Mit sanfter Liebeshand verscheuchst du
Den Sturm — und meine Sinne ruhn.
Das ewig Wahre, ewig Schöne
Durchflammt das Herz mir im Gebet;
Stumm hört des Seraphs Harfentöne
Im heiligen Schauder der Poet.
(Fiedler.)
Das ist ein Gedicht, auf das ein Kritiker hinweisen wird, der ein wahrhafter Christ ist! Dann wird seine Kritik einen Sinn erhalten und Gutes stiften: damit wird sie die gute Sache stärken und kräftigen, denn sie wird zeigen, wie selbst ein Mensch, dessen Geist all die verschiedenartigen Glaubenssätze und alle Fragen seiner Zeit umfaßte, Fragen, die noch so unklar und verworren sind, die uns so weit von Christus entfernen, wie selbst solch ein Mensch in seinen besten Momenten, in Augenblicken höchster Klarheit, dichterischer Erleuchtung und Hellsichtigkeit die Hoheit des Christentums über alles stellte. Was aber hat die Kritik jetzt für einen Sinn? frage ich. Wozu kann es gut sein, daß man die Menschen irreführt, indem man Zweifel und Argwohn gegen Puschkin in ihre Seelen sät? Es ist doch keine Kleinigkeit, den klügsten Menschen seiner Zeit als einen Mann hinzustellen, der das Christentum negiert — einen Menschen, zu dem das geistige Rußland wie zu seinem Führer emporschaut, der alle andern Menschen weit hinter sich gelassen und überholt hat! Es ist noch gut, daß es ein so unbegabter und unfähiger Kritiker war und daß es ihm daher nicht gelingen konnte, einer solchen Lüge Eingang zu verschaffen, und daß Puschkin selbst Gedichte hinterlassen, die diese Lüge widerlegen; [wäre es nicht so gewesen, was hätte er anderes tun können, als Unglauben statt Glauben zu verbreiten?] So Schlimmes kann man anrichten, wenn man einseitig ist! Lieber Freund, Gott bewahre Sie vor Einseitigkeit; mit ihr stiftet der Mensch überall nichts wie Unheil: in der Literatur, in seiner amtlichen Tätigkeit, in der Gesellschaft — kurz überall! Ein einseitiger Mensch ist von sich selbst überzeugt, ein einseitiger Mensch ist dreist, ein einseitiger Mensch macht sich alle zu Feinden. Ein einseitiger Mensch kann nie das rechte Maß finden. Ein einseitiger Mensch kann kein wahrer Christ sein; er kann bloß ein Fanatiker sein. Einseitigkeit im Denken ist nur ein Zeichen dafür, daß der Mensch erst auf dem Wege zum Christentum ist, daß er es noch nicht ganz erfaßt hat, weil das Christentum unserm Geist Vielseitigkeit verleiht. Mit einem Wort: Gott bewahre Sie vor der Einseitigkeit! Bewahren Sie sich einen besonnenen Blick für jedes Ding und denken Sie immer daran, daß es zwei gänzlich entgegengesetzte Seiten haben kann, von denen Ihnen eine noch nicht bekannt ist. Theater und Theater — das sind zwei verschiedene Sachen, wie es ja auch beim Publikum zwei Arten der Begeisterung gibt: es ist doch was anders, ob man in Entzücken gerät, wenn eine Ballettänzerin ihr Füßchen möglichst hoch in die Höhe schleudert, oder ob man von Begeisterung ergriffen wird, wenn ein großer Schauspieler durch seine erschütternde Rede die höchsten Gefühle im Menschen zu noch reinerer Höhe steigert. Ein andres sind die Tränen, die ein fremder Sänger einem Menschen entlockt, indem er sein Gehör in angenehmer Weise kitzelt, Tränen, die, wie ich höre, heute auch solche Leute in Petersburg vergießen, die nicht Musiker sind, und ein andres sind die Tränen, die dem Auge des Zuschauers entströmen, wenn er durch die lebendige Darstellung einer hohen Tat bis ins Innerste erschüttert wird und dann nach Verlassen des Theaters mit neuer Kraft, noch ganz unter dem Eindruck dieser Darstellung einer heroischen Handlung stehend, an seine pflichtmäßige Tätigkeit geht. Mein Freund. Wir sind in diese Welt berufen, nicht um zu zerstören und zu vernichten, sondern um [nach dem eigenen Vorbilde Gottes] alles zum Guten zu lenken — selbst das, was die Menschen bereits verdorben und zum Bösen gewandt haben. Es gibt kein Werkzeug in der Welt, das nicht dem Dienste Gottes geweiht wäre. Alle diese Hörner, Pauken, Leiern und Zimbeln, mit denen die Heiden ihre Götzen verherrlichten, dienten, nach dem Siege des Königs David, dem wahren Gott zu Preis und Ruhme, und in Israel herrschte noch größere Freude, als es vernahm, daß dieselben Instrumente, die noch nie Ihm zu Ehren erklungen waren, nun zu Seinem Preis und Ruhme tönten.
1845.