XXX
Ein Geleitspruch
Auf deinen Brief werde ich dir jetzt nicht antworten, die Antwort erhältst du später. Ich sehe und begreife alles: deine Leiden sind groß. Bei einer solch zarten, feinfühligen Seele so grobe Beschuldigungen anhören, mit so hohen Gefühlen unter so groben, plumpen Menschen weilen zu müssen, wie die Bewohner dieses armseligen Städtchens, in dem du dich niedergelassen hast und deren rohe täppische Berührung, ohne daß sie es wissen, schon allein ausreicht, um die edelsten Schätze und Kostbarkeiten des Herzens in Scherben zu schlagen; dulden zu müssen, daß mit plumper Bärentatze auf die zarten Saiten der Seele losgeschlagen wird, die dem Menschen dazu verliehen werden, um himmlische Laute auszuströmen, bis sie verstimmt sind und reißen, und über dies alles noch all die Gemeinheiten und Schändlichkeiten mit ansehen zu müssen, die sich täglich ereignen und die Verachtung derer dulden zu müssen, die selbst der Verachtung wert sind — ich weiß wohl, daß ist alles sehr bitter. Und deine physischen Leiden sind nicht weniger qualvoll. Dein Nervenleiden, deine Melancholie und diese furchtbaren Ohnmachtsanfälle, die dich jetzt heimsuchen — das alles ist hart, sehr hart, ich vermag dir nichts andres zu sagen, als daß es wirklich sehr hart, sehr bitter ist! Aber hier hast du einen Trost. Das alles ist nur der Anfang; du wirst noch mehr Kränkungen zu erdulden haben, dir stehen noch härtere Kämpfe [mit der Bestechlichkeit] mit allerhand Schuften und Gaunern und schamlosen Leuten bevor, Leuten, für die es nichts Heiliges gibt, die nicht nur einer solchen Schändlichkeit fähig sind, von der du schreibst [d. h. eine fremde Unterschrift zu fälschen] — die den Mut haben, ein so furchtbares Verbrechen auf einen Unschuldigen zu laden, mit eigenen Augen anzusehen, wie das Opfer ihrer Verleumdung bestraft wird und nicht mit der Wimper zu zucken — ja die nicht nur einer solchen Niedertracht, sondern noch weit niederträchtigerer Handlungen fähig sind, deren bloße Beschreibung einem mitleidigen Menschen für immer den Schlaf rauben könnte (o wenn doch solche Leute nie geboren würden!) Alle himmlischen Heerscharen zittern vor Schrecken beim Gedanken an die furchtbaren Strafen, die sie in jener Welt erwarten und vor denen sie niemand mehr zu retten vermag. Unzählige neue und ganz unvorhergesehene Niederlagen warten deiner. In deiner exponierten [und unscheinbaren] Stellung kann alles passieren. Deine Nervenanfälle und deine Leiden werden noch stärker werden, deine Melancholie wird noch zunehmen, deine Mutlosigkeit wird sich bis zur Verzweiflung steigern, und deine Schmerzen und Qualen werden noch furchtbarer und vernichtender werden. Allein denke stets daran, daß wir nicht in diese Welt berufen werden, um Feiertage und Feste zu feiern — wir werden hierher berufen, um Schlachten zu schlagen, den Sieg werden wir dort feiern. Daher dürfen wir keinen Augenblick vergessen, daß wir ausgezogen sind, um zu kämpfen, und hier gibt es nichts zu wählen und zu überlegen, wo uns weniger Gefahren drohen! Wie ein guter Soldat muß sich ein jeder von uns in den Kampf stürzen, wo er am heißesten tobt. Der himmlische Feldherr schaut von oben auf uns alle herab, und Seinem Blick entgeht nicht die geringste von unseren Handlungen. Du darfst daher das Schlachtfeld nicht meiden, sondern mußt mutig in den Kampf stürmen; auch darfst du dir nicht etwa einen schwachen Feind aussuchen, sondern du mußt dir einen Starken zum Gegner wählen. Der Kampf mit einem kleinen Schmerz und mit geringen Leiden wird dir keine großen Ehren eintragen. [Für einen Russen ist es nicht sehr rühmlich, sich mit einem friedfertigen Deutschen einzulassen, wenn man im voraus weiß, daß er davonlaufen wird; es mit einem Tscherkessen aufzunehmen, vor dem alle zittern, weil sie ihn für unüberwindlich halten, den Kampf mit einem solchen Tscherkessen aufzunehmen und ihn zu besiegen, das ist eine Leistung, deren man sich rühmen kann!] Nun denn, vorwärts mein tapferer Kämpe! Gott helfe dir, mein braver Kamerad! Gott voran, mein herrlicher Freund!
XXXI
Wesen und Eigenart der russischen Poesie
Trotz des äußeren Anscheins der Nachahmung besitzt unsere Dichtung sehr viel Eigenartiges. Ihr natürlicher Quell regte sich schon in der Brust des Volkes, als noch ihr Name in keines Menschen Munde war. Ein Strahl dieses Quells bricht in unsern Liedern hervor, in denen zwar wenig Liebe zum Leben und zu den Dingen dieser Welt, dafür aber eine mächtige Sehnsucht nach einer grenzenlosen, zügellosen Freiheit, ein Streben, sich von den Tönen in eine unendliche Ferne forttragen zu lassen, lebt. Sein Strom bricht auch in unsern Sprichworten hervor, die von dem ungewöhnlich reichen Verstande unseres Volkes zeugen, der alles in ein Werkzeug für seine Zwecke zu verwandeln gewußt hat: die Ironie, den Spott, die Anschaulichkeit, die Treffsicherheit eines plastischen Denkens, um ein von Leben strotzendes Werk zu erschaffen, das das ganze Wesen des Russen ergreift und erschüttert, indem es seine empfindlichsten Stellen zu treffen weiß. Sein Strom bricht endlich auch aus den Reden der Diener unserer Kirche hervor — Reden, die so einfach, so schmucklos und doch so bedeutsam sind, durch das Streben, sich bis zu dem Gipfel leidenschaftsloser, heiliger Ruhe zu erheben, den zu erklimmen, jedes Christen Bestimmung ist, sowie durch die Bemühung, nicht etwa die Leidenschaften des Herzens zu entfachen, sondern den Menschen zu höchster, geistiger Nüchternheit und Besonnenheit zu erziehen. Dies alles versprach unserer Dichtung eine eigenartige und urwüchsige Entwicklung, wie sie den andern Völkern unbekannt war. Aber nicht von diesen drei Quellen, die bereits in uns ruhten, leitet unsere wohllautende Poesie, die uns heute einen so hohen Genuß bereitet, ihren Ursprung her, so wenig als die Struktur unserer gegenwärtigen bürgerlichen Ordnung sich auf Elemente zurückführen läßt, die unserem Lande schon früher eigen waren. Unsere bürgerliche Ordnung ist ja auch nicht durch eine geregelte allmähliche Entwicklung der Dinge, nicht durch eine langsame wohlüberlegte Verpflanzung europäischer Sitten in unser Land entstanden — was schon aus dem einfachen Grunde unmöglich war, weil die europäische Aufklärung bereits eine viel zu hohe Stufe der Reife erreicht hatte, weil ihre Wogen schon zu hoch gingen, als daß sie nicht früher oder später von allen Seiten über Rußland hereinbrechen und ohne einen solchen Führer, wie Peter es war, in allen Dingen eine viel größere Unordnung hervorrufen mußten, als sie sich später tatsächlich bemerkbar machte. Unsere bürgerliche Ordnung entsprang aus einer Erschütterung, aus jener gewaltigen Erschütterung des ganzen Staates, die der Zar, dieser große Reformator, hervorrief, als Gottes Wille ihm den Gedanken eingab, sein junges Volk in den Kreis der europäischen Staaten einzureihen und es plötzlich mit allem bekannt zu machen, was sich Europa durch lange Jahre blutiger Kämpfe und Leiden errungen hatte. Eine so plötzliche Umkehr war eine Notwendigkeit für das russische Volk, und die europäische Aufklärung war der Feuerstahl, der diese ganze Volksmasse treffen mußte, die im Begriff war, einzuschlafen. Der Stahl verleiht dem Stein kein Feuer, wenn aber der Stahl den Stein nicht trifft, gibt der Stein kein Feuer von sich. Und sogleich schlug aus dem Volk eine Flamme empor. Diese Flamme war die Freude, die Freude über das Erwachen, die im Anfang freilich noch unbewußt war. Noch hatte keiner das Gefühl, daß er dazu erwacht sei, um im Licht der europäischen Bildung sich selbst besser kennen zu lernen, nicht aber Europa zu kopieren. Jeder fühlte nur, daß er erwacht war. Aber schon diese bloße Umwälzung des ganzen Staates, die durch einen einzigen Menschen, und zwar durch den Zaren selbst, bewirkt war, der zeitweilig sogar großmütig auf seine Zarenwürde verzichtete, um jedes Handwerk kennen zu lernen und mit der Axt in der Hand in allen Dingen voranzugehen, damit keine von den Wirrungen und Verwicklungen entstünde, die selbst die geringfügigsten Veränderungen der Staatsform zu begleiten pflegen — schon diese Umwälzung war in der Tat eine Sache, die der Freude und der Begeisterung wert war. Eine Staatsumwälzung, die gewöhnlich das in Mitleidenschaft gezogene Volk auf Jahre unter Ströme von Blut setzt, wenn sie die Folge innerer Parteikämpfe ist, wurde hier im Angesicht von ganz Europa in so geordneter Weise vollzogen, wie das glänzende Manöver eines vortrefflich geschulten Heeres. Rußland erhob sich plötzlich zur Würde eines großen Staates, seine Stimme wurde dem Donner gleich, ein Glanz strahlte von ihm aus: der Widerschein der europäischen Bildung. Alles in dem jungen Staate geriet in Begeisterung, allen entrang sich ein Schrei des Staunens, wie ihn ein Wilder angesichts neueingeführter kostbarer Schätze ausstößt. Diese Begeisterung spiegelt sich in unserer Poesie oder richtiger: sie hat diese Poesie erst erschaffen. Das ist der Grund, warum diese Poesie mit dem ersten Gedicht, das veröffentlicht wurde, einen so feierlichen Klang annimmt. Spricht doch aus ihr das Bestreben, einen Ausdruck für die Begeisterung über das neue Licht, das sich über Rußland ergossen hatte, für das Staunen über die große Aufgabe, die dem Lande bevorstand und für den Dank zu finden, den es dem Zaren für dies alles schuldete. Seit dieser Zeit wurde das Streben nach dem Licht unser eigentliches Element, der sechste Sinn des Russen, und es erschuf unsere gegenwärtige Poesie, indem es ihr jenes neue lichtbringende Prinzip einhauchte, das wir in keiner der drei Quellen, von denen zu Beginn die Rede war, entdecken konnten.
Was ist Lomonossow, wenn wir ihn an sich betrachten? Ein schwärmerischer Jüngling, begeistert von dem Licht der Wissenschaft und der hohen Aufgabe, die er vor sich sieht. Wie durch Zufall wird er Poet. Die Freude über den ersten Sieg der Russen läßt ihn seine erste Ode aufs Papier werfen, hastig entlehnt er bei unsern deutschen Nachbarn Form und Metrum, wie sie in jener Zeit bei ihnen üblich waren, ohne zu überlegen, ob sie sich für unsere russische Sprache eignen oder nicht. Seine künstlichen rhetorischen Oden lassen auch nicht eine Spur schöpferischer Kraft erkennen, aber die Begeisterung bricht doch schon allenthalben hervor, wo er einen Gegenstand berührt, der seiner wissensdurstigen Seele nahesteht. Das Nordlicht, mit dem er sich in seinen wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigte, kommt ihm in Sinn, und die Frucht dieses Einfalls ist die Ode: Abendbetrachtungen über Gottes Größe, die von Anfang bis Ende eine hohe Majestät und Würde atmet und die kein anderer außer Lomonossow hätte schreiben können. Ein ähnlicher Einfall wird der Anlaß für die Epistel an Schuwalow: Über den Nutzen des Glases. Jede Erwähnung Rußlands, das seinem Herzen so nahesteht und das er immer durch die Perspektive seiner glänzenden Zukunft sieht, erfüllt ihn mit wunderbarer Kraft. Mitten unter kalten nüchternen Strophen begegnen wir Versen, die uns plötzlich in eine andere Welt versetzen. Man hat das Gefühl, als ob — um uns seiner eigenen Worte zu bedienen —
Der Götterjüngling David leicht
Der Harfe heil’ge Saiten meistert
Und aus Jesaias Mund begeistert
Ein Psalm empor zum Himmel steigt.
Er überschaut das ganze russische Land von einem Ende bis zum andern, wie von einem lichten Gipfel herab, begeistert und entzückt von seiner grenzenlosen Weite und seiner jungfräulichen Natur, und es scheint, als wolle sein Entzücken kein Ende nehmen. Aus seinen Schilderungen spricht mehr die Ansicht eines gelehrten Naturforschers als die eines Dichters, aber die treuherzige reine Kraft seiner Begeisterung verwandelt den Naturforscher in einen Dichter, und was das Merkwürdigste ist, indem er seine Verse in die strengen Maße des deutschen Jambus preßt, tut er der Sprache durchaus keine Gewalt an; die Sprache fließt innerhalb der engen Grenzen dieses Versmaßes mit der gleichen Würde und Freiheit dahin, wie ein wasserreicher Fluß in seinem breiten Bette. Ja, sie klingt in seinen Versen noch schöner und freier als in seiner Prosa, und Lomonossow heißt daher nicht umsonst der Vater unserer Verskunst. Das Merkwürdige ist, daß der Urheber unserer Sprache zugleich auch ihr Herr und Gesetzgeber wird. Lomonossow steht an der Spitze unserer Dichter wie die Vorrede zu einem Buche. Seine Poesie ist die aufsteigende Morgenröte: sie gleicht einem Wetterleuchten, das zwar nicht allem Helligkeit verleiht, sondern sein Licht nur auf einzelne Strophen wirft. Rußland erscheint bei ihm nur in seinen allgemeinen geographischen Umrissen; er scheint ausschließlich darum bemüht zu sein, eine Skizze von dem gewaltigen Reich zu entwerfen, und seine Grenzen durch Punkte und Linien abzustecken, während er die Ausmalung den andern überläßt. Er selbst ist gleichsam nur ein erster prophetischer Entwurf der Dinge, die da kommen sollen.