Sehen Sie zu, daß mit Ihnen nichts Ähnliches geschehe. Beten Sie lieber und bitten Sie Gott, daß er Sie erleuchten möge, wie Sie sich in Ihrer Stellung zu verhalten haben und wie sie in ihr alles so erfüllen können, wie Christus es uns geboten hat. Jetzt ist kein Platz mehr für Scherze. Jetzt wird die Sache ernst. Statt sich durch die Unordnung um uns herum erschrecken zu lassen, sollten wir lieber zuvor Einkehr in uns selbst halten. So blicken denn auch Sie in Ihre Seele hinein, weiß Gott, vielleicht werden Sie in ihr dieselbe Unordnung entdecken, um deren willen Sie die andern schelten. Vielleicht nistet darin ein häßlicher, zuchtloser Zorn, der sich jeden Augenblick zur Freude des Feindes Christi Ihrer Seele bemächtigen kann. Vielleicht ist sie von jener schwächlichen Neigung beherrscht, sich bei jeder Gelegenheit dem Kleinmut und der Mutlosigkeit dieser traurigen Tochter des Unglaubens zu ergeben. Vielleicht lebt in ihr der eitle Wunsch, allem nachzujagen, was glänzt und was Ruhm und Ansehen in der Welt genießt. Vielleicht birgt sie Hochmut und Stolz auf die besten Eigenschaften Ihrer Seele, ein Stolz, der alles Gute, alle Güter, die wir besitzen, zu vernichten vermag. Es ist unvergleichlich viel besser, darüber zu erschrecken, was in uns selbst, als darüber, was außer uns und um uns herum vorgeht. Was aber die Schrecken und Grauen Rußlands anbelangt, so sind auch sie nicht ohne Nutzen. Sie waren für viele ein Erziehungsmittel, wie sie keine Schule uns darzubieten vermag. Selbst die Schwierigkeit der Verhältnisse, die dem Verstande neue Schleichwege eröffnet hat, hat bei vielen schlummernde Fähigkeiten geweckt, und zur selben Zeit, wo an dem einen Ende Rußlands noch weiter Polka getanzt und weiter Preference gespielt wird, erstehen, ohne das man es merkt, in den verschiedensten Wirkungskreisen Männer von echter Lebensweisheit und wahre Helden des Lebens. Lassen Sie noch einige zehn Jahre vergehen, und Sie werden sehen, wie Europa zu uns kommen wird, nicht mehr um Hanf und Talg, sondern um Weisheit bei uns einzukaufen, die heute auf den europäischen Märkten nicht mehr feilgeboten wird. Ich könnte Ihnen viele Leute nennen, die einstmals die Zierde Rußlands sein und ihm zu unvergänglichem Heil gereichen werden. Aber zur Ehre Ihres Geschlechts sei es gesagt, daß die Zahl solcher Frauen größer ist als die der Männer. Eine ganze Perlenschnur solcher Frauen halte ich in dem Fach meines Gedächtnisses verschlossen. Sie alle, um mit Ihren Töchtern zu beginnen, die es mir so lebendig zum Bewußtsein gebracht haben, wieviel mächtiger die Seelenverwandtschaft ist als jede Blutsverwandtschaft (Gott gebe, daß die beste Schwester die Bitte Ihres Bruders mit solcher Bereitwilligkeit erfüllen möge, wie Sie jeden kleinsten Wunsch meiner Seele erfüllt haben) — Sie, Ihre Töchter, ferner alle die, von denen Sie kaum etwas gehört haben, und endlich die, von denen Sie vielleicht nie etwas hören werden, die aber noch weit vollkommener sind als die, von denen Sie etwas gehört haben — Sie alle gleichen einander kaum, und jede von ihnen ist für sich genommen eine außergewöhnliche Erscheinung. Nur Rußland allein konnte eine solche Mannigfaltigkeit von Charakteren hervorbringen, und nur in unserer heutigen Zeit mit all ihren schwierigen Verhältnissen, ihrer Entnervung, ihrer allgemeinen Korruption und bei der allgemeinen Nichtigkeit und Armseligkeit unserer Gesellschaft konnten sie erstehen. Sie alle aber werden überragt von einer, die ich nicht persönlich kenne und nicht gesehen habe, und von der nur ein dunkles Gerücht bis zu mir gedrungen ist. Ich habe nie geglaubt, daß es auf der Erde etwas derart Vollkommenes geben kann. Eine so kluge und großmütige Tat zu vollbringen und sie so zu vollbringen, wie sie dies verstanden hat: es so einzurichten, daß nicht einmal der Verdacht, sie könne an dieser Sache beteiligt sein, auf sie falle, und das ganze Verdienst auf die andern abzuwälzen, so daß diese sich des von jener vollbrachten Werks rühmen, als ob es ihr eigenes wäre, in der festen Überzeugung, daß sie selbst es vollbracht haben, — es sich so klug im voraus zu überlegen, wie man dem entgehen könne, daß der Name der Urheberin bekannt wird, während die Sache selbst notwendig laut von sich künden und sie bekanntmachen mußte, und dies alles dennoch zu vollbringen und unbekannt zu bleiben, nein, eine ähnliche hohe Weisheit habe ich noch nie kennen gelernt, bei keinem von unsereinem, d. h. bei keinem Mann, ja mir erschienen in diesem Augenblick alle idealen Frauengestalten, die je von einem Dichter geschaffen wurden, als blaß und matt; im Vergleich zu dieser Wirklichkeit erscheinen sie wie der Fiebertraum der Phantasie gegenüber der vollen Klarheit des Verstandes. Wie armselig erschienen mir in diesem Augenblick auch alle die Frauen, die dem Glanz und Ruhm nachjagen. Und wo konnte ein solches Wunder erstehen? In einem unscheinbaren Flecken, in einem Winkel Rußlands und gerade zu einer Zeit, wo es für den Menschen besonders schwierig geworden ist, sich durchzuwinden und durchzusetzen, wo sich alle unsere Verhältnisse so verwirrt und so verwickelt haben und wo solche Schrecken und Grauen in Rußland erstanden sind, die sie so sehr in Angst und Unruhe versetzen.
1846.
XXVII
An einen kurzsichtigen Freund
Du hast dich mit dem kurzsichtigen Auge der heutigen Menschen bewaffnet und glaubst nun, ein richtiges Urteil über die Ereignisse zu haben. Deine Schlüsse sind morsch und hinfällig, deine Rechnung ist ohne Gott gemacht. Was berufst du dich auf die Geschichte? Die Geschichte ist tot, sie ist nur ein verschlossenes Buch für dich; ohne Gott in Rechnung zu stellen, wirst du nie einen großen tiefen Sinn in ihr finden, sondern nur armselige kleine und nichtige Ergebnisse. [Rußland ist nicht Frankreich, das französische Element ist nicht das russische Element.] Du hast es sogar vergessen, die Eigenart eines jeden Volkes in Betracht zu ziehen, und glaubst nun, daß ein und dieselben Ereignisse die gleiche Wirkung auf jedes Volk ausüben müssen. Der Hammer, der auf ein Stück Glas herabfällt und es in Stücke schlägt, schmiedet das Eisen, auf das er herniedersaust. Deine Gedanken [über die Finanzen] beruhen auf der Lektüre ausländischer Bücher und englischer Zeitschriften und sind darum tote Gedanken. Du solltest dich schämen, daß du, ein so kluger Mensch, dich noch immer nicht selbst gefunden hast und es noch nicht gelernt hast, mit deinem eigenen Verstande, der sich doch so frei und urwüchsig entfalten könnte, zu denken, sondern daß du ihn mit allerhand fremdländischem Plunder verstopft und verunreinigt hast. Ich sehe auch nicht, daß du bei deinen Projekten mit Gott rechnest. Auch aus den Worten deines Briefes kann ich trotz des Geistes und des blendenden Witzes nicht erkennen, daß du an Gott gedacht hast, während du den Brief schriebst. Ich vermisse die himmlische Erleuchtung und Weihe in deinen Gedanken. Nein, du wirst [in deiner Stellung] nichts Gutes vollbringen, obwohl du dies gerne möchtest, und deine Taten werden nicht die Früchte tragen, die du von ihnen erwartest. Mit den schönsten Absichten kann man Böses vollbringen, wie dies schon vielen passiert ist. In der letzten Zeit haben nicht etwa die Dummen, sondern gerade die klugen Leute viel Verwirrung angerichtet, und dies alles kam nur daher, weil sie ihren Kräften und ihrem Verstande zu sehr vertrauten. Du bist stolz, aber worauf bist du stolz? Wenn du noch stolz auf deinen Verstand wärest, aber nein, du hast deinen wahrhaft bedeutenden und großen Verstand mit allerhand Plunder verunreinigt und ihn zu einem Fremdling gemacht, der dir selbst fremd ist. Du bist stolz auf einen fremden, toten Verstand und gibst ihn für deinen eigenen aus. Gib acht auf dich; du gehst einen gefährlichen Weg. Du hast den Ehrgeiz, ein Staatsmann zu werden, und du wirst auch Staatsmann werden, weil du tatsächlich die Fähigkeiten dazu besitzt. Aber um so strenger mußt du jetzt über dich wachen. Führe die Neuerungen nicht ein, von denen dein Kopf schon ganz voll war [noch ehe du deine Stellung angetreten hattest], und denke stets daran, daß man heute durch eine unvorsichtige Handlung unendlich viel Böses anrichten kann. Schon aus deinen gegenwärtigen Projekten spricht mehr Ängstlichkeit als Vorsicht. Alle deine Gedanken sind darauf gerichtet, in der Zukunft einer großen drohenden Gefahr zu entgehen. Statt dessen solltest du lieber nicht um die Zukunft, sondern um die Gegenwart besorgt sein. Gott will es, daß wir für die Gegenwart sorgen sollen. Von dem, dessen Seele durch die Angst um die Zukunft verdunkelt wird, hat die heilige Kraft bereits ihre Hand abgezogen. Wer mit Gott im Bunde ist, der schaut heiter in die Zukunft und ist schon in der Gegenwart der Schöpfer einer glänzenden Zukunft. Du aber bist stolz: du willst auch jetzt noch nichts sehen, du hast ein zu großes Selbstvertrauen: du glaubst schon alles zu wissen, du meinst, daß alle Zustände und Verhältnisse [in Rußland] dir bekannt sind. Du glaubst, daß es niemand gibt, von dem du etwas lernen könntest. Du bist aus allen Kräften darum bemüht, jenen (Staats)-Leuten ähnlich zu sein, die sich durch eine kurze glänzende Laufbahn berühmt gemacht haben und ebenso schnell wieder verschwanden, die alle Mittel dazu besaßen, um sehr viel Gutes zu vollbringen, ja die sogar von dem glühenden Wunsche durchdrungen waren, Gutes zu wirken, und sogar ihr ganzes Leben lang wie die Ameisen arbeiteten und doch trotz alledem keine Spur von sich hinterlassen haben, ja deren Namen bereits völlig vergessen ist: wie ein Ring auf dem Wasser, so ist die Spur von ihrem Leben inmitten Rußlands verschwunden, und noch immer weisen uns die Europäer zu unserer Beschämung auf ihre großen Männer hin, obwohl manch einer von uns, der keineswegs ein großer Mann ist, klüger ist als sie. Sie aber haben doch wenigstens etwas Dauerndes hinterlassen, wir aber schichten einen ganzen Haufen von Taten übereinander auf — die doch zugleich mit uns wie Staub vom Angesicht der Erde hinweggeweht werden. „Du bist stolz,“ sage ich dir, und muß es dir immer wieder sagen: „du bist stolz.“ Wache über dich und rette dich noch rechtzeitig vor deinem Stolz. Beginne damit, daß du dich zu allererst davon zu überzeugen suchst, daß du der dümmste von allen bist und daß du von nun ab erst ernsthaft daran gehen mußt, klüger zu werden. Höre jeden Mann der Tat so aufmerksam an, wie wenn du überhaupt nichts wüßtest und alles von ihm lernen wolltest. Aber meine Worte sind noch ein Rätsel für dich. Sie werden keinen Eindruck auf dich machen. Dann wäre es nötig, daß dich irgendein Unglück trifft oder daß du von einer schweren Erschütterung heimgesucht wirst. Bete zu Gott, er möge dir diese Erschütterung senden, daß dir irgendeine unerträgliche Unannehmlichkeit [im Dienste] zustoßen möge, daß sich ein Mensch finden möge, der dich aufs tiefste beleidigt und in Gegenwart aller beschimpft, so daß du nicht weißt, wo du dich vor Scham verstecken sollst und mit einem Schlage die zartesten und empfindlichsten Saiten deiner Eitelkeit entzweireißest. Er wird dir ein wahrhafter Bruder und Retter sein. O wie sehr haben wir es nötig, einmal öffentlich und in Gegenwart aller eine Ohrfeige zu empfangen.
1844.
XXVIII
An einen hochgestellten Mann
Nehmen Sie um Gottes willen jede Stellung an, die man Ihnen anbietet, und lassen Sie sich nicht irre machen. Ob Sie nun in den Kaukasus zu den Tscherkessen fahren, oder, auch weiterhin die Stellung eines Generalgouverneurs bekleiden werden, Sie sind jetzt überall notwendig. Was aber die Schwierigkeiten anbetrifft, von denen Sie reden, so ist jetzt alles schwierig. Heute ist alles so kompliziert geworden, es gibt überall so viel Arbeit. Je tiefer ich mit meinem Verstande in das Wesen der gegenwärtigen Verhältnisse eindringe, um so weniger vermag ich zu entscheiden, welches Amt, welcher Beruf heute der schwierigste und welcher der leichteste ist. Für einen Menschen, der kein Christ ist, ist heutzutage alles schwierig; für einen solchen dagegen, der Christus in all seine Angelegenheiten und in alle Taten seines Lebens hineinträgt, ist alles leicht. Ich will nicht sagen, daß Sie schon im vollen Sinne des Wortes ein Christ sind, aber Sie sind doch nahe daran, es zu sein. Sie werden nicht mehr von Ehrgeiz gestachelt. Weder die Aussicht auf Titel, Ehren und Auszeichnungen treibt Sie vorwärts. Sie denken nicht mehr daran, sich vor Europa auszuzeichnen und in Szene zu setzen und eine historische Persönlichkeit aus sich zu machen. Kurz, Sie haben bereits jene Stufe, jenen Seelenzustand erreicht, in dem sich ein Mensch befinden muß, der heute Rußland von Nutzen sein will. Was also brauchen Sie zu fürchten? Ich verstehe nicht einmal, wie ein Mensch sich vor etwas fürchten kann, der bereits erkannt hat, daß man überall als Christ handeln muß. Ein solcher Mann ist an jeder Stelle ein Weiser und ist in allen Dingen sachkundig. Wenn Sie in den Kaukasus reisen — so sehen Sie sich dort zunächst einmal gründlich und aufmerksam um. Ihre christliche Demut und Bescheidenheit wird Sie vor jeder Hastigkeit und Übereilung bewahren. Sie werden vor allem lernen wie ein Schüler. Sie werden keinen alten Offizier an sich vorüber gehen lassen, ohne ihn über seine persönlichen Zusammenstöße mit dem Feinde ausgefragt zu haben, denn Sie wissen, daß nur aus der Kenntnis der Einzelheiten die Kenntnis des Ganzen gewonnen werden kann. Sie werden sich von jedem von ihnen ihre Taten und Erlebnisse während des Kriegs- und Biwaklebens erzählen lassen, Sie werden die Tsitsianower und die Jermolower ausfragen ebenso wie die Offiziere der heutigen Epoche, und wenn Sie alle Daten, die Sie brauchen, gesammelt, wenn Sie alle Details kennen gelernt haben werden, werden Sie die einzelnen Ziffern und Posten zusammenfassen und die Summe daraus ziehen. Aus dieser wird sich ganz von selbst ein Feldzugsplan für den Feldherrn ergeben. Sie werden sich nicht erst den Kopf zu zerbrechen brauchen, es wird Ihnen klar sein, wie der lichte Tag, wie Sie zu handeln haben. Und wenn Sie den ganzen Plan in Ihrem Kopfe haben werden, so werden Sie sich auch dann noch nicht übereilen. Ihre christliche Demut wird Ihnen dies nicht erlauben. Sie werden ihn niemand mitteilen, werden alle bedeutenden Offiziere um Rat fragen, wie sie an Ihrer Stelle handeln würden, werden keine Meinung und keinen Rat gering achten, von wem er auch kommen möge, selbst wenn er von einem Menschen in niedriger Stellung herrührt, denn Sie wissen, daß Gott zuweilen auch einem einfachen Manne einen klugen Gedanken eingeben kann. Zu diesem Zwecke werden Sie jedoch keinen Kriegsrat einberufen, da Sie wissen, daß es ja nicht auf Debatten und Streitereien ankommt, sondern Sie werden der Meinung jedes einzelnen, der mit Ihnen reden will, Gehör schenken. Kurz, Sie werden jeden anhören, dann aber so handeln, wie es Ihnen Ihr eigener Verstand gebietet. Ihre eigene Vernunft aber wird Ihnen sicherlich klug raten, denn Sie werden alle anhören. Sie werden nicht einmal imstande sein, unvernünftig zu handeln, denn unvernünftige Handlungen entspringen nur aus Hochmut und übermäßigem Selbstvertrauen, aber die christliche Demut wird Sie überall retten und Sie vor Verblendung bewahren, der sogar viele sehr kluge Menschen zum Opfer fallen, die, wenn sie nur eine Hälfte einer Sache kennen gelernt haben, bereits glauben, die ganze Sache zu kennen und voller Hast und Übereilung zur Tat drängen, während doch selbst von einer Sache, die wir scheinbar von Grund aus zu kennen glauben, uns die gute Hälfte unbekannt und verborgen sein kann. Nein, Gott wird Sie vor dieser groben Verblendung bewahren. Weswegen also brauchen Sie sich vor dem Kaukasus zu fürchten?
Oder nehmen wir an, Sie würden auch weiterhin irgendwo in Rußland Generalgouverneur bleiben, so wird Sie auch hier die gleiche christliche Weisheit erleuchten. Ich weiß sehr wohl, daß es jetzt äußerst schwierig ist, in Rußland den Vorgesetzten zu spielen, — weit schwieriger als jemals und vielleicht auch schwieriger als im Kaukasus: es kommen soviel Mißbräuche vor, die Durchstechereien und die Bestechlichkeit haben so überhand genommen, daß ihre Beseitigung unsere menschliche Kraft übersteigt. Ich weiß auch, daß heutzutage eine besondere Art ungesetzlicher Geschäftspraxis unter Umgehung der Gesetze üblich geworden ist und sich bereits beinahe gesetzliche Geltung verschafft hat, so daß die Gesetze nur noch zum Scheine da sind, und wenn man sich die Dinge, über die andere oberflächlich hinwegsehen, ohne etwas Böses zu ahnen, bloß aufmerksam anschaut, so muß auch dem gescheitesten Menschen der Kopf schwindeln. Aber Sie werden auch hier klug zu handeln verstehen. Die christliche Demut und Bescheidenheit wird Sie auch in solchen Fällen lehren, nicht den Schlüssen des stolzen Verstandes Folge zu leisten, sondern sich geduldig umzusehen und auf Ihrer Hut zu sein. Sie wissen, wie vielen fremden Einflüssen ein jeder Mensch heutzutage ausgesetzt ist und wie sie alle auf seine Berufstätigkeit zurückwirken, und daher werden Sie sich dafür interessieren, die Männer, die die wichtigsten Ämter bekleiden, alle kennen zu lernen und zwar sie nach allen Richtungen kennen zu lernen: in ihrem häuslichen und in ihrem Familienleben, in ihrer Art, zu denken, in ihren Neigungen und ihren Gewohnheiten. Zu diesem Zwecke werden Sie sich jedoch keiner Spitzel bedienen. Nein, Sie werden sie selbst ausfragen, und sie werden Ihnen alles sagen, und sich Ihnen offen mitteilen, denn in Ihrem Wesen liegt etwas, was allen Vertrauen einflößt. Hierdurch werden Sie alles erfahren, was ein Schreier oder ein sogenannter Polterer niemals erfahren würde. Sie werden nie einen einzelnen wegen einer ungesetzlichen Handlung verfolgen, ehe Ihnen nicht die ganze Kette vor Augen liegt, innerhalb deren der von Ihnen ins Auge gefaßte Beamte nur ein notwendiges Glied ist. Sie wissen bereits, daß sich die Schuld heutzutage auf alle verteilt, daß man unmöglich gleich zu Anfang sagen kann, wer mehr Schuld trägt als die andern: es gibt Schuldige, die unschuldig und es gibt Schuldige, die schuldig sind. Aus diesem Grunde werden Sie jetzt weit vorsichtiger und bedächtiger sein, als Sie es jemals gewesen sind. Sie werden tiefer und genauer in die Seele des Menschen hineinzublicken suchen, da Sie wissen, daß sie der Schlüssel zu allem ist. Die Seele muß man heute kennen lernen, immer wieder die Seele, denn ohne dies kann man nichts ausrichten. Die Seele aber kann nur ein Mensch kennen lernen, der bereits begonnen hat, an seiner eigenen Seele zu arbeiten, wie Sie dies jetzt tun. Wenn Sie in dem Gauner nicht nur den Gauner, sondern zugleich den Menschen sehen, wenn sie alle seine geistigen Kräfte und Fähigkeiten, die ihm dazu gegeben wurden, um Gutes zu vollbringen und die er angewandt hat, um Übles zu tun, oder überhaupt hat brachliegen lassen, erkennen werden, dann wird es Ihnen gelingen, ihm so ins Gewissen zu reden und ihn gegen sich selbst auszuspielen, daß er nicht wissen wird, wo er sich vor sich selbst verbergen soll. Die Sache wird plötzlich eine ganz andere Wendung nehmen, wenn man dem Menschen zeigen wird, worin er sich nicht gegen die andern, sondern gegen sich selbst vergangen hat. Hierdurch kann man ihn so sehr in seinem ganzen Wesen erschüttern, daß er plötzlich Mut und Lust bekommen wird, ein anderer zu werden, und dann erst werden Sie erkennen, wie dankbar die Natur eines Russen selbst noch im Gauner sein kann. Ihre gegenwärtige Tätigkeit als Generalgouverneur wird etwas gänzlich anderes darstellen als Ihre ehemalige Tätigkeit. Der Hauptfehler in Ihrer ehemaligen Regierungstätigkeit (die indessen sehr viel Nutzen gebracht hat, obwohl Sie sie jetzt verurteilen und lästern), bestand meiner Ansicht nach gerade darin, daß Sie das Wesen Ihres Berufs nicht ganz richtig bestimmt hatten. Sie hielten den Generalgouverneur für den dauernden Vorgesetzten und den eigentlichen wirtschaftlichen Verwalter und Regenten der Provinz, dessen wohltätiger Einfluß nur bei einem längeren Aufenthalt an ein und demselben Orte der Provinz spürbar werden kann. Einer unser Staatsmänner hat dieses Amt folgendermaßen definiert: „Der Generalgouverneur ist der Minister des Innern, der sich auf der Durchreise befindet.“ Diese Definition ist genauer und entspricht mehr dem, was die Regierung selbst von den Vertretern dieses Amtes verlangt. Dieses Amt ist mehr ein provisorisches als ein dauerndes. Der Generalgouverneur wird darum in die Provinz entsandt, um den Pulsschlag des Staats innerhalb der Provinz zu beschleunigen, in den Gouvernements den ganzen Regierungsapparat in schnellste Bewegung zu setzen, und zwar sowohl in den Instanzen der Provinz, die miteinander in Verbindung stehen, wie in denen, die unabhängig sind und unter der Verwaltung der einzelnen Ministerien stehen; allen einen Anstoß zu geben, durch seine unumschränkte Macht die schwierige Situation vieler Instanzen in ihrem Verkehr mit den weit entfernten Ministerien zu erleichtern, und ohne neue Prinzipien und ohne von sich selbst aus etwas Eigenes einzuführen, alles innerhalb der gesetzlichen Grenzen, die bereits vorgeschrieben und ein für allemal gezogen sind, in eine schnellere Bewegung zu bringen. Diese Gewalt, die in der höchsten Kontrolle und Überwachung alles dessen besteht, was schon vorhanden und bereits eingeführt ist, haben Sie mit der mühevollen Pflicht des Regenten verwechselt, der sich selbst in dem ganzen Haushalt zurechtfinden und mit ihm fertig werden muß und der alle kleinen Ausgaben auf sich zu nehmen hat. Sie haben einen Teil davon, was zu den Obliegenheiten des Gouverneurs und nicht zu denen des Generalgouverneurs gehört, an sich gerissen, und haben damit die Bedeutung Ihres höchsten Amtes verringert, Sie haben Ihre Stellung für eine lebenslängliche gehalten. Sie wollten in Ihren eigenen Schöpfungen und Einrichtungen ein Denkmal, ein Erinnerungszeichen an Ihren Aufenthalt hinterlassen. Ein edles Streben. Aber wenn Sie schon damals das gewesen wären, was Sie jetzt sind, d. h. wenn Sie mehr Christ gewesen wären, dann hätten Sie für ein anderes Denkmal Sorge getragen. Wege, Brücken und allerhand Verkehrsmittel zu schaffen und sie so klug anzulegen, wie Sie dies getan haben, ist in der Tat eine notwendige Sache, aber manchen inneren Weg zu ebnen, auf dem der Russe bei seinem Streben nach voller Entfaltung seiner Kräfte bisher noch aufgehalten und daran gehindert wird, aus den Landstraßen wie aus allen anderen Äußerlichkeiten der Bildung, um die wir heute so eifrig bemüht sind, Nutzen zu ziehen, ist eine noch notwendigere Sache. Wenn Puschkin sah, daß man sich nicht um das Wesen einer Sache, sondern um etwas bemühte, was nur eine Folge der eigentlichen, der Hauptsache war, pflegte er sich gewöhnlich des russischen Sprichworts zu bedienen: „Wenn nur erst der Zuber da ist, an den Schweinen wird es nicht fehlen.“ Die Brücken, die Wege und all diese Verkehrsmittel, das sind die Schweine und nichts anderes: wenn nur erst Städte da sind, dann werden sie schon von selbst kommen. In Europa hat man sich viel um sie bemüht und viel Sorgen um sie gemacht. Als jedoch die Städte entstanden, entstanden auch die Verkehrswege von selbst: Privatleute haben sie erbaut ohne jede Unterstützung der Regierung, und jetzt haben sie sich in solch ungeheurem Maße vermehrt, daß man sich schon ernstlich die Frage vorzulegen beginnt: Wozu brauchen wir nur so schnelle Verkehrsmittel? Was hat die Menschheit durch all diese Eisenbahnen und andere Bahnen gewonnen, was hat sie auf allen Gebieten ihrer Kulturentwicklung gewonnen, und was hat es für einen Wert, daß heute eine Stadt verarmt, und eine andere dafür zu einem Trödelmarkt wird und daß die Zahl der Müßiggänger auf der ganzen Welt so zunimmt. In Rußland wäre dieser ganze Plunder schon längst von selbst entstanden und zwar mit all dem Zubehör von Bequemlichkeiten, wie sie selbst in Europa nicht vorhanden sind, wenn sich nur viele von uns zuerst, wie es sich gehört, um ihre inneren Angelegenheiten bekümmert hätten. „Denket zuerst daran,“ sagt der Heiland, „alles andere wird euch von selbst zufallen.“ Ihre Leistungen auf moralischem Gebiete waren viel bedeutender. Wen ich auch gehört habe, alle urteilen mit großer Achtung über Ihre Verfügungen, alle sagen, Sie hätten viele Mißbräuche ausgerottet und sehr viel wahrhaft edle und vorzügliche Beamte angestellt. Ich habe davon gehört, obwohl Sie es mir aus Bescheidenheit nicht mitgeteilt haben. Aber Sie hätten noch mehr geleistet, wenn Sie damals in Betracht gezogen hätten, daß Ihre Tätigkeit nur provisorischer Art ist und daß Sie nicht nur dafür hätten sorgen sollen, daß alles gut steht, solange Sie da sind, sondern vielmehr dafür, daß auch nach Ihrem Scheiden alles in bester Ordnung sei. Sie hätten sich fortwährend vorstellen sollen, daß Ihr Amt nach Ihnen von einem schwachen und unfähigen Nachfolger besetzt werden wird, der die von Ihnen eingeführte Ordnung nicht nur nicht aufrechterhalten, sondern Sie auch in Verfall kommen lassen wird, und daher hätten Sie von vornherein daran denken müssen, etwas so Starkes und Dauerndes zu schaffen und das Geschaffene so zu befestigen und so stark zu verwurzeln, daß nach Ihnen schon niemand mehr imstande wäre, umzustoßen, was Sie einmal in Gang gebracht haben. Sie hätten die Axt an die Wurzel des Übels legen sollen und nicht an die Stämme und Zweige, und Sie hätten dem allgemeinen Getriebe einen solchen Impuls geben sollen, daß die Maschine nach Ihrem Fortgang von selbst arbeitet und daß kein Aufseher es mehr nötig hätte, neben ihr zu stehen, um sie zu beaufsichtigen, und hierdurch erst hätten Sie sich ein ewiges Denkmal Ihrer Generalgouverneurschaft errichtet. Jetzt weiß ich, daß Sie ganz anders handeln werden, aber darum dürfen Sie dieses Amt nicht gering achten, wenn es Ihnen aufs neue angeboten wird. Noch niemals war ein Generalgouverneur eine so wichtige und notwendige Persönlichkeit wie in unserer Zeit. Ich will Ihnen einige Leistungen nennen, zu denen heutzutage niemand fähig ist außer dem Generalgouverneur.
Die erste ist folgende: Alle Stände und Berufe in ihre gesetzlichen Grenzen zurückzuführen und einem jeden Provinzbeamten die Pflichten, die sein Beruf ihm auferlegt, zu vollem Bewußtsein zu bringen; das ist keineswegs unnütz. In der letzten Zeit sind alle Berufe und Ämter der Provinz in ganz unmerklicher Weise aus ihren Grenzen und Schranken getreten, die ihnen vom Gesetze vorgeschrieben werden. Die Kompetenzen der einen sind viel zu sehr beschnitten und begrenzt, andere wieder in ihrer Bewegungsfreiheit auf Kosten der Übrigen allzusehr erweitert worden. Die eigentlichen Hauptinstanzen haben durch die Schaffung einer großen Zahl abhängiger und provisorischer Stellungen an Macht und Kraft verloren. In der letzten Zeit hat es sich besonders fühlbar gemacht, daß gerade dort, wo man hemmend eingreifen sollte, die Macht und die Kompetenzen viel zu unbeschränkt waren und die Handlungsfreiheit zu groß war, und andererseits machte sich wiederum der Umstand bemerkbar, daß einem die Hände gebunden waren, wo man fördernd eingreifen mußte. Es ist jetzt soviel schwieriger geworden, jeden Beruf in den ihm durch das Gesetz angewiesenen Wirkungskreis zurückzuführen, weil die Beamten selbst an ihren Begriffen von ihrem Beruf irre geworden sind. Sie übernehmen ihn als Erbschaft von ihrem Vorgänger und zwar genau in der Gestalt, die ihm von jenem gegeben worden ist. Sie nehmen mehr oder weniger Rücksicht auf diese Form und Gestalt und nicht auf das eigentliche Urbild, das ihnen schon völlig aus dem Bewußtsein entschwunden ist. Aus diesem Grunde haben schon viele wohlmeinende und sogar kluge Vorgesetzte die Ämter, die man bloß sich selbst wiederzugeben brauchte, gänzlich aufgehoben oder doch von Grund aus umgestaltet. Das aber kann nur von dem höchsten und souveränen Vorgesetzten ausgehen, wenn er es nicht verschmäht, sich selbst gründlich über das Wesen eines jedes Berufes zu unterrichten. Alle unsere Ämter und Berufe stellen in ihrer ursprünglichen Form wirklich gute und schöne Einrichtungen dar und sind geradezu wie geschaffen für unser Land. Sehen wir uns zu diesem Zwecke einmal den ganzen Organismus eines Gouvernements etwas näher an.
Die erste Person ist der Gouverneur. Seine Kompetenzen sind sehr umfangreich. Er ist der Vorgesetzte und der unumschränkte Regent und Leiter von allem, was mit der wirtschaftlichen und polizeilichen Verwaltung des ganzen Gouvernements, d. h. sowohl mit der städtischen (hierunter verstehe ich alles, was sich auf die inneren Einrichtungen der Städte und die Aufrechterhaltung der Ordnung in ihnen bezieht) als auch mit der Verwaltung der Landschaften zusammenhängt, wozu ich alles rechne, was in den Gegenden, die außerhalb des Stadtbildes liegen, geschieht: die Erhebung der Steuern, die Verteilung der Lasten, die Anlage von Straßen und allerhand Bauangelegenheiten und Reparaturen. Im ersten Falle hängen der Polizeimeister der Provinz und die Bürgermeister aller Städte völlig von ihm ab und stehen ihm gänzlich zur Verfügung; im zweiten Falle kann er über den Hauptmann der Landpolizei und die Assessoren der Landschaft verfügen, die durch die Gouvernementsverwaltung, welche nach der Art der Kollegialverwaltungen aus Räten zusammengesetzt ist und kein eigenes Bureau mit einem Sekretär darstellt, mit ihm verkehren, so daß die Verantwortlichkeit bei jedem schweren Mißbrauch, den sich der Gouverneur zuschulden kommen läßt, unbedingt auf die Räte und die Beamten fällt und daß er trotz all seiner unumschränkten Gewalt dennoch in gewissem Sinne beschränkt ist. Er ist mehr als ein bloßes Mitglied der Verwaltung und ein Zeuge des Geschäftsganges in den andern staatlichen Organen, die gar nicht von ihm abhängen und unter ihren eigenen besonderen Ministerien stehen. Wenn diese Instanzen irgendwelche Abmachungen treffen oder Verträge schließen, die sich auf die Verpachtung oder den Rückkauf von Staatsländereien, Seen oder überhaupt über irgendwelche Ein- oder Verkäufe beziehen und irgendwelche Abkommen hierüber eingehen, so muß er schon zugegen sein. Es darf kein staatlicher Auftrag vergeben und kein Vertrag geschlossen werden, ohne daß er anwesend ist. Demnach werden auch die Instanzen, die hinsichtlich ihrer inneren Geschäftsführung gar nicht von ihm abhängen, doch durch seine Anwesenheit daran gehindert, irgendwelche Mißbräuche zu begehen.