III. Drittens ordne ich an, daß mich niemand beweinen soll; ja, der würde eine Sünde auf seine Seele laden, der meinen Tod für einen großen und allgemeinen Verlust halten wollte. Selbst wenn es mir gelungen sein sollte, etwas Nützliches zu vollbringen, wenn ich wirklich schon begonnen haben sollte, so wie es sich gehört, meine Pflicht zu erfüllen, und wenn der Tod mich in dem Augenblick, wo ich mein Werk — das ja nicht dem Vergnügen einzelner dienen sollte, sondern dem, was allen not tut — begonnen, hinweggenommen haben sollte, so wäre es dennoch unrichtig, sich einer fruchtlosen Verzweiflung zu überlassen. Selbst wenn heute in Rußland ein Mann stürbe, dessen das Land bei der gegebenen Lage der Dinge wirklich bedürfte, so wäre auch dies noch kein Grund für einen der Lebenden, zu trauern und mutlos zu werden, obwohl es schon richtig ist, daß, wenn uns von den Menschen, die wir alle brauchen, einer nach dem andern entrissen wird, dies ein Zeichen des göttlichen Zornes ist, und daß wir hierdurch aller Mittel und Werkzeuge beraubt werden, mit deren Hilfe sich mancher dem Ziele nähern könnte, das uns alle zu sich ruft. Wir dürfen nicht gleich traurig und mutlos werden bei jedem plötzlichen Verlust, sondern müssen in unser Inneres blicken und nicht an die Schlechtigkeit der andern und an die Schlechtigkeit der ganzen Welt, sondern an unsere eigene Schlechtigkeit denken. Die Bosheit und Verderbnis der Seele ist fürchterlich, warum aber erkennen wir das erst dann, wenn wir den unerbittlichen Tod vor Augen sehen?

IV. Viertens vermache ich allen meinen Landsleuten (wobei ich lediglich davon ausgehe, daß ein jeder Schriftsteller seinen Lesern irgendeinen guten Gedanken als Vermächtnis hinterlassen sollte), viertens vermache ich ihnen das Beste, was meine Feder hervorgebracht hat — ich hinterlasse ihnen ein Werk von mir, das den Titel Abschiedserzählung trägt. Diese Erzählung handelt, wie sie erkennen werden, von ihnen selbst. Ich habe sie lange in meinem Herzen getragen, wie meinen größten Schatz, wie ein Zeichen der göttlichen Gnade, die sich an mir vollzogen hat. Sie war mir ein Quell verborgener Tränen, seit den Tagen meiner Kindheit. Sie also hinterlasse ich ihnen als Vermächtnis. Allein ich flehe all meine Landsleute an, es nicht als Kränkung und Beleidigung anzusehen, wenn sie etwas wie eine Belehrung aus ihr heraushören sollten. Ich bin ein Schriftsteller, und die Aufgabe des Schriftstellers besteht nicht allein darin, Geist und Geschmack angenehm zu unterhalten; er muß strenge Rechenschaft ablegen, wenn seine Werke der Seele keinen Nutzen gebracht haben und keine Wohltat gewesen sind und wenn keine Belehrung für die Menschen in ihnen enthalten ist. Meine Landsleute mögen doch bedenken, daß ja auch jeder unserer Brüder, der diese Welt verläßt, selbst wenn er kein Schriftsteller ist, ein Recht hat, uns etwas wie eine Lehre, eine brüderliche Mahnung zu hinterlassen, und dabei kommt es weder darauf an, ob er nur eine geringe Stellung bekleidet, noch ob er ein ohnmächtiger, oder gar ein unvernünftiger Mensch ist; wir sollten lediglich daran denken, daß ein Mensch, der auf dem Totenbett liegt, viele Dinge besser durchschauen kann, als ein solcher, der sich in der Welt bewegt. Trotzdem ich mich aber auf dieses mein wohlbegründetes Recht berufen könnte, hätte ich es doch nicht gewagt, zu erwähnen, was man aus meiner Abschiedserzählung heraushören wird; denn nicht mir, dessen Seele häßlicher und sündhafter ist, als die aller andern, und der so schwer an seiner eigenen Unvollkommenheit krankt, kommt es zu, solche Reden zu führen. Allein was mich dazu treibt, ist ein anderer gewichtiger Grund. Landsleute! Es ist furchtbar. Die Seele möchte vor Schrecken vergehen bei der bloßen Ahnung der überirdischen Majestät und Erhabenheit des Jenseits und jener höchsten geistigen Schöpfungen Gottes, vor denen die ganze Größe alles Erschaffenen, das wir hier unten erblicken und das uns hier in Erstaunen setzt, in Staub versinkt. Mein sterblicher Leib ächzt beim Gedanken an all die monströsen gigantischen Gebilde und Früchte, deren Samen wir während unseres Lebens säeten, ohne zu ahnen und ohne zu fühlen, was für Schrecknisse aus ihnen erwachsen werden ... Vielleicht wird meine Abschiedserzählung einen gewissen Eindruck auf die machen, die das Leben noch immer für ein Spiel halten, vielleicht wird ihr Herz etwas von seinem strengen Geheimnis und von der innigen himmlischen Musik dieses Geheimnisses vernehmen. Landsleute! — ich weiß nicht, ich finde kein Wort dafür, wie ich euch in diesem Augenblick anreden soll. — Fort mit dem leeren Anstand! Landsleute! — ich habe euch geliebt, ich habe euch geliebt mit jener Liebe, von der man nicht spricht, die mir Gott geschenkt hat, für die ich Ihm danke, wie für Seine höchste Wohltat, weil diese Liebe mir Trost und Freude war während meiner schwersten Leiden. Im Namen dieser Liebe bitte ich euch, meiner Abschiedserzählung euer Ohr und Herz zu leihen. Ich schwöre es euch, ich habe sie nicht erfunden, ich habe sie nicht erdacht, sie ist meiner Seele selbst entströmt, die Gott selbst durch Kummer und Versuchungen gebildet hat, und ihre Klänge entsprangen aus den innersten Kräften und Elementen unseres russischen Wesens, das uns allen gemeinsam ist und durch das ich euch allen aufs engste verschwistert bin[1].

V. Fünftens bitte ich, meiner Werke nach meinem Tode in der Presse und in den Zeitschriften weder mit übereiltem Lob noch Tadel zu gedenken; alle diese Urteile werden ebenso parteiisch sein, wie bei meinen Lebzeiten. In meinen Werken gibt es weit mehr Verurteilungswürdiges als solches, was Lob verdient. Alle Ausfälle, die sich gegen sie richteten, waren ihrem eigentlichen Kerne nach mehr oder weniger berechtigt. Mir gegenüber hat sich niemand schuldig gemacht; es wäre unedel und ungerecht, wenn ein Mensch jemand um meinetwillen in irgendeiner Hinsicht tadeln, oder ihm einen Vorwurf machen wollte. Ferner erkläre ich laut, damit alle es hören können: daß es außer den schon gedruckten Schriften keine Werke mehr von mir gibt: alles was an Manuskripten vorhanden war, habe ich verbrannt, wie etwas Kraftloses, wie etwas Totes, das ich in einer krankhaften Gemütsverfassung und in einem Zwangszustande niedergeschrieben habe. Wenn daher jemand etwas unter meinem Namen herausgeben sollte, so bitte ich dies für eine nichtswürdige Fälschung zu halten. Dafür aber mache ich es meinen Freunden zur Pflicht, alle meine Briefe zu sammeln, die ich seit dem Ende des Jahres 1844 an einen von ihnen gerichtet habe, und diese nach strenger Auswahl alles dessen, was irgendwie von Nutzen für unsere Seele sein kann, und nach Verwerfung alles übrigen, das nur der eitlen Unterhaltung dient, in Buchform herauszugeben. Diese Briefe enthalten einiges, das denen von Nutzen gewesen ist, an die sie gerichtet waren. Gott ist barmherzig; vielleicht werden sie auch andern von Nutzen sein; und vielleicht wird so wenigstens ein Teil der harten Verantwortlichkeit für die Wertlosigkeit dessen, was ich früher geschrieben habe, von meiner Seele genommen.

VI. Nach meinem Tode soll keiner der Meinen mehr berechtigt sein, sich selbst anzugehören — sondern nur noch den Bekümmerten, den Leidenden und denen gehören, die in diesem Leben schon irgendein Leid zu erdulden hatten. Ihr Haus und Gut sollen mehr einem Gasthaus oder einer Herberge für fremde Pilger, als der Wohnstätte eines Gutsbesitzers gleichen; wer auch immer zu den Meinen kommt, den sollen sie aufnehmen, wie einen nahen Verwandten und einen ihrem Herzen nahestehenden Menschen; sie sollen ihn herzlich und freundschaftlich nach all seinen Lebensverhältnissen ausfragen, um zu erfahren, ob er nicht hilfsbedürftig ist, oder doch wenigstens um ihn zu erheitern und zu ermuntern, auf daß keiner das Gut ungetröstet verlasse. Wenn der Reisende aber einfachen Standes, wenn er an ein ärmliches Leben gewöhnt ist und es ihm aus irgendeinem Grunde peinlich ist, im Hause des Gutsbesitzers Wohnung zu nehmen, so sollen sie ihn zu einem wohlhabenden Bauern, zu dem besten und tüchtigsten im ganzen Dorfe, führen, der sich eines musterhaften Lebenswandels befleißigt und seinem Bruder mit einem guten Rate zur Seite stehen kann; dieser soll seinen Gast ebenso herzlich und freundlich nach seinen Verhältnissen ausfragen, ihm Mut zusprechen, ihn ermuntern, ihm einen guten Rat und Zuspruch mit auf den Weg geben, und dann dem Gutsherren über alles Bericht erstatten, damit auch diese ihrerseits ein gutes Wort und einen guten Ratschlag hinzufügen oder ihm Hilfe und Unterstützung schenken können, was und wie sie es für angemessen halten, auf daß niemand ungetröstet davonfahre oder das Gut ohne Zuspruch verlasse.

VII. Siebentens ordne ich an ... doch da fällt mir ein, daß ich hierüber schon nicht mehr zu verfügen habe. Durch eine Unvorsichtigkeit bin ich meines Eigentumsrechtes beraubt worden: mein Porträt ist gegen meinen Willen und ohne Erlaubnis öffentlich verbreitet worden. Aus vielen Gründen, die ich hier nicht näher anzugeben brauche, habe ich dies nicht gewünscht; ich habe daher auch niemand durch Verkauf das Recht abgetreten, eine öffentliche Ausgabe dieses Porträts zu veranstalten, und sämtlichen Buchhändlern, die mit einem solchen Antrag an mich herantraten, eine Absage erteilt; ich gedachte mir dies erst dann zu gestatten, wenn es mir mit Gottes Hilfe gelingen sollte, jenes Werk zu vollenden, das meine Gedanken während meines ganzen Lebens beschäftigt hat, und zwar so zu vollenden, daß all meine Landsleute einstimmig erklärten, ich hätte meine Aufgabe redlich gelöst, und den Wunsch äußerten, die Züge des Menschen kennen zu lernen, der bis zu diesem Augenblick in aller Stille gearbeitet und nie den Wunsch ausgesprochen hätte, einen unverdienten Ruhm zu genießen. Dazu kam noch ein anderer Umstand: mein Bild konnte in solch einem Falle sofort in einer großen Anzahl von Exemplaren verbreitet werden und dem Künstler, der mein Bild stechen würde, einen bedeutenden Gewinn eintragen. Dieser Künstler ist bereits seit mehreren Jahren in Rom damit beschäftigt, einen Stich nach dem unsterblichen Bilde Raffaels: Die Verklärung Christi herzustellen. Er hat dieser Arbeit alles geopfert — einer aufreibenden Arbeit, zu der er viele Jahre gebraucht und die seine Gesundheit aufgezehrt hat, und er hat dies Werk, das nun seiner Vollendung entgegengeht, mit einer solchen Vollkommenheit ausgeführt, wie dies bisher noch keinem Radierer gelungen ist. Wegen der hohen Kosten und da es nur eine kleine Zahl von Kunstkennern und Liebhabern gibt, kann sein Stich nicht in dem Maße verbreitet werden, um ihn für alles zu entschädigen. Hätte er mein Bild stechen können, so wäre ihm geholfen gewesen. Nun aber ist mein Plan zerstört: ist das Bild einer Persönlichkeit einmal in der Öffentlichkeit verbreitet, so wird es dadurch zum Eigentum eines jeden, der sich mit der Herausgabe von Stichen und Steindrucken beschäftigt. Sollte es sich jedoch so fügen, daß nach meinem Tode unveröffentlichte Briefe von mir herausgegeben werden sollten, die der Gesellschaft von Nutzen sein könnten (wenn auch nur durch das reine und aufrichtige Streben, Nutzen zu stiften), und sollten meine Landsleute den Wunsch haben, mein Porträt kennen zu lernen, so bitte ich alle Herausgeber solcher Bilder, hochherzig auf ihre Rechte zu verzichten; dagegen bitte ich die Leser, die sich aus einem übertriebenen Wohlwollen für alles, was Ruhm und Ansehen genießt, ein Porträt von mit angeschafft haben, es sofort, nachdem sie diese Zeilen gelesen haben, zu vernichten, um so mehr, da diese Porträts schlecht und gar nicht ähnlich sind, und sich nur ein solches Porträt zu kaufen, das die Unterschrift: Gestochen von Jordanow trägt. Dies wäre wenigstens eine gute Tat. Noch besser aber wäre es, wenn die, die sich eines gewissen Wohlstandes erfreuen, sich statt meines Bildes den Stich: Die Verklärung Christi kaufen wollten, einen Stich, der selbst nach dem Urteil von Ausländern die Krone der Radiererkunst darstellt und Rußland zum höchsten Ruhme gereicht.

Mein Testament soll sofort nach meinem Tode in allen Zeitungen und Journalen veröffentlicht werden, damit sich niemand aus Unkenntnis und ohne es zu wollen, gegen mich vergehe und damit eine Schuld auf seine Seele lade.

II
Die Frau in der vornehmen Welt
An Frau ***

Sie glauben, Sie können keinen Einfluß auf die Gesellschaft ausüben. Ich bin der entgegengesetzten Ansicht. Der Einfluß der Frau kann sehr groß sein, besonders heute, bei der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung oder -unordnung, die einerseits durch eine matte erschlaffte gesellschaftliche Bildung charakterisiert wird und in der sich andererseits eine seelische Erkaltung und eine moralische Müdigkeit bemerkbar macht, die dringend einer Erweckung und Belebung bedarf. Um jedoch eine solche Neubelebung hervorzubringen, dazu bedürfen wir der Hilfe der Frau. Dies ist eine Wahrheit, die die ganze Welt ganz plötzlich wie eine dunkle Ahnung ergriffen hat. Jedermann scheint etwas von der Frau zu erwarten. Lassen wir einmal alles andere beiseite, sehen wir uns einmal in unserem russischen Vaterlande um und achten wir dabei auf das, was wir so häufig bemerken können: auf die zahlreichen Mißbräuche aller Art. Es stellt sich heraus, daß die Mehrzahl aller Fälle von Bestechungen (Mißbräuchen im Dienst), sowie alle übrigen Vergehen, deren man unsere Beamten und die Bürger aller Klassen beschuldigt, entweder auf die Verschwendungssucht der Frauen, die danach lechzen, in der großen und kleinen Welt zu glänzen und zu diesem Zweck Geld von ihren Männern verlangen, oder aber auf die Hohlheit und die Leere in ihrem häuslichen Leben zurückgeführt werden können, das lediglich allerhand idealen Träumereien und nicht den wahren eigentlichen Aufgaben und Pflichten gewidmet ist, die doch weit schöner und erhabener sind als alle Träumereien. Die Männer würden sich auch nicht den zehnten Teil der Mißbräuche zuschulden kommen lassen, die sie jetzt verüben, wenn ihre Frauen auch nur im mindesten ihre Pflicht und Schuldigkeit täten. Die Seele der Frau — ist für den Mann ein schützender Talisman, der ihn vor vielen moralischen Krankheiten und Ansteckungen behütet; sie ist eine Kraft, die ihn auf dem geraden Wege festhält, und eine Führerin, die ihn vom krummen Pfade auf den rechten zurückleitet; umgekehrt aber kann die Seele der Frau auch der böse Geist des Mannes sein und ihn für alle Ewigkeit zugrunde richten. Sie haben das selbst gefühlt und einen so schönen Ausdruck dafür gefunden, wie ihn bisher noch keine von weiblicher Hand geschriebene Zeile enthält. Jedoch Sie sagen: alle andern Frauen könnten ein Feld für ihre Betätigung finden, nur Sie allein nicht. Sie finden überall Arbeit für sich, sie können Verkehrtes und Verfehltes verbessern und wieder einrenken oder mit etwas Neuem und Notwendigem beginnen — mit einem Wort, sie können überall fördernd eingreifen, nur Sie selbst finden keine Tätigkeit für sich und wiederholen immer wieder betrübt: „Warum bin ich nicht an ihrer Stelle?“ Wissen Sie, daß dies eine allgemeine Verblendung ist? Heute will es jedem so erscheinen, als ob er viel Gutes stiften könnte, wenn er an der Stelle eines anderen stünde oder sein Amt bekleidete, und als ob er es nur in seiner eigenen Stellung nicht könnte. Das ist der Grund allen Übels. Wir alle sollten jetzt darüber nachdenken, wie wir in unsrer eigenen Lage und an der Stelle, wo wir stehen, Gutes wirken können. Glauben Sie mir, Gott hat nicht vergebens einen jeden gerade an die Stelle gestellt, an der er steht. Man muß sich nur ordentlich umsehen. Sie sagen: warum bin ich nicht Mutter einer Familie; dann könnten Sie Ihren Mutterpflichten nachkommen, von denen Sie sich jetzt eine so klare und deutliche Vorstellung machen; oder Sie sagen: warum liegt mein Gut nicht danieder; das würde Sie veranlassen, aufs Land zu gehen, Gutsbesitzerin zu werden und sich mit der Landwirtschaft zu beschäftigen; Sie klagen: warum ist mein Mann nicht in einem gemeinnützigen Beruf tätig, der ihm schwere Pflichten auferlegt, dann könnten Sie ihm behilflich sein, Sie könnten die treibende Kraft sein, die ihn erfrischt und aufmuntert; warum gibt es keine anderen Aufgaben und Pflichten für Sie, als die langweiligen sinnlosen Besuche in der großen Welt und der hohlen seelenlosen vornehmen Gesellschaft, die Ihnen jetzt einsamer und öder erscheint als eine menschenleere Wüste! Und dennoch und trotz alledem ist diese Welt doch bevölkert, es gibt Menschen in ihr und zwar ganz ebensolche wie überall sonst. Sie dulden und quälen sich ebenso und leiden dieselbe Not, schreien stumm um Hilfe und wissen, ach! nicht einmal, wie sie um Hilfe bitten sollen. Welchem Bettler aber soll man zuerst helfen: dem, der noch auf die Straße hinausgehen und betteln kann, oder dem, der nicht einmal die Kraft hat, seine Hand auszustrecken? Sie sagen, Sie wissen nicht und können es sich nicht einmal denken, womit Sie jemand in der vornehmen Welt von Nutzen sein könnten; dazu müsse man über so viele verschiedene Mittel verfügen, dazu müsse man eine so kluge und allseitig unterrichtete Frau sein, daß Ihnen schon bei dem bloßen Gedanken an dies alles der Kopf ganz wirr werde. Wie aber, wenn man dazu nur das zu sein brauchte, was Sie bereits sind? Wie, wenn Sie die Mittel bereits besäßen, deren man gegenwärtig gerade bedarf? Alles das, was Sie über sich selbst sagen, ist vollkommen wahr: Sie sind wirklich noch zu jung, Sie besitzen weder Menschenkenntnis noch Lebenserfahrung, mit einem Wort nichts von alledem, dessen man bedarf, um anderen Menschen geistigen Beistand leisten zu können, vielleicht werden Sie sich diese Dinge sogar niemals aneignen, aber Sie besitzen andere Mittel, durch die Ihnen nichts unmöglich ist. Erstens sind Sie schön, zweitens sind Sie im Besitz eines unbefleckten, von keiner Schmähung und Verleumdung berührten Namens, und drittens verfügen Sie über eine Kraft, über eine Macht, die Sie selbst nicht in sich vermuten, — über die Macht der Herzensreinheit. Die Schönheit der Frau ist noch immer etwas Geheimnisvolles. Gott hat nicht vergebens gewollt, daß gewisse Frauen schön sein sollen; es ist nicht umsonst so eingerichtet, daß die Schönheit auf alle Menschen den gleichen mächtigen Eindruck macht, sogar auf die, die gegen alles gleichgültig und gefühllos und die zu nichts fähig sind. Wenn schon die sinnlose Laune einer schönen Frau die Ursache welthistorischer Revolutionen werden und die gescheitesten Menschen zu allerhand Torheiten veranlassen konnte, wie stände es wohl dann, wenn diese Launen vernünftig und auf das Gute gerichtet wären? Wieviel Gutes könnte wohl dann eine schöne Frau im Vergleich mit anderen Frauen stiften! Dies ist somit eine mächtige Waffe. Sie aber besitzen noch eine höhere Schönheit — den reinen Zauber einer besonderen, nur Ihnen allein eigenen Unschuld, die ich nicht mit Worten beschreiben kann, aus der jedoch jedem Menschen Ihr sanftes Taubengemüt entgegenleuchtet. Wissen Sie, daß die verdorbensten unter unseren jungen Leuten mir gestanden haben, daß ihnen in Ihrer Gegenwart nie ein häßlicher Gedanke eingefallen sei, daß sie, wenn Sie zugegen sind, nie den Mut hätten, — ein Wort zu sagen, — nicht nur kein zweideutiges Wort, mit dem sie wohl andere Auserwählte erfreuen, nein überhaupt kein Wort, da sie das Gefühl hätten, daß in Ihrer Anwesenheit alles grob und plump erscheinen und unanständig und burschikos klingen würde? Dies ist schon eine Wirkung, die ohne Ihr Wissen von Ihrer bloßen Anwesenheit ausgeht! Wer sich in Ihrer Gegenwart nicht einmal einen häßlichen Gedanken erlaubt, der schämt sich bereits dieser Gedanken, und eine solche Selbsterkenntnis ist, auch wenn sie nur einer momentanen Regung entspringt, bereits der erste Schritt des Menschen zur Besserung. So ist denn auch dies eine mächtige Waffe. Zu alledem aber haben Sie noch ein von Gott selbst in Ihre Seele gelegtes Streben oder wie Sie es nennen: einen Durst nach dem Guten. Glauben Sie wirklich, daß Ihnen dieser Durst vergebens verliehen ward, dieser Durst, der Ihnen keinen Augenblick Ruhe läßt? Kaum haben Sie einen edlen, klugen Mann geheiratet, der alle Eigenschaften besitzt, um eine Frau glücklich zu machen, da werden Sie, statt tief in Ihrem häuslichen Glück aufzugehen, in ihm unterzutauchen, schon wieder von dem Gedanken gequält, daß Sie dieses Glückes nicht würdig sind, daß Sie nicht das Recht haben, sich ihm hinzugeben, es zu genießen, während Sie ringsum von soviel Leiden umgeben sind und während jeden Augenblick die Nachricht von allerhand Nöten und Unglücksfällen zu Ihnen dringt: von Hungersnot, Feuersbrünsten, schwerem seelischem Leid und furchtbaren geistigen Krankheiten, die unser heute lebendes Geschlecht ergriffen haben. Glauben Sie mir, das geschieht nicht ohne Grund. Wer inmitten all der lauten Zerstreuungen und Vergnügungen in seiner Seele eine solche himmlische Unruhe und Sorge um die Menschen, ein solches engelhaftes Mitgefühl und Mitleid mit ihnen verschließt, der kann viel, sehr viel für sie tun; der hat stets ein Betätigungsfeld, denn es gibt überall Menschen. Fliehen Sie daher die Welt nicht, in die Sie durch Ihre Bestimmung hineingestellt worden sind; hadern Sie nicht mit der Vorsehung. In Ihnen lebt etwas von jener unbekannten Kraft, deren die Welt jetzt bedarf; schon aus Ihrer Stimme tönen einem jeden, infolge des ständigen Dranges Ihrer Seele, den Menschen zu Hilfe zu eilen, Töne entgegen, die einen verwandt berühren; wenn Sie zu sprechen beginnen, und Ihr reiner Blick und dieses Lächeln, das niemals von Ihren Lippen schwindet und nur Ihnen allein eigen ist, Ihre Rede begleitet, so will es jedem so scheinen, wie wenn eine liebe Schwester aus dem Himmel zu ihm spräche. Ihre Stimme hat etwas Mächtiges, Unüberwindliches angenommen, Sie können befehlen und ein solcher Despot sein, wie keiner von uns. So gebieten Sie denn, wortlos und stumm, durch Ihre bloße Gegenwart; gebieten Sie gerade durch Ihre Schwäche und Kraftlosigkeit, über die Sie so empört sind; gebieten Sie gerade durch jene weibliche Schönheit, die die Frau unserer Zeit leider bereits verloren hat. Mit Ihrer ängstlichen Unerfahrenheit werden Sie heute unendlich mehr ausrichten, als eine kluge Frau, die in ihrem stolzen Selbstvertrauen bereits alles kennen gelernt und ausgekostet hat. Ihre gescheitesten Gedanken, mit denen sie die heutige Welt auf den rechten Weg zurückführen wollte, würden in Form von boshaften Epigrammen auf ihr Haupt zurückschnellen, dagegen wird sich bei keinem von uns ein Epigramm auf die Lippen zu drängen wagen, wenn Sie jemand von uns stumm und mit flehendem Blick auffordern würden, sich zu bessern. Warum haben Sie sich durch die Erzählungen über die Laster und die Verdorbenheit der vornehmen Welt so erschrecken lassen. Diese Laster sind tatsächlich vorhanden, ja noch in weit höherem Maße, als Sie es glauben; aber Sie sollten gar nichts davon wissen. Brauchen Sie sich denn vor den traurigen Lockungen und Sünden der Welt zu fürchten? Stürzen Sie sich nur ruhig mit demselben strahlenden Lächeln in sie hinein; treten Sie ein, wie in ein Krankenhaus, das mit Kranken und Leidenden angefüllt ist, aber nicht als Arzt, der strenge Vorschriften macht und bittre Arzneien verordnet! Sie sollen sich gar nicht darum kümmern, von welchen Krankheiten jeder einzelne befallen ist. Sie haben nicht die Fähigkeit, Krankheiten zu diagnostizieren und zu heilen, und daher werde ich Ihnen nicht dazu raten, wozu ich jeder andern Frau raten müßte, die dazu fähig ist. Ihre Aufgabe besteht lediglich darin, den Leidenden durch Ihr Lächeln und durch Ihre Stimme zu erfreuen, aus der die Seele einer Schwester zu uns Menschen zu sprechen scheint, einer Schwester, die vom Himmel zu uns herabgestiegen ist — nichts mehr. Verweilen Sie nicht zu lange bei jedem Einzelnen und eilen Sie schnell zu dem Nächsten weiter, denn man bedarf Ihrer überall. Ach! An allen Enden der Welt harrt und wartet man ungeduldig auf dieses Eine, auf diese lieben verwandten Laute, diese einzige Stimme, die Sie schon besitzen. Sprechen Sie nie mit Weltleuten über Dinge, über die sich diese Leute zu unterhalten pflegen; zwingen Sie sie, darüber zu sprechen, worüber Sie sprechen. Gott bewahre Sie vor jeglicher Pedanterie und vor allen jenen Reden, die den Lippen einer üppigen Weltdame entströmen. Führen Sie jenen schlichten treuherzigen Plauderton in die Gesellschaft ein, jenen Ton, in dem Sie so beredt zu erzählen wissen, wenn Sie sich im Kreise von nahestehenden Menschen und Hausgenossen befinden, wenn jedes schlichte Wort, das Sie sagen, gleichsam aufstrahlt und Licht um sich her verbreitet und es der Seele eines jeden, der Ihnen zuhört, so erscheint, als rede er mit den Engeln süße Worte über einen himmlischen Kindheitsstand der Menschheit. Solche Gespräche und Reden sollten Sie in die Gesellschaft einführen.

1846.

III
Die Bestimmung der Krankheiten
Aus einem Brief an den Grafen A. P. T.