I.
Dein Gedicht „Das Erdbeben“ hat mich entzückt. Auch Schukowski war ganz davon begeistert. Dies ist seiner Ansicht nach nicht nur das beste von deinen Gedichten, sondern überhaupt das beste russische Gedicht. Welch eine kluge und fruchtbare Idee: ein Ereignis der Vergangenheit zu nehmen und in die Gegenwart zu verlegen! Auch die Anwendung auf den Dichter, der seine Ode vollendet, ist so glücklich, daß jeder von uns, was auch sein Beruf und seine Tätigkeit sein mag, sie in diesem furchtbaren Jahr, wo die ganze Welt in ihrem Grunde erschüttert wird, und alles vor Angst wegen des Kommenden vergehen will, auch für sich nutzbar machen sollte.
Freund! ein lebenspendender Quell springt vor dir auf. Deine an den Dichter gerichteten Worte:
Und bring den angsterfüllten Menschen
Gebete mit aus Bergeshöhn
sind Worte, die an dich selbst gerichtet sind. Dir enthüllt sich das Geheimnis deiner Muse. Die gegenwärtige Zeit bietet gerade dem lyrischen Dichter die günstigste Gelegenheit zur Betätigung. Mit der Satire kann man nicht viel ausrichten: mit einfachen Schilderungen und Nachbildungen der Wirklichkeit, wie sie sich dem Auge moderner, weltlich gerichteter Menschen darstellt, kann man niemand aus dem Schlummer wecken: die heutige Zeit schläft den tiefen Schlaf des Helden. Nein, finde in der Vergangenheit ein Ereignis, wie es sich auch heute ereignen könnte, führe es uns plastisch vor Augen und triff es im Angesichte aller mit deinem Verdammungsurteil, wie es zu seiner Zeit vom Zorne Gottes getroffen ward; geißle die Gegenwart in der Vergangenheit, und eine doppelte Kraft wird von deinem Worte ausgehen: die Vergangenheit wird dadurch lebendiger werden, und wie ein Schrei wird dir’s aus der Gegenwart entgegentönen. Schlage das Alte Testament auf: du wirst jedes Geschehnis, jede Tat der Gegenwart darin wiederfinden; klarer wie der Tag wird’s dir daraus entgegenstrahlen, worin ihr Vergehen wider Gott lag, und so deutlich und überzeugend ist darin Gottes Gericht an ihr geschildert, daß die Gegenwart erbeben muß. Du besitzest alle Mittel und Fähigkeiten dazu: in deinem Vers liegt eine mahnende und erhebende Kraft, und beides brauchen wir gerade heute. Die einen müssen erhoben werden, die andern bedürfen der Ermahnung und des Tadels. Alle die müssen erhoben werden, die durch die Untaten und durch alle Schrecken, die sie umgeben, bestürzt und verwirrt sind, und man muß denen ins Gewissen reden, die in den erhabenen Augenblicken des göttlichen Zornes und der unendlichen Leiden, die keinen verschonen, noch den Mut haben, sich wilden Ausschweifungen und einem schmählichen Jubel hinzugeben. Deine Verse sollten allen in leuchtender Klarheit vorschweben, wie die in die Luft geschriebenen Buchstaben, die während des Festmahls des Belsazar aufflammten und schon alle in Schrecken versetzten, noch ehe jemand ihren Sinn zu enträtseln vermochte. Wenn du jedoch wünschest, daß dich alle noch besser verstehen, dann erfülle dich mit biblischem Geiste, laß dir von ihm gleichwie von einer Fackel voranleuchten und steige hinab bis in die tiefsten Grüfte des russischen Altertums, triff in ihm die Schmach der gegenwärtigen Zeit und vertiefe damit in uns das Gefühl für das, was unsere Schmach noch weit schmachvoller erscheinen läßt. Dein Vers wird nicht schwächlich und matt klingen; das brauchst du nicht zu fürchten; der Hauch der alten Zeit wird ihm Farben verleihen, er allein wird dich in die rechte Stimmung versetzen und dich mit Begeisterung erfüllen. Aus allen unseren Chroniken dringt er uns förmlich wie etwas Lebendiges entgegen. Vor kurzem fiel mir ein Buch: „Empfang beim Zaren“ in die Hand. Hier sind schon allein die Ausdrücke und die Namen der fürstlichen Kleidungsstücke, der teuren Gewebe und Edelsteine ein wahrer Schatz für einen Dichter; jedes Wort schreit förmlich nach dem Vers. Man staunt über die Kostbarkeiten unserer Sprache, jeder Ton, jeder Laut ist ein Geschenk, da ist alles groß, kernig und gleich einer Perle, und mancher Ausdruck ist noch kostbarer als die Sache selbst, die er bezeichnet. Wenn es dir gelingt, deinen Vers mit solchen Worten zu schmücken, — wirst du den Leser völlig in die vergangenen Zeiten zurückversetzen. Als ich drei Seiten aus diesem Buche gelesen hatte, glaubte ich überall die alten Zaren jener vergangenen altersgrauen Zeit in ihrem altertümlichen Zarenornat andächtig zum Vespergottesdienste schreiten zu sehen.
1844.
II.
Ich schreibe dir noch einmal unter dem Eindruck deines bereits erwähnten Gedichts: „Das Erdbeben“. Laß das begonnene Werk um Gottes willen nicht liegen! Lies die Bibel noch einmal genau durch, erfülle dich mit dem Geist des russischen Altertums und suche mit seinem Lichte in die Gegenwart einzudringen. Es gibt noch ungeheuer viel Gegenstände, die du bearbeiten solltest, und es ist eine Sünde, wenn du sie nicht siehst. Schukowski hat bisher nicht mit Unrecht von deiner Poesie gesagt, sie entstamme einer Begeisterung, die kein Objekt hat. Es ist eine Schande, seine lyrische Kraft in blinden Luftschüssen verpuffen zu lassen, wo sie dir doch dazu verliehen ward, um Steine zu sprengen und Felsblöcke wegzuwälzen. Blick’ um dich! alles ist jetzt Gegenstand für den lyrischen Dichter, ein jeder Mensch lechzt förmlich nach einem lyrischen Mahnruf, wo du hinblickst, überall siehst du jemand, der ermahnt oder ermutigt und ermuntert sein will.
So rede denn zuallererst in einem gewaltigen lyrischen Mahngedicht den Klugen ins Gewissen, die den Mut sinken ließen. Du wirst Eindruck auf sie machen, wenn du ihnen die Sache in ihrem rechten Lichte zeigst, d. h. wenn du ihnen beweisest, daß ein Mensch, der sich dem Trübsinn hingibt, ein ganz überflüssiges wertloses Ding ist, das zu nichts nütze ist, was auch immer die Ursachen der Trübsal und der Entmutigung sein mögen; denn Trübsinn und Kleinmut sind Gott verhaßt. Du wirst den echten russischen Mann zum Kampf gegen Kleinherzigkeit und Mutlosigkeit aufrufen und ihn über alle Schrecknisse und alle Erschütterungen der Erde erheben, wie du in deinem Erdbeben den Dichter erhöht und erhoben hast.