1843.
III.
Ich verstehe nicht, wie du, ein solcher Menschenforscher und Menschenkenner, mir die gleichen törichten Fragen vorlegen kannst, auf die sich alle anderen so trefflich verstehen! Die gute Hälfte von ihnen bezieht sich darauf, was der Zukunft angehört. Was für einen Sinn hat bloß diese Neugierde? Nur eine Frage, die du stellst, ist klug und deiner würdig, und ich wünschte, daß auch andere Leute sie an mich gerichtet hätten, obwohl ich nicht weiß, ob ich sie auch vernünftig beantworten kann; ich meine die folgende: woher es nur komme, daß die Helden meiner letzten Werke, besonders die der „Toten Seelen“, trotzdem sie nichts weniger als naturgetreue Porträts von wirklichen existierenden Menschen, und obwohl sie an und für sich sehr wenig sympathisch und anziehend sind, unserem Herzen dennoch so nahe stehen, wie wenn die Seele bei ihrer Schöpfung beteiligt gewesen wäre? Noch vor einem Jahr wäre es mir peinlich gewesen, dir auf diese Frage zu antworten. Heute aber will ich es offen bekennen: die Helden meiner Werke stehen unserem Herzen darum so nahe, weil sie Schöpfungen der Seele sind; alle meine letzten Werke sind Zeugnisse meiner seelischen Entwicklung. Um mich dir besser verständlich zu machen, will ich dir eine Definition von mir als Schriftsteller geben. Man hat viel über mich gesprochen und geschrieben und die verschiedensten Seiten meines Wesens zu ergründen gesucht, aber mein wahres Wesen hat man darum doch nicht zu bestimmen vermocht. Dieses hat nur Puschkin allein erkannt. Er sagte mir immer, noch nie habe es einen Schriftsteller gegeben, der in so hohem Grade das Vermögen besaß, die Gemeinheit und Plattheit des Lebens in so satten Farben zu schildern, die Hohlheit und Nichtigkeit eines gemeinen Menschen mit einer solchen Kraft zu zeichnen, wie ich, so daß die ganze Kleinheit und Armseligkeit, die den meisten Menschen entgeht, jedem deutlich in die Augen springt. Das ist der Grundzug meines Wesens und er fehlt in der Tat den meisten anderen Schriftstellern. Er hat sich mit der Zeit in mir noch vertieft, weil sich noch andere geistige Momente mit ihm verbunden haben. Aber das konnte ich damals nicht einmal Puschkin mitteilen. Dieser Grundzug hat sich mit besonderer Kraft in den „Toten Seelen“ offenbart. Die „Toten Seelen“ haben nicht darum in Rußland solch ein Grauen hervorgerufen und so ein Aufsehen gemacht, weil sie irgendwelche furchtbare Wunden oder innere Krankheiten an den Tag gebracht, oder ein erschütterndes Bild vom Triumph des Bösen und von den Leiden der Unschuld entworfen hätten. O nein. Meine Helden sind durchaus keine Bösewichter; wenn ich einem jeden von ihnen nur einen einzigen guten Zug verliehen hätte, der Leser hätte sich sicher mit ihnen allen ausgesöhnt. Aber die Gemeinheit und Plattheit des Ganzen flößte dem Leser Schrecken ein. Was ihn mit solch einem Grauen erfüllte, war dieses, daß bei mir ein Mensch immer kleinlicher und elender war, als der andere, daß es unter ihnen auch nicht eine tröstliche Erscheinung, keinen einzigen Ruhepunkt gab, an dem der arme Leser hätte aufatmen und Mut schöpfen können, und daß es einem, wenn man das ganze Buch gelesen hatte, so vorkam, als trete man aus einem dumpfigen Kellergewölbe wieder in Gottes freie Welt hinaus. Man hätte es mir eher vergeben, wenn ich lauter malerische Ungeheuer gezeichnet hätte — die Jämmerlichkeit und Gemeinheit hat man mir nicht verziehen. Das, wovor der Russe erschrak, das war seine Nichtigkeit, sie war ihm weit schrecklicher als all seine Mängel und Laster! Ist das nicht eine außerordentliche Erscheinung? Fürwahr, dieser Schrecken ist etwas Herrliches! Wer einen solchen Ekel und Widerwillen vor dem Kleinen und Nichtigen empfindet, in dem liegt sicherlich das Gegenteil von aller Kleinheit und Nichtigkeit verborgen. Dies also ist mein größter Vorzug und ich wiederhole, er hätte sich nicht mit einer solchen Kraft in mir entwickelt, wenn nicht meine eigene geistige Stimmung und meine inneren Erlebnisse hinzugekommen wären. Keiner meiner Leser wußte, daß er über mich selbst lachte, während er über meine Helden lachte.
Ich hatte kein einzelnes großes Laster, das all meine übrigen Untugenden um Haupteslänge überragte, ebensowenig wie ich irgendeine markante Tugend besaß, die mir ein besonders interessantes Äußere verliehen hätte, dafür aber vereinigte ich in mir alle Scheußlichkeiten, die es nur gibt, ich besaß zwar von jeder nur ein wenig; aber sie waren in mir in einer solchen Menge vertreten, wie ich es noch nie zuvor bei einem Menschen gesehen habe. Gott hat mir eine vielseitige Natur gegeben. Er hat mir bei meiner Geburt auch manche gute Keime eingepflanzt, der beste jedoch, für den ich ihm nicht genug zu danken vermag, ist der Wunsch, besser zu werden. Ich habe meine schlechten Seiten nie geliebt, und wenn es die himmlische Liebe Gottes nicht so gefügt hätte, daß sie sich nur langsam und allmählich vor mir enthüllten, statt sich mir plötzlich und mit einem Schlage zu offenbaren, als ich noch keine Vorstellung von Seinem unendlichen Mitleid besaß, — dann hätte ich mich sicherlich erhängt. Aber in dem Maße, als ich sie in mir entdeckte, verstärkte sich durch eine wunderbare höhere Eingebung der Wunsch in mir, mich von ihnen zu befreien; es war ein außergewöhnliches seelisches Erlebnis, das mich dazu führte, sie meinen Helden mitzuteilen. Was dies für ein Erlebnis war, darfst du nicht erfahren; wenn ich geglaubt hätte, daß es jemand nützen könnte, hätte ich es schon längst bekanntgemacht. Von diesem Augenblick an begann ich meine Helden über ihre Gemeinheit hinaus auch noch mit meinen persönlichen Scheußlichkeiten auszustatten. Das geschah folgendermaßen: ich nahm eine schlechte Eigenschaft, die ich bei mir selbst fand, untersuchte, welche Formen sie in einem anderen Berufe, Stand oder Lebenskreise annimmt, versuchte es, sie als meine Todfeindin darzustellen, die mich aufs empfindlichste beleidigt hat, und verfolgte sie mit Haß, Spott und allem, dessen ich noch sonst fähig war. Wenn jemand all die Ungeheuer gesehen hätte, die meine Feder im Anfang für mich selbst erschuf, er hätte vor Entsetzen gezittert. Ich brauche dir nur zu erzählen, daß Puschkin, als ich ihm die ersten Kapitel der „Toten Seelen“ vorlas (er hatte sonst stets gelacht, wenn ich ihm etwas vortrug, denn er lachte gern und von Herzen), immer finsterer und finsterer wurde, bis sich sein Gesicht zuletzt vollkommen verdüsterte. Als ich geendigt hatte, sagte er mit einem tiefen Schmerz in der Stimme: „Gott, wie grauenhaft trostlos und traurig ist doch unser Rußland.“ Dieser Ausspruch überraschte mich. Puschkin, der Rußland so gut kannte, hatte nicht bemerkt, daß dies alles nur eine Karikatur, ein Produkt meiner Phantasie war. Und jetzt erst erkannte ich, was eine Sache bedeutet, die einem aus dem Herzen geflossen ist, was geistige Wahrheit ist und in was für einer erschreckenden Gestalt man dem Menschen die Finsternis und den furchtbaren Mangel an Licht darstellen kann. Seit dieser Zeit dachte ich nur noch daran, wie ich den niederschmetternden Eindruck mildern könnte, den die „Toten Seelen“ hervorrufen konnten. Ich sah, daß vieles Schlechte des Hasses nicht wert und daß es besser ist, es in seiner Nichtigkeit und Armseligkeit darzustellen, die in alle Ewigkeit sein Teil ist. Ferner wollte ich sehen, was die Russen sagen würden, wenn man ihnen ihre eigene Häßlichkeit und Gemeinheit vor Augen führte. Nach einem Plan, der mir schon lange vorschwebte, brauchte ich für meinen ersten Teil lauter kleine und armselige Menschen. Diese elenden Menschen sind jedoch keineswegs Porträts nach lebendigen Personen, ich habe vielmehr in ihnen die Züge der Leute gesammelt, die sich für besser halten, als die anderen; allerdings habe ich sie aus Generälen zu gemeinen Soldaten gemacht. Hier finden sich außer Zügen von mir selbst noch viele solche von meinen Freunden und sogar einige von dir. Ich werde dir das später beweisen, wenn die Zeit für dich gekommen sein wird, bis jetzt bleibt das noch mein persönliches Geheimnis. Ich mußte allen guten Menschen, die ich kannte, alles Häßliche und Gemeine nehmen, das sie sich zufällig erworben hatten und es ihren rechtmäßigen Besitzern wiedergeben. Frage nicht, warum der erste Teil von nichts anderem handelt als von Elend, Armseligkeit und Gemeinheit und warum alle handelnden Personen bis auf die letzte so trivial und gemein sein müssen. Die Antwort hierauf wirst du in den folgenden Bänden finden. Das ist das Ganze! Der erste Teil hat trotz all seiner Unvollkommenheiten seine Aufgabe erfüllt, er hat allen Menschen einen wahren Ekel und Widerwillen gegen meine Helden und gegen ihre Armseligkeit eingeflößt, er hat, wie es meine Absicht war, in uns etwas wie Schmerz und Unwillen gegen uns selbst erzeugt. Fürs erste genügt mir das. Mehr wollte ich nicht erreichen. Dies alles wäre natürlich noch bedeutsamer geworden und wäre mir viel besser gelungen, wenn ich mich nicht so sehr mit der Veröffentlichung beeilt hätte und wenn ich das Ganze noch sorgfältiger und gründlicher bearbeitet hätte. Meine Helden haben sich noch nicht völlig von mir abgelöst und daher auch noch nicht die rechte Selbständigkeit erlangt. Ich habe sie noch nicht fest genug auf den Boden gestellt, auf dem sie stehen sollten, noch sind sie nicht recht heimisch geworden in dem Kreis unserer Sitten, noch wurzeln sie nicht tief genug in dem eigentlich russischen Leben mit all seinen Einzelheiten. Noch ist das ganze Buch nicht viel mehr als eine Frühgeburt, aber sein Geist hat sich doch schon unsichtbar verbreitet und selbst sein verfrühtes Erscheinen kann mir dadurch nützlich werden, daß es meine Leser veranlassen kann, mir all meine Fehler nachzuweisen, die ich bei der Schilderung der gesellschaftlichen und privaten Verhältnisse Rußlands begangen habe. Wenn du z. B., statt mir unnütze Fragen zu stellen (mit denen du mehr als die Hälfte deines Briefes angefüllt hast, und die zu nichts führen, als zur Befriedigung einer müßigen Neugierde), wenn du alle vernünftigen und sachlichen Bemerkungen und Einwände, die über mein Werk laut werden, deine eigenen sowohl, als auch alle möglichen fremden, die von klugen Menschen herstammen, die auch Erfahrung genug besitzen und mitten in einem tätigen Leben stehen, sammeln und ihnen eine Reihe von Anekdoten und tatsächlichen Begebenheiten beifügen wolltest, die in eurem Kreise oder in eurer Provinz vorgefallen sind — sei es nun, daß sie mein Buch in einem seiner Teile widerlegen oder bestätigen — zu jeder Seite könnte man ein ganzes Dutzend solcher Fälle anführen — dann würdest du ein wahrhaft gutes Werk tun, und ich würde dir von Herzen dankbar sein. Wie würde sich dadurch mein Horizont erweitern! Wie würde das meinen Kopf erfrischen und wieviel leichter würde die Arbeit vonstatten gehen! Aber das, worum ich bitte, will kein Mensch tun. Niemand hält meine Bitten für ernst und wichtig genug und jeder respektiert nur seine eigenen. Andere wieder verlangen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit von mir, ohne selbst zu wissen, was sie verlangen. Und was soll bloß diese müßige Neugierde, diese törichte unnütze Hast, die, wie ich sehe, auch dich angesteckt hat. Sieh doch, wie in der Natur alles würdig und weise nach wohlgefügten Gesetzen vonstatten geht und wie vernünftig eines aus dem anderen folgt! Nur wir allein machen uns, Gott weiß warum, soviel unnütze Unruhe. Alles eilt und hastet wie im Fieber. Hast du dir denn deine Worte auch ordentlich überlegt? „Es ist absolut notwendig, daß wir den zweiten Band erhalten.“ Wie? soll ich mich denn bloß deswegen, weil alle Leute mit mir unzufrieden sind, mit dem zweiten Bande beeilen? Das wäre doch ebenso dumm, wie das, daß ich mich mit dem ersten zu sehr beeilt habe. Bin ich denn schon ganz um mein bißchen Verstand gekommen? Ich brauche diesen Unwillen und diese Unzufriedenheit ja. Wenn die Menschen unwillig über mich sind, werden sie mir doch wenigstens irgend etwas sagen. Und woraus schließt du nur, daß der zweite Band gerade jetzt ein dringendes Bedürfnis geworden ist. Hast du etwa in meinen Kopf hineingeblickt? Fühlst du, was das Wesen dieses zweiten Bandes ausmacht? Deiner Ansicht nach braucht man ihn jetzt, während ich glaube, daß er nicht früher als nach zwei Jahren erscheinen sollte und auch dies bloß, wenn man die Umstände und den Gang der Zeit berücksichtigt. Wer von uns hat nun recht? Der, in dessen Kopf der zweite Band fertig dasteht, oder der, der noch nicht weiß, was den Inhalt bildet. Was das jetzt für eine seltsame Mode ist, die neuerdings in Rußland aufgekommen ist! Der Mensch liegt selbst auf der faulen Haut, will selbst nichts Vernünftiges tun und spornt die anderen zur Tätigkeit an; als ob jeder andere sich aus allen Kräften anstrengen müßte, vor Freude darüber, daß sein Freund müßig auf dem Rücken liegt! Kaum erfährt man, daß irgendein Mensch mit einer ernsten Sache beschäftigt ist, so treibt man ihn schon überall zur Eile an und dann schilt man ihn noch, wenn er es schlecht macht; dann heißt es: warum hast du dich so beeilt? Aber ich schließe meine Predigt. Auf deine klugen Fragen habe ich geantwortet. Ich habe dir sogar gesagt, was ich bis heute noch keinem einzigen Menschen gesagt habe. Glaube bitte nach diesem Bekenntnis nicht, daß ich ebenso ein Ungeheuer bin, wie meine Helden. Nein, ich gleiche ihnen nicht. Ich liebe das Gute, ich suche es aus allen Kräften, und meine Seele glüht für alles Schöne, ich liebe meine Schändlichkeiten nicht und suche nicht, sie festzuhalten, wie meine Helden; ich liebe das Gemeine in mir nicht, das mich von dem Guten fernhält. Ich kämpfe gegen es an und werde gegen es ankämpfen, bis ich es ganz ausgetrieben habe, und dabei wird Gott mir helfen. Es ist ganz falsch, was törichte, weltlich gerichtete Menschen sich ausgedacht haben, daß der Mensch nur erzogen werden könne, solange er noch in der Schule sitzt, und daß er später keinen Charakterzug mehr in sich verändern könne. Nur in einem törichten, weltlich gesinnten Schädel konnte ein so dummer Gedanke entstehen. Ich habe mich schon von vielen meiner Scheußlichkeiten befreit, indem ich sie auf meine Helden übertrug, sie in ihnen verspottete und auch andere zwang, über sie zu lachen. Ich bin schon manche von ihnen losgeworden, indem ich ihnen ihr verlockendes Äußeres, ihre ritterliche Maske nahm, dank der jedes von unseren Lastern keck durch die Welt geht. Ich habe sie neben das Häßliche gestellt, das allen sichtbar ist. Wenn ich mich in der Beichte vor Ihm prüfe, Der mich in die Welt gesandt hat und Der mir befahl, mich von meinen Fehlern zu befreien, dann erkenne ich viele Laster in mir, aber es sind nicht mehr dieselben wie im vergangenen Jahr, eine heilige Kraft half mir, mich von ihnen zu befreien. Dir aber rate ich, diese Worte nicht unbeachtet verhallen zu lassen, sondern wenn du meine Briefe gelesen hast, einen Augenblick mit dir allein zu bleiben, alles andere eine Weile beiseite zu lassen und gründlich in dich selbst hineinzublicken, indem du dein ganzes Leben an dir vorüberziehen läßt, und dann die Wahrheit meiner Worte einer Prüfung zu unterziehen. In dieser meiner Antwort wirst du, wenn du näher zusiehst, auch eine Antwort auf deine übrigen Fragen finden, und du wirst erkennen, warum ich bisher dem Leser nicht auch die tröstlichen Erscheinungen gezeigt und mir keine tugendhaften Menschen zu Helden erwählt habe. Solche kann man nicht frei aus dem Kopfe erfinden. Solange man ihnen nicht im geringsten selbst gleicht, solange man sich nicht durch Hartnäckigkeit und Beständigkeit einige gute Eigenschaften erobert hat — wird alles, was die Feder niederschreibt, tot und leblos und so weit von der Wahrheit entfernt bleiben, wie der Himmel von der Erde. Ich habe diese Schreckgespenster nicht erfunden — diese Schreckgespenster haben meine eigene Seele gewürgt und bedrückt: nur was lebendig in meiner Seele lebte, ist frei aus ihr herausgeströmt.
IV.
Ich habe den zweiten Teil der „Toten Seelen“ verbrannt, weil das eine Notwendigkeit war. „Das du säest, wird nicht lebendig, es sterbe denn,“ — sagt der Apostel. Man muß zuvor sterben, wenn man wieder auferstehen soll. Es ist mir nicht leicht geworden, die Frucht einer fünfjährigen Arbeit zu verbrennen, einer Arbeit, die mich soviel schmerzliche Anstrengungen, wo jede Zeile mich schwere Erschütterungen gekostet hat und worin vieles enthalten war, was mein höchstes Streben ausmachte und meine Seele ausfüllte. Und doch wurde alles verbrannt und noch dazu in einem Augenblick, wo ich den Tod vor Augen sah und etwas hinterlassen wollte, was mich bei der Nachwelt in besserem Andenken erhalten sollte. Ich danke Gott, daß er mir die Kraft verliehen hat, dies zu vollbringen. Sowie die Flamme die letzten Blätter meines Buches aufgezehrt hatte, erstand sein Inhalt plötzlich in verklärter und geläuterter Gestalt vor mir, gleich einem Phönix aus der Asche, und ich sah nun mit einem Male, wie unreif und unausgegoren das noch war, was ich bereits für ausgereift, harmonisch und abgerundet gehalten hatte. Wäre der zweite Band in dem Zustande, in dem er sich damals befand, erschienen, er hätte eher Schaden als Nutzen gestiftet. Nicht der Genuß und die Befriedigung der Kunstkenner und Literaturfreunde ist es, die man anstreben muß, sondern die aller Leser, für die die „Toten Seelen“ geschrieben wurden. Eine Anzahl edler Charaktere darzustellen, die für die vornehme Gesinnung und den hohen Adel unseres Wesens zeugen, — das kann zu nichts führen. Das erregt bloß Hochmut und eitle Prahlsucht. Viele von uns, besonders aber von unseren jungen Leuten, haben die Gewohnheit angenommen, die Vorzüge des russischen Charakters über alles Maß zu preisen und mit ihnen zu prahlen und doch denken sie gar nicht daran, diese Eigenschaften zu vertiefen und an ihrer eigenen Erziehung zu arbeiten, sondern sie suchen sie möglichst zur Schau zu stellen, als wollten sie Europa zurufen: „Seht einmal, ihr Deutschen, wir sind doch besser als ihr!“ Diese Prahlsucht richtet alles zugrunde. Sie reizt die andern und gereicht auch dem Renommisten selbst zum Schaden. Man kann die beste Sache in den Kot ziehen, wenn man sich ihrer rühmt und sich was auf sie zugute tut. Bei uns aber rühmt man sich und prahlt man schon, noch ehe man etwas geleistet hat — man prahlt mit dem, was erst kommen soll! Nein, dann scheint es mir noch besser, man ist kleinmütig und man grämt sich über sich selbst, als daß man hochmütig ist und sich selbst zu viel zutraut. Im ersten Falle wird sich der Mensch wenigstens seiner Armseligkeit, Gemeinheit und Nichtigkeit bewußt und richtet seine Gedanken auf Gott, der alles aus dem tiefsten Elend und der tiefsten Erniedrigung erhebt und zur Höhe emporführt; im zweiten Falle dagegen flieht der Mensch sich selbst und rennt geradeswegs dem Satan, dem Vater des Hochmuts, in die Arme, der den Menschen zur Überhebung verleitet, indem er ihm blauen Dunst vormacht und ihn zum Tugendstolz verführt. Nein, es gibt Zeiten, wo man die Gesellschaft oder sogar eine ganze Generation gar nicht anders auf das Gute hinleiten und für das Gute begeistern kann, als indem man ihnen den ganzen Abgrund der Verkommenheit zeigt, in dem sie stecken; es gibt Zeiten, wo man überhaupt nicht vom Hohen und Schönen sprechen darf, ohne zugleich einem jeden die Richtung und den Weg zum Schönen zu zeigen, so daß er sie taghell vor sich liegen sieht. Dieses letzte Moment ist im zweiten Bande der „Toten Seelen“ nur schwächlich und unvollkommen zum Ausdruck gekommen, und doch hätte es eigentlich das wichtigste und wesentlichste Moment sein sollen. Und darum habe ich diesen zweiten Teil verbrannt. Urteilen Sie bitte nicht über mich und ziehen Sie keine Schlüsse daraus; Sie werden sich ebenso täuschen, wie die unter meinen Freunden, die sich aus mir ihr eigenes Ideal eines Schriftstellers zurechtgemacht hatten, das ihren eigenen Begriffen von einem Dichter entsprach, und nun von mir verlangten, ich solle diesem, doch nur von ihnen selbst entworfenen Ideal entsprechen. Gott hat mich erschaffen und Er hat mir nicht vorenthalten, was meine eigentliche Bestimmung ist. Ich bin gar nicht dazu geboren, um eine Epoche in der Literaturgeschichte heraufzuführen. Meine Aufgabe ist weit einfacher und näherliegend; meine Aufgabe ist das, woran ein jeder Mensch und nicht nur ich allein zuallererst denken sollte. Meine Aufgabe — ist die Seele und die große sichere ewige Aufgabe des Lebens. Darum muß auch mein Tun stark und dauerhaft sein und ich muß Werke schaffen, die dauern. Ich brauche mich nicht zu beeilen; mögen doch die andern hasten und sich beeilen! Ich verbrenne, was verbrannt werden muß, und ich handle sicherlich richtig, denn ich unternehme nichts, ohne zuvor zu Gott gebetet zu haben. Was aber Ihre Befürchtungen wegen meiner zarten Gesundheit anbelangt, die es mir vielleicht unmöglich machen wird, den zweiten Band niederzuschreiben, so sind sie überflüssig. Meine Gesundheit ist sehr zart — das ist freilich wahr. Zuzeiten ist mir’s so schlecht zumute, daß ich es ohne Gottes Hilfe kaum auszuhalten vermöchte. Zu dem Verfall meiner Kräfte ist noch ein so intensives Frösteln hinzugekommen, daß ich gar nicht mehr weiß, wie und woran ich mich erwärmen soll: ich müßte mir Bewegung machen, und doch habe ich nicht die Kraft, mich herumzubewegen. Selten kann ich mehr als eine Stunde für die Arbeit erübrigen, aber selbst dann fühle ich mich nicht immer frisch. Allein, meine Hoffnung sinkt darum doch nicht. Der, Der durch Kummer, Leid und Hindernisse die Entwickelung meiner Fähigkeiten und Gedanken, ohne die ich nie auf den Einfall gekommen wäre, mein Werk zu schreiben, beschleunigt hat, Der da machte, daß die größere Hälfte in meinem Kopf bereits fertig feststeht, Der wird mir auch die Kraft verleihen, was noch übrig ist, zu vollenden und zu Papier zu bringen. Meine Kräfte verfallen, aber nicht mein Geist. Alle meine geistigen Fähigkeiten werden vielmehr stärker und kräftiger, nun denn, so wird wohl auch die Körperkraft sich einstellen. Ich lebe dem Glauben, daß, wenn die rechte Stunde schlägt, auch das, woran ich fünf Jahre lang mit Schmerzen gearbeitet habe, in wenigen Wochen vollendet dastehen wird.
1846.
XIX
Liebt unser russisches Vaterland
Aus einem Briefe an den Grafen A. T.
Ohne Liebe zu Gott kann keiner gerettet werden, wir aber besitzen keine rechte Gottesliebe. Im Kloster ist sie kaum zu finden, ins Kloster gehen nur die, die Gott selbst dahin berufen hat. Ohne Gottes Willen kann man Ihn nicht liebgewinnen. Und wie sollte man auch Den lieben, Den noch niemand gesehen hat? Gibt es ein Gebet, gibt es eine Kraftanstrengung, mit der wir diese Liebe von Ihm herabflehen könnten? Sehen Sie nur, wieviel gute, vortreffliche Menschen es gegenwärtig auf der Welt gibt, die sich glühend nach dieser Liebe sehnen und nur spröde Härte und öde Kaltblütigkeit in sich finden. Es ist schwer, Den liebzugewinnen, Den niemand gesehen hat. Christus allein hat uns das Geheimnis geoffenbart und verkündet, daß wir in der Liebe zu unseren Brüdern der Liebe zu Gott teilhaftig werden. Wir müssen sie so lieben lernen, wie Christus es uns gelehrt hat, und die Liebe zu Gott wird sich von selbst daraus ergeben. So gehen Sie denn in die Welt hinaus und lernen Sie erst Ihre Brüder lieben.
Wie aber sollen wir die Brüder lieben lernen? Wie sollen wir die Menschen liebgewinnen? Die Seele möchte nur das Schöne lieben, die armen Menschen aber sind so unvollkommen, und es ist so wenig Schönheit in ihnen. Wie also sollen wir es anfangen? Danken Sie Gott vor allem dafür, daß Sie ein Russe sind. Für den Russen tut sich jetzt ein Weg auf, und dieser Weg ist Rußland selbst. Wenn der Russe erst einmal Rußland lieben lernen wird, so wird er bald auch alles mit Liebe umfassen, was es in Rußland gibt. Gott selbst weist uns jetzt auf diese Liebe hin. Ohne die Leiden und Krankheiten, von denen Rußland gegenwärtig in so hohem Maße betroffen ward, und an denen wir selbst die Schuld tragen, würde niemand von uns Mitleid mit dem Lande empfinden. Mitleid aber ist bereits der Beginn der Liebe. Selbst in dem entrüsteten Geschrei über die Mißbräuche, die Ungerechtigkeiten und die Bestechlichkeit kommt keineswegs bloß die Empörung der guten und anständigen Elemente über die Unanständigen und Ehrlosen zum Ausdruck, dies ist mehr, es ist der Schmerzensschrei des ganzen Landes, an dessen Ohr die Nachricht drang, daß zahllose Scharen fremder Feinde ins Land eingefallen, in die Häuser gedrungen seien und alle Bewohner unter ihr hartes Joch gezwungen hätten; schon wollen sich die, die diese Seelenfeinde freiwillig in ihr Haus aufgenommen haben, selbst von ihnen befreien; sie wissen nur nicht, wie sie dies anfangen sollen, und so entringt sich allen ein einziger, erschütternder Schrei; selbst die Stumpfen und Gefühllosen beginnen sich zu regen. Aber die wirkliche, eigentliche Liebe empfindet noch keiner, auch Sie besitzen sie nicht. Sie lieben Rußland noch nicht.