Doch nun sei es genug. Arbeite nur ein Jahr lang recht eifrig, dann wird das Werk und die Arbeit schon ganz von selbst so vonstatten gehen, daß du gar nicht erst Hand anzulegen brauchst. Du wirst reich werden wie ein Krösus, ganz im Gegensatz zu jenen kurzsichtigen Leuten, die da annehmen, daß die Interessen des Gutsbesitzers denen des Bauers widersprechen. Du wirst ihnen nicht durch Worte, aber durch die Tat beweisen, daß sie unrecht haben und daß ein Gutsbesitzer, wenn er seine Aufgabe nur mit dem Auge des Christen anschaut, nicht allein die alten Bande, von denen man sagt, daß sie für immer zerrissen seien, durch das gemeinsame Band Christi zu kräftigen und zu befestigen vermag, das stärker und kräftiger ist als jedes andere. Und so wirst du, der du bisher in keinem Wirkungskreise eifrig und mit Hingebung gearbeitet hast, als Gutsbesitzer dem Kaiser einen Dienst leisten, wie ihn kein Mann in hohen Ämtern und Würden zu leisten vermag. Sage was du willst, ihm achthundert Untertanen zu schenken, die allesamt wie ein Mann allen Menschen ihrer Umgebung durch ihren wahrhaft musterhaften Lebenswandel zum Vorbild dienen können — das ist kein unnützes Werk, sondern eine durchaus berechtigte und große Tat.
1846.
XXIII
Der Historienmaler Iwanow
An M. Ju. Weligurski
Ich schreibe Ihnen über Iwanow. Wie unbegreiflich ist doch das Schicksal dieses Menschen! Endlich schienen sich alle über ihn klar zu sein, alle waren überzeugt, daß das Bild, an dem er arbeitet, eine geradezu unerhörte Erscheinung sei, nahmen Anteil an dem Künstler, alles bemühte sich darum, ihm die Mittel zu verschaffen, um sein Bild zu vollenden, [damit der Künstler nicht während der Arbeit sterbe — ich meine dies ganz buchstäblich: nicht vor Hunger sterbe] und noch immer bekommt man nicht das geringste aus Petersburg zu hören; ich flehe Sie an: [um Christi willen suchen Sie doch festzustellen, was das zu bedeuten hat. Es sind so törichte Gerüchte hierher gedrungen, wie wenn die Maler und alle Professoren der Akademie der Künste aus Furcht, das Bild Iwanows könnte alles in Schatten stellen, was unsere Kunst bisher hervorgebracht hat, und aus Neid darauf hinarbeiten, daß ihm die Mittel zur Vollendung des Bildes nicht zur Verfügung gestellt werden. Das ist eine Lüge, davon bin ich fest überzeugt. Unsere Künstler sind vornehme, anständige Menschen und wenn sie erfahren, was der arme Iwanow durch seine beispiellose Selbstentäußerung und Arbeitsliebe zu erdulden gehabt hat, er, der tatsächlich Gefahr lief, vor Hunger zu sterben, so würden sie ihr eigenes Geld brüderlich mit ihm teilen und nicht noch andere zu einer solchen Grausamkeit verleiten. Ja, warum hätten sie Iwanow auch zu fürchten,] er wandelt seine eigenen Bahnen und steht niemand im Wege. Er strebt weder nach einer Professur noch nach materiellen Vorteilen. Er will überhaupt nichts mehr, denn er ist der ganzen Welt abgestorben außer seiner Arbeit. Er bittet bloß [um eine armselige Pension] — um eine Pension, wie sie ein Schüler und ein Anfänger erhält und nicht er, der Meister, der an einem so ungeheuren Werke arbeitet, wie es bisher noch niemand unternommen hat. Und dies [Hunger]gehalt, das ihm alle zu verschaffen bestrebt sind, um das sich alle für ihn bemühen, kann er sich trotz der Bemühungen aller nicht erbetteln. Sagen Sie, was Sie wollen, ich sehe in alledem den Willen der Vorsehung, die es so bestimmt hat, daß Iwanow alles erdulden, alle Leiden bis zur Neige auskosten und alles ertragen sollte. Einen anderen Grund dafür kann ich nicht finden.
Bisher hat man ihm immer den Vorwurf gemacht, er arbeite zu langsam. Man hat immer gesagt: wie? er sitzt acht Jahre lang an seinem Bilde, und noch immer ist das Gemälde nicht vollendet. Jetzt beginnt dieser Vorwurf endlich zu verstummen, wo man sieht, daß der Künstler auch nicht einen einzigen Augenblick von seiner Zeit verloren hat, daß die Skizzen zu dem Bilde, die er angefertigt hat, allein einen ganzen Saal, daß man eine ganze Ausstellung mit ihnen füllen könnte, und daß die ungewöhnliche Größe des Bildes, dem kein zweites an Flächenumfang gleichkommt (das Bild ist größer als die Gemälde von Brjulow und Bruni), außerordentlich viel Zeit und Arbeit erforderte, besonders bei den geringen Geldmitteln, die es dem Maler nicht erlaubten, sich mehrere Modelle zugleich, vor allem aber nicht solche, wie er sie brauchte, zu halten. Mit einem Wort — jetzt beginnen alle endlich zu erkennen, wie töricht der Vorwurf einem solchen Künstler gegenüber war, der wie ein fleißiger Arbeiter sein ganzes Leben lang bei der Arbeit verbracht hat, so daß er kaum noch wußte, ob es in der Welt noch einen anderen Genuß gibt als die Arbeit — wie töricht der Vorwurf war, er sei faul und arbeite zu langsam. Die, die ihm Langsamkeit vorgeworfen haben, werden sich noch mehr schämen, wenn sie erfahren, was der andere geheime Grund dieser Langsamkeit war. Mit der Arbeit an diesem Gemälde verknüpfte sich der eigenste, innerste, geistige Lebenszweck des Künstlers — eine Erscheinung, wie sie in der Welt nur äußerst selten vorkommt und deren Grund nicht im freien Ermessen des Menschen, sondern in dem Willen Dessen zu suchen ist, der über allen Menschen steht. Es war offenbar höhere Bestimmung, daß sich an diesem Bilde die eigentliche Erziehung des Künstlers sowohl nach der Seite manueller Kunstfertigkeit wie nach der Seite der Ideen, die die Kunst ihrer wahren und höchsten Bestimmung entgegenführen, vollziehen sollte. Schon der Gegenstand des Gemäldes ist, wie Sie wissen, höchst bedeutend. Der Maler hat sich eine Stelle aus den Evangelien zum Vorwurf gewählt, die einer Darstellung ganz besondere Schwierigkeiten bietet und die bisher noch von keinem Künstler, nicht einmal von einem Meister einer der uralten, von so inniger Frömmigkeit erfüllten künstlerischen Epochen behandelt worden ist, nämlich — das erste Erscheinen Christi vor dem Volke. Das Bild stellt die Wüste am Ufer des Jordans dar. Im Vordergrunde des Ganzen steht die Gestalt Johannes des Täufers, der vor versammeltem Volke predigt und im Namen Dessen, Den noch niemand gesehen hat, tauft. Er ist von einer Menge nackter oder solcher Menschen, die damit beschäftigt sind, sich an- oder auszuziehen oder die bereits ausgezogen sind, die aus dem Wasser hervorkommen oder im Begriff sind, ins Wasser zu steigen, umgeben. Unter dieser Menge befinden sich auch die künftigen Jünger des Heilands selbst. Jedermann lauscht, während er mit seiner Verrichtung beschäftigt ist und verschiedene Körperbewegungen ausführt, voll innerer Spannung den Reden des Propheten, als wollte er ihm jedes Wort von den Lippen ablesen, alle Gesichter spiegeln die verschiedensten Gefühle wider: ein Teil der Anwesenden ist bereits vollkommen überzeugt, andere zweifeln noch, ein dritter Teil schwankt schon, andere wieder halten ihre Häupter voll Reue und Zerknirschung gesenkt. Es sind auch solche darunter, denen man anmerkt, daß die harte Rinde der Gefühllosigkeit, die ihr Herz umgibt, noch nicht geborsten ist. Und während nun alles von so verschiedenen Gemütsbewegungen ergriffen ist, erscheint Er, in Dessen Namen die Taufe bereits vollzogen ward, in der Ferne — und das ist der eigentliche Höhepunkt des Bildes. Der Künstler hat den Augenblick gewählt, wo der Vorläufer Christi mit dem Finger auf den Heiland hinweist und die Worte spricht: „Siehe, das ist das Lamm, das der Welt Sünde trägt.“ Die ganze Menge aber hält, ohne ihren Gesichtsausdruck zu verändern, ihre Augen auf Den geheftet, und richtet alle ihre Gedanken auf Ihn, auf Den der Prophet hinweist. Zu dem früheren Ausdruck, der noch nicht von den Gesichtern verschwunden ist, kommt nun noch ein neuer hinzu, der den neuen Eindruck widerspiegelt. Die Gesichter der Auserwählten, die ganz vorne stehen, leuchten von einem wunderbaren Licht, während die andern noch bemüht sind, in den Sinn der unverständlichen Worte einzudringen und nicht begreifen können, wie ein einziger alle Sünden der Welt auf sich nehmen kann, und während die Dritten zweifelnd ihr Haupt schütteln, als wollten sie sagen: „Wie könnte ein Prophet aus Nazareth kommen!“ Er aber schreitet mit himmlischer Ruhe und wie in eine wunderbare Ferne entrückt langsamen und festen Schrittes auf die Menschen zu.
Wahrlich es ist keine Kleinigkeit, auf den Gesichtern diesen ganzen Prozeß der Bekehrung des Menschen zu Christus darzustellen! Es gibt Menschen, die davon überzeugt sind, daß für einen großen Künstler alles erreichbar ist: die Erde, das Meer, der Mensch [ja selbst ein Frosch, eine Rauferei, ein Zechgelage oder eine Kartenpartie] wie ein an den himmlischen Vater gerichtetes Gebet, mit einem Wort, daß ihm alles leicht erreichbar sei, wenn er bloß ein talentvoller Künstler ist und die Akademie besucht hat. Ein Künstler kann nur darstellen, was er selbst gefühlt und wovon er sich im Geiste eine vollständige Idee gebildet hat, im andern Falle wird sein Bild ein totes akademisches Gemälde bleiben. Iwanow hat alles getan, was ein anderer Künstler für ausreichend gehalten hätte, um sein Gemälde zu vollenden. Die gesamte materielle Seite daran, alles, was sich auf eine strenge und weise Verteilung der Gruppen auf dem Bilde bezieht, ist mit höchster Vollendung durchgeführt. Auch die Gesichter haben jenen typischen Ausdruck, der dem Geist des Evangeliums entspricht, auch ist der jüdische Typus überall festgehalten. Man erkennt sofort an den Gesichtern, welches Land der Schauplatz dieser Vorgänge ist. Iwanow ist ausdrücklich zu diesem Zwecke überall herumgereist, um jüdische Gesichter zu studieren. Alles, was sich auf eine harmonische Verteilung der Farben, der menschlichen Gewänder und die wohlüberlegte Art, wie sie den menschlichen Körper umhüllen und von ihm gehalten werden, bezieht, ist mit einer solchen Sorgfalt studiert, daß jede Falte die Aufmerksamkeit des Kenners auf sich lenken muß. Endlich ist auch die landschaftliche Seite, auf die ein Historienmaler gewöhnlich nur wenig achtet, die malerische Wüste, in die die Gruppen hineingestellt sind, so ausgeführt, daß selbst die Landschaftsmaler, die sich in Rom aufhalten, staunen. Iwanow hat zu diesem Zwecke viele Monate in den ungesunden Pontinischen Sümpfen und in den Wüsteneien Italiens zugebracht, zahlreiche Skizzen von sämtlichen wilden und öden Gegenden, die sich in Roms Umgebung finden, entworfen, er hat jedes Steinchen und jedes Baumblatt studiert, kurz — er hat alles getan, was er tun konnte, und alles nachgezeichnet, wofür er ein Vorbild finden konnte. Wie aber sollte er das darstellen, wofür bisher noch nie ein Künstler ein Modell finden konnte! Wo konnte er ein Modell dafür finden, was die Hauptsache, die eigentliche Aufgabe seines ganzen Gemäldes bildet? Wie konnte er den Vorgang der Bekehrung der Menschheit zu Christus in seiner Gesamtheit zur Darstellung bringen? Wo sollte er ihn hernehmen? Aus dem Kopfe? Sollte er ihn aus seiner Phantasie erzeugen, ihn mit dem Gedanken erfassen? Nein, das sind alles Torheiten. Dazu ist der Gedanke zu kalt und zu frostig und die Phantasie zu arm und zu matt. Iwanow hat seine Einbildungskraft so gewaltig angestrengt, als er nur vermochte, er war bestrebt, aus den Gesichtern aller Menschen, denen er begegnete, die hohen Gemütsbewegungen der Seele abzulesen. Er ist in die Kirchen gegangen, um die Menschen während des Gebets zu beobachten, und mußte schließlich erkennen, daß dies alles viel zu kraftlos, zu ohnmächtig, daß es ungenügend sei und in seiner Seele nicht die volle Idee von dem, was er brauchte, hervorbringen und befestigen konnte, und das wurde der Anlaß zu bitteren Seelenqualen, und war der Grund, warum sein Bild so langsame Fortschritte machte. Nein, solange sich die wahre Bekehrung zu Christus nicht im Künstler selbst vollzogen hat, wird es ihm nie gelingen, sie auf der Leinwand darzustellen. Iwanow hat inbrünstig zu Gott gebetet, Er möge ihm diese volle Bekehrung zuteil werden lassen, er hat stille Tränen vergossen und Ihn angefleht, Er möge ihm die Kraft verleihen, die ihm von Ihm selbst eingegebene Idee auszuführen, und in einem solchen Moment konnte man ihm den Vorwurf machen, daß er zu langsam arbeite, und ihn zur Eile drängen! Iwanow hat Gott angefleht, Er möge jene kalte Härte und Mattherzigkeit, an der heute viele von den Edelsten und Besten leiden, im Feuer Seiner Gnade zerschmelzen und zu Asche verbrennen und ihn mit der Begeisterung erfüllen, die ihm die Kraft verleihen würde, diese Bekehrung so darzustellen, daß auch der Nichtchrist beim Anblick seines Bildes gerührt und erschüttert dastünde, und in solchen Augenblicken konnten sogar Leute, die ihn persönlich kennen, ja selbst seine Freunde ihm Vorwürfe machen und glauben, er sei träge und faul, ja sie konnten sich ernstlich fragen, ob man ihn nicht durch Hunger und dadurch, daß man ihm alle Mittel entzöge, dazu zwingen könne, sein Bild zu vollenden! Sogar die Mitleidigsten unter ihnen sagten: „Er ist selbst schuld: das große Bild ist etwas für sich, in der Zwischenzeit könnte er kleinere Bilder malen und sie verkaufen, dann brauchte er nicht vor Hunger zu sterben.“ So konnten die Leute reden, ohne zu ahnen, daß ein Künstler, dem sein Werk nach dem Willen Gottes zu einer innersten Seelen- und Herzensangelegenheit geworden ist, schon nicht mehr imstande ist, sich mit irgend etwas anderem zu beschäftigen, daß es für ihn keine Zwischenzeit gibt; sein Denken ist gar nicht mehr fähig, sich auf andere Gegenstände zu richten, so sehr er sich auch dazu zwingen und so sehr er es auch vergewaltigen mag. So ist auch ein treues Weib, das ihren Mann wahrhaft liebt, nicht mehr imstande, einen andern lieb zu gewinnen. Nie wird sie ihre Zärtlichkeit für Geld verkaufen, nicht einmal, wenn sie sich selbst und ihren Mann hierdurch vor der Armut bewahren könnte. Dies war der Seelenzustand Iwanows. Sie werden sagen: „Ja warum hat er dies alles denn nicht niedergeschrieben? Warum hat er seine wirkliche Lage nicht klar dargestellt. Dann hätte man ihm sofort Geld geschickt? Das wäre schön, wenn’s so wäre. Es soll doch einmal einer von uns versuchen, der noch keinen Beweis seines Könnens gegeben hat, der sich selbst noch nicht darüber klar zu werden vermag, was in ihm steckt, sich mit Leuten anderer Berufe auseinanderzusetzen, die aus sehr natürlichen Gründen nicht einmal zu begreifen vermögen, daß es eine höchste Stufe der Kunst gibt, eine solche Stufe, die sie unendlich weit über das Niveau emporhebt, auf dem die Kunst unserer heutigen modesüchtigen Zeit steht. Sollte er etwa sagen: „Ich will ein Werk schaffen, das euch einst in Erstaunen setzen wird, von dem ich jedoch heute nicht zu euch sprechen kann, weil mir selbst heute noch manches nicht ganz klar ist. Ihr aber mögt die ganze Zeit über, während der ich an meiner Arbeit sitze, geduldig warten und mir das Geld zu meinem Lebensunterhalt verschaffen?“ Dann würden sich wahrscheinlich viele Liebhaber finden, die ebenso sprechen würden, und glauben Sie etwa, daß es einen so törichten Menschen gibt, der ihnen Geld geben würde? Aber selbst angenommen, Iwanow hätte sich in dieser Zeit der Unklarheit klar ausdrücken und sagen können: „durch höhere Eingebung ward mir eine Idee zuteil, die mich unablässig verfolgt — ich will die Bekehrung des Menschen zu Christus auf der Leinwand darstellen. Ich fühle, daß ich das nicht tun kann, ehe ich mich selbst wahrhaft zu ihm bekehrt habe. Wartet daher, bis sich diese Bekehrung in mir selbst vollzogen hat und gebt mir bis dahin das Geld, das ich zu meinem Lebensunterhalt und um arbeiten zu können, brauche.“ Ja, hätten wir ihm nicht alle wie aus einem Munde zugerufen: „Was ist denn das für ein törichtes Gerede? Hältst du uns etwa für Narren? Wie hängt denn das zusammen: die Seele und ein Gemälde? Die Seele ist etwas für sich und ein Gemälde ist auch eine Sache für sich. [Warum sollten wir auf deine Bekehrung warten, du sollst auch ohne das ein Christ sein. Wir sind doch auch alle wahrhafte Christen.“] So hätten wir alle zu Iwanow gesprochen, und jeder von uns hätte eigentlich recht gehabt. Wären nicht diese schwierigen Lebensverhältnisse und diese innere Seelenfolter gewesen, die ihn mit Gewalt dazu getrieben haben, Gott mit innigerer, glühenderer Sehnsucht zu suchen, und die ihm die Fähigkeit gaben, seine Zuflucht zu Ihm zu nehmen und so in Ihm zu leben, und in Ihm aufzugehen, wie keiner von den modernen profanen Künstlern in Ihm lebt, und sich durch bittre Tränen die Gefühle zu erringen, die er sich ehedem durch bloßes Nachdenken und bloße Überlegung zu erringen suchte, so wäre er nie imstande gewesen, das darzustellen, wozu er jetzt auf der Leinwand bereits den Grund gelegt hat, und er hätte sowohl sich wie die andern betrogen trotz seines glühenden Wunsches, sie nicht zu täuschen. Glauben Sie nicht, daß es leicht ist, sich während eines solchen inneren Übergangszustandes, wenn nach Gottes Willen ein Umgestaltungsprozeß in dem innersten Wesen des Menschen eingesetzt hat, sich andern Menschen mitzuteilen. Ich kenne das selbst sehr gut und habe es sogar an mir selbst erfahren. Meine Werke hängen in ganz wunderbarer Weise mit meinem Seelenleben und meiner inneren Selbsterziehung zusammen. Mehr als sechs Jahre lang vermochte ich nicht für die Welt zu schaffen. Die ganze Arbeit fand in mir und für mich selbst statt. Und doch — vergessen Sie dies nicht — und doch lebte ich damals, ausschließlich von den Einkünften, die mir meine Werke brachten. Fast alle Welt wußte, daß ich Not litt, und doch waren alle überzeugt, daß dies seinen Grund ausschließlich in meinem Eigensinn hat, daß ich mich nur hinzusetzen und irgendeine kleine Sache niederzuschreiben brauchte, um sehr viel Geld zu verdienen. Allein ich war nicht imstande, auch nur eine einzige Zeile zu schreiben, und als ich einmal dem Rat eines unvernünftigen Menschen folgen und mich dazu zwingen wollte, ein paar kleine Aufsätze für eine Zeitschrift zu schreiben, wurde mir dies so schwer, daß mich mein Kopf schmerzte und mir all meine Sinne wehe taten. Ich schmierte einige Seiten voll, zerriß sie wieder und ruinierte nach zwei, drei Monaten einer solchen Folter meine ganze Gesundheit, die ohnedies schon schlecht genug war, so daß ich mich zu Bett legen mußte. Dazu kamen noch allerhand Nervenbeschwerden und Leiden, die daraus entsprangen, daß es mir völlig unmöglich war, mich gegen irgendeinen Menschen in der Welt über meinen Zustand und meine Lage zu äußern; dies alles brachte mich so herunter, daß ich mich beinahe am Rande des Grabes befand. Und dieses passierte mir zweimal nacheinander. Einmal befand ich mich zu alledem noch in einer Stadt, wo ich nicht einen einzigen mir nahestehenden Menschen hatte. Auch war ich völlig mittellos und lief beständig Gefahr, nicht nur an meiner Krankheit und meinen seelischen Qualen, sondern sogar vor Hunger zu sterben. Das ist schon sehr lange her [ich wurde damals durch den Kaiser gerettet, von dem mir unerwartet Hilfe kam. Hatte ihm eine innere Stimme gesagt, daß sein armer Untertan in seiner unscheinbaren nichtamtlichen Stellung von dem heißen Streben beseelt war, ihm ebenso treu und redlich zu dienen, wie andere ihm in ihren hervorragenden amtlichen Stellungen dienten, oder war es einfach eine Regung der Gnade und Güte, wie wir sie bei ihm gewohnt sind, genug, diese Hilfe richtete mich plötzlich auf. Es war mir in diesem Augenblick sehr angenehm, mich ihm und keinem andern verpflichtet zu fühlen. Zu den Gründen, die mich veranlaßten, mit neuer Kraft an die Arbeit zu gehen, kam auch noch folgender Gedanke hinzu. Wenn Gott mich für würdig halten sollte, mir die Liebe und Zuneigung vieler Menschen zu erwerben und mich der Liebe derer würdig zu erweisen, die mich liebten, dann wollte ich ihnen sagen: „Vergeßt es niemals, ich wäre jetzt vielleicht nicht mehr auf der Welt, wenn der Kaiser nicht dagewesen wäre“]. In solch eine Lage kommt man mitunter. Außerdem muß ich Ihnen noch sagen, daß ich gerade zu dieser Zeit oft den Vorwurf zu hören bekam, ich sei ein Egoist: Viele konnten es mir nicht verzeihen, daß ich mich nicht an Unternehmungen beteiligen wollte, die sie, wie sie glaubten, im Interesse der Allgemeinheit planten. Meine Einwände, ich könne nicht schreiben und ich dürfe nicht für Zeitschriften und Almanache arbeiten, wurden für eine Laune gehalten. Selbst der Umstand, daß ich im Ausland lebte, wurde auf ein sybaritisches Bedürfnis zurückgeführt, die Schönheiten Italiens zu genießen. Ich konnte es nicht einmal meinen nächsten Freunden klarmachen, daß mir nicht nur aus Rücksicht auf meine Krankheit eine zeitweilige Trennung von ihnen selbst ein Bedürfnis war, gerade weil ich nicht in ein falsches Verhältnis zu ihnen kommen und ihnen keine Unannehmlichkeiten bereiten wollte — selbst dies vermochte ich ihnen nicht klarzumachen!
Ich hatte selbst die Empfindung, mein Seelenzustand sei so seltsam geworden, daß ich ihn keinem Menschen auf der Welt in klarer und verständlicher Weise hätte mitteilen können. Wenn ich mich bemühte, einem Menschen wenigstens einen Teil von meinem Selbst zu enthüllen, so stand es mir sofort klar vor Augen, daß ich den Menschen, zu denen ich sprach, mit meinen Worten nur den Kopf verwirrte und umnebelte, und ich bereute bitterlich, daß ich auch nur den Wunsch gehabt hatte, aufrichtig zu sein. Ich möchte darauf schwören: es gibt Situationen von solcher Schwierigkeit, die sich nur mit der Lage eines Menschen vergleichen lassen, der in einem lethargischen Schlaf versunken daliegt, der selbst sieht, wie er lebendig begraben wird — und nicht einmal einen Finger rühren und ein Zeichen geben kann, daß er noch lebt. Nein, Gott bewahre uns vor dem bloßen Versuch, im Moment eines solchen inneren Übergangszustandes einem Menschen unser Herz zu öffnen. Zu Gott allein sollte man seine Zuflucht nehmen; zu niemand sonst. So kam es, daß viele, selbst solche Menschen, die mir sehr nahe standen, ungerecht gegen mich wurden und doch waren sie eigentlich ganz unschuldig daran: ich selbst hätte genau so gehandelt, wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre.
Und ebenso verhält es sich mit dem Fall Iwanow: wenn er vor Armut und aus Mangel an Mitteln sterben sollte, so würden sich alle sofort empört gegen die wenden, die dies zugelassen haben. Vorwürfe und Anklagen gegen die andern Künstler würden laut werden, und man würde sie der Gefühllosigkeit und des Neides bezichtigen. Am Ende würde gar ein dramatischer Dichter ein rührsames Drama über dieses Sujet schreiben, das Publikum bis zu Tränen rühren und Zorn und Abscheu wider die Feinde Iwanows erregen. Und doch wäre dies alles nichts wie lauter Lüge und Unwahrheit, weil in Wahrheit doch eigentlich niemand an seinem Tode schuld wäre. Nur ein Mensch hätte Anlaß, sich einer unehrenhaften Handlungsweise anzuklagen und sich die Schuld zuzuschreiben. Dieser Mensch wäre — ich. Ich habe mich in einer ganz ähnlichen Lage befunden, habe alles am eigenen Leibe erfahren und habe es doch den andern nicht klarmachen können, und das ist der Grund, weswegen ich Ihnen jetzt schreibe. Suchen Sie diese Sache zu arrangieren und in Ordnung zu bringen, sonst nehmen Sie eine schwere Verantwortung auf Ihre Seele. Ich habe sie durch diesen Brief von meinem Herzen abgewälzt. Nun liegt sie auf Ihnen. [Richten Sie es so ein, daß Iwanow nicht nur jene armselige Pension, um die er bittet, bewilligt wird, sondern außerdem auch noch eine Prämie dafür, daß er so lange an seinem Gemälde gearbeitet hat und daß er während dieser Zeit an nichts anderem arbeiten wollte, trotzdem ihn die Menschen und seine eigene Not dazu drängten]. Sparen Sie nicht mit dem Gelde: es wird reiche Zinsen tragen. Schon fängt man überall an, den Wert des Bildes zu erkennen, schon spricht ganz Rom davon, obwohl es sich doch nur nach dem jetzigen Stadium, das die Idee und Absicht des Künstlers noch nicht in vollem Maße widerspiegelt, ein Urteil erlauben kann, schon sagt ganz Rom, daß eine ähnliche Erscheinung seit den Zeiten Raphaels und Leonardo da Vincis noch nicht dagewesen sei. Das Gemälde wird vollendet werden [— dann wird auch der ärmste Fürstenhof in Europa gern soviel dafür bezahlen, wie man heute für ein neu entdecktes Gemälde eines großen alten Meisters auszugeben pflegt]. Solche Gemälde erzielen selten Preise unter 100000 oder 200000. [Richten Sie es so ein, daß ihm die Prämie nicht für sein Gemälde, sondern für seine Selbstaufopferung und seine beispiellose Liebe zur Kunst zugesprochen wird, auf daß dies Beispiel allen Künstlern zur Lehre diene. Wir haben eine solche Lehre nötig, damit alle erkennen, wie man die Kunst lieben soll: daß man allen Lockungen des Lebens absterben müsse wie Iwanow, daß man nicht aufhören dürfe, zu lernen, und sich stets für einen Schüler halten solle wie Iwanow, daß man die größten Entbehrungen auf sich nehmen, ja selbst an Feiertagen sich beim Mittagessen den Extragang versagen muß wie Iwanow, daß man, wenn einem alle Mittel ausgegangen sind, eine einfache Leinwandjacke anziehen und alle leeren Rücksichten des Anstands außer acht lassen muß wie Iwanow, daß man alle Leiden auskosten und selbst bei einer so hohen und feinen Seelenbildung, bei einer so außerordentlichen feinsinnigen Empfindlichkeit für alles, alle bitteren Niederlagen ertragen, ja selbst ruhig dulden muß, daß einzelne einen für verrückt erklären und überall das Gerücht verbreiten, man sei nicht bei Verstande, so daß man es auf Schritt und Tritt mit eigenen Ohren hören muß, wie Iwanow dies getan hat. Für alle diese großen Verdienste sollte ihm eine Prämie zugesprochen werden. Dies ist besonders ein Bedürfnis für unsere jungen Künstler und für die, die ihre Künstlerlaufbahn erst eben beginnen, damit sie ihre Gedanken nicht bloß darauf richten, sich feine Krawatten und Röcke anzuschaffen und Schulden zu machen, um ihr Ansehen in der Gesellschaft zu heben, sondern damit sie erkennen, daß die Hilfe und Unterstützung der Regierung nur solchen unter ihnen zuteil wird, die nicht an feine Röcke denken und von Zechgelagen mit ihren Kameraden träumen, sondern die sich ganz ihrer Aufgabe widmen und in ihr ganz aufgehen wie ein Mönch in der Klosterzelle. Es wäre sogar gut, wenn die Summe, die Iwanow bewilligt würde, recht groß wäre, damit sich alle anderen unwillkürlich hinter den Ohren kratzen. Fürchten Sie nicht, daß er diese Summe nur für seinen eigenen Bedarf verwenden könnte. Vielleicht wird er sich selbst nicht einmal eine Kopeke davon nehmen. Diese Summe wird ganz darauf verwandt werden, um den wirklichen Arbeitern auf dem Gebiete der Kunst, die der Künstler besser kennt als irgendein Beamter, zur Unterstützung zu dienen, und er wird besser darüber verfügen, als ein Beamter dies vermöchte. Weiß Gott, was ein Beamter alles auf dem Kerbholz haben kann; er kann eine Modedame zur Frau, oder er kann Freunde haben, die große Feinschmecker sind und denen er ein feines Mittagessen vorsetzen muß. Ein Beamter kann einen großen Aufwand machen und vielen Glanz entfalten, und wird dann womöglich noch behaupten, daß dies notwendig sei, um das Ansehen der russischen Nation hochzuhalten, um den Ausländern Sand in die Augen zu streuen, und Geld dafür verlangen. Mit dem dagegen, der selbst auf dem Gebiet tätig ist, auf dem er später anderen behilflich sein soll, der den Schrei der Bedürftigkeit und keiner vorgespiegelten, sondern der wirklichen Not vernommen, der selbst gelitten und gesehen hat, wie andere leiden, der mit ihnen gelitten und sein letztes Hemd mit dem armen Arbeiter geteilt hat, während er selbst nichts zu essen und nichts anzuziehen hatte, wie dies Iwanow getan hat, — mit dem verhält es sich ganz anders. Ihm kann man dreist Millionen anvertrauen und sich ruhig schlafen legen. Von dieser Million wird keine Kopeke umsonst verloren gehen]. Also seien Sie billig. Meinen Brief aber zeigen Sie sowohl meinen wie Ihren Freunden, besonders aber denen, denen die Verwaltung eines Ressorts anvertraut ist. Denn fleißige Arbeiter wie Iwanow kommen in allen Berufen vor, und man sollte doch nicht zulassen, daß solche Menschen vor Hunger sterben. Wenn es einmal passieren sollte, daß einer von ihnen sich von den andern zurückzieht und sich intensiver und eifriger seiner Sache widmet, ja selbst in dem Falle, wenn es seine eigene Sache ist und er nur sagt, daß diese Sache, die scheinbar bloß seine eigene Sache ist, einem allgemeinen Bedürfnis dient, müssen Sie so tun, als ob er den Menschen wissentlich diente, und für seinen notwendigen Lebensunterhalt sorgen. Damit Sie sich aber überzeugen, daß hierbei kein Betrug im Spiele ist, weil sich unter dieser Maske leicht auch ein fauler Mensch, der nichts tut, einschleichen kann, so sehen Sie zu, was für einen Lebenswandel er führt. Seine Lebensweise wird Ihnen alles sagen. Wenn er ebenso wie Iwanow alle Anstandsrücksichten und alle Konventionen der vornehmen Welt verachtet und hintan setzt, wenn er eine einfache Jacke anzieht, jeden Gedanken an Vergnügungen und Zechgelage, selbst den Gedanken, sich ein Weib zu nehmen, um eine Familie oder einen Hausstand zu begründen, von sich gewiesen hat und ein wahrhaft mönchisches Leben führt, Tag und Nacht an seiner Arbeit sitzt und jeden Augenblick dem Gebet widmet, dann sind keine langen Überlegungen am Platz, sondern dann muß man ihm die Mittel zur Arbeit verschaffen. Man soll ihn auch nicht drängen und anfeuern, sondern man soll ihn in Ruhe lassen: Gott wird ihn auch ohne uns vorwärts treiben. Ihre Aufgabe ist es nur, dafür zu sorgen, daß er nicht vor Hunger stirbt. Sie sollen ihm auch keine große Pension bewilligen, setzen Sie ihm eine bescheidene, ja armselige Pension aus und halten Sie die Lockungen und Verführungen der Welt von ihm fern. Es gibt Menschen, die ihr ganzes Leben lang Bettler bleiben müssen. Der Bettlerstand ist eine Seligkeit, die die Welt noch nicht recht begriffen hat. Aber wen Gott für würdig gehalten hat, ihre Süßigkeit zu kosten, und wer seinen Bettelsack wirklich lieben gelernt hat, der wird ihn für keine Schätze dieser Welt verkaufen wollen.
1846.