Der ganze Apparat der Justiz, wie z. B alle Kreisgerichte und ihre höchste Instanz, das Zivilgericht, scheint, da dieses völlig von seinem Ministerium abhängig ist, ganz unabhängig vom Gouverneur zu sein, und doch werden diese Instanzen auf Schritt und Tritt durch den Gouverneur daran gehindert, Mißbräuche zu begehen, da dieser während seiner Inspektionsreisen durch die Provinz, die mindestens zweimal im Jahre stattfinden, das Recht hat, dem Gericht einen Besuch abzustatten und zu verlangen, daß ihm zwei oder drei Gerichtsentscheidungen vorgelegt werden, die er auf gut Glück herausgreifen kann, um sie bei sich zu Hause mit seinem Sekretär nachzuprüfen und auf diese Weise alle in Schrecken zu halten. Kurz, obwohl er keinerlei Oberhoheit über die Instanzen hat, die von anderen Vorgesetzten abhängen, hat er doch das Recht, überall Mißbräuche zu verhindern, wo solche immer vorkommen mögen. Auf den Adel kann er lediglich einen moralischen Einfluß ausüben. Im übrigen ist es so eingerichtet, daß er es in seinem amtlichen Verkehr mit dem Adel, mit dem eigenen Vertreter des Adels, dem Adelsmarschall der Provinz zu tun hat und sich lediglich durch diesen mit dem ganzen Adel in Beziehung und ins Einvernehmen setzt; an diesem Punkte tritt die Weisheit des Gesetzgebers mit besonderer Deutlichkeit zutage, denn auf eine andere Weise wäre es dem Generalgouverneur gänzlich unmöglich, sich mit dem Adel in Beziehung und ins Einvernehmen zu setzen, wenn man nämlich die große Verschiedenheit in der Erziehung, in den Sitten, der Denkweise und die ungeheure Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit der Charaktere in unserem Adelstande in Betracht zieht, wie sie in keinem europäischen Adelsgeschlechte vorkommt und wie sie sich bei uns in unserem Adel verkörpert hat. Der Rang des Adelsmarschalls ist dem des Gouverneurs beinahe gleich, denn der Adelsmarschall hat nächst dem Gouverneur Anspruch auf den ersten Platz in der Provinz; schon allein dadurch werden beide auf die Notwendigkeit hingewiesen, gute Freundschaft zu halten, da ihre gesellschaftlichen Beziehungen sonst etwas Gezwungenes haben, und da sie sich in ihrem amtlichen Verhältnis unfrei und beengt fühlen würden. Auch die Ämter des Polizeihauptmanns und der Assessoren, die beide vom Adel gewählt werden, aber ganz von dem Gouverneur abhängen, weisen darauf hin, wie notwendig es ist, daß beide Teile sich gegenseitig unterstützen. Der Adelsmarschall kann auch in solchen Fällen sehr viel ausrichten, wo seine eigene Macht beschränkt ist, indem er sich auf den Gouverneur beruft und mit ihm droht; und ebenso vermag der Gouverneur durch den Adelsmarschall weit erfolgreicher und kraftvoller auf den Adel einzuwirken.
Fehler und Versehen können überall vorkommen, überall können sich Unrecht, Lüge und Trug einschleichen; selbst der Gouverneur kann fehlen und irren. Doch auch dieser Fall ist vorgesehen: dafür gibt es eine besondere Persönlichkeit, die von niemand abhängt, und die allen, selbst dem Gouverneur gegenüber ihre Unabhängigkeit wahren muß — das ist der Staatsanwalt, der das Auge des Gesetzes ist, ohne das kein Stück Aktenpapier über die Grenzen der Provinz hinausgelangen kann. Keine Angelegenheit kann vor einer Instanz des Gouvernements zur Verhandlung kommen, ohne ihm vorgelegt zu werden. Es kann kein Beschluß gefaßt werden, ohne daß er zuvor jede Seite mit dem Vermerk „Gelesen“ versehen hat. Er selbst aber hat niemand in der ganzen Provinz über sich; er hat niemand Rechenschaft abzulegen außer dem Justizminister; nur mit diesem steht er in unmittelbarem Verkehr, und er kann jederzeit gegen alles, was in der Provinz unternommen wird, Beschwerde einlegen.
Mit einem Wort, es fehlt nirgends an etwas, und aus allem spricht die Weisheit des Gesetzgebers; aus der Einsetzung der einzelnen staatlichen Autoritäten sowohl wie aus der Art ihres Verkehrs miteinander. Ich rede nicht einmal von den Institutionen, die auf einen noch größeren Weitblick der Regierung schließen lassen; ich will nur an das Gewissensgericht erinnern, denn etwas Ähnliches ist mir in keinem anderen Staate bekannt geworden. Meiner Überzeugung nach ist das der Gipfel der Menschenliebe und der Herzenskenntnis. Alle Fälle, in denen ein Konflikt mit dem Gesetz als eine Last und als Härte empfunden werden würde, alle Angelegenheiten, an denen Jugendliche oder Geisteskranke beteiligt sind, alles, worüber nur das menschliche Gewissen zu entscheiden vermag, und jene Fälle, wo selbst die Anwendung des gerichtlichen Gesetzes zur Ungerechtigkeit würde; kurz alles, was im höchsten Sinne des Christentums in liebevoller und friedlicher Weise und unter Vermeidung aller Weiterungen vor höheren Instanzen entschieden und erledigt werden muß — fällt unter die Kompetenzen dieses Gerichts. Wie weise ist doch die Einrichtung, daß die Wahl des „Gewissensrichters“ vom Adel abhängt, denn der Adel wählt hierzu gewöhnlich einen Mann, den die allgemeine Stimme für den menschenfreundlichsten und uneigennützigsten Menschen erklärt. Wie gut ist es ferner, daß er keinerlei Gehalt oder Lohn für seine Mühe erhält, und daß diese Tätigkeit für den Menschen mit keinerlei weltlichen Lockungen verbunden ist! Eine Zeitlang war ich von dem lebhaften Wunsch beseelt, dieses Amt zu übernehmen. Wieviel verwickelte Streitfälle kann man da schlichten! Die Parteien werden ihre Streitigkeiten ohne Rücksicht auf ihren eigenen Vorteil dem Gewissensgericht unterbreiten, so wie es bekannt wird, daß der Richter tatsächlich nach bestem Wissen und Gewissen entscheidet und daß er sich durch die Verwaltung seines göttlichen Richteramts berühmt gemacht hat. Denn wer von uns sehnt sich nicht nach Frieden und Versöhnung?
Kurz, je genaueren Einblick man in den Verwaltungsorganismus unserer Provinzen gewinnt, um so mehr staunt man über die Weisheit der Gesetzgeber: man hat das Gefühl, Gott selbst habe die Herrscher und Regenten mit unsichtbarer Hand geleitet und gelenkt. Hier fehlt es an nichts, ist alles vollendet, alles ist so darauf angelegt, daß wir uns gegenseitig die Hand reichen, uns zu guten Handlungen anfeuern und uns gegenseitig helfen und fördern, nur die Wege zu Mißbräuchen sollen uns verbaut werden. Ich kann mir nicht einmal denken, was ein besonderer Beamter hier noch sollte, jede neue Person wäre hier nicht am Platze, jede Neuerung wäre eine überflüssige Zutat. Und doch haben sich, wie Sie ja selbst wissen, in den Provinzen Regierungsbeamte gefunden, die es verstanden, diesen ganzen Mechanismus noch durch eine Schar von Beamten mit besonderen Aufträgen und eine lange Reihe von provisorischen Kommissionen und Untersuchungskommissionen zu belasten, die die Funktionen jeder Instanz noch weiter geteilt und zerlegt und den Beamten so den Kopf verwirrt haben, daß sie jeden Begriff von den genauen Grenzen ihres Berufs verloren. Es ist sehr gut, daß Sie es nicht auch so gemacht haben, Sie verstanden die Sache nämlich schon damals viel besser, als die andern. Sie wissen zu gut: einen neuen Beamten anstellen, der einem andern auf die Finger sehen soll, damit er nicht soviel stiehlt, das bedeutet soviel, wie zwei Diebe statt eines schaffen. Überhaupt ist dies System der gegenseitigen Beschränkung und Überwachung eine höchst kleinliche Methode. Man kann die Wirkungssphäre eines Menschen nicht durch die eines anderen beschränken, schon im folgenden Jahre wird sich die Notwendigkeit herausstellen, auch den unter Aufsicht und Kontrolle zu stellen, den man angestellt hat, um die Macht des ersten zu beschränken, und so würden die gegenseitigen Einschränkungen kein Ende nehmen. Das ist ein trauriges und törichtes System; gleich allen andern negativen Systemen konnte es sich nur in Kolonialstaaten herausbilden, die sich aus allerhand zusammengelaufenen Völkern zusammensetzten, kein nationales Ganzes bildeten und von keinem gemeinsamen Volksgeist beseelt wurden, bei solchen Völkern gibt es weder so etwas wie Selbstaufopferung noch vornehme Gesinnung, solche Nationen lassen sich nur von ihrem persönlichen Eigennutz leiten. Man muß Zutrauen zum Adel menschlicher Gesinnung haben, sonst kann es überhaupt keinen Adel der Gesinnung geben. Wer da weiß, daß man ihn mit Mißtrauen ansieht, wie einen Gauner, und ihm überall Aufseher zugesellt, die ihn überwachen sollen, der läßt unwillkürlich die Hände sinken. Man muß den Menschen die Hände lösen und sie nicht noch fester binden. Man muß darauf dringen, daß sich jeder allein beherrschen lernt, damit er nicht von andern festgehalten zu werden braucht; er muß weit strenger gegen sich sein, als das Gesetz, und selbst einsehen lernen, worin er sich an seinem Amte versündigt. Kurz, man muß ihm einen Begriff von dem Wesen seiner höheren Aufgabe beibringen. Das aber vermag allein der Generalgouverneur, wenn er es nicht verschmäht, sich selbst über das wahre Wesen jedes Amts und Berufs zu unterrichten, sich an die Stelle jedes Beamten zu versetzen, den er zum vollen Verständnis seiner Pflichten erziehen möchte, und in Gedanken mit ihm zusammen den Dienst zu verrichten. Hierdurch wird Ihr ganzer Verkehr mit den Beamten einen persönlichen Charakter annehmen; Sie werden dazu keiner Sekretäre und keiner Schreibereien auf totem Aktenpapier bedürfen; infolgedessen werden Sie nur ein kleines eigenes Bureau haben, das keine Ähnlichkeit mit jenen ungeheueren riesenhaften Kanzleien haben wird, wie sie sich andere Regierungsbeamte einrichten. Diese ungeheueren Bureaus aber sind, wie Sie selbst wissen, ein großer Schaden, denn sie tragen dazu bei, allen Beamten ihre eigentliche Arbeit abzunehmen, eine neue Instanz und folglich neue Schwierigkeiten zu schaffen, ja sie sind der Anlaß, daß ganz unmerklich neue Persönlichkeiten mit wichtigen Machtvollkommenheiten auftauchen, z. B. irgendein gewöhnlicher Sekretär, den häufig niemand bemerkt und durch dessen Hände dennoch alle Akten gehen; ein solcher Sekretär schafft sich eine Geliebte an, dies führt zu Intrigen und Streitigkeiten, und bald ist der Teufel in eigener Person da, der doch jederzeit auf der Lauer liegt. Das Ende vom Liede aber ist dies: daß abgesehen von der Heraufbeschwörung neuer Verwirrungen und Verwickelungen noch unübersehbare Summen von Staatsgeldern verschlungen werden. Gott bewahre Sie davor, sich ein Bureau einzurichten. Setzen Sie sich nie anders als persönlich mit jemand auseinander. Wie kann man bloß gering von einem Gespräch mit einem Menschen denken, besonders wenn es sich dabei um etwas, was ihm nahe liegt, um seinen Beruf und seine Pflichten, und folglich um seine Seele selbst handelt? Wie kann man nur ein törichtes Zeitungsgeschwätz und totes Gerede über allerhand Schwindelnachrichten, wie sie aus den verlogenen europäischen Zeitschriften geschöpft werden, einem solchen Gespräch vorziehen? Die Pflicht der Menschen ist ein Gegenstand, über den man sich so unterhalten kann, daß es beiden Teilnehmern so scheint, als sprächen sie in Gottes eigener Gegenwart mit den Engeln. Nun denn, so reden auch Sie auf diese Weise mit Ihren Untergebenen, d. h. reden Sie so mit ihnen, daß ihre Seele Nahrung und Belehrung aus dem Gespräch schöpft! Vor allem aber — und dies dürfen Sie nie vergessen — sprechen Sie russisch mit ihnen. Damit meine ich nicht jene Sprache, der wir uns jetzt in der Praxis des täglichen Lebens bedienen und die hierbei der Verhunzung verfällt, auch nicht die Büchersprache oder die Sprache, die sich zu einer Zeit herausgebildet hat, als bei uns noch allerhand Mißbräuche an der Tagesordnung waren, sondern jene echte wahrhafte russische Sprache, deren unsichtbare Schwingungen das ganze russische Land durchdringen, trotz unserer Ausländerei in unserem eigenen Lande, jene Sprache, die zwar noch nicht mitbeteiligt ist an dem Werke unseres Lebens und die wir doch alle als die wahre russische Sprache empfinden. In dieser Sprache heißt der Vorgesetzte: Vater. Seien auch Sie ihnen das, was ein Vater seinen Kindern ist. Ein Vater aber führt keine papierene Korrespondenz mit seinen Kindern, sondern verständigt sich direkt und unmittelbar mit einem jeden von ihnen. Wenn Sie es so machen werden, werden Sie jedem das echte Verständnis für seinen Beruf mitteilen und eine wahrhaft große Leistung vollbringen.
Und nun will ich Ihnen noch eine Aufgabe nennen, die niemand lösen kann, außer einem Generalgouverneur, und die heute nicht bloß einem Bedürfnis, sondern geradezu einer dringenden Notwendigkeit entspricht; es ist dies die Aufgabe, dem Adel eine richtige Auffassung von seiner Bestimmung beizubringen. Der Adel in seinem wahrhaft russischen Wesenskern ist etwas sehr Schönes, trotz der fremdländischen Schale, von der er zeitweilig überwachsen ist. Aber unser Adel hat noch kein Gefühl dafür. Vielen dämmert zwar schon eine dunkle Ahnung davon auf, andre jedoch wissen noch immer nicht das Geringste davon, wiederum andere nehmen sich den Adelsstand fremder Länder zum Vorbild, und schließlich gibt es noch solche, die sich nicht einmal die Frage stellen, ob es überhaupt einen Adel auf der Welt zu geben brauchte? Aber selbst wenn sich unter ihnen einige Leute befinden, die ein Paar vernünftige und klare Gedanken über diese Frage haben, so dringen diese Gedanken doch noch nicht in die Massen, und die Masse hört sie noch nicht. In der letzten Zeit hat sich in unserem Adelsstande zu alledem wieder ein Geist des Mißtrauens gegen die Regierung verbreitet. Während der letzten europäischen Revolutionen und Wirren aller Art waren einige Bösewichte besonders bemüht, in den Kreisen unseres Adels das Gerücht zu verbreiten, als suche die Regierung die Bedeutung des Adels herabzusetzen und ihn bis zur völligen Bedeutungslosigkeit herabzudrücken. Allerhand Flüchtlinge, Emigranten und Leute, die es nicht gut mit Rußland meinten, schrieben allerlei Aufsätze und füllten die Spalten der ausländischen Zeitungen mit ihnen an, in der Absicht, Feindschaft zwischen der Regierung und dem Adel zu säen: einerseits wollte man dem russischen Kaiser beweisen, daß es eine phantastische Partei von Bojaren gäbe, die an der regierenden Gewalt selbst rüttelten, und andererseits wollte man dem Adel einreden, daß der Kaiser ihm nicht wohlwolle und diesen Stand überhaupt nicht schätze, das heißt, diese Leute wollten eine solche Suppe in Rußland einbrocken und solche Wirren hervorrufen, die ihnen Gelegenheit geben sollten, selbst eine Rolle zu spielen. Man spekulierte darauf, daß Furcht und gegenseitiges Mißtrauen etwas Schreckliches sind und allmählig selbst die heiligsten Bande zu zerreißen vermögen. Aber Gott sei Dank, die Zeiten sind vorüber, wo ein paar verrückte Menschen einen ganzen Staat in Aufruhr bringen konnten. Dieser Versuch blieb nichts als ein phantastisches Projekt; dennoch aber haben die Funken des gegenseitigen Mißtrauens und Mißverstehens gezündet, und ich kenne viele Adelige, die ganz ernstlich davon überzeugt sind, daß der Kaiser den Adelstand nicht liebt, und die sogar tief betrübt darüber sind. Bringen Sie diese Sache ins reine und klären Sie diese Leute über die ganze Wahrheit auf, ohne ihnen das Geringste vorzuenthalten. Sagen Sie ihnen, daß der Kaiser diesen Stand mehr liebt als alle anderen Stände, aber freilich nur den Adel in seinem echt russischen Wesen, nur jene schöne edle Form und Gestalt des Adels, die dem eigentlichen Geiste unseres Landes entspricht. Es kann ja auch gar nicht anders sein. Sollte er etwa die Zierde, die Blüte seines Landes nicht lieben? Denn bei uns ist der Adel die Blüte des eigenen Volkes und nicht ein fremdes eingewandertes Element. Allein der Adel muß selbst zeigen, was er ist, und die Bedeutung seines Berufs beweisen, denn so wie er jetzt ist, bei diesem völligen Mangel eines einheitlichen gemeinsamen Besitzes, bei dieser Verschiedenartigkeit der Anschauungen, der Erziehung, der Lebensweise und der Gewohnheiten, bei dieser falschen und verworrenen Ansicht über sich selbst kann der Adel niemand eine wirkliche, wahrhafte Vorstellung davon mitteilen, was der Adel in unserem Lande eigentlich darstellt. Daher kann auch der weiseste Mann heute nicht wissen, was er mit diesen Leuten anfangen soll. Der Adel muß sich selbst seine wahre und volle Bedeutung wieder erobern. Und dabei können Sie allen in wahrem Sinne behilflich sein, denn Sie sind doch selbst ein russischer Edelmann, und da Sie Verständnis für die Bedeutung unseres Adels besitzen, werden Sie sie auch den Leuten am besten klarmachen können. Dazu bedarf es nicht etwa vieler Worte, denn das, was Sie ihnen erklären werden, liegt ja schon im Keim angelegt in ihrer Brust. Unser Adel ist in der Tat eine ganz ungewöhnliche Erscheinung. Dieser Stand hat sich bei uns ganz anders herausgebildet als in anderen Ländern. Er führt seinen Ursprung nicht etwa auf eine gewaltsame Invasion eines fremden Stammes zurück, er ist nicht aus Vasallen und ihrem Heeresgefolge hervorgegangen, die sich in beständiger Auflehnung gegen die höchste Gewalt befinden und die Bedrücker der unteren Klassen sind; unser Adel leitet seinen Ursprung von Diensten her, die er dem Kaiser und dem ganzen Lande geleistet hat, von Leistungen, die auf sittlichen Vorzügen und Verdiensten und nicht auf roher Gewalt beruhten. Unser Adel kennt den Stolz auf irgendwelche Vorzüge und Privilegien seines Standes nicht, wie man ihn wohl in anderen Ländern findet, der Hochmut der deutschen Aristokraten ist ihm fremd; bei uns prahlt niemand mit seinem Geschlecht oder mit dem alten Ursprung seiner Familie, obwohl unsere Aristokratie die älteste ist — dies tun höchstens ein paar Anglophile, die diese Gewohnheit während ihrer Reisen in England angenommen haben; es mag wohl hin und wieder einmal vorkommen, daß sich jemand seiner Ahnen rühmt, doch auch dann nur solcher, die ihrem Kaiser und ihrem Land wirkliche treue Dienste geleistet haben, dagegen soll er es nur versuchen, mit einem Ahnherrn zu prahlen, der ein schlechter Kerl war, seine eigenen Standesgenossen würden sofort ein Epigramm gegen ihn loslassen. Es gibt nur eine Sache, der sich ein jeder zu rühmen wagt, — das ist das Gefühl für sittlichen Anstand, das ihm Gott selbst in die Brust gelegt hat. Und wenn es darauf ankommt, diese höchste innere Vornehmheit durch die Tat zu beweisen, so bleibt bei uns kein einziger hinter dem andern zurück, selbst wenn es der schlechteste von ihnen allen ist und wenn er ganz tief in Schmutz und Asche drinsteckt. Der Adel ist bei uns etwas wie ein Gefäß für diesen sittlichen Anstand, der sich über das ganze russische Land verbreiten muß, damit alle anderen Stände einen Begriff davon erhalten, warum der höchste Stand die Blüte des Volkes genannt wird. Wenn Sie ihnen annähernd das sagen werden, was ich Ihnen hier sage, und was die lauterste Wahrheit ist, und wenn Sie sie auf den Wirkungskreis hinweisen werden, der sich jetzt vor ihnen allen auftut: auf den Wirkungskreis, in dem sie ihren Namen verewigen und ihm ein dauerndes Leben in der Nachwelt sichern können, wenn Sie es ihnen völlig klarmachen werden, daß das ganze russische Land um Hilfe schreit und daß man dem Lande nur durch große, hochherzige Taten helfen kann, daß man aber vor allem denen mit großen Taten vorangehen soll, denen Adel und Vornehmheit schon bei der Geburt geschenkt wurden, so werden Sie sehen, daß ihre Herzen mit dem Ihren zusammenklingen werden, wie zwei Becher bei einem Festmahl. Verheimlichen Sie ihnen nichts, sondern eröffnen Sie ihnen die volle Wahrheit. Sollen sie etwa dieselben Dinge aus lügenhaften Berichten ausländischer Zeitungen erfahren und soll man etwa allerhand Brauseköpfe ihnen den Kopf verwirren lassen? Decken Sie ihnen die ganze Wahrheit auf. Sagen Sie ihnen, daß Rußland wirklich unter den räuberischen Praktiken und unter den Betrügereien zu leiden hat, die heute mit einer Dreistigkeit ihr Haupt erheben, wie noch nie zuvor, und daß dem Kaiser das Herz so weh tut, wie niemand von ihnen es ahnt oder glaubt und auch nur ahnen kann. Ja und könnte es denn anders sein beim Anblick dieses Knäuels neuer Verworrenheiten und Verwickelungen, die sich zwischen den Menschen aufgetürmt, sie voneinander getrennt und jedermann die Möglichkeit geraubt haben, Gutes und wahrhaft Nützliches für sein Vaterland zu leisten, angesichts endlich dieser allgemeinen Verfinsterung und Entfremdung gegenüber dem Geist des Vaterlandes, angesichts endlich all dieser Erpresser und Gauner, dieser käuflichen Rechtsverdreher und Räuber, die wie die Raben von allen Seiten herbeigeflogen kommen, um uns bei lebendigem Leibe zu fressen und im Trüben nach ihrem elenden Vorteil zu fischen. Wenn Sie ihnen das sagen und ihnen sodann beweisen werden, daß Sie jetzt vor der großen Aufgabe stehen, dem Kaiser einen wahrhaft edlen und hohen Dienst zu leisten: nämlich ebenso hochherzig wie ihre Väter einstmals in Reih und Glied wider die Feinde des Landes traten, nunmehr in die unscheinbarsten Posten und Stellungen einzurücken, selbst wenn diese von elenden Pöbelmenschen entehrt und in den Kot gezerrt sein sollten, so werden Sie sehen, wie unser Adel sich aufraffen wird. Man wird sich kaum retten können von all den Leuten, die den Wunsch haben, sich dem Staatsdienst zu widmen und die allerunbedeutendsten Stellungen einzunehmen. Und nach geleisteten Diensten werden sie keinen Lohn, keine Auszeichnungen, ja nicht einmal irgendwelche Vorrechte und Privilegien für sich verlangen, zufrieden, daß sie ihre hohen inneren Vorzüge ans Licht stellen konnten. Kurz — machen Sie ihnen bloß die Hoheit ihrer Bestimmung klar, und Sie werden sich von der Vornehmheit ihres Wesens überzeugen. Sie können sie auch auf eine zweite große Aufgabe hinweisen, der sie sich widmen können: auf die Erziehung der ihnen anvertrauten Bauern; sie sollen Menschen aus ihnen machen, die ganz Europa zum Vorbild ihres Standes werden, denn heute fangen manche Leute in Europa ernsthaft an, über die alte patriarchalische Lebensordnung nachzudenken, deren Fundamente überall, außer in Rußland, verschwunden sind, und man beginnt schon laut über die Vorzüge unseres ländlichen Lebens zu reden, nachdem man die Ohnmacht und Unfähigkeit aller heutigen Institutionen und Einrichtungen, sich aus eigener Kraft zu verbessern und zu reformieren, erkannt hat. Daher müssen wir den Adel dazu bewegen, das wahrhaft russische Verhältnis zwischen Gutsbesitzer und Bauer zu erforschen, nicht aber den verlogenen unwahren Zustand, wie er sich infolge ihrer schmählichen Gleichgültigkeit gegen ihre eigenen Güter, die sie der Obhut fremder Tagelöhner und Verwalter überließen, herausgebildet hat, — wirklich und wahrhaftig für die Bauern zu sorgen, wie für ihre eigenen Blutsverwandten und nicht wie für fremde Leute; ja Sie sollten sie lehren, ihre Bauern anzusehen wie ein Vater seine Kinder. Hierdurch allein können sie diesen Stand dazu machen, was er wirklich sein soll, diesen Stand, der bei uns wie mit Vorbedacht weder den Namen der Freien noch der Sklaven, sondern den Namen Krestjane (Bauern), nach dem eigenen Namen Christi trägt. Dies alles kann der Generalgouverneur dem Adel sehr gut klarmachen, wenn er nur zur rechten Zeit daran denkt, sich’s überlegt und selbst zum vollen Verständnis der Bedeutung unseres Adels gelangt. Und dies wird die zweite unter Ihren großen Leistungen sein.
Und nun zur dritten Leistung, die gleichfalls niemand außer dem Generalgouverneur zu vollbringen vermag. Alle europäischen Staaten haben heute unter der Kompliziertheit aller Gesetze und Verordnungen zu leiden. Überall macht sich eine eigentümliche Erscheinung bemerkbar: die eigentlichen bürgerlichen Gesetze sind über ihre Grenzen und Schranken hinausgewachsen und sind in fremde Gebiete eingedrungen, die außer ihrem Bereich liegen. Einerseits haben sie einen Einbruch in ein Gebiet vollzogen, das lange Zeit unter der Herrschaft der Volkssitten stand, andererseits aber sind sie in ein Bereich eingedrungen, das ewig unter dem Zepter der Kirche verbleiben muß. Dieser Prozeß hat sich nicht etwa gewaltsam vollzogen, dieser Austritt der bürgerlichen Gesetze aus ihrem Bett geschah ganz von selbst, da sich überall leere unausgefüllte Lücken darboten, die einem solchen Einbruch keinen Widerstand bereiteten. Die Mode unterwühlte die alten Sitten, die Geistlichkeit wandte sich immer mehr von dem geraden einfachen Leben in Christo ab und überließ so alle privaten Verhältnisse der Menschen und das Privatleben ihrem Schicksal. Die bürgerlichen Gesetze nahmen beide, wie verlassene Waisen unter ihre Obhut, und gerade dies war der Grund, weswegen die Gesetze so verwickelt wurden. Denn an und für sich sind sie gar nicht sehr zahlreich und weitläufig, und wenn wir wieder dazu zurückkehren, was von Rechts wegen der Herrschaft der Sitte untersteht und ein ewiges Besitztum der Kirche ist, wird das ganze bürgerliche Gesetz in einem Buche Platz finden können, das nur lediglich die großen Abweichungen von der sozialen Ordnung und die eigentlichen staatlichen Verhältnisse enthält. Heute sieht jedermann, daß eine große Menge von Fällen, von Mißbräuchen und Intrigen nur dadurch entstehen konnte, daß die philosophisch gebildeten Gesetzgeber Europas von vornherein sämtliche möglichen Abweichungen bis in ihre feinsten Einzelheiten feststellen wollten und damit jedermann, selbst den besten und vornehmsten Leuten, einen Weg zu unendlichen und ganz unberechtigten Prozessen ebneten; früher hätten diese Leute es für unanständig gehalten, einen solchen Prozeß zu beginnen, heute dagegen wagen sie es dreist, da sie aus irgendeinem Paragraphen, oder einer Verfügung die Möglichkeit oder die Hoffnung herauslesen, ein einstmals verlorenes Gut wieder zu erlangen oder auch nur einem andern sein Besitzrecht streitig zu machen. Und nun geht so ein Mensch gleich aufs Ganze, wie ein Held sich zum Sturm rüstet, und nimmt überhaupt keine Rücksicht auf seinen Gegner; mag dieser dabei auch sein letztes Hemd verlieren oder mit seiner ganzen Familie betteln gehn. Ein leidlich menschenfreundlicher Mensch ist heute fähig, ganz offen die größten Grausamkeiten zu begehen, ja er rühmt sich ihrer noch, während er sich schon des bloßen Gedankens schämen würde, wenn ein Diener der Kirche beide Parteien, statt ihnen ihren persönlichen Vorteil vorzuhalten, vor das Angesicht Christi stellen wollte und wenn es Sitte würde, daß, wie es in der Tat die Regel sein sollte, in allen verwickelten, dunklen, kasuistischen Fragen, kurz in allen Fällen, wo die Weiterungen vor den Instanzen drohen, die Kirche und nicht das bürgerliche Gesetz die Menschen miteinander zur Versöhnung bringt. Es ist nur die Frage: wie ist das zu bewerkstelligen? Wie soll man es einrichten, daß dem bürgerlichen Rechte tatsächlich nur die Fälle zugewiesen werden, die wirklich unter das bürgerliche Recht fallen, daß der Herrschaft der Sitte wiedergegeben werde, was unter der Herrschaft der Sitte verbleiben muß, und daß der Kirche wieder zurückerstattet werde, was ihr ewiglich angehört? Kurz, wie soll alles wieder an seinen rechten Platz gebracht werden? In Europa ist es unmöglich, solches zu vollbringen: Dazu müßten Ströme von Blut vergossen werden, Europa würde in unnützen Kämpfen erliegen und doch nichts erreichen. In Rußland aber ist die Möglichkeit hierzu vorhanden: in Rußland könnte es sich ganz unmerklich und schmerzlos vollziehen — nicht durch irgendwelche Neuerungen, Umwälzungen oder Reformen, ja nicht einmal mit Hilfe von allerhand Sitzungen oder durch Bildung von Komitees, nicht durch Debatten, Zeitungsgerede und Zeitungsgeschwätz, in Rußland kann ein jeder Generalgouverneur eines Gebietes, das seiner Obhut anvertraut ist, den Grund dazu legen; und wie einfach! — Durch nichts andres als nur durch sein eignes Leben. Durch die patriotische Schlichtheit seiner Lebensweise und die einfache Art seines Umgangs mit allen Leuten kann er die Herrschaft der Mode mit ihrer leeren, hohlen Etikette beseitigen und die russischen Sitten befestigen, die wirklich gut sind und mit Nutzen auf unser gegenwärtiges Leben angewandt werden können. Er kann eine mächtige Wirkung in der Richtung ausüben, daß die Beziehungen zwischen den Stadtbewohnern untereinander wie die der Gutsbesitzer unter sich schlichter und einfacher werden, denn die Beseitigung dieser komplizierten gesellschaftlichen Verhältnisse, wie sie heute bestehen, muß unbedingt auch die Streitigkeiten und die Unzufriedenheit beseitigen, die sich wie ein Wirbelwind zwischen den Bewohnern der Städte erhoben haben. Und ebenso wie zur Einführung und Befestigung der Sitten kann der Generalgouverneur dazu beitragen, daß die Kirche heute ihre rechtmäßige Stellung im Leben des Russenvolkes wiedergewinnt: er kann dies erstlich durch sein eigenes Beispiel, durch sein Leben, und zweitens auch durch bestimmte Maßnahmen erreichen — aber nicht etwa durch erzwungene und gewaltsame Maßregeln, sondern durch solche, die weit wirksamer sind als jede Gewalt. Hierüber wollen wir später einmal miteinander reden, wenn Sie wirklich eine Stellung angenommen haben werden; bis dahin aber will ich Ihnen nur dies sagen: wenn schon die einfache Sitte mächtiger ist als jedes geschriebene Gesetz — und was ist denn übrigens die Sitte, wenn man sie ganz streng betrachtet? Mitunter hat sie überhaupt keine Bedeutung für unsere Zeit, man kennt den Grund nicht, weswegen sie eingeführt wurde, man weiß nicht, woher sie stammt, und fühlt und merkt nichts von einer Autorität, die sie eingesetzt hätte; mitunter aber ist sie sogar ein Überbleibsel aus den Zeiten des Heidentums, das im absoluten Gegensatz zum Christentum und zu allen Grundlagen des modernen Lebens steht — wenn nun nach alledem schon die Sitte etwas so Mächtiges ist, daß es schwierig ist, sie selbst im Laufe von vielen Jahren auszurotten — wie würden sich wohl die Dinge gestalten, wenn man Sitten einführen wollte, die sich auf die Vernunft gründen, die einstimmig und einmütig von allen anerkannt werden und die höhere Billigung und den Segen Christi und Seiner Kirche erhalten würden? Eine solche Sitte würde sich von Jahrhundert zu Jahrhundert fortpflanzen, und keine Macht der Erde würde sie vernichten können, was die Welt auch für Erschütterungen heimsuchen sollten. Aber das ist ein gewaltiger Gegenstand, über ihn muß man vernünftig reden, und dazu bin ich zu dumm. Vielleicht werde ich später einmal, wenn Gott mir hilft und mich erleuchtet, etwas darüber zu sagen haben. An Arbeit wird es Ihnen also nicht fehlen. Darin also suchen Sie stark zu werden; greifen Sie daher mit fester Hand zu, wenn Ihnen das Amt eines Generalgouverneurs angeboten werden sollte. Sie werden es jetzt so verwalten, wie es verwaltet sein muß, und sich dabei im Einklang mit den Wünschen und Forderungen der Regierung befinden — d. h. Sie werden das ganze Gebiet wie eine frischen Mut spendende Kraft durchziehen, alles aufrütteln, alle erfrischen, Begeisterung um sich verbreiten, allem einen frischen Impuls geben und dann in eine andere Provinz reisen, um dort das Gleiche zu wirken. Sie werden selbst sehen, daß dieser Beruf immer nur provisorisch sein kann, sonst hätte er keinen Sinn, denn der innere Organismus eines Gouvernements ist etwas in sich Abgeschlossenes und Vollendetes, und bedarf keines weiteren Regierungsbeamten außer dem Bürgergouverneur. So gehen Sie denn mit Gott und fürchten Sie sich vor nichts! Aber selbst wenn Sie ein andres Amt übernehmen sollten, halten Sie sich stets an die gleichen Grundsätze. Vergessen sie niemals, daß die Zeit ihres Wirkens begrenzt ist. Richten Sie alles so ein, ordnen Sie alle Angelegenheiten in der Weise, daß sich alles, nicht nur so lange Sie da sind, sondern auch nach Ihrem Weggang in geordneter Weise abwickelt, daß Ihr Nachfolger kein Ding von seiner Stelle zu rücken vermag, sondern sich unwillkürlich auch selbst innerhalb der von Ihnen gezogenen Grenzen betätigen und die von Ihnen vorgezeichnete, vernünftige Richtung einhalten muß. Christus wird Sie lehren, Ihr Werk dauernd, für alle Zeiten zu begründen und zu befestigen. Seien Sie allen Ihren Untergebenen, seien Sie Ihren Beamten im wahren Sinne des Wortes ein Vater und seien Sie einem jeden dabei behilflich, seine Pflicht und Schuldigkeit treu und redlich zu tun. Reichen Sie jedem freundlich die Bruderhand, wenn er sich von seinen eigenen Fehlern und Lastern befreien will. Suchen Sie auf alle Einfluß zu gewinnen, aber nur in der Absicht, jeden zu lehren, wie er selbst auf sich Einfluß gewinnen kann. Sorgen Sie ferner dafür, daß keiner sich allzusehr auf Sie verläßt und stützt wie auf seinen eigenen Stab, so wie die römisch-katholischen Damen sich ganz auf ihre Beichtväter stützen, ohne deren Erlaubnis sie es nicht einmal wagen, aus einem Zimmer ins andere zu gehen, warten sie doch stets auf die Beichtstunde, um sich beim Priester Rat einzuholen; der Mensch muß vielmehr wissen, daß die Wärterin ihm nur für eine bestimmte Zeit und nicht für immer beigegeben wird, und daß, wenn der Lehrer ihn im Stiche läßt, der Zeitpunkt gekommen ist, wo er noch eifriger und sorgfältiger auf sich acht geben muß als früher, stets eingedenk, daß es nun niemand mehr gibt, der über ihn wacht, und jede Lehre, die ihm gegeben ward, treu wie ein Heiligtum in seinem Gedächtnis bewahrend. Sorgen Sie auch dafür, daß es beim Abschied, wenn Sie Ihr Amt niederlegen sollten, keine Tränen und kein Gejammer gibt, sondern daß ein jeder noch frischer und mutiger in die Zukunft sehe, und daher sparen Sie sich alles, was Sie einem jeglichen zu seiner Belehrung sagen möchten, sorgsam für den Tag des Abschieds auf: an diesem Tage werden alle Ihre Worte ihnen heilig sein, und was sie sonst nicht anerkannt und wonach sie sich sonst nicht gerichtet hätten, das werden sie jetzt willig aufnehmen und danach handeln. Für mich ist die Stunde des Abschieds von meinen Freunden — der schönste Augenblick; jeder meiner Freunde, der jetzt von mir Abschied nimmt, tut es frohen Mutes, und seine Seele ist heiter. Das werden Ihnen alle bezeugen, die in der letzten Zeit Abschied von mir genommen haben. Ich bin sogar davon überzeugt, daß wenn ich einmal sterben werde, alle die mich lieb gehabt haben, fröhlich und heiteren Mutes von mir Abschied nehmen werden. Keiner von Ihnen wird weinen, und alle werden nach meinem Tode weit fröhlicher sein als bei meinen Lebzeiten, und endlich will ich Ihnen noch etwas über die Liebe und die allgemeine Sympathie für uns sagen, nach der viele so sehr haschen. Sich die Liebe anderer erschmeicheln zu wollen — das ist ein falsches Streben, das den Menschen nicht beschäftigen sollte. Streben Sie danach, — die andern Menschen zu lieben, und nicht danach, daß andere Menschen Sie lieben. Wer einen Lohn für seine Liebe verlangt, der ist ein gemeiner Mensch und noch weit vom Christentum entfernt. O wie dankbar bin ich, daß Gott mir schon in meiner Jugend diese merkwürdige und mir selbst kaum verständliche Abneigung gegen jegliche unpassende, überflüssige Gefühlsergüsse eingepflanzt hat; ich habe ihnen stets zu entfliehen gesucht, wie etwas Unangenehmem und Widerwärtigem, selbst wenn sie von Verwandten oder Freunden herrührten! Wie wichtig ist es doch, daß unsere ganze Liebe keinem Wesen dieser Erde angehören darf! Sie sollte sich von einem Vorgesetzten auf den andern übertragen, und sowie ein Vorgesetzter merkt, daß sie sich ihm zuwendet, sollte er sie sofort von sich auf den über ihm stehenden höheren Vorgesetzten abzulenken suchen, bis sie so endlich zu ihrer rechtmäßigen Quelle gelangt und bis ein von allen geliebter Kaiser sie feierlich und angesichts der ganzen Welt Gott selbst darbringt.
1845.
XXIX
Wessen Los auf Erden das beste ist
Aus einem Briefe an U—
Ich vermag Ihnen durchaus nicht zu sagen, wessen Los auf Erden das schönere ist und wem das bessere Teil beschieden ward. Früher als ich noch törichter und dümmer war, zog ich einen Beruf einem andern vor; jetzt dagegen erkenne ich, daß das Los aller Menschen gleich beneidenswert ist. Alle erhielten den gleichen Lohn — sowohl der, dem ein Talent anvertraut ward und der ein zweites hinzuerwarb, wie der, dem fünf Talente verliehen wurden und der noch fünf weitere dafür zurückbrachte. Ich glaube sogar, daß das Los des ersten noch besser ist, gerade weil er auf Erden keinen Ruhm genossen und nicht von dem Zaubertrank irdischer Ehren gekostet hat, wie der letzte. Wie wunderbar ist doch die göttliche Gnade, die jedem den gleichen Lohn bestimmte, der redlich seine Schuldigkeit getan hat, ob er nun der Zar oder der ärmste Bettler ist. Dort werden sie alle gleich sein, denn sie alle werden eingehen in die Freude ihres Herrn und werden alle gleichermaßen in Gott sein. Freilich hat Christus selbst an einer andern Stelle gesagt: „Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen“, aber wenn ich mir diese Wohnungen vorstelle, wenn ich darüber nachdenke, was die Wohnungen Gottes sein mögen, kann ich mich nicht der Tränen enthalten, und ich weiß, daß ich mich nie entscheiden könnte, welche ich wählen soll, wenn ich wirklich einmal gewürdigt sein sollte, am himmlischen Reiche teilzunehmen, und wenn die Frage an mich erginge: „welche von ihnen möchtest du wählen?“ Ich weiß nur das eine, daß ich antworten würde: „die letzte, Herr, wenn sie nur in Deinem Hause ist.“ Ich glaube, man kann sich nichts Schöneres wünschen, als jenen Auserwählten zu dienen, die bereite gewürdigt wurden, Seinen Ruhm in all Seiner majestätischen Größe zu schauen, zu ihren heiligen Füßen liegen und sie zu küssen!
1845.