Durch den Einfall Lomonossows wurde bei uns die Ode eingeführt. Feste, Siegesfeiern, Geburtstage hoher Persönlichkeiten, ja sogar eine Illumination oder ein Feuerwerk werden Gegenstände dieser Oden. Die Verfasser dieser Dichtungen brachten es jedoch bestenfalls nur zu einer gewissen Bravour, ohne daß ihre Produkte von wahrer Begeisterung getragen wurden. Höchstens Petrow macht eine Ausnahme, dem es nicht an einer gewissen Kraft und einem gewissen poetischen Feuer fehlt. Er war ein wirklicher Dichter trotz der Härte und Trockenheit seiner Verse. Die andern erreichten bestenfalls nur die kalte äußere Rhetorik der Oden Lomonossows, und an Stelle des Wohllauts seiner Sprache tritt ein leeres zuchtloses Wortgeklapper, das unser Ohr peinigt. Aber schon hatte der Stahl den Feuerstein getroffen. Schon hatte der Funke der Poesie gezündet. Noch hatte Lomonossow die Leier nicht aus der Hand gelegt, als Dershawin seine ersten Lieder dichtete.

In der Epoche Katharinas, deren Regierung einer glänzenden Sammlung der vorzüglichsten Werke russischer Schöpferkraft gleicht, als sich auf allen Gebieten bedeutende russische Talente regten, in glorreichen Schlachten ruhmgekrönte Feldherren auftraten, große Staatsmänner in der inneren Organisation des Reiches tätig waren, geschickte Diplomaten sich beim Abschluß von Verträgen auszeichneten, in den Akademien Gelehrte und Sprachforscher eine rege Tätigkeit entfalteten, da trat auch der Dichter Dershawin auf. Er hatte das gleiche malerische würdevolle Äußere wie alle Männer aus der Zeit Katharinas, die in einer noch ungezügelten Freiheit den Spielraum für ihre freie Entwicklung fanden. Bei ihnen allen gibt es noch viel Unfertiges, und in den Details Unausgeführtes, wie man es wohl in Werken findet, die allzufrüh in die Öffentlichkeit gebracht werden. Die Möglichkeit einer Vergleichung Lomonossows und Dershawins, die sich einem bei der ersten Bekanntschaft mit beiden Dichtern aufdrängt, schwindet sofort, wenn man Dershawin eingehender kennen lernt. Er bildet vielmehr in allem, selbst in seiner Erziehung, den vollkommenen Gegensatz zu dem ersteren. Während sich Lomonossow völlig den Wissenschaften widmet und das Dichten ausschließlich als eine Zerstreuung und eine Erholung betrachtet, gibt er sich gänzlich der Dichtkunst hin und hält eine vielseitige wissenschaftliche Bildung für unnütz und überflüssig. Rußlands Größe und Staatsmacht kommt auch bei ihm zum Ausdruck, aber nun treten nicht nur die geographischen Umrisse des Reiches hervor, sondern auch die Menschen und ihr Leben werden sichtbar. Was ihn beschäftigt, ist nicht die abstrakte Wissenschaft: sondern die Kenntnis des Lebens. Seine Oden wenden sich bereits an die Menschen aller Berufe und Stände und zeugen von dem Streben, ein Gesetz des richtigen Handelns aufzustellen, nach dem sich der Mensch in allem, selbst in seinen Genüssen zu richten hat. Bei ihm macht sich schon eine wirkliche schöpferische Kraft bemerkbar, er besitzt etwas noch Gewaltigeres und Überirdischeres als Lomonossow, und man begreift nicht, woher der hyperbolische Schwung seiner Rede stammt. Ist es ein Nachklang unseres sagenhaften russischen Rittertums, das noch immer wie eine dunkle Weissagung über unserem Lande schwebt und uns eine bessere Zukunft vorhält, zu der wir bestimmt sind — oder ist es ein Echo seines alten tatarischen Ursprungs? Jener Steppen, in denen noch heute die armseligen Überreste nomadisierender Horden umherirren, die ihre Einbildungskraft an Erzählungen von klafterhohen Helden, die tausend Jahre alt werden, entzünden? — was es auch sein mag: dieser Charakterzug Dershawins hat etwas Wunderbares! Mitunter holt er seine Ausdrücke und Wendungen Gott weiß wie weit her: nur um möglichst nahe an seinen Gegenstand heranzukommen. Hier ist alles kolossal und ungeheuer, aber dort, wo ihn die Kraft der Begeisterung überkommt, da dienen diese ungeheuerlichen Massen nur dazu, um den Gegenstand mit einer schier unbegreiflichen Kraft zu beleben, so daß es uns so vorkommt, als blicke er uns mit tausend Augen an. Man überlese den „Wasserfall“: man hat den Eindruck, als wäre hier eine ganze Epopöe in eine gewaltig dahinstürmende Ode zusammengedrängt. Gemessen an dieser Ode erscheinen alle Dichter neben ihm wie Pygmäen, die Natur erscheint hier wie eine höhere Wirklichkeit neben der, die wir mit unseren Augen sehen, die Menschen gewaltiger als die, die wir kennen, und unser Dasein verglichen mit dem mächtigen Leben, wie es dort dargestellt ist, wie das eines fernen Ameisenhaufens. Von Dershawin kann man sagen: er ist der Sänger des Erhabenen. Bei ihm ist alles erhaben: die Gestalt Katharinens und Rußlands, das sich in seinen acht Meeren spiegelt; seine Feldherrn sind königliche Adler, kurz, bei ihm ist alles groß und majestätisch. Man hat jedoch das Gefühl: was seine Gedanken am meisten beschäftigte, was ihn am meisten bewegte, war der Wunsch, einen im Kampf des Lebens gestählten starken Menschen zu gestalten, bereit, es nicht nur mit seiner Zeit, sondern mit allen Zeitaltern aufzunehmen, ihn so zu zeichnen, wie er nach seiner Ansicht aus den ureigenen Wurzeln unserer russischen Natur erwachsen müßte, genährt und groß geworden auf dem unerschütterlichen Felsen unserer Kirche. Oft läßt er die Person, an die die Ode gerichtet ist, beiseite, um an ihre Stelle seinen unbeugsamen wahrhaftigen Helden zu setzen. Dann spricht er seine tiefen Wahrheiten mit einer Stimme aus, die sich hoch über das gewöhnliche Maß erhebt. Das, was wir einen Gemeinplatz zu nennen gewohnt sind, erhält seine hohe heilige Bedeutung wieder, und wir lauschen seinen ewigen Worten, als wenn der Mund der Kirche selbst zu uns spräche. Verglichen mit den Werken anderer Dichter erscheint alles bei ihm groß und gigantisch: seinen poetischen Metaphern fehlt es an der vollen plastischen Rundung, sie scheinen sich gleichsam in einer Art vergeistigter Kontur zu verlieren, erhalten aber gerade dadurch etwas noch Großartigeres und Erhabeneres. So schildert zum Beispiel der Dichter den greisen Caspius, wie er über den Sturm empört, über das Meer rast:

Wild springt er auf die Wellen los,

Schlägt mit dem Dreizack nach den Schiffen,

Stürmt himmelwärts, stürzt in den Schoß

Des Hades mit gesträubten Haaren,

Und durchs Gebirge hallt sein Schrei.

Hier schien sich ein plastisches Bild des greisen Caspius gestalten zu wollen, aber die Zeichnung verlor sich in abstrakt geistigen Konturen: das Ohr hört nichts als den Donner des brausenden Meeres, und wie dem grauköpfigen Greise, so sträuben sich auch dem Leser die Haare, der erschüttert ist von der rauhen Größe des Bildes. Bei ihm ist alles monumental. Sein Stil ist von einer Größe, wie bei keinem unserer Dichter. Wenn wir diesen Stil mit dem Messer des Anatomen sezieren, so sehen wir, daß dies in einer fremdartigen Verkuppelung pathetischer Worte mit schlichten, ja trivialen begründet ist, wessen sich kein anderer außer Dershawin erkühnen würde. Wer außer ihm würde es wagen, sich so auszudrücken, wie er es an einer Stelle tut, wo er von seinem großen Helden spricht: der nach Vollendung seiner irdischen Aufgabe

den Tod wie einen Gast erwartet

und sinnend sich den Schnurrbart streicht.