen, aus der Vernunft stammenden Überzeugung, und nicht allein eines dunklen, unbewußten Liebesgefühls; sonst müßten ihre Töne Weichheit und Zartheit atmen, wie bei dir in deinen frühen Jugendwerken, als du dich noch ganz dem Gefühl deiner liebenden Seele hingabst. Nein, es ist etwas Starkes, Hartes, ja fast zu Starkes in unseren Dichtern, was die Dichter anderer Nationen nicht besitzen. Wenn du das nicht fühlst, so beweist dies noch nicht, daß es überhaupt nicht vorhanden ist. Du mußt doch berücksichtigen, daß du ja nicht alle Züge des russischen Wesens in dir vereinst, vielmehr haben sich viele Züge in dir bis zu einer solchen Höhe und so stark in die Breite entwickelt, daß sie den andern keinen Raum zum Wachstum ließen, und so stellst du eigentlich eine Ausnahme von jenem allgemeinen russischen Charakter dar. In dir haben sich alle jene weichen und zarten Seiten unseres slawischen Wesens vereinigt, jene starken und satten Züge dagegen, bei denen den ganzen Menschen etwas wie ein Schauder und Schrecken überläuft, sind dir unbekannt. Sie aber sind gerade der Quell und Ursprung jener Lyrik, von der hier die Rede ist. Diese Lyrik vermag sich für nichts mehr zu begeistern, als für ihren höchsten Quell, d. h. für Gott allein. Sie hat etwas Strenges und Furchtsames und liebt die vielen Worte nicht: sie widert alles auf dieser Erde an, wenn es nicht den Abdruck des Göttlichen an sich trägt. Wer nur ein Fünkchen von dieser lyrischen Stimmung besitzt, der besitzt trotz aller Unvollkommenheiten und Fehler etwas von jenem strengen hohen Seelenadel, vor dem er selbst ehrfürchtig erbebt und der ihn alles fliehen läßt, was einem Dank oder einer Anerkennung von seiten der Menschen ähnlich sieht. Seine eigene edelste Tat erregt ihm Abscheu und Ekel, wenn sie ihm einen Lohn einträgt, denn er fühlt zu gut, daß das Höchste über jeden Lohn erhaben sein sollte. [Erst nach Puschkins Tode hat man Näheres über seine wahren Beziehungen zum Zaren erfahren und ist das Geheimnis, das zwei seiner schönsten Gedichte umgibt, gelüftet worden. Er hat bei Lebzeiten nie mit jemand von den Gefühlen gesprochen, die ihn erfüllten, und er hat klug daran getan. Da man bei uns in Rußland nach dem vielen kalten und lauten Zeitungsgerede im Stil jener Reklameartikel, in denen man Pomaden usw. anpreist, und nach all den heftigen ungezogenen und zornigen Ausfällen aller möglicher Hurra- und anderer Patrioten ganz aufgehört hatte, an die Aufrichtigkeit gedruckter Äußerungen zu glauben — war es für Puschkin gefährlich, offen hervorzutreten: man hätte ihm am allerehesten den Vorwurf der Bestechlichkeit gemacht und ihn verdächtigt, daß er sich von Habgier und von einem selbstsüchtigen Interesse leiten lasse. Nun aber, wo diese Dichtungen erst nach seinem Tode erscheinen, wird sich wohl kaum ein Mensch in ganz Rußland finden, der es wagt, Puschkin einen Schmeichler zu nennen, der nach der Gunst irgendeines Menschen gestrebt habe. Hierdurch ward das Heiligtum eines hohen reinen Gefühls gerettet. Jetzt wird jeder, auch der nicht fähig ist, mit seinem eigenen Verstande in das Wesen der Sache einzudringen, doch an sie glauben und Vertrauen zu ihr haben, denn er wird sich sagen: „wenn selbst Puschkin so gedacht hat, so ist das sicherlich die lauterste Wahrheit.“] Die königlichen Hymnen unserer Dichter haben selbst Ausländer durch ihre erhabene Form und ihren hohen Stil in Staunen gesetzt. Erst vor kurzem hat Mickiewicz in seinen Vorlesungen darüber zu den Parisern gesprochen und er hat dies in einem Augenblick ausgesprochen, als er selbst gereizt und erbittert gegen uns und ganz Paris über uns empört war. Trotzdem aber hat er feierlich erklärt, daß in den Oden und Hymnen unserer Dichter nichts Sklavisches und Gemeines, sondern eher etwas Freies und Erhabenes liege, und unmittelbar danach hat er, obwohl dies keinem seiner Landsleute gefallen wollte, seine Ehrfurcht vor dem vornehmen edlen Charakter unserer Schriftsteller ausgesprochen. Mickiewicz hat recht. Unsere Schriftsteller tragen wirklich die Züge einer höheren Natur. In Augenblicken klarsten Bewußtseins, höchster Selbsterkenntnis haben sie uns oft ihre geistigen Porträts hinterlassen, die freilich den Eindruck einer Selbstverherrlichung machen würden, wenn nicht das ganze Leben des Dichters eine Bestätigung ihrer Treue wäre. Indem Puschkin an seine Zukunft denkt, sagt er

Und meinem Volke bleib’ ich lange lieb und teuer,

Weil ich in ihm den Trieb zum Guten stets entflammt,

In grauser Zeit durchglüht sein Herz mit Freiheitsfeuer

Und den Gefallnen nie verdammt.

(Fiedler.)

Man braucht nur an Puschkin zu denken, um sofort zu erkennen, wie treu dies Porträt ist. [Wie lebhaft konnte er werden, wie konnte er sich begeistern, wenn es sich darum handelte, das Los eines armen Verbannten zu mildern oder einem Gefallenen die Hand zu reichen. Wie ungeduldig wartete er auf den Augenblick, wo der Zar ihm gnädig gestimmt war — nicht etwa, um sich selbst in Erinnerung und Empfehlung zu bringen — nein, um ein Wort für einen Unglücklichen oder Gefallenen einzulegen. Ein echt russischer Zug.] Denke nur an jenes rührende Schauspiel, wenn das ganze Volk zu den Verbannten kommt, die die Reise nach Sibirien antreten, und wenn jeder etwas von seiner Habe mitbringt! der eine Speise und Trank, der andere etwas Geld, ein dritter ein christlich mildes Trostwort. Da gibt es nichts von Haß gegen den Verbrecher, auch nichts von jener Donquichotterie, die aus ihm einen Helden machen will, sich seine Unterschrift oder ein Bild von ihm zu verschaffen sucht, oder ihn neugierig anstarrt, wie dies wohl im aufgeklärten Europa vorkommt. Dies ist etwas Größeres: es ist auch nicht der Wunsch, ihn zu entschuldigen oder der Hand der Gerechtigkeit zu entreißen; es ist der Wunsch, seinen sinkenden Mut zu heben, ihn zu trösten, wie ein Bruder den Bruder tröstet, wie Christus uns gelehrt hat, einander zu trösten.

Puschkin hatte eine sehr hohe Meinung von dieser Neigung, den Gefallenen wieder zu erheben. Daher pochte auch sein Herz so stolz und stürmisch, als er davon hörte, daß der Monarch nach Moskau kommen wolle, während dort die Cholera wütete. — Eine Regung wie diese hatte wohl noch kein Monarch gezeigt; und so konnte sie der Anlaß zu jenen wundervollen Versen werden:

Beim Himmel, wer so kalt und fest

Dem schwarzen Tode kann begegnen