Richte einen machtvollen lyrischen Appell an den noch schlummernden schönen Menschen. Wirf ihm ein Brett vom Ufer zu, auf daß er seine arme Seele rette. Schon hat er sich weit von der Küste entfernt; schon wird er ganz umklammert und mitgerissen von der höchsten Schicht der Gesellschaft, dieser nichtigen hohlen Oberschicht; schon locken ihn Diners, die Füßchen der Tänzerinnen, und schon sieht man ihn täglich einem betäubenden einschläfernden Rausch erliegen; schon wächst ihm unmerklich die fleischliche Hülle, schon ist er ganz Fleisch geworden und ist kaum noch etwas wie eine Seele in ihm. Schrei auf zu ihm wie aus tiefster Not; laß das Greisenalter, diese Hexe, vor ihm erstehen, wie sie auf ihn zueilt, sie, die ganz Eisen ist, ja gegen die ein Stück Eisen noch wie Mitleid und Erbarmen erscheint, und die uns keinen Fetzen eines Gefühls wieder zurückgibt. O wenn du ihm doch das sagen könntest, was mein Pljuschkin aussprechen soll, wenn ich noch dazu komme, den dritten Teil meiner „Toten Seelen“ zu schreiben!

Stell’ in einem zürnenden Dithyrambus die Wucherer neuesten Schlages, wie sie in unseren Tagen ihr Wesen treiben, an den Pranger: ihren verfluchten Luxus, ihre schlechten Frauen, die sich und ihre Männer mit ihrer Eitelkeit und ihrem Flitter zugrunde richten, die verfluchte Schwelle ihrer prunkenden Paläste und die abscheuliche Luft, die sie dort atmen; auf daß sie jedermann, ohne sich umzusehen, meide und eilenden Fußes entfliehe, wie vor der Pest.

Verherrliche in einem feierlichen Hymnus den stillen bescheidenen Arbeiter, der — ein Ruhm und eine Ehre des edlen russischen Wesens — mitten unter den waghalsigsten dreistesten Wucherern lebt und der in seiner Unbestechlichkeit nie ein Geschenk annimmt, selbst dort nicht, wo sich alles um ihn herum bestechen läßt. Verherrliche ihn, seine Familie, sein edles Weib, das lieber selbst in einer altmodischen Haube einhergeht und sich dem Gespött der Leute aussetzt, als zuläßt, daß ihr Mann etwas Niederträchtiges oder Schlechtes begeht. Stell’ ihre herrliche Anmut so dar, daß sie vor allen Augen aufstrahle wie ein Heiligtum, und daß einen jeden die Sehnsucht nach ihr ergreife.

Laß einen Hymnus zum Preis jenes Recken erklingen, wie er nur aus russischen Landen hervorgehen kann, der plötzlich aus seinem schmählichen Schlummer erwacht, sich gänzlich verwandelt und mit einem Schlage ein anderer wird: der offen und vor aller Welt seine Schlechtigkeit und seine abscheulichen Laster verflucht und der gewaltigste Streiter und Vorkämpfer des Guten wird. Zeig’ uns, wie sich diese ungeheure gewaltige Tat in der echten russischen Seele vollzieht, aber stell’ es so dar, daß die russische Seele in jedem von uns unwillkürlich erbebt und daß jeder, selbst der Mann der unteren Stände ausrufen muß: Wackerer Mann! und von dem Gefühl ergriffen wird, daß auch er dasselbe vollbringen kann.

Groß, gewaltig groß ist die Zahl der Gegenstände für einen lyrischen Dichter — ein ganzes Buch würde kaum genügen, um sie aufzuzählen, geschweige denn ein Brief. Alle wahrhaften russischen Gefühle verkümmern, und es ist niemand da, der sie zu wecken vermöchte! Es schlummert unsere Kühnheit, und es schlummern unser Wagemut und unsere Entschlossenheit zur Tat, es schlummert unsere unerschütterliche Kraft und Stärke, es schläft unser Verstand, der völlig von den Interessen eines mattherzigen, weibischen gesellschaftlichen Lebens absorbiert wird, das uns unter dem Namen der Aufklärung aufgedrängt worden und als Begleiterscheinung aller möglicher sinnloser und kleinlicher Neuerungen bei uns eingezogen ist. Reib dir den Schlaf aus den Augen und geh hin und rüttle auch die andern aus dem Schlummer auf. Wirf dich vor deinem Gott auf die Knie und flehe ihn an, er solle deinem Herzen Zorn und Liebe senden: Zorn wider das, was dem Menschen verderblich ist, und Liebe — für die arme Menschenseele, die alle mit Verderben bedrohen und die er selbst zugrunde richtet. Die Worte und Ausdrücke wirst du schon finden: nicht Worte, sondern flammende Blitze werden aus deinem Munde zucken, wie aus dem der alten Propheten, wenn du die Sache nur gleich ihnen zu deiner eigensten Angelegenheit, zu einer Angelegenheit deines innersten Wesens machen, wenn du nur gleich ihnen Asche auf dein Haupt streuen, deine Kleider zerreißen und Gott weinend darum anflehen wirst, die Kraft auf dich herabzusenden, und wenn du die Errettung deines Landes mit solcher Glut und Inbrunst herbeisehnen wirst, wie sie die Errettung ihres von Gott erwählten Volkes herbeigesehnt haben.

1844.

XVI
Ratschläge
An S. P. Schewyrew

Indem wir andre belehren, lernen wir selbst. Während dieser schweren Zeit der Krankheit, zu der sich auch noch schwere seelische Leiden gesellt haben, war ich genötigt, einen so regen Briefwechsel zu unterhalten, wie ich ihn bisher noch nicht geführt habe. Und wie mit Absicht war dies beinahe für alle, die meinem Herzen nahe stehen, eine Zeit voll innerer Erlebnisse und Erschütterungen. Sie alle wandten sich, wie von einem dunklen Instinkt getrieben, an mich und verlangten Rat und Hilfe von mir. Jetzt erst erkannte ich, welch nahe Verwandtschaft die Seelen der Menschen miteinander verbindet. Man muß nur selbst ernsthaft gelitten haben, um jeden Leidenden zu verstehen und um beinahe sicher zu sein, was man ihm zu sagen hat. Aber mehr noch: auch unser Verstand wird klarer; die Lage der Menschen und ihre Berufstätigkeit, in die man bisher keinen Einblick hatte, werden einem plötzlich deutlich und verständlich, und es wird einem klar, wessen ein jeglicher bedarf. Während der letzten Zeit kam es sogar vor, daß ich Briefe von Menschen erhielt, die mir fast gänzlich unbekannt waren, und daß ich ihnen Ratschläge erteilen konnte, die ich früher nie hätte erteilen können. Und dabei bin ich doch gewiß nicht klüger als irgendein anderer Mensch. Ich kenne Menschen, die weit klüger und gebildeter sind und die sehr viel nützlichere Ratschläge erteilen könnten als ich, aber sie tuen es dennoch nicht und wissen nicht einmal, wie man so etwas macht. Gott ist groß, und Er ist es, der uns die Weisheit schenkt. Wodurch aber macht Er uns weise? Durch dasselbe Leiden, dem wir zu entfliehen suchen und vor dem wir uns verbergen. Es ist unsere Bestimmung, daß wir uns durch Kummer und Leiden ein Körnchen von jener Weisheit erwerben sollen, die wir aus keinem Buche zu lernen vermögen. Wer sich jedoch bereits ein solches Körnchen erworben hat, der hat schon nicht mehr das Recht, es vor den anderen zu verbergen und geheimzuhalten. Es ist nicht mehr unser, sondern Gottes. Gott hat es in dir hervorgebracht; und alle Gaben Gottes werden uns deshalb verliehen, damit wir mit ihrer Hilfe unseren Mitbrüdern dienen können. Er hat geboten, daß wir einander fortwährend belehren sollen. Nun denn, so ruhe nicht und stehe andern mit Rat und Belehrung zur Seite. Wenn du jedoch willst, daß das auch dir zugleich von Nutzen sei, so tue so, wie ich es für richtig halte und wie ich es mir von nun ab für immer zum Gebot meines Handelns gemacht habe. Jeden Ratschlag und jede Belehrung, die du jemand erteilst, sei es selbst einem Menschen, der auf der niedrigsten Bildungsstufe steht und mit dem du nichts gemein haben kannst, richte zugleich an dich selbst, und was du dem andern geraten hast, das rate dir selbst; was du an einem andern zu tadeln fandest, das mache dir sogleich auch selbst zum Vorwurf. Glaube mir, alles wird auch auf dich passen, und ich weiß nicht einmal, ob es einen Fehler gibt, den man sich nicht selbst vorzuwerfen hätte, wenn man nur tiefer in sich selbst hineinblickt. Deine Waffe sei zweischneidig. Selbst wenn du dich einmal über einen Menschen ärgerst und ihm zürnst, so zürne zugleich dir selbst, wenn auch nur deswegen, weil du einem andern zürnen konntest. Tue das unter allen Umständen! Lasse dich selbst nie aus den Augen! In dieser Beziehung mußt du Egoist sein. Der Egoismus ist gar keine so häßliche Eigenschaft. Die Menschen hätten ihm bloß keine so schlimme Deutung geben sollen. Und doch liegt dem Egoismus eine große Wahrheit zugrunde. Kümmere dich vor allem um dich selbst und dann erst um die andern; suche zuerst selbst besser und reineren Herzens zu werden und dann erst sorge dafür, daß die andern besser und reiner werden.

1846.

XVII
Über die Aufklärung
An W. A. Schukowski