Sie können sich immer nur grämen, klagen und sich darüber aufregen, sowie Sie hören, daß etwas Böses oder Häßliches in Rußland passiert. Dies erregt bei Ihnen nichts wie Ärger, Bitterkeit oder Mißmut. Nein, das ist noch nicht Liebe. Sie sind noch weit entfernt von der Liebe, das ist höchstens etwas wie ein schwaches Anzeichen, durch das sie sich ankündigt. Nein, wenn Sie Rußland wirklich lieben werden, dann wird jener kurzsichtige Gedanke, der jetzt in den Köpfen vieler ehrlicher und selbst gescheiter Leute entsteht, als könnten sie heutzutage nichts für Rußland tun, und als ob Rußland ihrer überhaupt nicht bedürfte, ganz von selbst verschwinden. Im Gegenteil, dann werden Sie erst wirklich und mit voller Stärke empfinden, daß die Liebe allmächtig ist und daß man mit ihr im Bunde alles zu vollbringen vermag. Nein, wenn Sie Rußland wirklich liebgewinnen werden, dann werden Sie sich förmlich dazu drängen, dem Vaterland zu dienen. Und Sie werden dann nicht etwa Gouverneur, sondern Polizeihauptmann werden wollen, dann werden Sie sich mit dem letzten unbedeutendsten Posten, der sich Ihnen darbieten wird, begnügen wollen und jedes Körnchen Tätigkeit in diesem Beruf einem tatenlosen und müßigen Leben, wie Sie es jetzt führen, vorziehen. Nein, Sie lieben Rußland noch nicht. Und solange Sie Rußland noch nicht lieben, können Sie auch Ihre Brüder nicht lieben, ohne solche Liebe zu Ihren Brüdern aber können Sie nicht in Liebe zu Gott entbrennen. Und ehe Sie sich nicht mit dieser göttlichen Liebe erfüllen, gibt es keine Rettung für Sie.
1844.
XX
Lernt Rußland kennen!
Aus einem Brief an den Grafen P. T.
Es gibt keinen höheren Beruf als den Mönchsberuf. Gott gebe, daß es uns einmal beschieden sei, die schlichte Mönchskutte anzulegen, nach der sich meine Seele so sehnt! Schon der bloße Gedanke an sie ist mir eine Freude. Allein aus eigener Kraft, ohne von Gott dazu berufen zu werden, können wir solches nicht vollbringen. Wenn man das Recht besitzen will, sich aus dieser Welt zurückzuziehen, muß man dieser Welt Lebewohl sagen können. Verteile zuvor all dein Gut an die Armen und dann erst gehe ins Kloster. Diese Worte gelten für alle, deren Weg dorthin führt. Sie sind reich, Sie können Ihr Vermögen unter die Armen verteilen, was aber hätte ich ihnen zu geben? Mein Vermögen besteht nicht in Geld. Mit Gottes Hilfe ist es mir gelungen, mir ein gewisses geistiges und seelisches Besitztum zu erwerben, Er hat mir einige Fähigkeiten verliehen, mit denen ich andern nützen und dienen kann — daher muß ich diese Güter unter die verteilen, die keine besitzen, ehe ich ins Kloster gehe. Aber auch Sie können sich dadurch, daß Sie all Ihr Geld wegschenken, noch nicht das Recht dazu erwerben. Wenn Sie an Ihrem Gelde hingen und wenn es Ihnen schwer würde, sich von ihm zu trennen, dann läge die Sache anders. Allein Sie sind gleichgültig gegen das Geld, es bedeutet heute nichts mehr für Sie. Was für eine Heldentat und welch ein Opfer wäre es, sich von ihm zu trennen. Oder heißt es etwa, seinem Bruder Gutes tun, wenn man ein unnützes Ding aus dem Fenster wirft, sofern wir nämlich das Gute in dem hohen Sinne des Christentums verstehen? Nein, Ihnen sind die Tore zu der ersehnten Klosterzelle noch ebenso verschlossen wie mir. Ihr Kloster ist — Rußland. Nun, so legen Sie das geistige Mönchsgewand an — sterben Sie sich selbst völlig ab — sich selbst — nicht Rußland — und gehen Sie hin, um darin zu wirken und tätig zu sein. Unser Land ruft heute seine Söhne lauter als je. Schon schmerzt ihm die Seele, und schon ertönt sein Schrei aus tiefer Seelennot. Lieber Freund! Sie haben entweder ein gefühlloses Herz oder Sie wissen nicht, was Rußland für einen Russen bedeutet. Denken Sie doch daran, wie einst, wenn Not und Elend über das Reich hereinbrachen, die Mönche ihre Klosterzellen verließen und zu den anderen in die Reihen traten, um das Vaterland zu retten. Die Mönche Oslabja und Pereswet griffen, vom Segen des Priors begleitet, zum Schwert, das dem Christen ein Greuel ist, und blieben auf der blutigen Walstatt, und Sie weigern sich, die Pflicht eines friedlichen Bürgers — ja, wo denn nur? — mitten im Herzen Rußlands zu erfüllen. Machen Sie keine Ausflüchte, und weisen Sie nicht auf Ihre Unfähigkeit hin, Sie besitzen viele Fähigkeiten, die Rußland jetzt höchst dienlich und von größtem Nutzen sein können. Sie sind Gouverneur zweier Provinzen von äußerst verschiedenem Charakter gewesen. Sie haben diese Stellung trotz aller Fehler und Unzulänglichkeiten, die Ihnen damals noch anhafteten, weit besser ausgefüllt als mancher andere, Sie haben sich aus erster Hand positive Kenntnisse über die Zustände und Vorgänge im Innern Rußlands erworben und das Land in seinem wahren Wesen kennen gelernt. Aber das ist noch nicht die Hauptsache, und ich würde Ihnen nicht so zureden, wieder in den Staatsdienst zu treten, trotzdem Sie so bedeutende Kenntnisse besitzen, wenn ich bei Ihnen nicht eine bestimmte Eigenschaft entdeckt hätte, die mir weit bedeutsamer erscheint, als alle übrigen. Ich meine jene Fähigkeit, ohne besondere Anstrengung und ohne selbst zu arbeiten, ja, während Sie selbst ein bequemes müßiges Leben führen, alle andern zur Arbeit anzufeuern. Bei Ihnen wickelte sich alles schnell und glatt ab, und wenn man Sie dann erstaunt fragte: wie kommt das nur? pflegten Sie zu antworten: das alles ist das Verdienst meiner Beamten, ich hatte das Glück, tüchtige Beamte zu bekommen, die mir selbst gar keine Arbeit übrig lassen. Und wenn sich dann Gelegenheit bot, jemand für eine Auszeichnung oder Belohnung vorzuschlagen, dann wiesen Sie stets zuerst auf Ihre Beamten hin, indem Sie ihnen alles Verdienst zuschrieben und sich selbst ganz übergingen. Das ist Ihr höchster Vorzug. Ganz abgesehen von Ihrer großen Fähigkeit, sich die rechten Beamten zu wählen. Kein Wunder, daß Ihre Beamten sich die größte Mühe gaben, ja, einer hat sich beim Schreiben so überanstrengt, daß er an der Schwindsucht erkrankte und starb, trotzdem Sie aufs eifrigste bemüht waren, ihn zu bestimmen, er solle nicht so viel arbeiten. Wessen ist ein Russe nicht fähig, wenn ein Vorgesetzter ihn in dieser Weise behandelt! Eine solche Fähigkeit wird heute zu einem wahrhaften Bedürfnis. Gerade heute, in einer so selbstsüchtigen Zeit, wo ein jeder Vorgesetzter nur daran denkt, sich selbst möglichst in den Vordergrund zu rücken und sich alle Verdienste zuzuschreiben. Ich sage Ihnen, mit dieser Ihrer Fähigkeit sind Sie heute in Rußland völlig unentbehrlich, und es ist eine Sünde, daß Sie dies nicht einmal empfinden. Ich würde eine Schuld auf mich laden, wenn ich Sie nicht auf diese Fähigkeit aufmerksam machte. Sie ist das Beste, was Sie besitzen. Die, die sie entbehren, denen diese Eigenschaft fehlt, flehen Sie an, daß Sie sie nicht brachliegen lassen mögen. Sie aber halten sie wie ein Geizhals unter festem Verschluß und stellen sich taub. Es ist richtig, vielleicht stünde es Ihnen heute nicht gut an, eine ähnliche Stellung einzunehmen wie die, die Sie vor zehn Jahren innehatten, nicht deshalb, weil Sie sie nötig haben — Sie besitzen gottlob keinen Ehrgeiz, und in Ihren Augen ist keine Stellung zu gering — sondern deshalb, weil Ihre Fähigkeiten sich noch mehr entwickelt haben, noch gewachsen sind und zu ihrer Entfaltung und Nahrung eines anderen freieren Wirkungskreises bedürfen. Ja, aber gibt es denn etwa so wenig Posten und Wirkungskreise in Rußland? Blicken Sie um sich, sehen Sie sich ordentlich um, und Sie werden einen finden. Sie sollten einmal eine Reise durch Rußland machen. Sie kennen das Land, wie es vor zehn Jahren war, aber das genügt jetzt nicht mehr. In zehn Jahren ereignet sich in Rußland mehr, als in einem anderen Staate während eines halben Jahrhunderts. Sie haben selbst, während Sie hier im Ausland wohnen, bemerkt, daß in den letzten zwei, drei Jahren ganz andere Menschen aus Rußland herauskommen, Menschen, die gar keine Ähnlichkeit mit denen haben, denen Sie noch vor kurzem begegneten. Um zu erfahren, was das heutige Rußland ist, muß man unbedingt einmal eine Reise durch das Land machen. Glauben Sie nicht, was man spricht und was man sich erzählt. Das eine ist freilich wahr, daß es in Rußland noch niemals eine so außerordentliche Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit der Meinungen und Anschauungen gegeben hat, wie sie heute unter den Leuten herrschen, und daß der Unterschied der Bildung und der Erziehung die Menschen noch niemals in einen solchen Gegensatz zueinander gebracht und soviel Streit und Uneinigkeit unter ihnen erregt hat, wie heutzutage. Überdies ist ein Geist der Klatschsucht aufgekommen, sind so viele neue törichte Ideen mit allen daraus folgenden Konsequenzen zu uns importiert worden, sind so viele törichte Gerüchte entstanden und einseitige nichtssagende Schlüsse gezogen worden. Dies alles hat bei allen Leuten die Begriffe über Rußland so sehr entstellt und verwirrt, daß man niemand mehr glauben kann. Man muß selbst eine Reise durch Rußland machen und sich selbst überzeugen. Das ist besonders nützlich für den, der eine Weile fern von Rußland in der Fremde gelebt hat und nun mit einem frischen, noch nicht umnebelten Kopfe zurückkehrt. Er wird vieles sehen, was ein anderer Mensch, der sich selbst mitten in dem verwirrenden Getriebe befindet und empfindlich und feinfühlig auf die brennenden Fragen des Augenblicks reagiert, nicht sehen kann. Führen Sie Ihre Reise in folgender Weise aus: zunächst müssen Sie alle Anschauungen, die Sie bisher über Rußland besaßen, bis auf die letzte völlig aus Ihrem Kopfe verbannen und sich von all Ihren eigenen Schlüssen und Folgerungen, die Sie bereits gezogen haben, lossagen. Sie müssen tun, als ob Sie so gut wie gar nichts wüßten, und Ihre Reise so antreten, wie wenn Sie ein neues, Ihnen noch völlig unbekanntes Land kennen lernen wollten. Und wie sich ein russischer Reisender jedesmal bei seinem Eintreffen in einer größeren europäischen Stadt beeilt, alle ihre Denkmäler aus alter Zeit und alle Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen, so müssen Sie, wenn Sie in die erste beste Kreis- oder Provinzhauptstadt kommen, ja mit noch größerem Interesse sich bemühen, alles Bemerkenswerte an ihr kennen zu lernen. Dieses besteht nicht in ihren architektonischen Kunstwerken und in ihren Altertümern, sondern in ihren Menschen. Ich möchte darauf schwören, der Mensch hat mehr Anspruch darauf, daß man ihn aufmerksam und mit Interesse kennen zu lernen und zu erforschen sucht, als irgendeine Fabrik oder eine Ruine. Rüsten Sie sich mit einem Tropfen wahrhaft brüderlicher Liebe aus und versuchen Sie es, einen Blick auf den Menschen zu werfen, und Sie werden sich nicht wieder von ihm trennen können, so interessant wird er Ihnen werden. Lernen Sie vor allem die Menschen kennen, die den eigentlichen Kern, den Extrakt, „das Salz“ einer jeden Stadt oder jedes Kreises bilden. In jeder Stadt gibt es immer zwei bis drei solche Menschen. Sie werden Ihnen in wenigen Zügen ein Bild der ganzen Stadt vermitteln, so daß Sie sich schon selbst ein Urteil darüber bilden werden, wo und an welchen Orten Sie die meisten Beobachtungen über die gegenwärtige Lage der Dinge machen können. Wenn Sie mit den fortgeschrittensten Repräsentanten jeden Standes reden werden (mit Ihnen unterhalten sich doch alle Menschen so gern und öffnen Ihnen gleich ganz weit ihr Herz), so werden Sie von ihnen erfahren, was heutzutage jeder Stand bedeutet. Der flinke und gewandte Kaufmann wird Ihnen sofort erklären, was die Kaufmannschaft der Stadt darstellt. Ein nüchterner, tüchtiger Kleinbürger wird Ihnen einen Begriff von dem Kleinbürgertum geben; von einem energischen Beamten werden Sie alles Notwendige über den Geschäftsgang in den staatlichen Organen erfahren, und von dem allgemeinen Geist und der Atmosphäre der Gesellschaft werden Sie sich selbst ein Bild machen. Übrigens dürfen Sie sich nicht allzusehr auf die fortgeschrittenen Leute, die geistige Elite verlassen. Es ist schon besser, wenn Sie immer zwei oder drei Leute aus jedem Stande hören. Vergessen Sie auch nicht, daß heute alle miteinander im Streite liegen und einer den andern rücksichtslos verleumdet und schlecht macht. Suchen Sie sofort Fühlung mit der Geistlichkeit zu nehmen, weil man mit dieser leicht bekannt wird. Von ihr werden Sie alles übrige erfahren. Und wenn Sie auch nur die wichtigsten Punkte und Städte Rußlands besuchen werden, so wird es Ihnen sonnenklar werden, wo und an welcher Stelle Sie sich nützlich machen können und um welchen Posten Sie sich bewerben müssen. Inzwischen aber können Sie, wenn Sie nur wollen, schon durch Ihre bloße Reise sehr viel Gutes stiften. Schon während dieser Reise werden Sie Gelegenheit zu so großen wahrhaft christlichen Taten finden, wie sie sich Ihnen nicht einmal im Kloster bieten würde. Erstens können Sie, der Sie sich so angenehm unterhalten können und der Sie allen Menschen gefallen, als ein fremder abseits stehender neuer Mensch die Rolle des unparteiischen Mittlers und Richters übernehmen. Sie wissen nicht, wie wichtig, wie notwendig das jetzt in Rußland ist und welches Verdienst in einer solchen Tätigkeit liegt. Der Heiland hat sie beinahe noch höher gestellt als jede andere Art der Tätigkeit. Er nennt die Friedfertigen geradezu die Kinder Gottes. Ein Vermittler und Friedensstifter aber findet bei uns überall etwas zu tun. Alles liegt miteinander im Streit. Unsere Adligen leben miteinander wie Hund und Katze, die Kaufleute leben wie Katze und Hund; die Kleinbürger vertragen sich so schlecht wie Hund und Katze; ja selbst die Bauern leben, wenn sie nicht gerade durch irgendeinen besonderen Grund zu einträchtiger Arbeit veranlaßt werden, miteinander wie Hund und Katze. Ja, sogar brave ehrliche Menschen leben in Zwietracht miteinander. Nur unter den Gaunern kann man noch etwas wie Eintracht und Freundschaft bemerken, wenn nämlich einer von ihnen heftigen Verfolgungen ausgesetzt ist.
Ein Friedensstifter findet überall einen Wirkungskreis. Haben Sie keine Furcht, es ist nicht schwer, zu vermitteln und zu versöhnen. Für die Menschen selbst ist es allerdings schwierig, sich wieder zu vertragen und wieder auszusöhnen. Sowie aber ein Dritter zwischen sie tritt, söhnt er sie sofort miteinander aus. Daher spielt bei uns das Schiedsgericht, dieses eigenste und wahrhaftigste Produkt unseres Landes, das bisher weit mehr Erfolge zu verzeichnen hatte, als alle anderen Gerichte, eine so große Rolle. Es gibt eine wunderbare Eigenschaft, die der menschlichen Natur im allgemeinen, besonders aber dem russischen Wesen eigen ist. Sowie ein Mensch merkt, daß ein anderer ihm auch nur ein bißchen entgegenkommt oder nachsichtig gegen ihn ist, so ist er schon so gut wie bereit, ihn deswegen um Verzeihung zu bitten. Keiner will zuerst nachgeben, sowie jedoch einer sich zu einem solchen hochherzigen Entgegenkommen entschließt, drängt sich der andere förmlich dazu, ihn an Großmut noch zu überbieten. Daher können bei uns selbst die ältesten Prozesse und Zwistigkeiten weit schneller als irgendwo sonst beigelegt werden, wenn nur ein wahrhaft edler Mensch, der von allen geachtet wird und überdies noch ein Kenner des menschlichen Herzens ist, zwischen die Streitenden tritt. Eine solche Versöhnung aber — dies muß ich noch einmal wiederholen — ist jetzt sehr vonnöten. Wenn nur einige wenige Menschen, die sich jetzt gegenseitig entgegenarbeiten und einander Schwierigkeiten machen, weil sie verschiedener Ansicht über irgendeine Sache sind, sich dazu verständen, einander die Hand zu reichen, so würde es den Gaunern schlecht ergehen. Da haben Sie also einen Teil der Tätigkeit, zu der sich Ihnen während Ihrer Reise durch Rußland auf Schritt und Tritt Gelegenheit bieten wird. Aber es gibt auch noch eine andere Aufgabe für Sie, die nicht geringer ist als jene erste. Sie können der Geistlichkeit der Städte, die Sie berühren werden, einen großen Dienst erweisen, indem Sie sie näher mit der Gesellschaft bekannt machen, in der sie lebt, indem Sie ihr eine gewisse Kenntnis der Vorgänge und der Machenschaften beibringen, von denen die Menschen heutzutage in der Beichte gar nicht reden, da sie annehmen, daß sie nicht in die Sphäre des christlichen Lebens gehören. Dies ist sehr notwendig, weil viele Geistliche, wie ich weiß, infolge der großen Menge von Ungehörigkeiten und Mißbräuchen, die in der letzten Zeit stattgefunden haben, mutlos geworden sind, weil sie fast der Ansicht sind, daß niemand mehr auf sie hört, daß ihre Worte und Predigten in die Luft gesprochen sind, daß das Übel schon so tiefe Wurzeln geschlagen hat und daß an eine Entwurzelung gar nicht mehr zu denken ist. Das ist unrichtig. Freilich sündigt der Mensch von heute wirklich unvergleichlich viel mehr als zu irgendeiner früheren Zeit; allein er sündigt nicht aus einem Übermaß von Verdorbenheit und Lasterhaftigkeit, nicht aus Gefühllosigkeit und nicht deshalb, weil er den Wunsch zu sündigen hat, sondern deshalb, weil er seine Sünden nicht erkennt. Noch hat sich nicht allen die für unser gegenwärtiges Zeitalter so furchtbare Wahrheit enthüllt, noch liegt diese Wahrheit nicht so klar vor unseren Augen, daß wir nämlich heutzutage alle miteinander bis auf den Letzten der Sünde verfallen sind, und daß wir bloß nicht offen und direkt, sondern indirekt sündigen. Das empfinden selbst unsere Prediger noch nicht recht, daher sind ihre Predigten auch in die Luft gesprochen und daher bleiben die Menschen taub für ihre Worte. Wenn man heutzutage erklärt: „ihr sollt nicht stehlen, nicht in Überfluß und Üppigkeit leben, ihr sollt euch nicht bestechen lassen, sondern beten und den Armen milde Gaben reichen“, so bedeutet das nichts und kann keine Wirkung haben. Denn abgesehen davon, daß jeder sagen wird: „aber das sind doch alles bekannte Dinge“, wird er sich noch vor sich selbst rechtfertigen und sich womöglich gar noch für einen Heiligen halten. Er wird sagen: „Stehlen? — ja, das tue ich doch nicht. Legt eine Uhr, ein paar Münzen, legt jeden beliebigen Gegenstand vor mich hin, ich werde ihn nicht anrühren. Ich habe sogar meinen eigenen Diener wegen Diebstahls entlassen; ich lebe natürlich auf großem Fuße, aber ich habe weder Kinder noch Verwandte, ich brauche für niemand zu sparen und zurückzulegen und mit meiner Verschwendung und mit meinem Überfluß stifte ich noch Nutzen, denn ich gebe damit den Handwerkern, den Gesellen, den Kaufleuten und Fabrikherren Gelegenheit, zu verdienen. Geschenke nehme ich nur von den Reichen an, die mich selbst darum bitten und für die das noch nicht den Ruin bedeutet. Ich bete immer fleißig, auch jetzt bin ich doch in der Kirche, ich bekreuzige mich und mache meine Kniefälle, ich helfe auch stets, kein Armer geht an mir vorüber, ohne daß er eine Kupfermünze von mir erhält, auch habe ich mich niemals geweigert, etwas für irgendeine Wohlfahrtseinrichtung zu geben.“ Mit einem Wort, er wird sich nach einer solchen Predigt nicht nur für gerechtfertigt halten, sondern wohl gar noch stolz auf seine Sündlosigkeit sein.
Aber wenn man den Vorhang vor ihm wegzieht und ihm bloß einen Teil von all den furchtbaren Schrecken und Übeln zeigt, die er zwar nicht unmittelbar, aber doch indirekt verursacht, dann wird er ganz anders reden. Man sage einem kurzsichtigen, aber ehrenhaft denkenden reichen Mann, daß er, indem er sein Haus schmückt und seine Lebensweise nach dem Vorbild der vornehmen Herren einrichtet, schweren Schaden und schweres Ärgernis verursacht, indem er einem andern weniger Reichen denselben Wunsch einpflanzt. Denn dieser wird, um nur nicht hinter jenem zurückzustehen, nicht nur sein eigenes, sondern auch fremdes Gut verschwenden, die Menschen ausplündern und sie zu Bettlern machen; außerdem aber sollte man eins jener furchtbaren Bilder der Hungersnot im Innern Rußlands vor ihm erstehen lassen, bei der ihm die Haare zu Berge stehen müssen, und die es vielleicht nicht geben würde, wenn er nicht wie ein vornehmer Mann leben, nicht den Ton in der Gesellschaft angeben und die Köpfe anderer Leute verwirren würde. Ebenso zeige man allen Modedamen, die sich nicht gern immer in demselben Kleide sehen lassen und sich ganze Haufen neuer Kleider anfertigen lassen, ohne ein einziges davon wirklich abzutragen, wobei sie jeder kleinsten Laune der Mode folgen, ebenso zeige man diesen, wie sie eigentlich gar nicht dadurch sündigen, daß sie sich einem solchen eitlen Treiben hingeben und ihr Geld verschwenden, sondern dadurch, daß sie auch andere zu einem solchen Leben zwingen, daß so mancher Mann einer andern Frau aus diesem Grunde Bestechungsgelder von einem Beamten, dem eigenen Kollegen, angenommen hat [gewiß, dieser Beamte war reich, aber um das Geld aufzubringen, mußte er einem weniger Reichen an die Kehle springen und ihn ausplündern. Dieser mußte seinerseits irgendeinem Assessor oder einem Landrat die Kehle zudrücken und der Landpolizeihauptmann wiederum war gezwungen, die ganz Armen und Besitzlosen auszuplündern] und man lasse auch vor all diesen Modedamen ein Bild der Hungersnot erstehen. Dann werden sie nicht mehr an Hüte oder an ein neues, modernes Kleid denken. Sie werden einsehen, daß auch das Geld, das sie den Armen hinwerfen, und auch die humanen Wohlfahrtseinrichtungen, die sie in den Städten auf Kosten der ausgeplünderten Provinzen errichten, sie nicht von der furchtbaren Verantwortung vor Gott befreien werden. Nein, der Mensch ist nicht gefühllos. Der Mensch wird im tiefsten erschüttert sein, wenn Sie ihm die Sache darstellen, wie sie ist. Und er wird sich heute mehr erschüttert fühlen, denn sein Herz, sein Wesen ist milder und weicher geworden, und die Hälfte seiner Sünden rührt von seiner Unkenntnis und nicht von seiner Lasterhaftigkeit her. Er wird den, der ihn dazu anhalten wird, in sich zu gehen und seinen Blick auf sich selbst, in sein Inneres zu richten, liebevoll wie seinen Retter umarmen. Der Prediger braucht den Vorhang nur ein wenig zu lüften und ihm nur eins von den Verbrechen zu zeigen, die er jeden Augenblick begeht, und er wird nicht mehr den Mut haben, mit seiner Sündlosigkeit zu prahlen. Er wird sein verschwenderisches Leben nicht mehr mit elenden, armseligen Sophismen zu verteidigen suchen, wie wenn ein solches Leben notwendig wäre, um den Handwerkern Brot zu verschaffen, er wird erkennen, daß der Gedanke, daß man ein halbes Dorf oder einen halben Kreis zugrunde richten müsse, um irgendeinem Tischler Hambs Brot zu verschaffen, nur in dem traurigen Kopfe eines Nationalökonomen des 19. Jahrhunderts, nicht aber in dem gesunden Gehirn eines vernünftigen Menschen entstehen konnte. Wie, wenn der Prediger die ganze Kette jener unzähligen indirekten Verbrechen, die der Mensch durch seine Unvorsichtigkeit, seinen Stolz, sein Selbstvertrauen begeht, vor ihm aufrollen und auf alle Gefahren der gegenwärtigen Zeit hinweisen würde, wo jeder von uns mit einem Schlage so viele Seelen zugrunde richten kann, nicht nur seine eigene, ja wo man sogar, ohne selbst unehrlich zu sein, bloß durch seine Unvorsichtigkeit andere zu ehrlosen Menschen und Schurken machen kann, kurz, wie wäre es wohl, wenn er nur ganz vorsichtig darauf hinweisen würde, auf welch gefährlichem Wege sich alle Menschen befinden! Nein, die Menschen werden nicht taub gegen seine Worte sein. Keins seiner Worte wird in die Luft gesprochen sein. Sie aber können viele Priester hierauf aufmerksam machen, indem Sie sie auf alle die Machenschaften der Menschen unserer Zeit, die Sie unterwegs kennen lernen werden, aufmerksam machen. Aber Sie können sich hierdurch nicht nur den Priestern, sondern auch anderen Menschen nützlich erweisen. Dies sind Tatsachen, deren Kenntnis heutzutage jedem von Nutzen ist.
Man muß dem Menschen das Leben zeigen: das Leben, nicht wie es sich unter dem Gesichtspunkt einer vergangenen, sondern unter dem aller Wirrsale und Verwirrungen unserer gegenwärtigen Zeit darstellt; nicht wie es dem oberflächlichen Blick eines Weltmanns, sondern wie es einem Manne erscheint, der es von dem höchsten Standpunkt eines Christen betrachtet, in Erwägung zieht und bewertet. Die Unkenntnis Rußlands, wie sie in Rußland selbst verbreitet ist, ist ganz ungeheuer. Alle Leute leben in einer fremden Welt ausländischer Journale und Zeitungen, nicht aber in ihrem eigenen Lande. Keine Stadt kennt die andere, kein Mensch kennt seine Mitmenschen. Menschen, die innerhalb derselben vier Wände wohnen, scheinen durch Meere voneinander getrennt zu sein. Sie aber können sie auf Ihrer Reise miteinander bekannt machen und wie ein gewandter Kaufmann einen wohltuenden gegenseitigen Verkehr und Gedankenaustausch zwischen ihnen anbahnen. In einer Stadt können Sie Kenntnisse sammeln, um sie in einer andern mit Profit wieder an den Mann zu bringen. Sie können alle reicher machen und sich zugleich selbst weit mehr bereichern als alle. So Großes können Sie auf Schritt und Tritt vollbringen — und das sehen Sie nicht. Erwachen Sie doch. Eine Hülle liegt über Ihren Augen. Es liegt nicht in Ihrer Macht, die Liebe herbeizurufen, damit sie komme und Wohnung in Ihrem Herzen nehme. Sie können die Menschen nicht anders lieben lernen, als dadurch, daß Sie es lernen, ihnen zu dienen. Wie könnte ein Diener seinen Herrn liebgewinnen, wenn dieser ihm beständig fernbleibt und wenn er noch nie für ihn gearbeitet hat. Daher liebt ja auch eine Mutter ihr Kind so innig, weil sie es so lange unter ihrem Herzen getragen, weil sie alles für es hingegeben hat, weil sie so viel für es gelitten hat. Wachen Sie auf! Ihre Klosterzelle ist — Rußland.
1845.
XXI
Was eine Gouverneursgattin ist
An Fr. A. O. S.
Ich freue mich, daß Ihre Gesundheit jetzt besser ist. Die meine ... aber sprechen wir nicht von unserer Gesundheit. Wir sollten sie ebenso vergessen wie uns selbst. Also Sie kehren wieder in Ihre Gouvernementshauptstadt zurück. Sie müssen sie mit neuer Kraft lieben lernen; sie gehört zu Ihnen, sie ist Ihnen anvertraut, sie muß Ihre wahre Heimat werden. Sie haben unrecht, wenn Sie schon wieder meinen, daß Ihre Anwesenheit für das soziale Tun und Leben daselbst ganz ohne Nutzen, daß die Gesellschaft bis auf die Wurzel verderbt sei. Sie sind einfach müde — das ist alles. Die Frau eines Gouverneurs findet überall, auf Schritt und Tritt ein Feld der Betätigung. Sie wirkt sogar auch dann noch, wenn sie überhaupt nichts tut. Sie wissen doch selbst schon, daß es sich nicht darum handelt, sich viele Unruhe, sich viel zu schaffen zu machen und sich beständig voller Hitze und Eifer auf alle möglichen Dinge zu werfen. Sie haben zwei lebendige Beispiele vor sich, die Sie selbst erwähnt haben. Ihre Vorgängerin, Frau Sch., hat einen ganzen Haufen von Wohlfahrtseinrichtungen gegründet und zugleich damit alle möglichen Schreibereien, eine große Aktenwirtschaft veranlaßt, allerhand Ökonomen, Sekretäre angestellt und den Grund zu Veruntreuungen und einem törichten unsinnigen Getue gelegt, sie hat sich in Petersburg durch ihre Wohltätigkeit berühmt gemacht und in K. eine große Verwirrung angerichtet. Die Fürstin O. dagegen, die vor Ihnen Gouverneurin der Stadt K. war, hat keinerlei Wohlfahrtseinrichtungen und keine Asyle gegründet, sie hat außerhalb der Stadt kaum von sich reden gemacht, auch hatte sie gar keinen Einfluß auf ihren Mann und sie hat sich auch an der eigentlichen Regierungstätigkeit und den offiziellen Geschäften gar nicht beteiligt, und doch kann bis auf den heutigen Tag kein Mensch in der Stadt ihrer ohne Tränen gedenken, und jedermann — von dem Kaufmann bis herab zum letzten Habenichts — sagt auch heute noch immer: „Nein, wir werden nie eine zweite Fürstin O. bekommen.“ Und wer sagt so etwas? Dieselbe Stadt, für die sich, wie Sie annehmen, nichts tun läßt, dieselbe Gesellschaft, die Ihrer Meinung nach für alle Zeiten und unwiederbringlich verdorben ist. Wie denn nun? Läßt sich denn wirklich nichts machen? Sie sind müde, das ist alles, und Sie fühlen sich müde, weil Sie sich gar zu eifrig ins Zeug gelegt, weil Sie Ihren eigenen Kräften gar zu viel zugetraut haben. Ihr weibliches Temperament ist mit Ihnen durchgegangen ... Ich wiederhole Ihnen noch einmal, was ich Ihnen schon oft gesagt habe: Sie haben einen großen Einfluß. Sie sind die erste Persönlichkeit in der Stadt. Dank dem äffischen Wesen der Mode und der bei uns in Rußland herrschenden äffischen Nachahmungssucht im allgemeinen wird man alles an Ihnen, jede kleinste Kleinigkeit, nachahmen. Sie werden auf allen Gebieten tonangebend, Gesetzgeberin sein. Wenn Sie nun recht für Ihre eigenen Angelegenheiten sorgen werden, so werden Sie schon allein hierdurch wirken, weil Sie damit auch andere veranlassen werden, sich mehr und gründlicher mit ihren Angelegenheiten zu beschäftigen. Bekämpfen Sie den Luxus (solange Sie nichts anderes zu tun finden), auch das ist schon eine hohe Aufgabe, die dazu nicht einmal viel Arbeit und Unruhe erfordert, noch viele Kosten verursacht. Fehlen Sie auf keinem Ball und in keiner Versammlung. Erscheinen Sie stets und zwar nur, um sich mehrmals in ein und demselben Kleide sehen zu lassen. Ziehen Sie das gleiche Kleid drei-, vier-, fünf-, sechsmal an. Loben Sie an jedem Dinge nur das, was einfach und billig ist. Kurz, bekämpfen Sie diesen abscheulichen nordländischen Luxus, diesen Krebsschaden Rußlands, diesen Quell aller Bestechlichkeit, aller Ungesetzlichkeiten und Schändlichkeiten, die es bei uns gibt. Wenn Ihnen auch nur dies eine gelingen sollte, so werden Sie damit bereits mehr wahren Nutzen stiften, als selbst die Fürstin O. Und das erfordert, wie Sie selbst sehen, nicht einmal irgendwelche Opfer, ja nicht einmal viel Zeit. Liebe Freundin! Sie sind müde. Aus Ihren früheren Briefen ersehe ich, daß Sie für den Anfang bereits sehr viel Gutes geleistet haben (wenn Sie sich nicht allzusehr beeilt hätten, hätten Sie noch mehr geleistet). Ihr Ruf ist bereits über die Grenzen von K. gedrungen, und mancherlei ist auch mir zu Ohren gekommen. Aber Sie sind noch gar zu hastig. Sie lassen sich noch zu sehr fortreißen. Alles Häßliche und jede kleine Unannehmlichkeit macht noch einen viel zu starken Eindruck auf Sie und drückt Sie zu leicht nieder. Liebe Freundin! Denken Sie immer wieder an meine Worte, von deren Richtigkeit Sie sich, wie Sie selbst sagen, überzeugt haben. Betrachten Sie die ganze Stadt so, wie ein Arzt ein Krankenhaus betrachtet. Tun Sie dies, aber tun Sie außerdem noch etwas anderes, und zwar folgendes: Suchen Sie sich selbst davon zu überzeugen, daß alle Kranken, die im Krankenhaus liegen, Ihre Verwandten, daß sie Menschen sind, die Ihrem Herzen nahe stehen. Dann wird sich vor Ihren Augen alles ändern. Sie werden sich mit den Menschen aussöhnen und nur noch gegen ihre Krankheiten ankämpfen. Wer hat Ihnen gesagt, daß diese Krankheiten unheilbar sind? Das haben Sie sich selbst eingeredet, weil Sie keine Mittel wider sie in der Hand hatten. Wie? Sind Sie etwa ein Arzt, der allwissend ist? Warum haben Sie sich denn nicht an andere Leute mit der Bitte um Hilfe gewandt. Habe ich Sie denn vergeblich darum gebeten, mich über alles zu unterrichten, was es in Ihrer Stadt gibt, mir dazu zu verhelfen, daß ich Ihre Stadt kennen lerne, damit ich mir einen vollständigen Begriff von dieser Stadt machen kann. Warum haben Sie das nicht getan, um so mehr, da Sie doch selbst davon überzeugt sind, daß ich in vielen Beziehungen eine größere Wirkung auszuüben vermag als Sie. Um so mehr, da Sie mir selbst eine gewisse Menschenkenntnis zuschreiben, wie sie nicht allen eigen ist. Um so mehr endlich, da Sie ja selbst sagen, daß ich Ihnen in Ihren Herzensangelegenheiten mehr geholfen habe als sonst jemand. Glauben Sie wirklich, daß ich nicht auch Ihren unheilbaren Kranken zu helfen vermöchte? Sie haben wohl vergessen, daß ich zu beten vermag und daß mein Gebet bis zu Gott dringen kann. Gott aber kann meinem Verstande Einsicht schenken, und mein von Gott erleuchteter Verstand könnte Besseres vollbringen, als ein Verstand, der nicht von Ihm belehrt ist.