Ich habe lange darüber nachgedacht, wen von Ihnen beiden ich tüchtig auszanken soll, Sie oder Ihren Mann. Schließlich aber habe ich mich entschlossen, mir Sie vorzunehmen: denn eine Frau ist eher dazu fähig, sich auf sich selbst zu besinnen und sich aufzuraffen. Obwohl Sie beide auf dem Gipfel der Seligkeit zu schweben glauben, ist Ihre Lage meiner Ansicht nach nicht nur keineswegs glücklich, sondern noch weit elender als die jener Menschen, die tief im Unglück und im Elend zu stecken meinen. Sie besitzen alle beide viele gute Eigenschaften, sowohl solche des Gemüts als auch des Herzens, Sie besitzen auch geistige Fähigkeiten, und es fehlt Ihnen nur das eine, ohne das dies alles zu nichts dienen kann. Es fehlt Ihnen an der inneren Disziplin. Keiner von Ihnen ist Herr über sich selbst. Es fehlt Ihnen an Charakter, wenn man unter Charakter einen starken Willen zu verstehen hat. Ihr Mann hat ein Gefühl für diesen inneren Mangel gehabt. Er hat sich gerade deswegen verheiratet, um in seiner Frau ein Wesen zu finden, das ihn zur Tätigkeit und zu wirklichen Leistungen anspornt. Und Sie haben ihn geheiratet, damit er Ihnen in allen Angelegenheiten des Lebens ein Erwecker und Anreger werde. Sie erwarten beide gerade das voneinander, was keiner von Ihnen besitzt. Ich sage Ihnen, dieser Zustand ist nicht nur keineswegs glücklich, sondern sogar gefährlich. Sie beide zerfließen und gehen im Leben auf wie ein Stück Seife im Wasser. Alle ihre Vorzüge und ihre guten Eigenschaften werden spurlos verloren gehen in der Unordnung und der Zuchtlosigkeit Ihrer Handlungen, die allein Ihren Charakter ausmachen werden, und so werden Sie beide die leibhaftige Ohnmacht und Kraftlosigkeit darstellen. Bitten Sie Gott um Kraft und Willensstärke. Durch Gebet kann man alles von Gott erlangen, selbst Kraft und Willensstärke, die sich ein schwacher und kraftloser Mensch bekanntlich auf keine Weise anzueignen vermag. Vor allem handeln Sie vernünftig: bete und rudere auf das Ufer zu, sagt ein russisches Sprichwort. Sprechen Sie jeden Morgen, mittags und abends immer wieder in Ihrem Innern: Lieber Gott, fasse all meine Kräfte und mein ganzes Ich in mir selbst zusammen und stärke mich!“ Und dann tun Sie ein ganzes Jahr lang so, wie ich es Ihnen gleich angeben werde, ohne nachzugrübeln, wozu und zu welchem Zwecke Sie so handeln. Den ganzen Haushalt müssen Sie auf Ihre Schultern nehmen. Alle Ausgaben und Einnahmen sollen durch Ihre Hände gehen. Legen Sie sich kein allgemeines Kassenbuch an, sondern machen Sie gleich zu Beginn des Jahres einen Überschlag über den gesamten Haushalt. Suchen Sie sich eine Übersicht über all Ihre Bedürfnisse zu verschaffen. Überlegen Sie sich im voraus, wieviel Sie bei Ihrem Einkommen in einem jeden Jahr ausgeben dürfen und ausgeben müssen, und rechnen Sie sich alles in runden Summen aus. Teilen Sie Ihr ganzes Geld in sieben nahezu gleiche Haufen. Der erste Haufen sei zur Deckung der Ausgaben für die Wohnungsmiete, die Heizung, Wasserversorgung, Holz sowie alles, was sich auf die vier Wände Ihres Hauses und die Sauberkeit Ihres Hofes bezieht, bestimmt. Der zweite Haufen muß das Geld für die Kost und sämtliche Lebensmittel, den Gehalt des Kochs und den Lebensunterhalt aller, die mit Ihnen in Ihrem Hause leben, enthalten. Der dritte Haufen sei für den Stall, für den Wagen, den Kutscher, die Pferde, Heu, Hafer, kurz für alles, was sich auf diesen Teil des Haushalts bezieht, bestimmt. Aus dem vierten Haufen müssen die Unkosten für die Garderobe, d. h. für alles, was Sie beide brauchen, wenn Sie sich in der Gesellschaft sehen lassen oder wenn Sie zu Hause sitzen, beglichen werden. Der fünfte Haufen enthalte Ihr Taschengeld, der sechste Geld für allerhand außerordentliche Ausgaben, die ja häufig vorzukommen pflegen: wie etwa bei Anschaffung neuer Möbel, einer neuen Equipage, oder für die Unterstützung eines Verwandten, wenn er plötzlich in die Lage kommen sollte, ihrer zu bedürfen. Der siebente Haufen aber sei Gott geweiht, d. h. er diene zur Deckung der Ausgaben für die Kirche und für die Armen. Sorgen Sie dafür, daß Ihnen diese sieben Haufen niemals durcheinander geraten, sondern stets gesondert für sich bestehen bleiben, wie sieben besondere Ministerien. Führen Sie über jeden von ihnen besondere Rechnung. Unter keinem Vorwand aber machen Sie eine Anleihe bei dem einen zugunsten des andern; selbst wenn sich Ihnen während dieser Zeit auch noch so günstige Kaufgelegenheiten bieten sollten, oder wenn ein Gegenstand Sie durch seine Wohlfeilheit noch so sehr zum Kaufe reizen sollte — dürfen Sie ihn nicht kaufen. Das können Sie sich erst erlauben, wenn Sie sich innerlich genügend gefestigt und gekräftigt haben. Jetzt aber dürfen Sie keinen Augenblick vergessen, daß Sie dies alles nur tun, um sich einen starken Charakter zu erwerben, und daß diese Erwerbung fürs erste weit wichtiger für Sie ist als jede andere. Seien Sie daher in solchen Fällen geradezu eigensinnig, bitten Sie Gott, er möge Sie eigensinnig machen. Selbst dann, wenn die Notwendigkeit an Sie herantritt, einem Armen zu helfen, dürfen Sie doch nicht mehr ausgeben, als der für diesen Zweck bestimmte Haufen enthält. Ja selbst dann, wenn sich Ihnen das Bild eines herzzerreißenden Jammers und Elends darbietet, dessen Zeugin Sie sein müssen, und wenn Sie sehen, daß hier durch Geld etwas auszurichten und zu helfen wäre, dürfen Sie dennoch unter keinen Umständen einen von den andern Haufen angreifen. Fahren Sie lieber in der ganzen Stadt herum, besuchen Sie alle Ihre Bekannten und suchen Sie ihr Mitleid zu erwecken; bitten Sie, flehen Sie sie an, seien Sie sogar zu jeder Selbsterniedrigung bereit, damit Ihnen dies eine Lehre sei, und Sie sich ewig daran erinnern, wie Sie einmal vor die bittere Notwendigkeit gestellt waren, einem Unglücklichen Ihre Hilfe zu versagen; wie Sie sich deswegen allen möglichen Erniedrigungen aussetzen und sogar den öffentlichen Spott auf sich lenken mußten, auf daß Ihnen dies nie aus dem Sinn komme, und Sie hierdurch lernen, alle Ihre Ausgaben von jedem Haufen einzuschränken und im voraus daran zu denken, so daß am Ende des Jahres von jedem noch etwas für die Armen übrig bleibe und das Geld nicht nur gerade knapp zur Deckung der Ausgaben ausreiche. Wenn Sie dieses beständig im Kopfe behalten werden, werden Sie niemals ohne dringende Not in einen Kaufladen fahren und sich plötzlich einen Schmuckgegenstand für Ihren Tisch oder Kamin kaufen, wozu bei uns sowohl unsere Frauen wie unsere Männer so leicht geneigt sind. [Die letzten sogar noch mehr, diese sind nicht einmal Frauen, sondern alte Weiber.] Ihre Wünsche und Launen werden auf diese Weise unwillkürlich und kaum merklich immer mehr und mehr zusammenschrumpfen, und schließlich wird es so weit kommen, daß Sie selbst das Gefühl haben werden, Sie brauchten nicht mehr als einen Wagen und ein Paar Pferde und bei der Mittagstafel nicht mehr als vier Gänge, dann werden Sie erkennen, daß man seine Gäste ebensogut mit einem einfach servierten Diner, mit einem einzigen Extragang und einer Flasche Wein, der ohne alle Finessen in einfachen Gläsern verschenkt wird, zu befriedigen vermag. Sie werden nicht vor Scham vergehen, wenn sich in der Stadt das Gerücht verbreitet, bei Ihnen sei es nicht comme il faut, sondern Sie werden selbst darüber lachen, da Sie sich aufs tiefste davon überzeugen werden, das wahre comme il faut sei das, das Der von dem Menschen fordert, Der ihn erschaffen hat, nicht aber irgendein Mensch, der allerhand Satzungen und Systeme für die Diners erfindet, nicht einmal der, der Etiketten austiftelt, die jeden Tag wechseln, ja nicht einmal Madame Sichler in eigener Person. Schaffen Sie sich ein besonderes Kassenbuch für jeden einzelnen Geldhaufen an. Ziehen Sie jeden Monat die Bilanz über die Einnahmen und Ausgaben, die sich auf die einzelnen Haufen beziehen, prüfen Sie am letzten Tage jedes Monats alles nach und vergleichen Sie jedes Ding mit jedem andern, damit Sie erkennen lernen, um wievielmal notwendiger und nützlicher es ist als ein anderes, und damit Sie sich ganz klar darüber werden, auf welchen Gegenstand Sie im Fall der Not zuerst verzichten müssen, und so die Kunst lernen, zu erkennen, was vom Notwendigen das Allernotwendigste ist.
Halten Sie sich während eines ganzen Jahres streng an diese Grundsätze. Werden Sie stark, werden Sie eigensinnig und beten Sie während der ganzen Zeit zu Gott, er möge Ihnen einen starken Willen verleihen — dann werden Sie wirklich stark und fest werden. Worauf es ankommt, ist dies: daß in dem Menschen wenigstens etwas stark und unerschütterlich werde. Hierdurch kommt ganz unwillkürlich auch Ordnung in alles andere. Wenn Sie in Angelegenheiten materiellen Charakters stark werden, werden Sie unwillkürlich in den geistigen und seelischen Angelegenheiten sicheren Boden gewinnen. Machen Sie sich eine feste Zeiteinteilung, setzen Sie für jedes Ding eine bestimmte Stunde fest, und gehen Sie nicht von ihr ab; bleiben Sie nicht den ganzen Morgen bei Ihrem Mann, sondern schicken Sie ihn ins Departement und spornen Sie ihn zur Tätigkeit an. Erinnern Sie ihn jeden Augenblick daran, daß er sich ganz der allgemeinen Sache und dem ganzen Staatshaushalt widmen muß — [sein eigener Haushalt dagegen sei nicht seine Sorge: dieser muß nicht auf seinen, sondern auf Ihren Schultern ruhen], daß er ja gerade darum geheiratet habe, um sich aller kleinen Sorgen zu entschlagen und sich ganz dem Vaterlande zu widmen, und daß ihm die Frau nicht dazu geschenkt ward, um ihm ein Hemmnis zu sein, durch das er in seinem Dienst behindert wird, sondern gerade um ihn für den Dienst zu stärken und zu kräftigen. Ein jedes von Ihnen arbeite den Morgen über für sich, jeder in seinem Kreise, damit Sie sich vor dem Mittagessen in froher Stimmung wieder begegnen und sich so übereinander freuen, als hätten Sie sich viele Jahre lang nicht gesehen, damit Sie sich auch etwas zu erzählen haben und nicht dasitzen und einander angähnen: erzählen Sie ihm alles, was Sie in Ihrem Hause und in Ihrem Haushalt vollbracht haben, und lassen Sie sich alles von ihm erzählen, was er in seinem Departement für den allgemeinen Haushalt geleistet hat. Sie müssen unbedingt darüber unterrichtet sein, worin das Wesen seiner beruflichen Tätigkeit besteht, Sie müssen wissen, was sein Ressort ist, was für Angelegenheiten er an jenem Tag zu erledigen hatte und worin sie bestanden. Achten Sie diese Dinge nicht gering und denken Sie stets daran, daß die Frau ihrem Manne eine Stütze und Helferin sein muß. Wenn Sie sich während eines Jahres alles von ihm erzählen lassen und aufmerksam zuhören, so werden Sie im folgenden Jahre bereits imstande sein, ihm einen Rat zu erteilen, und werden wissen, wie Sie ihn trösten und ermutigen können, wenn ihm im Dienst eine Unannehmlichkeit zustößt, wie Sie ihm behilflich sein können, über sie hinwegzukommen und das zu ertragen, womit er sonst nicht fertig geworden wäre, da ihm der Mut dazu gefehlt hätte. So werden Sie ihm eine wahre Erweckerin zu allem Schönen und Guten werden.
Fangen Sie schon heute an und tun Sie, wie ich es Ihnen soeben gesagt habe. Werden Sie stark, beten Sie, flehen Sie unablässig zu Gott, er möge Ihnen helfen, sich innerlich zu sammeln und sich selbst festzuhalten. Heute fängt bei uns alles an, sich zu lockern und aus den Fugen zu gehen. Die Menschen sind heutzutage allzumal solch traurige jämmerliche Waschlappen geworden, sie haben sich selbst zu Stützen alles Gemeinen und zu Sklaven der kleinsten und törichtesten Umstände und Verhältnisse gemacht, und es gibt heute nirgends etwas wie wahre Freiheit im wirklichen Sinne dieses Wortes. Diese Freiheit hat einer meiner Freunde, mit dem Sie nicht persönlich bekannt sind, den aber ganz Rußland kennt, folgendermaßen definiert: „Die Freiheit besteht nicht darin, daß man zu jeder willkürlichen Laune Ja sagt, sondern darin, daß man auch Nein zu ihr zu sagen vermag.“ Und er hat recht wie die Wahrheit selbst. Heutzutage ist niemand imstande, sich selbst ein solch starkes Nein zuzurufen. Ich vermag nirgends einen Mann zu entdecken. So muß denn das schwache Weib ihn daran mahnen. Heute ist alles so seltsam und so wundersam geworden, heute muß die Frau dem Manne befehlen, er solle ihr Haupt und ihr Gebieter sein.
1845.
XXV
Ueber ländliche Rechtspflege und Gerichtsbarkeit
Aus einem Briefe an M.
Vernachlässigen Sie die Rechtspflege und Gerichtsbarkeit unter keinen Umständen. Beauftragen Sie nie einen Verwalter oder einen andern Mann aus dem Dorfe mit dieser Angelegenheit. Das ist eine Sache, die noch wichtiger ist als die Landwirtschaft. Halten Sie selbst Gericht. Allein hierdurch können Sie das Band zwischen Gutsbesitzer und Bauer kräftigen. Richten — das ist etwas Göttliches, und ich weiß nicht, was es Höheres gibt. Nicht umsonst wird im Volke der so hoch geehrt, der es versteht, ein gerechtes Urteil zu fällen. Nicht nur alle Bauern Ihres Gutes, sogar die Bauern aus anderen umliegenden Dörfern werden zu Ihnen hinströmen, wenn sie erfahren, daß Sie es verstehen, Recht zu sprechen. Achten Sie keinen von denen, die zu Ihnen kommen, für zu gering und übernehmen Sie das Richteramt in allen Fällen, selbst bei einem unbedeutenden Streit oder bei einer Rauferei. Bei solchen Gelegenheiten können Sie dem Bauern vieles sagen, was seiner Seele zu Nutz und Frommen gereichen kann und was Sie ihm zu einer andern Zeit nicht zu sagen vermöchten, da Sie nichts finden könnten, woran Sie anknüpfen sollen.
Sitzen Sie über jeden Menschen in zwiefacher Weise zu Gericht und entscheiden Sie über jede Sache gleichfalls in doppelter Weise. Das Gericht muß erstens ein menschliches Gericht sein. Durch ein solches Gericht muß der Schuldige verurteilt und dem Unschuldigen zu seinem Rechte verholfen werden. Sorgen Sie dafür, daß dies in Gegenwart von Zeugen geschieht, und daß hierbei auch andere Bauern zugegen sind, damit es allen klar werde wie der lichte Tag, in welchem Punkte der eine recht und der andere unrecht hat. Daneben müssen Sie aber noch in anderer Weise nach einem andern Rechte Gericht halten, nämlich nach göttlichem Rechte: hierbei müssen Sie beide, den Schuldigen sowohl wie den, der recht hat, verurteilen. Beweisen Sie dem zweiten aufs deutlichste, daß er selbst daran Schuld war, daß der andere ihn beleidigt hat, und zeigen Sie dem ersten, daß er eine doppelte Schuld auf sich geladen hat: vor Gott und vor den Menschen. Sprechen Sie dem einen Ihren Tadel aus, weil er seinem Bruder nicht verzeihen wollte, wie Christus es uns geboten hat. Dem andern aber sprechen Sie Ihre Mißbilligung aus, weil er Christus selbst in seinem Bruder gekränkt hat. Beiden aber erteilen Sie eine Rüge, weil sie sich nicht von selbst miteinander ausgesöhnt, sondern das Gericht angerufen haben, und nehmen Sie beiden das Versprechen ab, daß sie dem Priester in der Beichte alles beichten und bekennen werden. [Wenn Sie in solcher Weise Recht sprechen werden, werden Sie aus höchster Vollmacht richten, wie Gott selbst, denn Gott wird Sie dazu bevollmächtigen.] Sie werden hieraus vielen Nutzen ziehen, vieles, das Ihnen zugute kommen wird, und viel unmittelbares und wahrhaftes Wissen daraus schöpfen. [Wenn viele Staatsleute nicht gleich mit dem Aktenschreiben, sondern damit beginnen würden, über die einfachen Leute Recht zu sprechen, so würden sie den Geist des Landes, die Eigenart ihres Volkes und die menschliche Seele im allgemeinen weit besser kennen lernen und nicht Neuerungen bei uns einführen, die sie fremden Ländern entlehnen und die nicht zu uns passen.] Die Rechtspflege könnte bei uns weit besser sein als in allen anderen Staaten, denn von allen Völkern ist es allein das russische, in dem der so wahre Gedanke entsprungen und lebendig ist, daß es keinen gerechten Menschen gibt und daß Gott allein gerecht ist. Dieser Gedanke hat sich wie ein unerschütterlicher Glaube durch unser ganzes Volk verbreitet. Von ihm erfüllt, mit ihm ausgerüstet, gewinnt selbst ein einfacher und nicht übermäßig gescheiter Mensch Autorität im Volke, und wird hierdurch befähigt, Streitigkeiten zu schlichten. Nur wir Menschen der höheren Kreise haben kein Gefühl, kein Verständnis für diesen Gedanken, weil wir uns nach dem Vorbild Europas allerhand törichte ritterliche Begriffe von der Gerechtigkeit zurechtgelegt haben. Wir streiten bloß darüber, wer recht hat und wer schuldig ist. Wenn wir jedoch alle unsere Streitigkeiten genau untersuchen, so können wir sie alle auf einen Nenner bringen, nämlich auf den, daß alle beide Teile schuldig sind. Und dann erkennt man, daß die Kommandantin in Puschkins Erzählung „Die Hauptmannstochter“ ganz recht hatte, als sie den Leutnant aussandte, um den Streit des Polizeisoldaten mit dem Weibe zu schlichten, die im Bade wegen einer Schöpfkelle aneinander geraten waren, und die ihm dabei folgende Instruktion mitgab: „Untersuche, wer recht und wer unrecht hat, und bestrafe alle beide.“
1845.
XXVI
Rußlands Schrecken und Grauen
An die Gräfin ***
Auf Ihren langen Brief, den Sie mit solch innerem Grauen geschrieben haben, antworte ich, obwohl Sie mich bitten, ihn, nachdem ich ihn gelesen habe, sofort zu vernichten, und obwohl Sie mich darum ersuchen, Ihnen die Antwort nicht anders als durch die Hand einer zuverlässigen Persönlichkeit und nicht durch die Post zuzustellen, nicht nur keineswegs in aller Heimlichkeit, sondern, wie Sie sehen, in einem gedruckten Buche, das vielleicht von der Hälfte aller Menschen in Rußland, die da lesen können, gelesen werden wird. Was mich dazu veranlaßte, war der Umstand, daß mein Brief vielleicht auch manchen andern als Antwort dienen wird, die sich ebenso wie Sie durch die gleichen Befürchtungen und Schrecken beunruhigen lassen. Das, was Sie mir im geheimen mitteilen, ist nur ein Teil der ganzen Angelegenheit. Wenn ich Ihnen alles erzählen wollte, was ich weiß (und ich weiß ohne Zweifel noch bei weitem nicht alles), dann würde sich Ihr Geist verfinstern, es würde Ihnen dunkel vor den Augen werden, und Sie würden nur noch daran denken, wie Sie aus Rußland entfliehen könnten. Wohin aber soll man fliehen? Das ist die Frage. Die Lage Europas ist noch schwieriger als die Rußlands. Der Unterschied ist bloß der, daß es dort noch niemand einsieht. Alle, und davon sind selbst die Staatsleute nicht auszunehmen, bewegen sich noch immer an der Oberfläche eines oberflächlichen Wissens, d. h. sie kommen nicht aus jenem in einem fehlerhaften Zirkel verlaufenden Wissen heraus, wie es von den Zeitschriften in Form frühreifer Folgerungen und übereilter Feststellungen angeschwemmt worden ist, die, durch das trügerische Prisma aller möglicher Parteien entstellt, gar nicht in ihrem wahren und wirklichen Lichte erscheinen. Warten Sie nur, bald werden gerade in jenen so wohlgeordneten Staaten, deren äußerer Schein und Glanz uns in solche Begeisterung versetzt, die wir uns in allem nachzuahmen bemühen und deren Einrichtungen wir uns anzupassen suchen, von unten herauf, solche furchtbare Schreie ertönen, daß selbst jenen berühmten Staatsleuten, deren Auftreten in den Gerichten und Parlamenten Sie so entzückt hat, der Kopf schwindeln wird. In Europa bereiten sich jetzt überall solche Wirren vor, gegen die kein menschliches Mittel etwas wird ausrichten können, wenn sie erst ausgebrochen sein werden, und gegen die alle Schrecken nichts sind, die wir in Rußland vor unseren Augen sehen. In Rußland schimmert doch noch hie und da etwas wie ein Lichtstrahl hindurch. Es gibt doch noch Mittel und Wege zur Rettung, und diese Schrecken sind, Gott sei Dank, gerade heute und nicht zu einer späteren Zeit zum Vorschein gekommen. Ihre Worte: „Alle lassen den Mut sinken wie in Erwartung eines unvermeidlichen Schicksals“ treffen in der Tat das Richtige, ebenso wie Ihre andre Bemerkung. Jeder denkt nur daran, seine eigene Habe in Sicherheit zu bringen, er denkt nur an seinen eigenen Vorteil, wie auf dem Schlachtfeld nach einer verlorenen Schlacht ein jeder nur daran denkt, wie er sein eigenes Leben retten könne: „sauve qui peut“. So liegen die Dinge heute wirklich, und so muß es auch sein. Gott hat gewollt, daß es so sei. Jeder soll jetzt an sich selbst und zwar gerade an seine eigene Rettung denken. Aber nun handelt es sich um eine andere Art der Rettung. Wir sollen heute nicht etwa ein Schiff besteigen, aus unserem Lande fliehen und all unsern verächtlichen irdischen Besitz in Sicherheit zu bringen suchen, sondern ein jeder von uns soll seine Seele retten, ohne sein Land zu verlassen. Er soll sich selbst zu retten suchen, während er mitten im Herzen des eigenen Staates weilt. Auf dem Schiff seines Berufs und seiner Tätigkeit soll heute ein jeder von uns dem Strudel entfliehen, indem er beständig auf den himmlischen Steuermann hinblickt. Selbst der, der nicht im Staatsdienst steht, soll jetzt in den Dienst des Staates treten und sich an sein Amt klammern, wie ein Ertrinkender nach einer Planke greift, denn ohne dies kann keiner gerettet werden. Heutzutage muß ein jeder von uns den Dienst auf sich nehmen, aber nicht in der Weise, wie in dem Rußland von ehedem, sondern gleichsam, wie wenn er Bürger eines andern himmlischen Reiches wäre, dessen Haupt Christus selbst ist, und daher müssen wir alle unsere Pflichten gegen die Obrigkeit, die über uns gesetzt ist, gegen die Menschen, die uns gleichgestellt sind und die sich um uns herum bewegen, sowie gegen die Menschen niederen Standes, die unter uns stehen, so erfüllen, wie uns kein anderer als Christus selbst dies geboten hat. Daher ist es jetzt auch nicht mehr am Platze, dem eine große Bedeutung beizumessen, wenn irgend jemand unserem Ehrgefühl oder unserer Eigenliebe einen kleinen Stich versetzt — wir müssen immer im Auge behalten, daß wir unser Amt um Christi willen auf uns genommen haben und daß wir es darum so verwalten müssen, wie kein anderer als Christus es uns geboten hat. Nur auf diese Weise kann ein jeder von uns seine Seele retten, und wehe dem, der nicht jetzt schon seine Gedanken darauf richtet. Sein Geist wird sich verdunkeln, seine Gedanken werden sich verfinstern, und er wird keinen Fleck auf der Erde finden, wohin er vor seinen eigenen Schrecken und Grauen entfliehen kann. Denken Sie an die ägyptische Finsternis, die uns König Salomon so gewaltig geschildert hat, als der Herr, um einen Teil der Menschen zu strafen, unerhörte und unbegreifliche Schrecken und Finsternisse auf sie herabsandte. Stockfinstere Nacht umfing sie plötzlich inmitten des hellen Tages; von allen Seiten starrten ihnen furchtbare Fratzen entgegen, morsche klapprige Schreckgespenster mit traurigen Gesichtern schwebten ihnen unaufhörlich vor Augen, ohne stählerne Ketten fesselte sie alle eine furchtbare Angst und raubte ihnen alles: Alle Gefühle, alle Regungen, alle Kräfte schwanden ihnen dahin außer der einen einzigen Furcht, und dies alles geschah nur mit denen, die Gott strafen wollte. Die andern sahen während derselben Zeit keinerlei Schreckbilder, sondern wandelten im Licht und im Tage.