Vor allem: Verachten Sie die Frauen nicht. Ich schwöre Ihnen, die Frauen sind weit besser als wir Männer; sie sind viel hochherziger, haben viel mehr Wagemut und sind weit fähiger zu edlen Taten als wir. Messen Sie dem keine Bedeutung bei, daß sie sich von dem hohlen modischen Treiben umgarnen ließen. Wenn es Ihnen gelingt, die Sprache der Seele zu ihnen zu reden, wenn es Ihnen glückt, der Frau auch nur im geringsten ihre hohe Aufgabe, die ihrer heute in der Welt harrt, ihre himmlische Bestimmung klarzumachen: uns eine Erweckerin zu allem Edlen, zur Geradheit und Ehrlichkeit zu werden und den Menschen zu edlem Tun und Streben aufzurufen, so wird dieselbe Frau, die Sie noch soeben für ganz hohl und nichtig gehalten haben, in edler Begeisterung aufflammen, in sich gehen, erkennen, daß sie ihre Pflichten vernachlässigt hat, sich zu edlen Taten aufraffen, all ihren Flitter weit von sich werfen, ihren Mann zu treuer Erfüllung seiner Pflichten anhalten, und alle dazu veranlassen, daß sie umkehren und sich wieder in den Dienst einer Sache stellen. Ich schwöre Ihnen, unsere Frauen werden uns hochherzig ins Gewissen reden und uns die Peitsche spüren lassen, sie werden uns mit der Geißel der Scham und des Gewissens antreiben wie eine stumpfsinnige Hammelherde, noch bevor ein jeder von uns erwachen und erkennen wird, daß er schon längst von selbst hätte vorwärts laufen und nicht erst auf den Schlag der Peitsche warten sollen. Sie werden die Liebe aller gewinnen. Und diese Liebe wird innig und stark sein; es ist ja auch nicht anders möglich, als daß alle Sie lieben, wenn sie Ihre Seele kennen lernen. Bis dahin aber müssen Sie alle, bis zum letzten, lieben, ohne alle Rücksicht, ob einer Sie liebt oder nicht.
Jedoch mein Brief ist schon zu lang geworden. Ich fühle, daß ich anfange, Dinge zu sagen, die weder Ihrer Stadt noch Ihnen selbst im gegenwärtigen Augenblick sehr gelegen kommen mögen. Und doch sind Sie selbst schuld daran, da Sie mir über nichts ausführliche Nachrichten zukommen lassen. Bisher lebe ich immer noch wie in einem einsamen Walde. Ich höre fortwährend von unheilbaren Krankheiten und weiß doch nicht, woran eigentlich ein jeder leidet. Ich habe jedoch die Gewohnheit, nie auf ein bloßes Gerücht hin an irgendein unheilbares Leiden zu glauben, und ich nenne eine Krankheit niemals unheilbar, bis ich mich nicht durch eigenhändiges Befühlen und Betasten davon überzeugt habe. Also noch einmal: Suchen Sie mir zuliebe die ganze Stadt gründlich kennen zu lernen, beschreiben Sie mir alles und jedermann und ersparen Sie keinem einzigen Menschen folgende drei unvermeidliche Fragen: Worin sein Beruf besteht, wieviel Gutes und wieviel Böses man in seiner Stellung vollbringen kann. Machen Sie es wie eine fleißige Schülerin, schaffen Sie sich zu diesem Zwecke ein Heft an und vergessen Sie nie, daß Sie in Ihren Unterhaltungen mit mir möglichst umständlich sein müssen. Denken Sie stets daran, daß ich dumm, daß ich ganz dumm bin, solange mich nicht jemand in ausführlichster Weise über einen Gegenstand orientiert. Oder stellen Sie sich lieber vor, daß ein Kind oder ein völlig unwissender Mensch vor Ihnen steht, dem man alles, bis auf die kleinste Kleinigkeit, erklären und auseinandersetzen muß: nur dann wird Ihr Brief seinen Zweck ganz erfüllen. Ich weiß nicht, warum Sie mich für einen solchen Alleswisser halten. Wenn es mir einmal gelungen ist, Ihnen etwas vorauszusagen, und wenn meine Voraussagungen einmal wirklich eingetroffen sind, so liegt das ausschließlich daran, daß Sie mich damals in Ihre Geistes- und Gemütsverfassung eingeweiht haben. Ist denn das etwas so Großes, gewisse Dinge vorauszusehen! Man muß bloß die gegenwärtigen Verhältnisse recht aufmerksam beobachten, dann wird die Zukunft ganz von selbst vor unserem Geiste erstehen. Ein Narr, der an die Zukunft denkt, ohne die Gegenwart in Rechnung zu ziehen! Ein solcher Mensch muß entweder etwas Törichtes oder Unwahres sagen, oder aber in Rätseln reden. Ich muß Sie übrigens noch wegen folgender Zeilen ausschelten, die ich Ihnen hier vor Augen führen will. „Es ist traurig und sogar bitter, die Zustände in Rußland aus der Nähe ansehen zu müssen. Im übrigen aber sollte man nicht darüber sprechen. Wir sollten hoffnungsvoll und heiteren Auges in die Zukunft schauen, die in den Händen des allbarmherzigen Gottes liegt“. In den Händen des allbarmherzigen Gottes liegt alles: alles Gegenwärtige, Vergangene und Zukünftige. Das ist ja unser ganzes Unglück, daß wir die Gegenwart nicht sehen wollen, sondern nur in die Zukunft schauen. Daher kommt ja dies ganze Unheil, daß das eine traurig und bitter und anderes wieder einfach häßlich und widerwärtig ist. Und wenn es nicht so geht, wie wir es gerne möchten, so lassen wir die Hände sinken, verzweifeln an allem und blicken starr in die Zukunft. Darum sendet uns Gott auch keine Klarheit, daher hängt ja auch die Zukunft für uns alle gleichsam in der Luft: manche fühlen zwar, daß sie schön sein wird dank einigen hochstehenden Menschen, die sie auch schon instinktiv vorausahnen und diesem Gefühl nur noch keine streng zahlenmäßige oder arithmetische Begründung geben können. Wie man jedoch diese Zukunft herbeiführen soll, das weiß kein einziger. Es geht uns ähnlich damit wie mit den sauren Trauben. Dabei vergißt man eine Kleinigkeit: man vergißt, daß die Straßen und Wege, die in diese heitere Zukunft führen, ja gerade durch diese dunkle und verworrene Gegenwart hindurchgehen, die niemand kennen will. Jedermann hält sie für so häßlich, widerwärtig und der Beachtung nicht wert, und ist sogar ärgerlich, wenn man sie allen vor Augen führt. So lehren Sie mich doch wenigstens diese Gegenwart kennen. Sie dürfen sich nicht durch das viele Häßliche und Schmutzige abschrecken lassen, und Sie sollen mir keine Niederträchtigkeit ersparen. Das Gemeine und Schmutzige ist nichts Ungewohntes für mich: ich selbst habe genug Gemeines und Schmutziges in mir. Solange ich noch wenig Einblick in alles Niederträchtige und Widerwärtige hatte, brachte mich alles Gemeine und Häßliche in Verlegenheit, ich fühlte mich durch vieles verstimmt, und es erfaßte mich ein Grauen bei dem Gedanken an Rußland. Seitdem ich aber tiefer in all den Schmutz und die Niedertracht hineinzublicken versuchte, bin ich zu höherer geistiger Klarheit gelangt. Vor mir taten sich Auswege auf. Ich sah Mittel und Wege und erfüllte mich mit noch größerer Ehrfurcht vor der Vorsehung, und jetzt danke ich Gott sogar am meisten dafür, daß er es mir ermöglicht hat, die Gemeinheit und Niedertracht — sowohl meine eigene wie die meiner armen Brüder — wenigstens teilweise kennen zu lernen. Und wenn ich heute auch nur ein Fünkchen Verstand besitze, wie er nicht allen Menschen eigen ist, so rührt das daher, weil ich mich bemüht habe, möglichst tief in diesen Schmutz und diese Gemeinheit hineinzublicken; wenn es mir gelungen sein sollte, einigen von denen, die meinem Herzen nahe stehen, darunter auch Ihnen eine geistige Hilfe und Stütze zu sein — so war dies nur möglich, weil ich tiefer in diesen Schmutz und diese Gemeinheit hineingeblickt habe. Und wenn ich schließlich gelernt habe, die Menschen mit einer nicht bloß eingebildeten, erträumten, sondern mit einer wahrhaften und wirklichen Liebe zu lieben, so war mir auch dieses schließlich nur dadurch möglich, daß ich recht tief in den Abgrund der Niederträchtigkeit und Gemeinheit hinabgesehen habe.
Schrecken Sie also nicht vor Schmutz und Niedertracht zurück. Vor allem aber wenden Sie sich nicht mit Ekel von den Menschen ab, die Ihnen aus irgendeinem Grunde widerwärtig und gemein erscheinen. Ich versichere Ihnen, es wird einmal die Zeit kommen, wo viele von den sogenannten „Reinen“ ihr Gesicht mit den Händen bedecken und bittere Tränen weinen werden, gerade weil sie sich so rein erschienen, weil sie sich ihrer Reinheit und ihres hohen Strebens nach irgendwelchen hohen Gütern gerühmt und sich deshalb für bessere Menschen gehalten haben. Denken Sie stets daran und gehen Sie daher, wenn Sie Ihr Gebet verrichtet haben, mit neuem frischerem Mut als früher an die Arbeit. Lesen Sie meinen Brief fünf- oder sechsmal durch, denn alles in ihm ist sprunghaft, und es ist keine strenge logische Gedankenfolge in ihm, woran Sie übrigens selbst schuld sind. Sie müssen sich den Kern, den Inhalt dieses Briefes ganz zu eigen machen. Meine Fragen müssen zu Ihren Fragen und meine Wünsche zu Ihren Wünschen werden, damit jedes Wort und jeder Buchstabe Sie unablässig verfolgt und so lange quält, bis Sie meine Bitte erfüllen und tuen, was ich verlange.
1846.
XXII
Der russische Gutsbesitzer
An B. N. B.
Die Hauptsache ist, daß du bereits auf deinem Gute angelangt bist und es dir zum unumstößlichen Vorsatz gemacht hast, Gutsbesitzer zu werden. Das übrige wird sich schon von selbst ergeben. Laß dich nicht irremachen durch den Gedanken, daß das alte Band, das ehemals den Gutsherrn mit dem Bauern verknüpfte, für immer zerrissen ist. [Daß es zerrissen ist, ist wahr, und daß die Gutsbesitzer selbst daran schuld sind, das ist auch wahr, aber] daß es für alle Zeiten und für immer zerrissen sein sollte — das glaube doch nicht und achte du nicht auf solche Redensarten. Nur ein Mensch, der nicht über seine eigene Nasenlänge hinaussieht, kann so etwas behaupten. Wie? Es sollte schwer sein, sich die Liebe eines Russen, der für alles Gute, das man ihm beibringt, so dankbar zu sein vermag, — es sollte schwer sein, sich die treue Liebe und Anhänglichkeit eines Russen zu erwerben? Im Gegenteil, man kann den Russen so an sich ketten, daß man nachher nur noch einen Gedanken hat: wie man ihn wieder loswerden soll. Wenn du nur alles genau ausführst, was ich dir jetzt sagen werde, dann wirst du noch am Ende dieses Jahres erkennen, daß ich recht hatte. Du mußt die Aufgabe, die einem Gutsbesitzer gestellt ist, in ihrem wahren und rechten Sinne erkennen und in der rechten Weise in Angriff nehmen. Vor allem mußt du die Bauern um dich versammeln und ihnen klarmachen, was du bist und wer sie sind. Du mußt ihnen erklären, daß du nicht deshalb ihr Gutsherr geworden bist, weil du befehlen oder den Gutsbesitzer spielen wolltest, sondern deshalb, weil du schon vorher Gutsbesitzer warst, weil du als Gutsbesitzer geboren bist und weil Gott dich zur Verantwortung ziehen würde, wenn du deinen Beruf gegen einen andern vertauschen wolltest, denn ein jeglicher muß Gott an der Stelle, an die er gestellt wird, und nicht an einer andern fremden dienen. Ebenso müßten auch sie, die Bauern, da sie doch nun einmal durch ihre Geburt unter der Gewalt des Gutsherrn stehen, sich dieser Obergewalt unterordnen, unter der sie geboren seien, denn es gibt keine Obrigkeit ohne von Gott. Bei dieser Gelegenheit mußt du ihnen die entsprechende Stelle im Neuen Testament zeigen, so daß ein jeder bis auf den letzten sich davon überzeugen kann. Ferner mußt du ihnen sagen, daß du sie zur Arbeit und zur Tätigkeit anhältst, nicht weil du Geld für irgendwelche Genüsse und Vergnügungen brauchst [um ihnen das zu beweisen, solltest du vor ihren Augen ein paar Banknoten verbrennen], du mußt es vielmehr so einrichten, daß sie wirklich den Eindruck gewinnen, das Geld hätte nicht den geringsten Wert für dich. Sage ihnen, du ließest sie bloß darum arbeiten, weil es Gottes Wille sei, daß der Mensch in schwerer Arbeit und im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdienen solle, und lies ihnen unmittelbar darauf die entsprechende Stelle aus der Heiligen Schrift vor, damit sie sich davon überzeugen. Sage ihnen die ganze Wahrheit, sage ihnen, Gott werde wegen des letzten Lumpen im Dorfe Rechenschaft von dir fordern und deswegen würdest du um so schärfer darauf achten, daß sie redlich arbeiten; nicht nur für dich, sondern auch für sich selbst. Denn du weißt, und sie wissen es ja auch, daß ein Bauer, der nicht arbeitet und sich dem Müßiggang ergibt, zu allem fähig ist — er kann zum Dieb, zum Trunkenbold werden, er kann seine Seele zugrunde richten und dir eine schwere Verantwortung vor Gott aufbürden. Bekräftige alles, was du sagst, stets und ohne Verzug durch Worte der Heiligen Schrift. Weise mit dem Finger auf die Buchstaben und die Zeilen, die diese Worte enthalten. Halte jeden dazu an, daß er sich zuvor bekreuzige, einen Kniefall tue und das Buch küsse, in dem es geschrieben steht. Kurz, sie müssen klar erkennen, daß du dich bei allem, was sich auf sie bezieht, nach dem Willen Gottes richtest und nicht aus irgendwelchen europäischen oder anderen Launen und Einfällen heraus handelst. Der Bauer wird das verstehen. Er bedarf der vielen Worte nicht. Sage ihm die ganze Wahrheit: sage ihm, daß die Seele des Menschen das Wertvollste auf der ganzen Welt ist und daß du vor allem darauf achten wirst, daß keiner von ihnen seine Seele verderbe und sie den ewigen Qualen überantworte. Bei jeglichem Tadel und jeder Rüge, die du einem Menschen erteilst, der des Diebstahls, der Faulheit oder der Trunksucht überführt worden ist, mußt du ihn nicht dir, sondern Gott von Angesicht zu Angesicht gegenüberstellen. Zeige ihm, daß er sich gegen Gott und nicht gegen dich versündigt, und tadele nicht ihn allein, sondern rufe auch sein Weib, seine Familie und seine Nachbarn herbei. Rede seinem Weibe ins Gewissen, frage sie, warum sie ihren Mann nicht davon abgehalten, Übles zu tun, und ihm nicht mit Gottes Zorn gedroht habe. Rede auch den Nachbarn ins Gewissen, weil sie es zugelassen haben, daß ihr Bruder, der doch mitten unter ihnen weilt, ein Leben wie ein Hund geführt und seine Seele um nichts und wieder nichts verdorben habe. Beweise ihnen, daß sie deswegen vor Gott Rechenschaft ablegen müssen. Suche es zu erreichen, daß sich alle miteinander dafür verantwortlich fühlen und daß alle Gegenstände, die den Menschen umgeben, ihn vorwurfsvoll anzublicken scheinen und es ihm nicht gestatten, sich allzusehr gehen zu lassen. Sorge dafür, daß von allen musterhaften Landwirten und von den besten und tüchtigsten Bauern eine mächtige Wirkung ausgehe und daß ihnen eine große Verantwortlichkeit zufalle. Mache es ihnen ganz klar, daß es nicht allein ihre Aufgabe ist, selbst einen guten und ehrenhaften Lebenswandel zu führen, sondern daß sie auch andere lehren müssen, gut zu leben, daß ein Trunkenbold keinen Trunkenbold belehren kann, und daß das ihre Pflicht sei. Den Lumpen und Trunkenbolden befiehl, daß sie den braven und tüchtigen Bauern die gleiche Achtung erweisen, wie dem Dorfschulzen, dem Verwalter, dem Priester und sogar dir selbst. Schon wenn sie einen solchen braven und musterhaften Bauern oder Landwirt aus der Ferne erblicken, sollen alle Bauern ihre Mützen vom Kopfe reißen und ihm den Weg freigeben. Wer es aber wagt, ihm irgendwelche Mißachtung zu erweisen oder seinen klugen und gescheiten Worten kein Gehör zu schenken, den mußt du in Gegenwart aller ausschelten und zu dem mußt du folgendermaßen sprechen: „O du ungewaschenes Maul, du selbst lebst in Dreck und Asche, daß man nicht einmal sieht, wo du deine Augen hast, und du willst dem keine Ehre erweisen, dem Ehre gebührt! Beuge dich tief vor ihm und bitte ihn, daß er dir den rechten Weg weise. Denn wenn er dich nicht zur Vernunft bringt, mußt du zugrunde gehen wie ein Hund.“ Die braven Bauern aber mußt du zu dir rufen und wenn es ältere Männer sind, vor dir Platz nehmen lassen und dich mit ihnen beraten, wie Sie die andern belehren und sie im Rechten unterweisen und also erfüllen können, was Gott uns geboten hat. Führe das bloß ein Jahr lang durch, und du wirst selbst sehen, wie gut alles gehen wird. Selbst die Landwirtschaft wird hierdurch nur gewinnen. Kümmere dich nur um die Hauptsache, alles andere wird dir von selbst in den Schoß fallen. Christus hat nicht vergebens gesagt: Dies alles wird euch von selbst zufallen. Wie wahr das ist, dafür ist das Leben der Bauern ein noch beredteres Zeugnis als unser Leben. Für den Bauern sind ein wohlhabender Bauer und ein guter Mensch — Synonyme, und wo in einem Dorfe einmal das christliche Leben Einkehr gehalten hat, da tragen die Bauern das Silber mit Schaufeln fort.
Übrigens will ich dir auch in bezug auf Landwirtschaft einen Rat geben, nur mußt du ihn ordentlich verstehen, dann wird er dir nicht zum Schaden gereichen. Zwei Menschen danken es mir schon, der eine ist K., den du auch kennst. Mit welchen Zweigen der Landwirtschaft du dich beschäftigen mußt und wie du dies zu tun hast, darüber will ich dir nichts sagen: das weißt du besser als ich. Zudem kenne ich auch dein Gut nicht so genau wie meine eigene Handfläche und in bezug auf allerhand Neuerungen bist du ja vernünftig und hast du ja selbst eingesehen, daß man nicht nur am Alten festhalten, sondern es auch bis auf den Grund kennen lernen muß, um aus ihm selbst die Mittel zu seiner Verbesserung zu gewinnen. Ich will dir lieber einen Rat geben, der die Beziehungen des Gutsherrn zu seinen Bauern in den landwirtschaftlichen Angelegenheiten und bei den Arbeiten betrifft, was zunächst einmal von viel größerer Bedeutung ist als alles übrige. Denke an das Verhältnis, das früher zwischen den Gutsherren und Landwirten und ihren Bauern herrschte: du mußt ein Patriarch sein, selbst den Anfang machen und in allen Dingen vorangehen. Mache es dir zur Regel und vergiß nie, wenn eine gemeinsame Sache in Angriff genommen wird, also bei der Aussaat, bei der Heu- oder Kornernte usw. das ganze Dorf zu einem Festmahl einzuladen. An solchen Tagen muß in deinem Hofe ein gemeinsamer Tisch für alle Bauern gedeckt sein, ganz so wie am Ostermontag, und du selbst mußt mit ihnen speisen, mit ihnen zur Arbeit hinausgehen und ihnen auch bei der Arbeit überall voranschreiten, sie alle zu tüchtigem, eifrigem Schaffen anspornen, für die, die sich durch ihren Mut und ihre Tüchtigkeit auszeichnen, ein Wort des Lobes und für die Trägen und Faulen eine Rüge bereit halten. Und wenn dann der Herbst kommt und die Feldarbeiten zu Ende gehen, mußt du den Abschluß der Arbeiten durch ein ebensolches oder ein noch größeres Festmahl feiern, das von einem feierlichen Dankgebet begleitet wird. Du sollst den Bauer nicht schlagen; ihm einen Schlag in das Gesicht versetzen, das ist noch keine große Kunst, das kann auch der Stanowoi, der Assessor und selbst der Dorfschulze. Der Bauer ist daran gewöhnt, er kratzt sich nur hinter den Ohren, und das ist alles. Lerne es lieber, durch deine Worte Eindruck auf ihn machen. Du verstehst dich doch auf treffliche Worte. Schilt ihn vor versammeltem Volke aus, aber so, daß das ganze Volk ihn auslacht und verspottet. Das wird weit nützlicher für ihn sein als alle möglichen Püffe und Maulschellen. Du mußt stets sämtliche Synonyme von: „braver Bursche“ für den, der ermuntert, und alle Synonyme von: „altes Weib“ für den, der getadelt werden muß, bereit halten, damit das ganze Dorf weiß, daß ein Faulpelz und ein Trunkenbold ein altes Weib und ein erbärmlicher Kerl sind. Suche womöglich ein noch schlimmeres Wort hervor, kurz, du darfst ihm sagen, daß er alles ist, was ein Russe nicht sein soll. Hocke nicht zu lange in der Stube, sondern erscheine recht oft bei den Arbeiten der Bauern und richte es, wo du auch hinkommst, stets so ein, daß bei deinem Kommen alles lebhafter und heiterer wird, sich mutig und frisch betätigt und daß jeder sich bei der Arbeit besonders auszuzeichnen sucht. Suche ihnen allen Mut und Kraft einzuflößen, indem du ihnen zurufst: „Kommt, Jungens, laßt uns einmal alle zusammen anpacken.“ Nimm selbst die Axt oder die Sense zur Hand, das wird dir gut tun und weit besser für deine Gesundheit sein als diese Heilgymnastik, diese Motion, als Marienbad und die vielen trägen und bequemen Spaziergänge.
Deine Bemerkungen über die Schulen sind ganz richtig. Es ist wirklich ein Unsinn, dem Bauern das Lesen beizubringen, damit er die Möglichkeit habe, allerhand törichte Bücher zu lesen, die europäische Menschenfreunde für das Volk herausgeben. Die Hauptsache aber ist, daß der Bauer ja gar keine Zeit dazu hat. Nach der schweren Arbeit wird kein Buch ihm in den Kopf hinein wollen, und wenn er nach Hause kommt, sinkt er wie tot hin und schläft den Schlaf des Gerechten. Dir selbst wird es so ergehen, wenn du häufiger zur Arbeit gehen wirst. Der Dorfpfarrer kann dem Bauer weit mehr sagen, was ihm wirklich von Nutzen sein kann, als all dieser Bücherkram. Wenn einer dagegen wirklich vom Bildungsdrang ergriffen wird und zwar nicht etwa darum, um ein Bureaumensch zu werden sondern weil er die Bücher lesen will, in denen das Gesetz, das Gott den Menschen gegeben hat, geschrieben steht, dann ist das freilich eine andere Sache. Einen solchen mußt du erziehen wie deinen eigenen Sohn, und alle Sorgfalt und alle Mittel auf ihn verwenden, die du für eine ganze Schule verwandt hättest. Unser Volk ist gar nicht so dumm, wenn es vor jedem beschriebenen Stück Papier davonläuft wie vor dem Teufel. Es weiß, daß dies der Quell aller menschlichen Verwirrung, aller Kabalen und Haarspaltereien ist. Eigentlich sollte es überhaupt nicht wissen, daß es noch andere Bücher als die heiligen Bücher gibt.
[Apropos: der Priester; du hast unrecht, wenn du dich darum bemühst, daß er durch einen andern ersetzt wird und wenn du den Erzpriester darum bitten willst, er möge dir einen erfahreneren und gebildeteren Priester senden. Einen solchen wird er dir nicht verschaffen können, denn ein solcher Priester ist überall unentbehrlich. Schlage es dir aus dem Kopfe, daß du einen Priester finden könntest, der deinem Ideal völlig entspricht. Kein Seminar und keine Schule kann einen solchen heranbilden. Im Seminar wird nur der erste Grund zu seiner Bildung gelegt. Die eigentliche Bildung und Erziehung dagegen erwirbt er sich erst durch das Leben selbst. Du mußt selbst sein Lehrer sein, da du doch eine so klare Vorstellung von den Pflichten eines Dorfpfarrers hast. Wenn der Pfarrer schlecht ist, so sind meist die Gutsbesitzer selbst schuld daran. Statt ihn bei sich im Hause aufzunehmen wie einen nahen Verwandten, und in ihm das Bedürfnis nach einer edleren Unterhaltung zu erwecken, aus der er etwas lernen könnte, überlassen sie ihn, jung und unerfahren, wie er ist, den Bauern, wenn er selbst noch nicht einmal weiß, was der Bauer eigentlich ist. Sie bringen ihn in eine solche Lage, daß er genötigt ist, dem Bauern zu schmeicheln und sich bei ihm beliebt zu machen, während er doch vielmehr von vornherein eine gewisse Autorität über ihn ausüben sollte, und nachher klagt man, daß die Priester schlecht sind, daß sie die Manieren der Bauern annehmen und sich gar nicht mehr von den gewöhnlichen Bauern unterscheiden. Ja, da möchte ich doch fragen: wer würde unter solchen Verhältnissen nicht verrohen, selbst wenn er eine gute Vorbereitung und Erziehung besäße? Dagegen mußt du es folgendermaßen machen. Richte es so ein, daß der Priester jeden Tag mit dir zu Mittag speist. Du mußt geistliche Bücher mit ihm lesen, diese Lektüre interessiert und befriedigt uns doch heute weit mehr als alles andere. Was aber die Hauptsache ist, du mußt den Priester überall mitnehmen, wenn du zur Arbeit gehst, damit er von Anfang an als dein Gehilfe bei dir weile und sich persönlich von deinem Verhalten gegen die Bauern überzeugen könne. Hierdurch wird er klar erkennen, was ein Gutsbesitzer und was ein Bauer ist, und wie die Beziehungen zwischen beiden sein müssen. Zugleich aber werden auch die Bauern ihm mehr Achtung entgegenbringen, wenn sie sehen werden, daß er Hand in Hand mit dir geht und mit dir zusammenarbeitet. Sorge dafür, daß er zu Hause keine Not leide, daß sein Haushalt auf sicherem Grunde ruhe und daß er dadurch die Möglichkeit habe, beständig mit dir zusammen zu sein. Glaube mir, er wird sich so an dich gewöhnen, daß er sich langweilen wird, wenn du nicht da bist. Hat er sich aber einmal an dich gewöhnt, so wird er sich ganz unmerklich auch deine Sachkenntnis und Menschenkenntnis und vieles andere Gute aneignen. Denn du besitzst ja gottlob sehr viel von diesen Dingen und du hast die Gabe, dich so klar und gut auszudrücken, daß ein jeder nicht nur deine Gedanken, sondern selbst deine Ausdrucksweise und sogar deine Worte von dir annimmt.
Was nun die Predigt anbelangt, die du für notwendig hältst, so möchte ich dir hierüber folgendes sagen. Ich bin eher der Meinung, daß es für einen Priester, der noch nicht völlig für seine Tätigkeit ausgebildet ist, und der die Leute, die ihn umgeben, noch nicht kennt, besser ist, überhaupt keine Predigten zu halten. Hast du einmal darüber nachgedacht, wie schwierig es ist, eine kluge Predigt zu halten, besonders vor Bauern? Nein, gedulde dich lieber noch ein wenig, mindestens so lange, bis der Priester und du euch ordentlich umgesehen habt. Bis zu dieser Zeit aber möchte ich dir raten, was ich schon einem anderen geraten habe und was ihm, wie ich glaube, von Nutzen gewesen ist. Nimm dir die heiligen Kirchenväter, besonders aber den Johannes Chrysostomus vor. Ich sage: besonders den Chrysostomus, denn dieser war, da er es mit dem ungebildeten Volk zu tun hatte, das das Christentum nur äußerlich angenommen hatte, innerlich aber noch immer dem rohen Heidentum anhing, immer bemüht, sich besonders den Begriffen einfacher und roher Menschen anzupassen, und er spricht so lebendig über die notwendigsten, ja häufig sogar über sehr hohe Dinge, daß man ganze Partien aus seinen Predigten direkt auf unsern Bauern anwenden und an ihn richten kann, denn er wird sie verstehen. Nimm also den Chrysostomus vor und lies ihn zusammen mit deinem Pfarrer, und zwar mit dem Bleistift in der Hand, damit du alle derartigen Stellen anstreichen kannst. Solche Stellen kommen bei Chrysostomus in jeder Predigt dutzendweise vor. Laß ihn dem Volke diese Stellen vortragen. Sie brauchen nicht lang zu sein, es genügt, wenn sie eine Seite oder selbst eine halbe Seite betragen. Je kürzer sie sind, um so besser. Der Priester muß sie jedoch, bevor er sie dem Volke vorträgt, mehrmals mit dir zusammen durchlesen, damit er es lernt, sie nicht nur mit innerem Gefühl und Begeisterung vorzutragen, sondern seinen Worten auch jenen überzeugenden Ton zu verleihen, wie wenn er für eine ihn persönlich angehende Sache eintrete, von der das ganze Heil seines Lebens abhängt. Du wirst sehen, dies wird viel wirksamer sein als eine eigene Predigt. Man muß nur wenig, aber in möglichst treffenden Worten zum Volke reden, sonst kann es sich ebenso an die Predigt gewöhnen wie unsere höchsten Kreise sich an sie gewöhnt haben, die genau so hinfahren, um sich irgendeinen berühmten europäischen Prediger anzuhören, wie sie in die Oper oder in das Schauspiel fahren. Bei K. K. predigt der Priester überhaupt nicht, sondern erwartet die Bauern, da er sie von Grund aus kennt, in der Beichte. Während der Beichte aber redet er jedem von ihnen derartig ins Gewissen, daß dieser die Kirche verläßt, wie wenn er aus einem Schwitzbad käme. S** hat einmal absichtlich dreißig Arbeiter aus seiner Fabrik, und zwar die schlimmsten Gauner und Trunkenbolde, zu ihm in die Beichte geschickt und sich dann selbst in der Vorhalle aufgestellt, um sich die Gesichter anzusehen, die sie machen würden, wenn sie aus der Kirche kämen. Alle kamen rot wie die Krebse heraus, und doch hatte er sie gar nicht einmal lange im Beichtstuhl festgehalten, sondern sich vier bis fünf Mann auf einmal vorgenommen. Während der folgenden zwei Monate aber soll sich, wie S** selbst erzählt, keiner von ihnen in der Kneipe haben sehen lassen, so daß die Gastwirte des Bezirks gar nicht begreifen konnten, was bloß geschehen war.]