Vorrede

Ich lag an einer schweren Krankheit danieder; schon war ich dem Tode nahe. Da raffte ich meine letzten Kräfte zusammen, die mir noch blieben, benutzte den ersten Augenblick, wo ich mich im vollen Besitz meiner Geisteskräfte befand, und schrieb mein geistiges Testament nieder, in dem ich unter anderm meinen Freunden die Pflicht auferlegte, nach meinem Tode einige von meinen Briefen herauszugeben. Damit hoffte ich wenigstens einen Teil der Schuld sühnen zu können, die ich durch die Wertlosigkeit alles dessen, was ich bisher geschrieben hatte, auf mich geladen hatte, denn meine Briefe enthielten nach dem Urteil derer, an die sie gerichtet waren, weit mehr solche Gedanken, deren die Menschen bedürfen, die ihnen not tun, als meine Werke. Gottes himmlische Güte wandte die Hand des Todes von mir ab. Ich bin beinahe wiederhergestellt und ich fühle mich wieder besser. Dennoch aber empfinde ich, wie schwach meine Kräfte sind, und dies mahnt mich jeden Augenblick daran, daß mein Leben an einem Haar hängt, und nun, wo ich mich zu einer weiten Reise ins Heilige Land rüste, die meiner Seele ein Bedürfnis ist und während deren mir vieles zustoßen kann, fühle ich den Wunsch, meinen Landsleuten beim Abschied etwas von mir zu hinterlassen. So wähle ich denn selbst alles aus meinen letzten Briefen, die ich wieder in meinen Besitz bringen konnte, aus, was sich auf solche Fragen bezieht, die die Gesellschaft gegenwärtig am meisten beschäftigen, lasse alles beiseite, was erst nach meinem Tode Sinn und Inhalt erhalten kann, und scheide alles aus, was nur für wenige von Bedeutung sein könnte. Dazu füge ich noch zwei oder drei literarische Aufsätze hinzu, und endlich lege ich dem Ganzen noch mein Testament bei, auf daß dieses, wenn mich der Tod unterwegs ereilen sollte, als durch alle meine Leser bezeugt und verbürgt, sogleich rechtmäßig in Kraft trete.

Mein Herz sagt mir, daß mein Buch einem wirklichen Bedürfnis entspricht und daß es vielleicht von einigem Nutzen sein kann. Ich glaube dies nicht deshalb, weil ich eine zu hohe Meinung von mir habe und weil ich mir zutraue, Nützliches wirken zu können, sondern weil ich noch niemals so innig von dem Wunsche beseelt war, etwas Nützliches zu vollbringen, wie heute. Für uns Menschen genügt es schon, wenn wir die Hand ausstrecken, um zu helfen; die eigentliche Hilfe aber kommt nicht von uns, sondern von Gott, der seine Kraft von oben auf uns herabsendet und sie dem ohnmächtigen Worte mitteilt. So unbedeutend und minderwertig also mein Buch auch sein mag, ich wage dennoch, es der Öffentlichkeit zu übergeben, und ich bitte meine Landsleute, es mehrmals durchzulesen; zugleich aber bitte ich die unter ihnen, die sich eines gewissen Wohlstandes erfreuen, sich mehrere Exemplare zu kaufen und sie an solche Leute zu verteilen, die sich das Buch selbst nicht kaufen können, und ihnen bei dieser Gelegenheit zu erklären, daß alles Geld, das nach Deckung der Unkosten, die die bevorstehende Reise verursachen wird, übrigbleiben sollte, teils denen, die gleich mir das innere Bedürfnis fühlen, während der kommenden großen Fasten nach dem Heiligen Lande zu pilgern und dies nicht aus eigenen Mitteln zu tun vermögen, teils denen zur Unterstützung dienen soll, mit denen ich auf dem Wege dorthin zusammentreffen werde und die am Grabe des Herrn für ihre Wohltäter, d. h. meine Leser, beten werden.

Ich wünschte, ich könnte meine Reise vollenden wie ein guter Christ, und daher bitte ich hiermit alle meine Landsleute um Verzeihung wegen aller Kränkungen, die ich ihnen zugefügt haben sollte. Ich weiß, daß ich viele Leute durch meine unüberlegten Handlungen und durch meine unreifen Werke betrübt, viele sogar gegen mich aufgebracht und überhaupt bei vielen Anstoß und Ärgernis erregt habe. Ich darf indessen zu meiner Rechtfertigung sagen, daß meine Absicht stets gut war, und daß ich niemand betrüben oder gegen mich aufbringen wollte; nur meine Unbesonnenheit, meine Hast und Übereilung waren die Ursache, daß meine Werke in so unvollkommener Gestalt ins Leben traten, wodurch beinahe alle über ihren wahren Sinn getäuscht wurden. Alles andere dagegen, wobei tatsächlich eine verletzende Absicht vorliegen sollte, bitte ich mir mit jener Großmut zu verzeihen, deren nur die russische Seele fähig ist, wenn sie verzeiht. Auch alle die bitte ich, mir zu vergeben, mit denen mich mein Lebensweg für längere oder kürzere Zeit zusammengeführt hat. Ich weiß, daß ich vielen Menschen mancherlei Unannehmlichkeiten bereitet habe, ja manchen sogar mit Absicht. Überhaupt hatte die Art meines Verkehrs mit den Menschen stets etwas Unangenehm-Abstoßendes an sich. Dies rührte teils davon her, daß ich einem Zusammentreffen und einer Bekanntschaft mit Menschen gern aus dem Wege ging, da ich das Gefühl hatte, ich hätte den Menschen noch nichts Gescheites und wirklich Notwendiges zu sagen (und leere und überflüssige Redensarten wollte ich nicht machen), und da ich zugleich davon überzeugt war, daß ich mich selbst wegen meiner zahllosen Mängel und Fehler noch in einiger Entfernung von den Menschen erziehen müsse. Zum Teil aber war es auch die Folge meiner kleinlichen Eitelkeit, wie sie nur denen unter uns eigen ist, die sich aus Schmutz und Kot emporgearbeitet, sich eine Stellung unter den Menschen erobert haben, und die sich daher für berechtigt halten, stolz auf die anderen herabzusehen. Wie dem auch sein mag, ich bitte, mir alle persönlichen Kränkungen zu verzeihen, die ich einem Menschen seit den Zeiten meiner Kindheit bis zum gegenwärtigen Augenblicke zugefügt haben sollte. Auch meine Berufsgenossen, die Literaten, bitte ich um Verzeihung, wenn ich sie je bewußt oder unbewußt geringschätzig oder ohne gebührende Achtung behandelt haben sollte; wem es aber aus irgendeinem Grunde schwer werden sollte, mir zu vergeben, den erinnere ich daran, daß er ein Christ ist. Wie der Fastende vor der Beichte, die er sich vor dem Angesichte Gottes abzulegen anschickt, alle seine Brüder um Verzeihung bittet, so bitte ich sie um Verzeihung, und wie in solch einem Augenblick kein einziger den Mut findet, seinem Bruder nicht zu vergeben, so werden auch meine Brüder nicht den Mut haben, mir ihre Vergebung zu versagen. Und endlich bitte ich meine Leser um Verzeihung, wenn auch in diesem Buche wieder etwas Peinliches vorkommen sollte, das sie kränken oder beleidigen könnte. Ich bitte sie, mir deshalb nicht innerlich zu zürnen, sondern mir statt dessen lieber großmütig alle Mängel, die sie in diesem Buche entdecken sollten, sowohl die des Schriftstellers wie die des Menschen, nachzuweisen: meine Torheit, meine Unüberlegtheit, meine übermäßige Eitelkeit und Sicherheit, mein eitles Selbstvertrauen — mit einem Wort, alle die Fehler, die allen Menschen eigen sind, auch wenn sie sie nicht erkennen, und die ich wahrscheinlich in noch weit höherem Maße besitze.

Zum Schluß bitte ich alle Russen, für mich zu beten, vor allem die Priester, deren ganzes Leben ein einziges Gebet ist. Auch die bitte ich, mich in ihr Gebet einzuschließen, die in ihrer Demut nicht an die Kraft ihres Gebets glauben, wie auch die, die überhaupt nicht an das Gebet glauben und es nicht einmal für notwendig halten; aber wie kraftlos, dürr und matt auch immer ihr Gebet sein möge, ich bitte sie, in diesem kraftlosen, dürren und matten Gebet meiner zu gedenken. Ich aber will am Grabe des Herrn für alle meine Landsleute beten; kein einziger soll von meinem Gebete ausgeschlossen bleiben; und mein Gebet wird ebenso kraftlos, dürr und matt sein, wenn nicht der heilige allgütige Wille des Himmels es zu einem Gebet machen wird, wie es in Wahrheit sein soll.

Im Juli 1846.

I
Mein Testament

Völlig meiner Sinne mächtig und im vollen Besitz meines Verstandes lege ich hier meinen letzten Willen nieder.

I. Erstens ordne ich an, daß mein Leib nicht eher begraben werden soll, als bis sich an ihm deutliche Spuren der Auflösung bemerkbar machen. Ich erinnere ausdrücklich daran, weil mich schon während meiner Krankheit Augenblicke der Ohnmacht überkamen, wo das Leben stockte, mein Herz aufhörte, zu schlagen, mein Puls stillstand ... Da ich während meines Lebens schon häufig Zeuge vieler trauriger Vorfälle war, an denen unsere unvernünftige Übereilung in allen Dingen, selbst bei einer solchen Angelegenheit wie die Beerdigung, schuld war, so spreche ich dies hier gleich zu Beginn meines Testamentes aus, in der Hoffnung, daß meine Stimme vielleicht nach meinem Tode ganz allgemein zur Vorsicht mahnen wird. Im übrigen aber soll man meinen Leib der Erde übergeben, ohne lange zu überlegen, an welchem Ort er ruhen soll; auch sollen keine Ehren oder Erinnerungen an meine sterblichen Reste geknüpft werden. Jeder sollte sich schämen, der meinen faulenden Knochen irgendwelche Achtung erweisen wollte, sind sie doch gar nicht mehr mein Eigentum, er würde sich vor den Würmern beugen, die sie zernagen. Ich bitte daher alle, lieber um so kräftiger für meine Seele zu beten, und statt aller Bestattungsfeierlichkeiten und Ehren lieber einige arme Leute, denen es am täglichen Brot fehlt, in meinem Namen mit einem einfachen Mittagessen zu bewirten.

II. Zweitens ordne ich an, mir kein Denkmal auf meinem Grabe zu errichten, ja gar nicht erst an diese Torheiten, die eines Christen unwürdig sind, zu denken. Die Menschen, die mir nahestanden und die mich wirklich lieb hatten, werden mir schon ein anderes Denkmal errichten: und zwar werden sie es in sich selbst aufrichten, durch unerschütterliches Festhalten an ihrem Lebenswerk und durch Aufmunterung und Ermutigung aller Menschen ihrer Umgebung. Wer nach meinem Tode zu höherer geistiger Reife emporwachsen wird, als sie ihm während meines Lebens eigen war, der wird damit beweisen, daß er mich wahrhaft geliebt hat, daß er mein Freund war, und mir damit ein wirkliches Denkmal errichten, denn auch ich habe, bei all meiner Schwäche und Nichtigkeit, meine Freunde stets ermutigt, und keiner von denen, die mir in der letzten Zeit näher traten, hat in Stunden des Kummers und der Entmutigung bei mir ein trübseliges Gesicht gefunden, obwohl ich selbst schwere Augenblicke zu durchleben hatte und nicht weniger litt und bekümmert war, als andere. So möge denn auch ein jeder von ihnen nach meinem Tode dessen eingedenk sein, sich an alle meine Worte erinnern und noch einmal all meine Briefe durchlesen, die ich vor einem Jahre an ihn geschrieben habe.