Bisher haben Sie mir in Ihren Briefen nur einen ganz allgemeinen Begriff von Ihrer Stadt gegeben und ganz allgemeine Züge mitgeteilt, wie sie jeder Provinzhauptstadt eigen sein können. Aber auch diese allgemeinen Züge sind noch nicht vollständig. Sie haben sich darauf verlassen, daß ich Rußland kenne wie meine fünf Finger. Und doch weiß ich von Rußland so gut wie gar nichts. Wenn ich auch früher vielleicht etwas davon gewußt habe, so ist dieses seit meiner Abreise ganz anders geworden. Selbst in der Zusammensetzung der Gouvernementsverwaltung sind große Veränderungen vorgegangen. Viele Instanzen und viele Beamte sind jetzt nicht mehr vom Gouverneur abhängig, sondern sind andern Departements und Ressorts und den Ressorts anderer Ministerien zugeteilt worden. Es sind neue Posten geschaffen worden, und es gibt mancherlei neue Beamte. Kurz, ein Gouvernement und eine Gouvernementshauptstadt erscheinen heute nach vielen Richtungen hin in einem anderen Lichte, und ich habe Sie doch gebeten, mich recht vollständig mit Ihrer Situation bekannt zu machen. Nicht mit irgendeiner idealen, sondern mit Ihrer eigentlichen wirklichen Situation, damit ich Ihre ganze Umgebung und alles vom Kleinsten bis zum Größten zu übersehen vermag.

Sie sagen selbst, daß Sie während der kurzen Zeit Ihres Aufenthalts in K. Rußland besser kennen gelernt haben, als während Ihres ganzen früheren Lebens. Warum haben Sie denn dann Ihre Kenntnisse nicht mit mir geteilt? Sie sagen, Sie wüßten nicht einmal, an welchem Ende Sie anfangen sollen, Sie sagen, daß der große Haufen von Kenntnissen, die Sie gesammelt haben, noch ganz ungeordnet in Ihrem Kopfe liegt (Notabene: das ist die Ursache Ihrer Mißerfolge). Ich will Ihnen helfen, sie zu ordnen, nur möchte ich Sie darum ersuchen, mir zunächst folgende Bitte zu erfüllen und zwar so gewissenhaft, als Ihnen dies möglich ist, und nicht in der Weise, wie dies eine Ihrer Geschlechtsgenossinnen — d. h. eine leidenschaftliche Frau, die von zehn Worten acht überhört und nur auf zwei antwortet, weil sie ihr zufällig angenehm sind oder gefallen haben, tun würde, sondern so, wie unsereiner, d. h. ein kalter, leidenschaftsloser Mann oder noch besser, wie ein energischer vernünftiger Beamter dies zu tun pflegt, der sich nichts besonders zu Herzen nimmt, sondern gleichmäßig auf alle Punkte antwortet.

Sie sollten um meinetwillen noch einmal darangehen, Ihre Gouvernementshauptstadt zu studieren. Erstens sollten Sie mich mit allen bedeutenden Persönlichkeiten Ihrer Stadt, mit ihren Vor-, Vater- und Familiennamen sowie mit allen Beamten — vom ersten bis zum letzten — bekannt machen. Dies ist ein Bedürfnis für mich. Ich muß ebenso ihr Freund werden, wie Sie ausnahmslos die Freundin eines jeden sein müssen. Zweitens sollten Sie mir schreiben, was ein jeder von ihnen für einen Beruf hat. Dies alles sollten Sie persönlich von ihnen selbst und nicht von irgendeinem andern zu erfahren suchen. Knüpfen Sie dazu mit jedem ein Gespräch an und fragen Sie ihn aus, worin seine Berufstätigkeit besteht, lassen Sie sich alle Gegenstände nennen, auf die sie sich bezieht, sowie ihre Grenzen angeben. Das wäre die erste Frage. Bitten Sie ihn dann weiter, er möge Ihnen angeben, wodurch, wie und wieviel Gutes man unter den gegenwärtigen Verhältnissen in diesem Beruf zu tun vermag. Das wäre die zweite Frage. Fragen Sie ihn ferner, wieviel Unheil man in diesem selben Beruf anrichten könne und auf welche Weise. Das wäre die dritte Frage. Wenn Sie dies alles in Erfahrung gebracht haben, so begeben Sie sich auf Ihr Zimmer und schreiben Sie es sofort für mich auf. Hierdurch werden Sie mit einem Schlage zwei Aufgaben erfüllen. Erstens werden Sie mir hierdurch die Möglichkeit geben, mich Ihnen in der Zukunft einmal nützlich zu erweisen, und zweitens werden Sie aus den eigenen Antworten jedes Beamten erfahren, wie er seinen Beruf auffaßt, woran es ihm fehlt, kurz er wird sich mit seiner Antwort selbst charakterisieren. Er kann Ihnen sogar manchen Wink geben, was sich bereits gleich jetzt tun ließe ... Aber darum handelt es sich nicht. Beeilen Sie sich fürs erste nicht zu sehr. Tun Sie selbst dann noch nichts, wenn es Ihnen so erscheint, als ob Sie etwas tun könnten und als ob Sie in der Lage wären, irgendwo zu helfen. Es ist besser, wenn Sie zunächst noch einen genaueren Einblick in die Dinge zu gewinnen suchen, begnügen Sie sich fürs erste damit, mir alles mitzuteilen. Außerdem bitte ich Sie, mir entweder am Rande desselben Blattes oder auf einem anderen Stück Papier Ihre eigenen Bemerkungen und Beobachtungen über jeden einzelnen Mann mitzuteilen — auch was die andern über ihn sagen, kurz alles, was sich vom Standpunkt des äußeren Beobachters von ihm sagen läßt.

Ferner bitte ich Sie, mir ganz ähnliche Mitteilungen über die gesamte weibliche Hälfte Ihrer Stadt zukommen zu lassen. Sie sind so klug gewesen und haben ihnen allen einen Besuch gemacht und sie fast alle kennen gelernt. Übrigens bin ich der Überzeugung, daß Sie sie doch nicht genügend kennen gelernt haben. Frauen gegenüber lassen Sie sich schon durch den ersten Eindruck leiten, die, die Ihnen nicht gefällt, lassen Sie fallen. Sie suchen nur immer nach der Elite und nach den allerbesten. Das muß ich Ihnen zum Vorwurf machen, liebe Freundin! Sie müssen alle lieben, und die ganz besonders, die viel Häßliches und Schlechtes an sich haben. Vor allem sollten Sie sie gründlicher kennen lernen, weil davon vieles abhängt und weil sie einen großen Einfluß auf ihre Männer haben können. Übereilen Sie sich nicht, suchen Sie ihnen keine guten Lehren zu erteilen, sondern fragen Sie sie zunächst einmal ordentlich aus. Sie haben ja die Gabe, einen Menschen zum Reden zu veranlassen. Suchen Sie sich über die Verhältnisse einer jeden zu orientieren, womit sie sich beschäftigt, ja suchen Sie selbst ihre Denkungsart und ihre Geschmacksrichtung kennen zu lernen: ihre Neigungen, was einer jeden von ihnen gefällt und was das Steckenpferd einer jeden ist. Dies muß ich alles wissen.

Meiner Ansicht nach muß man einen Menschen völlig und bis in sein Innerstes durchschauen, um ihm helfen zu können. Ohne dies kann ich es nicht einmal verstehen, wie man jemand auch nur zu raten vermag: An jedem Ratschlag, den man ihm erteilt, wird er in einem solchen Fall immer nur die schwierigste Seite sehen, und er wird ihm nicht leicht, ja sogar unausführbar erscheinen. Mit einem Wort, suchen Sie die Frauen bis auf den Grund zu durchschauen, damit ich ein vollständiges Bild von Ihrer Stadt erhalte.

Außer den Charakteren und den Persönlichkeiten beiderlei Geschlechts bitte ich Sie auch jeden Vorfall, der sich bei Ihnen ereignet, und der die Menschen oder den allgemeinen Geist der Provinz auch nur nach irgendeiner Seite hin zu charakterisieren geeignet ist, schlicht und einfach zu verzeichnen, ganz so, wie er sich abgespielt hat oder wie er Ihnen von zuverlässigen Leuten berichtet worden ist. Geben Sie mir auch ein paar Stichproben von zwei oder drei Klatschgeschichten, welche Ihnen gerade mitgeteilt werden, damit ich weiß, was für Klatschereien bei Ihnen im Schwange sind. Sorgen Sie dafür, daß diese Aufzeichnungen Ihnen zur dauernden Gewohnheit werden, und setzen Sie ein für allemal eine bestimmte Stunde des Tages dafür fest. Suchen Sie sich eine systematische und möglichst vollständige Vorstellung von der ganzen Stadt in ihrem ganzen Umfange zu bilden, damit Sie sofort übersehen können, ob Sie auch nicht vergessen haben, etwas aufzuschreiben, und damit ich endlich ein möglichst vollständiges Bild von Ihrer Stadt erhalte.

Wenn Sie mich dann auf solche Weise mit allen Personen, ihrer Tätigkeit, ihrer Auffassung von ihr und ihrem Beruf und endlich auch mit dem Charakter der Ereignisse, die sich bei Ihnen abspielen, bekannt gemacht haben, dann will ich Ihnen etwas sagen, und Sie werden erkennen, daß vieles Unmögliche doch möglich und daß vieles Unverbesserliche doch noch gutzumachen ist. Bis dahin aber will ich nichts sagen, und zwar gerade darum, weil ich mich irren kann, und das möchte ich nicht gern. Ich möchte nur solche Worte zu Ihnen sprechen, die gerade ins Ziel treffen, nicht höher und nicht tiefer, gerade in den Punkt und den Gegenstand, auf den sie gerichtet sind. Ich möchte Ihnen so raten können, daß Sie sofort erklären: das ist nicht schwer, das läßt sich leicht ausführen.

Übrigens möchte ich Ihnen hier doch schon im voraus ein paar Winke geben, die allerdings nicht für Sie, sondern für Ihren Gatten bestimmt sind: bitten Sie ihn vor allem darauf zu achten, daß die Räte in der Gouvernementsverwaltung ehrliche Leute sind; das ist die Hauptsache. Sowie diese Räte ehrlich sind, werden wir auch ehrliche Polizeihauptleute, ehrliche Assessoren usw. bekommen, mit einem Wort, so wird jedermann ehrlich sein. Sie müssen nämlich wissen (wenn Sie dies nicht schon wissen sollten), daß die allerungefährlichste Art, Bestechungsgelder anzunehmen, die ist, wenn ein Beamter auf Befehl des Vorgesetzten von einem Kollegen ein Geschenk annimmt; in solch einem Fall gelingt es dem Schuldigen stets, sich seiner Strafe zu entziehen. Dies geht zuweilen in einer unendlichen Stufenleiter von oben nach unten. Der Polizeihauptmann und die Assessoren sind häufig bloß deswegen gezwungen, zu schwindeln und Geschenke anzunehmen, weil man ihnen selbst was abnimmt und weil sie Geld brauchen, denn sie müssen zahlen, wenn sie eine Stelle erhalten wollen. Diese Kauf- und Verkaufsgeschäfte können sich offen vor aller Augen abspielen und doch von niemand bemerkt werden. Aber hüten Sie sich um Gottes willen, deswegen gegen jemand vorzugehen und ihn deshalb zu verfolgen. Sorgen Sie nur dafür, daß in den oberen Regionen unbedingte Ehrlichkeit herrscht, dann werden auch in den unteren alle von selbst ehrlich sein. Strafen Sie und verfolgen Sie niemand, ehe die rechte Zeit kommt und ehe das Übel ganz zur Reife gekommen ist. Suchen Sie unterdessen lieber durch Ihren moralischen Einfluß zu wirken. Ihr Gedanke, daß ein Gouverneur stets Gelegenheit hat, viel Unheil anzurichten, daß er nur wenig Gutes tun kann, daß er kaum die Möglichkeit hat, Gutes und Heilsames zu leisten, da ihm auf diesem Gebiete die Hände gebunden sind, ist nicht ganz richtig. Ein Gouverneur kann immer einen moralischen Einfluß ausüben, ja dieser Einfluß ist sogar sehr groß, ebenso wie auch Sie einen großen moralischen Einfluß ausüben können, obwohl Sie über keinerlei gesetzliche Vollmachten verfügen. Glauben Sie mir, wenn Ihr Gatte irgendeinem Herrn keinen Besuch macht, so wird gleich die ganze Stadt davon reden: man wird sich sofort fragen, warum und aus welchem Grunde dies nicht geschehen ist, und derselbe Herr wird schon aus bloßer Furcht davor zurückschrecken, eine Gemeinheit zu begehen, der er sich sonst ohne Furcht und Zaudern schuldig gemacht und die er aus Respekt vor dem Gesetz und der Obrigkeit sicher nicht unterlassen hätte. Die Art, wie Sie, d. h. Sie und Ihr Gatte, gegen den Kreisrichter des N.schen Kreises gehandelt haben, den Sie ausdrücklich in die Stadt kommen ließen, um ihn mit dem Staatsanwalt auszusöhnen, und ihn um seiner Geradheit, Anständigkeit und Ehrlichkeit willen durch eine herzliche und freundliche Aufnahme und Bewirtung zu ehren, wird ihre Wirkung nicht verfehlen. Dies können Sie mir glauben. Was mir hierbei besonders gefallen hat, ist folgendes: daß der Richter (der, wie es sich herausgestellt hat, ein äußerst gebildeter und aufgeklärter Mensch ist) so angezogen war, daß man ihn, wie Sie sich ausdrücken, nicht einmal ins Vorzimmer eines Petersburger Salons hineingelassen hätte. Ich hätte ihm in diesem Augenblick den Schoß seines abgetragenen Fracks küssen mögen. Glauben Sie mir, die beste Art, wie man heute handeln kann, besteht nicht darin, sich heftig und leidenschaftlich über die Bestechlichkeit und die Schlechtigkeit der Menschen zu entrüsten, und auch nicht darin, gegen sie vorzugehen und sie zu verfolgen; statt dessen sollte man sich lieber bemühen, jeden Zug von Ehrlichkeit öffentlich bekannt zu machen und einem geraden und ehrlichen Menschen offen und vor aller Welt freundschaftlich die Hand zu drücken. Glauben Sie mir, sobald es im ganzen Gouvernement bekannt wird, daß der Gouverneur wirklich so handelt, wird er den gesamten Adel auf seiner Seite haben. Unser Adel hat einen wunderbaren Zug an sich, der mich stets in Staunen versetzt hat. Es ist dies ein Gefühl für Anstand und Vornehmheit, und zwar nicht für jene Vornehmheit, von der auch der Adel anderer Länder durchdrungen ist, d. h. nicht für die Vornehmheit der Geburt oder der Abstammung, auch nicht für den europäischen point d’honneur, sondern für die echte sittliche Vornehmheit. Selbst in solchen Provinzen und in solchen Gegenden, wo jeder Aristokrat einzeln genommen ein ganz minderwertiger Mensch zu sein scheint, erheben sich alle wie ein Mann, wenn man sie nur zu einer wahrhaft edlen Tat aufruft, wie elektrisiert, und Menschen, die sonst nichts wie Gemeinheiten begehen, sind mit einem Male der herrlichsten Taten fähig. Daher wird jede edle Handlung des Gouverneurs zuallererst beim Adel Widerhall finden, und das ist sehr wichtig. Der Gouverneur muß unbedingt einen moralischen Einfluß auf den Adel ausüben. Nur hierdurch kann er die Aristokraten bewegen, sich auch mit unbedeutenden Ämtern oder wenig verlockenden Stellungen zu begnügen. Das aber ist durchaus notwendig. Denn wenn ein Adliger aus derselben Provinz eine Stelle annimmt, um andern Leuten ein Vorbild zu geben, wie man seine dienstlichen Verpflichtungen erfüllt, so wird er, was er auch für ein Mensch sein mag, selbst wenn er träge ist und vielerlei Mängel hat, seine Pflicht und Schuldigkeit tun, wie dies ein fremder, aus einem andern Ort in die Provinz versetzter Beamter niemals vermag, und wenn er sein ganzes Leben lang im Bureau verbracht hätte. Mit einem Wort, man darf niemals aus dem Auge verlieren, daß das dieselben Beamten sind, die im Jahre 1812 alles zum Opfer gebracht haben, alles, d. h. ihre ganze Habe, die sie besaßen.

Wenn es einmal vorkommt, daß ein Beamter wegen irgendwelcher unehrenhafter Handlungen vor Gericht gestellt wird, so muß dies stets unter Enthebung von seinem Amt geschehen. Das ist von großer Bedeutung, denn wenn er vor Gericht gestellt wird, ohne daß er seines Amts enthoben wird, so werden alle andern Beamten für ihn Partei nehmen. Er wird noch lange Winkelzüge zu machen und Mittel zu finden suchen, um alles derartig in Verwirrung zu bringen, daß es überhaupt nicht mehr möglich ist, die Wahrheit ans Licht zu bringen; wird er dagegen unter Enthebung von seinem Amt vor Gericht gestellt, so wird er plötzlich die Nase hängen lassen, niemand wird mehr Angst vor ihm haben, auf allen Seiten werden sich Beweise gegen ihn häufen, alles wird plötzlich an den hellen Tag kommen und die Sache wird sich völlig aufklären. Um eins aber bitte ich Sie, liebe Freundin, verlassen Sie um Christi willen nie einen aus dem Amt gejagten Beamten gänzlich, mag er so schlecht sein, wie er will: denn er ist ein Unglücklicher. Aus den Händen Ihres Gemahls muß er in Ihre Hände gelangen. Sprechen Sie nicht selbst mit ihm und empfangen Sie ihn nicht, sondern behalten Sie ihn von ferne im Auge. Sie haben gut daran getan, die Aufseherin an der Irrenanstalt hinauszuwerfen, weil sie die Brötchen, die für diese Unglücklichen bestimmt waren, an andre Leute verkauft hat — ein Verbrechen, das um so abscheulicher ist, wenn man in Betracht zieht, daß die Geisteskranken ja nicht einmal imstande waren, sich deswegen zu beklagen. Daher mußte ihre Entlassung öffentlich und vor aller Welt erfolgen. Aber lassen Sie nie einen Menschen völlig fallen, machen Sie ihm die Rückkehr nicht ganz unmöglich und behalten Sie den Ausgestoßenen im Auge. Denn mitunter kann ein solcher aus Kummer, Verzweiflung und Scham noch größere Verbrechen begehen. Handeln Sie entweder durch Ihren Beichtvater oder überhaupt durch irgendeinen klugen Geistlichen, veranlassen Sie diesen, ihn aufzusuchen und Ihnen beständig über ihn Bericht zu erstatten. Vor allem aber sorgen Sie dafür, daß er nie ohne Arbeit und Tätigkeit ist. Nehmen Sie sich in diesem Fall nicht das tote Gesetz, sondern den lebendigen Gott zum Vorbild, der den Menschen mit allen Geißeln des Unglücks schlägt, ihn aber bis an sein Lebensende nie verläßt. Ein Verbrecher mag sein, wie er will, solange die Erde ihn noch trägt und Gottes Donner ihn noch nicht vernichtet hat, so bedeutet das, daß er sich hier in der Welt noch aufrecht zu erhalten vermag, auf daß jemand durch sein Los gerührt werde, ihm helfe und ihn rette. Sollten Sie übrigens bei den Aufzeichnungen, die Sie für mich machen werden, oder bei Ihren eigenen Forschungen über alle möglichen Mißstände und Gebrechen allzusehr durch die traurigen Seiten unseres Lebens erschüttert werden und sollte sich Ihr Herz mit Empörung erfüllen — so rate ich Ihnen in solch einem Falle, sich hierüber so häufig wie möglich mit dem Erzpriester zu unterhalten. Dieser ist, wie ich aus Ihren Worten ersehe, offenbar ein kluger Mann und ein gütiger Priester. Führen Sie ihn durch Ihr ganzes Krankenhaus und klären Sie ihn über alle Leiden Ihrer Kranken auf. Selbst wenn er keine großen Kenntnisse und Erfahrungen in der Heilkunst besitzen sollte, so müssen Sie ihn dennoch über alle Krankheitsanfälle, alle Symptome und alle Krankheitserscheinungen unterrichten. Suchen Sie ihm alles bis aufs letzte so lebendig darzustellen, daß es ihm fortwährend vor Augen steht, daß er sich in Gedanken fortwährend mit Ihrer Stadt beschäftigen muß, daß sie ihm immer lebendig und gegenwärtig ist, wie sie auch Ihre Gedanken beständig beschäftigen muß, damit all sein Denken stets ganz von selbst darauf gerichtet ist, unaufhörlich für sie zu beten. Glauben Sie mir, seine Sonntagspredigt wird hierdurch den Zuhörern immer mehr und mehr zu Herzen gehen, und es wird ihm gelingen, in viele Dinge Licht hineinzubringen und persönlich, ohne auf jemand hinzuweisen, jedem seine eigene Schlechtigkeit und Gemeinheit von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustellen, so daß sich ein jeder mit Ekel von dem, was sein Eigenstes ist, abwenden wird. Achten Sie gleichfalls auf die Stadtpfarrer, suchen Sie sie unbedingt alle kennen zu lernen. Von ihnen hängt alles ab, und die Rettung unserer Seele liegt in ihren Händen und nicht in den Händen irgendeines anderen. Achten Sie trotz der Einfalt und Unwissenheit so mancher keinen von ihnen zu gering. Es ist leichter, sie ihrer Pflicht wiederzugeben, als irgendeinen von uns. Wir weltlichen Menschen besitzen viel Stolz, Ehrgeiz, Eigenliebe und vertrauen zu sehr auf unsere Vollkommenheit. Infolgedessen will niemand von uns auf die Worte und die Ermahnungen seiner Brüder hören, so wahr und richtig sie auch immer sein mögen. Dazu kommen noch die vielen Zerstreuungen und Vergnügungen ... Ein Geistlicher dagegen mag sein wie er will, er hat doch immerhin ein gewisses Gefühl dafür, daß er demütiger und bescheidener sein muß, als alle anderen Menschen. Außerdem wird er ja auch täglich während des Gottesdienstes, den er abhält, daran erinnert, mit einem Wort, er ist weit eher dazu imstande, sich auf den rechten Weg zurückzufinden, als wir, und indem er selbst dahin zurückkehrt, kann er auch uns alle auf ihn zurückführen. Daher müssen Sie, selbst wenn Sie ganz unfähige Leute unter ihnen antreffen, diese nicht geringschätzen, sondern ordentlich mit ihnen reden. Fragen Sie einen jeden, was er für eine Gemeinde hat, lassen Sie sich ein vollständiges Bild von ihr entwerfen, lassen Sie sich erzählen, was für Leute in seinem Pfarrdorf leben, wie er sie versteht und in welchem Maße er sie kennt. Vergessen Sie niemals, daß ich bisher noch gar nicht weiß, was das Bürgertum und die Kaufmannschaft in Ihrer Stadt eigentlich darstellen. Daß sie auch schon anfangen, die Mode mitzumachen und Zigaretten zu rauchen, das ist eine Erscheinung, der man überall begegnet. Ich wünschte, Sie könnten mir einen von ihnen mitten aus seinem Milieu lebendig herausgreifen, damit ich ihn vom Kopf bis zu den Füßen in all seinen Einzelzügen vor mir sehen könnte. Also noch einmal: suchen Sie sie möglichst vollständig und bis ins einzelne kennen zu lernen. Eine Seite der Sache werden Sie von den Priestern erfahren, eine andere vom Polizeimeister, wenn Sie sich nur die Mühe geben, die Sache gründlich mit ihnen durchzusprechen. Einen dritten Zug werden Sie von ihnen selbst erfahren, wenn Sie es nicht verschmähen, mit einem von ihnen eine Unterhaltung anzuknüpfen, was Sie meinetwegen Sonntags beim Verlassen der Kirche tun können. Alle Daten, die Sie so sammeln werden, werden dazu dienen, das Musterbild des Bürgers und Kaufmanns, wie er in Wahrheit sein soll, vor Ihnen erstehen zu lassen. Selbst im Krüppel werden Sie das Ideal erkennen, dessen Karikatur dieser Krüppel darstellt. Wenn Sie aber das Gefühl haben, daß Sie so weit sind, dann lassen Sie den Priester holen und sprechen Sie mit ihm darüber. Sie werden ihm gerade das sagen, was er wissen muß. Sie werden ihm das Wesen eines jeden Berufs klarmachen, d. h. Sie werden ihm zeigen, was ein jeder Beruf bei uns sein muß, und Sie werden eine Karikatur dieses Berufs vor ihm erstehen lassen, d. h., Sie werden ihm zeigen, wozu er durch unsere Mißbräuche geworden ist. Darüber hinaus brauchen Sie nichts hinzuzufügen. Er wird schon selbst auf das Rechte kommen, wenn sein eigener Lebenswandel besser werden wird. Unsere Priester bedürfen solcher Gespräche, besonders mit fertigen in sich abgeschlossenen Menschen, die es verstehen, die Grenzen und Pflichten eines jeden Berufs und Amtes in wenigen, aber klaren und treffenden Zügen abzustecken. Häufig weiß mancher von ihnen nur deshalb nicht, wie er sich gegen seine Gemeinde und seine Zuhörer verhalten soll, und bringt nichts als Gemeinplätze vor, die sich nach keiner Richtung hin unmittelbar auf den Gegenstand beziehen. Suchen Sie sich auch in seine eigene Lage zu versetzen. Helfen Sie seiner Frau und seinen Kindern, wenn seine Gemeinde arm ist, und denen, die da roh und trotzig tun, drohen Sie mit dem Erzpriester. Im allgemeinen aber suchen Sie vor allem durch Ihren moralischen Einfluß zu wirken. Erinnern Sie sie daran, daß ihre Pflichten groß und furchtbar sind, daß sie strengere Rechenschaft werden ablegen müssen, als irgendein Mensch aus einem anderen Beruf, daß heutzutage ja auch der Synod und selbst der Kaiser ganz besonders auf den Lebenswandel der Priester achten, daß ein großes Revirement bevorsteht, weil nicht nur die höhere Obrigkeit, sondern auch alle Privatleute im Staate ohne Ausnahme zu merken beginnen, daß der Grund alles Übels darin liegt, daß die Priester nicht mehr recht ihre Pflicht und Schuldigkeit tun ... Klären Sie sie möglichst häufig über die furchtbaren Wahrheiten auf, bei denen unsere Seele unwillkürlich erschauert. Kurz — vernachlässigen Sie die Stadtpfarrer unter keinen Umständen: mit ihrer Hilfe kann die Frau eines Gouverneurs einen großen moralischen Einfluß auf die Kaufmannschaft, das Bürgertum und die niederen Stände der Stadtbewohner ausüben, einen so großen Einfluß, wie Sie sich’s kaum vorstellen können. Ich will nur einiges davon erwähnen, was sie durchzusetzen vermag, und Sie auf die Mittel aufmerksam machen, mit deren Hilfe sie dies vollbringen kann: erstens, — aber da fällt mir ein, daß ich ja gar keinen Begriff davon habe, was das Bürgertum und die Kaufmannschaft in Ihrer Stadt darstellen. Meine Worte könnten Ihnen vielleicht nicht recht gelegen kommen, daher ist es besser, ich unterdrücke sie ganz. Ich will Ihnen nur das eine sagen, daß Sie selbst einmal erstaunt sein werden, wenn Sie erkennen werden, welch große Aufgaben und Taten Ihnen in diesem Wirkungskreis bevorstehen, Taten, die weit mehr Nutzen bringen können, als irgendwelche Asyle und alle möglichen Wohlfahrtseinrichtungen, obwohl sie mit keinerlei Geldopfern und Arbeit verbunden sind, sondern einem sogar zum Vergnügen, zu einer Erholung und zu einer geistigen Zerstreuung werden.

Versuchen Sie es auch, die Elite, d. h. die Besten unter den Bewohnern der Stadt zu sozialer Tätigkeit anzuhalten: beinahe jeder von ihnen kann gleich Ihnen sehr viel erreichen, und es ist möglich, sie aufzurütteln; wenn Sie mir nur ein vollständiges Bild von ihrem Charakter, ihrer Lebensweise und ihrer Beschäftigung geben wollen, so werde ich Ihnen sagen, wie und wodurch man sie zur Tätigkeit anspornen kann: in jedem Russen gibt es verborgene Saiten, die er selbst nicht kennt, die man jedoch nur anzuschlagen braucht, um ihn aufzurütteln und aufzuwecken. Sie haben mir schon ein paar gescheite und edle Menschen in Ihrer Stadt genannt. Ich bin überzeugt, daß sich noch weit mehr finden werden. Legen Sie keinen Wert auf ein abstoßendes Äußeres, legen Sie auch keinen Wert auf unangenehme Manieren, auf ein grobes, plumpes und ungeschicktes Benehmen, ja nicht einmal auf die Sucht, zu renommieren und sich durch große Kühnheit und Bravour hervorzutun, oder auf ein allzu freies ungeniertes Auftreten. Wir alle haben uns in der letzten Zeit ein etwas unangenehmes hochnäsiges Benehmen angewöhnt, dennoch ist unsere Seele in ihrem Innersten weit mehr guter Regungen und Gefühle fähig als jemals früher, trotzdem wir sie in allerhand wertlosem Plunder erstickt oder sogar einfach befleckt und in den Kot gezerrt haben.