Ich schreibe dir noch einmal von der Reise. Bruder! Ich danke dir für alles. Am Grabe des Herrn will ich zu Gott beten, Er möge mir die Kraft verleihen, dir auch nur einen Teil von all dem wiederzuerstatten, das du in deiner Güte und Klugheit an mir getan hast. Glaube und laß dich nicht irremachen in deinem Herzen. Wenn du nach Moskau kommst, wird es dir so erscheinen, als ob du in den Schoß deiner eigenen lieben Familie kämest. Moskau wird dir wie ein ersehnter Hafen erscheinen, und du wirst es dort ruhiger haben, als hier. Weder der sinnlose Lärm des leeren Weltgetriebes noch das ewige Wagengerassel wird dich beunruhigen; rücksichtsvoll wird man die Straße vermeiden, in der du wohnen wirst. Und selbst wenn jemand angefahren kommen sollte, um dich zu besuchen — ein alter Freund, oder ein Mensch, den du bisher noch nicht kanntest, so wird er dir zuvorkommen und dich bitten, ihm keinen Gegenbesuch zu machen, um dir nur ja keinen Augenblick deiner Zeit zu rauben. Bei uns versteht man sich darauf und weiß man sehr gut, wie man einen Menschen ehrt, der seine Schuldigkeit ganz getan hat. Wer all seine Gaben so einwandfrei treu und ehrlich ausgenutzt hat, ohne seine Fähigkeiten einschlafen zu lassen, ohne sich sein Leben lang je einen Augenblick der Trägheit hinzugeben, wer sich im Alter die Frische der Jugend erhalten hat, während alle um ihn herum sie in törichten Ausschweifungen ausgegeben haben und während die Jungen gebrechliche Greise geworden sind, der hat Anspruch auf Achtung und Ehrfurcht. Du wirst in Moskau leben wie ein Patriarch, und die Jugend wird den Worten des Greises lauschen und sie hüten, wie lauteres Gold. Deine Odyssee wird von großem Nutzen für die allgemeine Sache sein; das sage ich dir voraus. Sie wird dem Menschen von heute, der sich durch die Verworrenheit unseres Lebens und unserer Gedanken ermüdet fühlt, seine Frische wiedergeben, durch sie wird er vieles in einem neuen Lichte sehen, was er als alten Plunder, der keinen Wert für das Leben hat, von sich geworfen hat. Sie wird ihn der Schlichtheit und Einfachheit wiedergeben. Aber nicht weniger, wenn nicht noch mehr gute Früchte werden die Werke bringen, auf die dich Gott selbst hingewiesen hat, und die du mit Recht noch geheimhältst. Auch sie werden einem allgemeinen Bedürfnis entsprechen. So laß denn den Mut nicht sinken und schaue fest und ruhig in die Zukunft! Laß dich nicht schrecken durch die Mißform und die Disharmonie, der du begegnest. Es gibt mitten in unserem Lande eine Macht, die mit allem versöhnt und alles zur Eintracht bringt, und die bisher noch nicht alle sehen — unsere Kirche. Doch schon rüstet sie sich, von ihren Rechten vollen Besitz zu nehmen und ihr Licht hell über die ganze Erde erstrahlen zu lassen. In ihr ist alles enthalten, dessen man für ein Leben in wahrhaft russischem Sinne und Geiste, und zwar in jeder Beziehung und jeglicher Rücksicht: sowohl für das staatliche wie für das gewöhnliche Familienleben bedarf, sie schafft die rechte Stimmung und Disposition für alles, sie weist allem die Richtung und den rechten, richtigen Weg. Meiner Ansicht nach ist schon der bloße Gedanke, unter Ignorierung unserer Kirche Reformen in Rußland einzuführen, ohne sich ihren Segen dazu erbeten zu haben, eine Torheit. Ja, es wäre sogar unsinnig, wenn wir selbst unserer Denkweise allerhand aus Europa stammende Gedanken aufpfropfen wollten, ehe sie von der Kirche die Weihe erhalten und ehe sie vom Licht des Christentums verklärt worden sind. Du wirst sehen, du wirst Zeuge davon sein, wie das in Rußland mit einem Schlage von allen — von den Gläubigen wie von den Ungläubigen — zugegeben werden und wie unsere Kirche plötzlich, von allen erkannt und verstanden, dastehen wird. Es war wohl der Wille der Vorsehung, daß so viele von einer unerklärlichen Blindheit geschlagen werden sollten. Wenn ich die Fäden der Weltereignisse sorgsam aneinanderzulegen versuche, dann erkenne ich die ganze Weisheit Gottes, die darin liegt, daß Er zuerst eine vorübergehende Spaltung innerhalb der Kirche geschehen ließ, der einen gebot, unbeweglich und gleichsam in einer großen Entfernung und Entfremdung von den Menschen zu verharren, und bestimmte, daß die andere in ihre Unruhe und Bewegung hineingezogen werde, daß Er der einen gebot, keine Reformen oder Neuerungen zuzulassen, außer denen, die von den heiligen Männern der besten Zeiten des Christentums und von den ersten Vätern der Kirche eingeführt wurden — während Er die andere hieß, sich in stetigem Wandel an alle Zeitumstände, den Geist und die Gewohnheiten der Menschen anzupassen und alle möglichen Neuerungen durchzuführen, selbst solche, die von sündhaften und lasterhaften Priestern ausgingen, daß Er die eine gleichsam der Welt absterben und die andre gewissermaßen die Herrschaft über die ganze Welt gewinnen ließ, daß Er die eine hieß, sich gleich der bescheidenen Maria aller Sorgen um das Irdische zu entschlagen und sich zu den Füßen des Herrn niederzulassen, auf daß sie sich recht tief mit Seinem Worte erfülle, ehe sie hinginge, es anzuwenden und es den Menschen zu verkünden, der andern dagegen gebot, gleich der sorgsamen Martha, sich wie eine gastfreie Hausfrau um die Menschen zu kümmern, und ihnen die noch nicht völlig durchdachten Herrenworte mitzuteilen. Die erste hatte das bessere Teil erwählt; sie lauschte lange und aufmerksam den Worten des Herrn und ertrug geduldig die Vorwurfe der kurzsichtigen Schwester, die sich sogar erdreistete, sie einen toten Leichnam zu nennen, sie des Irrglaubens zu beschuldigen und ihr vorzuwerfen, daß sie vom Herrn abgefallen sei. Es ist nicht leicht, Christi Wort auf die Menschen anzuwenden, daher mußte sie sich zuvor tief von ihm durchdringen lassen. Dafür hat sich in unserer Kirche alles erhalten, dessen unsere erwachende Gesellschaft bedarf. Sie ist Steuer und Richtmaß der kommenden neuen Ordnung der Dinge, und je tiefer ich mich mit Herz, Verstand und Gemüt in sie versenke, um so mehr wundere ich mich, welch erstaunliche Möglichkeiten für eine Versöhnung der Widersprüche in ihr liegen, die die römische Kirche nicht zur Aussöhnung zu bringen vermag. Die römische Kirche mochte noch ausreichen für die frühere unkomplizierte Ordnung der Dinge; sie konnte vielleicht zur Not die Welt lenken und sie mit Christus aussöhnen, solange die Menschheit noch so unvollkommen und einseitig entwickelt war. Jetzt dagegen, wo die Menschheit zu einer so vollkommenen Entwicklung aller ihrer Kräfte und aller ihrer Fähigkeiten — der guten sowohl wie der bösen — gelangt ist, jetzt kann die römische Kirche die Menschen Christus nur entfremden: je mehr sie um den Frieden und die Einigkeit besorgt ist, um so mehr Hader sät sie, da sie mit ihrem dünnen Licht nicht imstande ist, die Dinge, so wie sie sich heute darstellen, von allen Seiten zu beleuchten. Alle sind sich darüber klar, daß sie mit der Aufstellung so vieler menschlicher Satzungen, die von solchen Kirchenfürsten herrühren, die noch keineswegs durch die Heiligkeit ihres Lebenswandels der höchsten und allumfassenden christlichen Weisheit teilhaftig geworden waren, sich ihren Blick für die Welt und das Leben verengt hat und diese nicht mehr zu umfassen vermag. Einen allseitigen vollständigen Blick für das Leben gibt es jetzt nur noch auf ihrer östlichen Hälfte, die offenbar für eine spätere und höhere Entwicklungsstufe der Menschheit prädestiniert ist. In ihr kann sich nicht nur Herz und Seele des Menschen, sondern auch sein Verstand in seinen höchsten und edelsten Fähigkeiten frei entfalten. Sie ist nur Weg und Richtung, um alle Kräfte und Vermögen der Menschen in einem einmütigen Hymnus auf das höchste Wesen zusammenzuführen. Freund, laß dich nicht irremachen! Und wenn die heutigen Verhältnisse noch siebenmal verwickelter wären — unsere Kirche wird sie alle entwirren und zur Versöhnung bringen. Wie von einem dunklen Instinkt geleitet, beginnen selbst unsere Weltleute, die sich unter uns bewegen, bereits etwas davon zu ahnen, daß wir einen Schatz besitzen, in dem unsere Rettung liegt, — der sich mitten unter uns befindet und den wir nicht bemerken. Dieser Schatz wird eines Tages hell aufstrahlen, und sein Glanz wird auf jedes Ding fallen. Und diese Zeit ist nicht mehr fern. Wir führen jetzt immer das sinnlose Wort Aufklärung im Munde, und dabei haben wir es uns nicht einmal überlegt, woher dies Wort stammt und was es bedeutet. Dies Wort gibt es in keiner Sprache, es existiert nur bei uns. Aufklären[4] heißt nicht belehren, unterweisen, bilden oder gar erleuchten, sondern den Menschen bis in sein Innerstes hinein mit all seinen Kräften und Vermögen durchleuchten, nicht nur seinen Verstand; heißt sein ganzes Ich wie durch ein reinigendes Feuer hindurchgehen lassen. Dieses Wort stammt aus dem Sprachschatz unserer Kirche, die es bereits gegen tausend Jahre lang gebraucht, trotz aller Finsternis und trotz der Wolken und Nebel der Unwissenheit, die sie von allen Seiten umwogen, und sie weiß, warum sie es braucht. Nicht umsonst hebt der Oberpriester beim Hochamt den dreiarmigen Leuchter, das Sinnbild der heiligen Dreieinigkeit, und den zweiarmigen Leuchter, das Sinnbild Seines heiligen Wortes, das in doppelter Gestalt als Gott und Mensch zu uns auf die Erde herabgestiegen ist, mit beiden Händen empor, weiht alle mit ihnen und spricht: „Christi Licht erleuchtet, heiliget, verkläret alle!“ Und nicht umsonst ertönen während eines andern Teils der Messe in kurzen Abständen, als kämen sie vom Himmel, die Worte an eines jeden Ohr: „Das Licht der Aufklärung!“ ohne daß etwas anderes zu ihnen hinzugefügt würde.

1846.

XVIII
Vier Briefe an verschiedene Personen über die „Toten Seelen“

I.

Sie haben unrecht, sich so über den maßlosen Ton aufzuregen, in dem manche Angriffe gegen die „Toten Seelen“ geschrieben sind: das hat auch seine gute Seite. Mitunter brauchen wir Menschen, die über uns empört sind. Wer ganz von der Schönheit einer Sache ergriffen ist, der sieht die Mängel nicht und verzeiht alles; wer uns dagegen zürnt und gegen uns erbittert ist, der wird versuchen, alles Häßliche, allen Unrat in uns aufzuwühlen und ihn so deutlich ans Licht zu stellen, daß wir ihn sehen müssen, ob wir nun wollen oder nicht. Man bekommt so selten die Wahrheit zu hören, daß man schon um eines kleinen Körnchens Wahrheit willen die Kränkung verzeihen sollte, die in dem Ton liegt, in dem sie ausgesprochen wird. In den Kritiken Bulgarins, Ssenkowskis und Polewois steckt viel Richtiges, ja selbst in dem Rat, der mir gegeben wird, ich solle zuerst einmal Russisch lernen und dann Bücher schreiben. In der Tat, wenn ich mich mit der Drucklegung des Manuskripts nicht so beeilt hätte und es noch ein Jahr lang liegen gelassen hätte, so hätte ich wohl selbst gesehen, daß das Buch unter keinen Umständen in einem so rohen und unordentlichen Zustand hätte erscheinen dürfen. Ja, selbst die Epigramme und die Scherze, die gegen mich gerichtet wurden, hatte ich nötig, trotzdem sie mir zuerst durchaus nicht gefielen und mir keineswegs angenehm waren. O wie sehr bedürfen wir der ständigen Püffe und Stöße, wie sind uns dieser beleidigende Ton und diese boshaften aufs tiefste verwundenden Spöttereien vonnöten! Auf dem Grunde unserer Seele liegt soviel kleinliche armselige Eitelkeit, soviel häßlicher leicht verletzter Ehrgeiz verborgen, daß wir in einem fort Püffe erhalten und mit allen nur möglichen Zuchtruten gezüchtigt werden sollten, ja wir sollten uns stets dankbar über die Hand freuen, die uns züchtigt.

Indessen wünschte ich mir doch noch mehr Kritiken, die nicht von Literaten, sondern von Menschen herrühren, deren eigentliches Tätigkeitsfeld das Leben selbst ist. Von praktisch tätigen Leuten hat sich — abgesehen von den Literaten — wie zum Tort für mich auch nicht ein einziger geäußert. Und doch haben die „Toten Seelen“ viel von sich reden gemacht und viel Unwillen erregt; sie haben viele durch Spott und Karikatur und die in ihnen enthaltene Wahrheit im Innersten getroffen; sie haben Verhältnisse berührt, die ein jeder täglich vor Augen hat, obwohl sie freilich andererseits auch wieder voller Fehler, Versehen und Anachronismen sind und an einer offenbaren Unkenntnis vieler Gegenstände kranken; hie und da habe ich sogar mit Vorbedacht manch Anstößiges und Verletzendes aufgenommen; ich dachte mir: vielleicht wird mich jemand tüchtig dafür ausschelten und mir in seinem Ärger und Zorn die Wahrheit sagen, die ich hören will. Ach, wenn doch nur eine Menschenseele ihre Stimme erhoben hätte! Und doch hätte jeder dies leicht gekonnt. Und wieviel Gescheites hätte er sagen können! Ein Beamter hätte mir offen vor allen Leuten die Unwahrscheinlichkeit der von mir geschilderten Vorgänge nachweisen können, da er mir nur zwei oder drei Vorgänge hätte vorzuhalten brauchen, die sich wirklich ereignet haben, und so hätte er mich gründlicher widerlegt, als mit vielen Worten; und in derselben Weise hätte er für die Wahrheit meiner Schilderungen eintreten und den Beweis für sie erbringen können. Durch Anführung einer Begebenheit, die sich wirklich ereignet hat, beweist man viel mehr, als durch leere Worte und literarische Redensarten. Und das gleiche hätte der Kaufmann, der Gutsbesitzer, kurz jedermann, der des Lesens und Schreibens kundig ist, tun können, ob er nun ein eingefleischter Stubenhocker ist oder das weite russische Land in allen Richtungen durchstreift. Hat doch ein jeder Mensch, auch wenn er bereits eine eigene Ansicht über die Dinge besitzt, auf der Stelle oder auf der Stufe der sozialen Ordnung, auf die er durch sein Amt, seinen Beruf oder durch seine Bildung gestellt ist, stets Gelegenheit, jeden Gegenstand von einer Seite kennen zu lernen, von der ihn kein anderer Mensch zu sehen vermag. Über die „Toten Seelen“ könnte von ihrem gesamten Leserkreis ein zweites, unvergleichlich viel interessanteres Buch als die „Toten Seelen“ selbst geschrieben werden; ein Buch, aus dem nicht nur ich, sondern auch die Leser selbst Belehrung schöpfen können, weil wir ja alle — wozu sollen wir unsere Fehler verheimlichen! — weil wir Rußland allesamt recht schlecht kennen.

Ach wenn doch nur eine Seele ihre Stimme laut und für alle vernehmbar erhoben hätte! Es ist fast so, als ob alles ausgestorben wäre, wie wenn Rußland tatsächlich nicht von lebendigen, sondern nur noch von „toten Seelen“ bewohnt würde. Und da wirft man mir meine mangelhafte Kenntnis Rußlands vor! Wie wenn ich, wie vom Heiligen Geiste erleuchtet, von allem unterrichtet sein müßte, was an sämtlichen Ecken und Enden Rußlands geschieht! Ich soll über alles unterrichtet sein, ohne daß mich jemand unterrichtet! Woraus aber kann ich Belehrung schöpfen, ich, ein Schriftsteller, der schon durch seinen Schriftstellerberuf zu einer sitzenden einsiedlerischen Lebensweise verurteilt, der noch dazu krank und genötigt ist, außerhalb Rußlands in der Fremde zu leben. Auf welche Weise soll ich mir diese Kenntnisse verschaffen? Die Literaten und Journalisten können mich doch nicht darüber belehren, denn sie sind doch auch Einsiedler und Stubenhocker. Der Schriftsteller hat überhaupt nur einen Lehrer: das sind die Leser selbst. Die Leser aber haben sich geweigert, mich zu belehren. Ich weiß, daß ich strenge Rechenschaft vor Gott werde ablegen müssen, weil ich meine Aufgabe nicht erfüllt habe, wie ich sollte; aber ich weiß, daß auch andere die Verantwortung für mich werden übernehmen müssen. Und das sage ich nicht ohne Grund; Gott selbst weiß es, daß ich dies nicht ohne guten Grund sage.

1843.

II.

Ich habe es vorausgesehen, daß alle lyrischen Episoden in meiner Dichtung falsch aufgefaßt werden würden. Sie sind so unklar, haben so wenig Zusammenhang mit den Gegenständen, die vor den Augen des Lesers vorüberziehen, sie passen so wenig zu dem Stil und der Haltung des ganzen Werkes, daß sie die Gegner wie ihre Freunde und Verteidiger gleichermaßen irregeführt haben. Alle Stellen, wo ich in ganz allgemeiner Weise über den Schriftsteller rede, wurden auf mich bezogen; ich habe sogar über die Versuche erröten müssen, sie zu meinen Gunsten auszulegen. Aber es geschieht mir ganz recht! Unter keinen Umständen hätte ich ein Werk herausgeben dürfen, das zwar in seiner Anlage nicht schlecht, jedoch nur flüchtig und wie mit weißen Fäden zusammengeheftet war, gleich einem Anzug, den der Schneider zur Anprobe mitbringt. Ich wundere mich nur, daß so wenig Ausstellungen gegen die Kunst und das Prinzip des Schaffens gemacht worden sind. Daran sind einerseits der Ärger und Unmut meiner Kritiker, andererseits aber der Umstand schuld, daß wir nicht gewöhnt sind, tiefer nach dem Plan und dem Aufbau eines Werkes zu forschen. Man hätte darauf hinweisen müssen, welche Teile im Verhältnis zu den andern viel zu lang geraten sind, wo der Verfasser sich selbst untreu wird und den eigenen Ton, in dem er begonnen hat, nicht festhält. Ja, es hat auch nicht einer bemerkt, daß die letzte Hälfte des Buches viel weniger ausgeführt ist als die erste, daß sie viele Lücken enthält, daß darin die wichtigsten und bedeutsamsten Momente in gedrängter Kürze dargestellt, die unwichtigen und nebensächlichen weit ausgesponnen sind, daß der Geist, der das Werk erfüllt, aus ihm nicht genügend hervorleuchtet, dafür aber die Buntheit der Teile und das Fragmentarische des Ganzen um so mehr in die Augen fällt. Kurz, man hätte weit ernstere und gediegenere Einwände machen, man hätte mich weit heftiger tadeln können, als man es jetzt tut, und zwar mit gutem Grunde. Aber jetzt handelt es sich nicht darum. Worum es sich hier handelt, das ist die lyrische Episode, die den meisten Angriffen von seiten der Journalisten ausgesetzt war und in der man Anzeichen einer übertriebenen Selbsteinschätzung, Selbstbeweihräucherung und einen Hochmut hat finden wollen, wie er bisher bei keinem Schriftsteller zu finden war. Ich habe hier jene Stelle aus dem letzten Kapitel im Auge, wo der Verfasser von Tschitschikows Abreise aus der Stadt erzählt, seinen Helden für eine Weile allein auf der Landstraße läßt, sich selbst an seine Stelle versetzt und sich unter dem Eindruck der Monotonie und der Einförmigkeit seiner Umgebung, der öden und kalten Ungastlichkeit des grenzenlosen Raumes und des traurigen Liedes, das von einem Meer zum andern durch das ganze weite russische Land tönt, in einer lyrischen Apostrophe an Rußland selbst wendet, es um eine Erklärung für das unbegreifliche Gefühl bittet, das sich des Dichters bemächtigt hat, und fragt: warum es ihm so erscheint, als heftete alles, jeder beseelte und jeder seelenlose Gegenstand seinen Blick auf ihn und als erwarte er etwas von ihm. Diese Worte wurden als Hochmut und als eine bisher unerhörte Prahlerei ausgelegt, während sie doch weder das eine noch das andere sind. Sie sind einfach ein ungelenker Ausdruck für ein echtes Gefühl. Ich kann noch immer diese melancholischen Töne unserer Lieder nicht ertragen, die durch die unendlichen, grenzenlosen Räume Rußlands klingen. Diese Töne schwingen in meinem Herzen weiter, und ich bin erstaunt, daß nicht ein jeder dasselbe in seinem Innern empfindet. Wer beim Anblick dieser wüsten, noch unbevölkerten und ungastlichen Räume nicht traurig gestimmt wird, wer aus den melancholischen Klängen unserer Lieder nicht einen schmerzlichen Vorwurf gegen sich selbst, jawohl, gegen sich selbst heraushört, der hat entweder seine Pflicht und Schuldigkeit bereits restlos getan, oder er hat keine russische Seele. Betrachten wir die Sache einmal so, wie sie sich wirklich verhält. Schon sind beinahe hundertundfünfzig Jahre verflossen, seit Kaiser Peter I. uns mit dem reinigenden Feuer der europäischen Aufklärung den Schlaf aus den Augen gescheucht und uns alle Mittel und Werkzeuge in die Hand gegeben hat, damit wir zur Tat schreiten sollten; noch immer aber liegt unser weites Land ebenso öde, traurig und einsam da, noch ist alles um uns herum ganz ebenso unfreundlich und ungastlich wie ehedem, ganz als ob wir noch immer nicht bei uns zu Hause unter dem eigenen heimischen Dach weilten, sondern irgendwo obdachlos auf der Landstraße lägen, noch weht uns von Rußland kein warmes herzliches Gefühl entgegen, wie wenn wir von lieben Brüdern empfangen würden, es erscheint uns vielmehr wie eine kalte vom Schneesturm verwehte Poststation, aus der ein einsamer, gegen alles gleichgültiger Stationswächter hervorschaut, der auf unsere Frage stets die nüchterne trockene Antwort bereit hat: „Wir haben keine Pferde!“ Woher kommt das? Wer ist schuld? Wir [oder die Regierung? Aber] die Regierung ist doch die ganze Zeit über unermüdlich tätig gewesen. Dafür zeugen zahlreiche Bände voller Verfügungen, Gesetzesverordnungen und Maßnahmen, eine gewaltige Zahl neu erbauter Häuser, eine Menge neu herausgegebener Bücher, eine Unzahl von Einrichtungen und Institutionen aller Art: Lehranstalten, humanitäre Einrichtungen, Wohltätigkeitseinrichtungen, kurz, sogar solche Anstalten, wie sie von keiner Regierung eines andern Staates gegründet werden. Die Fragen kommen von oben, die Antworten von unten; und mitunter ertönten von oben Fragen, die von ritterlichen und hochherzigen Regungen vieler Herrscher Zeugnis ablegen, die häufig sogar gegen ihre eigenen Interessen und gegen ihren eigenen Vorteil gehandelt haben. Und wie hat man von unten auf dies alles geantwortet? Es kommt doch auf die Verwertung eines Gedankens, auf die Kunst an, ihm eine solche Anwendung zu geben, daß man sich ihn wirklich anzueignen vermag und daß er in uns Wurzeln schlägt. Eine Verordnung mag noch so wohl durchdacht und noch so bestimmt sein, sie ist doch nur eine Blankoanweisung, wenn es unten an dem gleichen reinen Streben fehlt, sie in die Tat umzusetzen und zwar in der Richtung, in der es erforderlich ist, in der dies geschehen muß und die nur der richtig beurteilen und bestimmen kann, dessen Geist vom Begriff der göttlichen — nicht der menschlichen Gerechtigkeit erleuchtet ist. Ohne dies muß alles eine schlimme Wendung nehmen. Ein Beweis dafür sind die zahlreichen abgefeimten Gauner und bestechlichen Beamten, die es bei uns gibt, die es verstehen, jede Verordnung zu umgehen, für die jede neue Verordnung nur eine neue Einnahmequelle, ein neues Mittel ist, die Abwicklung der Geschäfte durch neue Komplikationen zu belasten und zu erschweren und dem Menschen einen neuen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Mit einem Wort, wohin ich mich wende, überall sehe ich, daß der die Schuld trägt, der die Verordnungen durchführt, d. h. wir selbst, einer von uns: und zwar ist er entweder schuld, weil er den brennenden Wunsch hat, seinen Namen berühmt zu machen [oder einen Orden zu ergattern], und sich daher zu sehr beeilt, oder er ist schuld, weil er gar zu hitzig vorwärtsstrebt, um nach gut russischer Art seinen Opfermut zu beweisen; so einer geht nicht lange mit sich zu Rate, fragt in seinem hitzigen Übereifer nicht erst viel, worum es sich handelt, bemächtigt sich sofort der Sache wie ein Sachverständiger und ist dann — gleichfalls nach gut russischer Art — schnell wieder abgekühlt, wenn er sich einem Mißerfolg gegenübersieht; oder er ist schließlich schuld, weil er aus verletzter, kleinlicher Eitelkeit gleich alles hinschmeißt und den Posten, auf dem er einen so schönen Anlauf genommen hatte, dem ersten besten Gauner abtritt, [damit der die Leute gründlich rupfen kann]. Kurz, selten besitzt einer von uns genug Liebe zum Guten, um ihr seinen Ehrgeiz, seine Eitelkeit und all die kleinen Regungen eines übermäßig empfindlichen Egoismus zum Opfer zu bringen und es sich unweigerlich zum Gebot zu machen — seinem Vaterlande — und nicht sich selbst zu dienen, ewig eingedenk, daß er seinen Beruf ergriffen hat, um andre glücklich zu machen und nicht sich selbst. Statt dessen scheint der Russe in der letzten Zeit es wie mit Vorbedacht darauf angelegt zu haben, seine Empfindlichkeit in allen Punkten und die kleinliche Reizbarkeit seines Ehrgefühls allen und überall vor Augen zu führen. Ich weiß nicht, ob es viele Leute unter uns gibt, die nur getan haben, was ihre Schuldigkeit war, und die offen vor der ganzen Welt erklären können, daß Rußland ihnen nichts vorzuwerfen habe, daß kein seelenloser Gegenstand in seinem weiten, öden Raume sie vorwurfsvoll anstarre, daß alle mit ihnen zufrieden sind und nichts von ihnen erwarten. Ich weiß nur, daß ich diesen Vorwurf sehr deutlich vernommen habe. Auch jetzt höre ich ihn wieder. Auch in meinem bescheidenen Beruf als Schriftsteller hätte sich etwas machen, etwas leisten lassen, was von wirklichem und dauerndem Nutzen sein konnte. Was hat es zu bedeuten, daß in meinem Herzen stets die Sehnsucht nach dem Guten lebendig war und daß ich nur aus diesem Triebe heraus zur Feder griff? Wie habe ich meine Sehnsucht gestillt? Hat denn zum Beispiel gleich dies Werk von mir, das jetzt erschienen ist und das den Namen „Die toten Seelen“ trägt, hat es etwa den Eindruck gemacht, den es hätte machen können, wenn es so geschrieben gewesen wäre, wie es hätte geschrieben werden müssen? Ich habe meine eigenen Gedanken, — einfache und wahrhaftig nicht kopfbrecherische Gedanken, nicht auszudrücken vermocht und selbst Anlaß dazu gegeben, daß sie verkehrt aufgefaßt und daß ihnen ein Sinn untergelegt wurde, der eher schädlich als nützlich ist. Und wer ist schuld daran? Soll ich etwa sagen, meine Freunde oder die Ungeduld der Ästheten, die an leeren, schnell verrauschenden Klängen ihre Freude haben, hätten mich dazu gedrängt? Soll ich etwa sagen, daß ich durch schwierige und ärmliche Verhältnisse in eine peinliche Lage gebracht worden sei und, da ich mir das Geld für meinen Lebensunterhalt hätte erwerben müssen, genötigt gewesen wäre, mich zu beeilen und mein Buch zu früh erscheinen zu lassen? Nein, wer entschlossen ist, seine Pflicht redlich zu erfüllen, den können keinerlei Verhältnisse schwankend machen, der wird, wenn es nicht anders geht, sogar lieber seine Hand ausstrecken und um Almosen bitten, der wird sich um keinen schnell verklingenden Spott und Tadel, geschweige denn um die törichten Anstandsregeln der vornehmen Gesellschaft kümmern. Der, der aus Rücksicht auf diese Anstandsregeln der Gesellschaft eine Sache schädigt, die für sein Land ein Bedürfnis darstellt, der liebt es nicht. Ich war mir der verächtlichen Schwäche meines Charakters, meines elenden Kleinmuts, der Ohnmacht meiner Liebe bewußt, daher schien mich ein jedes Ding in Rußland mit bitterem Vorwurf anzustarren. Aber die Kraft des Höchsten hat mich aufgerichtet; es gibt kein Vergehen, das nicht wieder gutzumachen wäre, und dieselben öden Strecken, die meine Seele mit solcher Melancholie erfüllten, versetzten mich durch ihre gewaltige freie Ausdehnung und Geräumigkeit — dies weite Feld für einen rastlosen Betätigungsdrang — in Entzücken. Die Apostrophe an Rußland: „Sollte nicht hier der Held erstehen, wo frei der Raum sich weitet, auf daß er sich entfalte und ausbreite und frei dahinschwebe,“ kam wirklich von Herzen. Diese Worte wurden nicht dem schönen Bilde zuliebe oder aus Prahlsucht und zu eitlem Selbstlob gesprochen; ich habe sie gefühlt und fühle sie noch heute. In Rußland kann man jetzt bei jeder Gelegenheit zum Helden werden. Jedes Amt und jeder Stand erfordert einen gewissen Heldenmut. Jeder von uns hat die Heiligkeit seines Berufs und seines Amtes derart befleckt und herabgezogen (denn jeder Beruf ist heilig), daß es wahrhaft riesenhafter Kräfte bedarf, um ihn wieder auf seine frühere Höhe zu bringen. Ich habe die große Aufgabe geschaut, die große Perspektive, die heute keinem andern Volke offen steht und die sich allein vor dem russischen Volke auftut, weil nur dies Volk einen so freien Spielraum für die Entfaltung seiner Kräfte besitzt, und weil nur der russischen Seele der echte Heldenmut eigen ist — daher entrang sich meinem Herzen der Schrei, den man für Prahlerei und Hochmut gehalten hat!