Allzeit dem Schöpfer nahe sein!
(Fiedler.)
Das und nur das durfte ein Russe sagen, während ein Franzose, ein Engländer oder ein Deutscher einen langen Bericht über ihre Empfindungen gegeben hätten. Noch nie haben wir einen Dichter gehabt, der so sparsam in Wort und Ausdruck war wie Puschkin, der sich selbst so wenig beobachtete, nur um nie etwas Überflüssiges oder Übertriebenes zu sagen, da er in beiden Fällen die Banalität scheute.
Was war nun der Gegenstand seiner Dichtung? Das Ganze, nicht das Einzelne war das Objekt seiner Dichtung. Unser Denken versagt vor der ungeheuren Mannigfaltigkeit seiner Stoffe. Was hat ihn nicht ergriffen und was hat ihn nicht gefesselt? Von den über den Wolken thronenden Gipfeln des Kaukasus oder einem malerischen Tscherkessen, bis zu der elenden Hütte des Nordens und einer Schenke mit Balaleikaspiel und Trepak; — überall und allerorten: wird ihm der Ball, die Hütte, die Steppe, der Reisewagen, kurz, alles zum Objekt seiner Dichtung. Auf alles, was im Innern des Menschen vorgeht, von den höchsten und erhabensten Charakterzügen bis zum kleinsten Seufzer menschlicher Schwäche, bis zur kleinsten Regung des Aberglaubens, die ihn beunruhigt, reagiert er mit der gleichen Stärke wie auf jeden Vorgang der äußeren und sichtbaren Natur. Alles formt sich ihm zu einem abgeschlossenen Bilde, alles wird ihm zum Gegenstand, aus dem Größten schlägt er elektrische Funken jenes poetischen Feuers, das in jeder von Gottes Schöpfungen lebt: jedem Ding weiß er seine schönste Seite abzugewinnen, die nur dem Dichter bekannt ist, ohne daß er dabei an eine Anwendung auf das praktische Leben oder an die Befriedigung eines menschlichen Bedürfnisses denkt. Er verrät niemand, warum dieser Funke aufsprühte, und reicht keinen von denen, die taub für die Poesie sind, eine Leiter, die dorthin führt. Er kümmerte sich um niemand, es gab für ihn nur einen Wunsch: den mit poetischen Gefühl Begabten zuzurufen: „Schaut hin, wie herrlich ist doch Gottes Schöpfung!“, und sich dann sogleich, ohne noch etwas hinzuzufügen, dem nächsten Gegenstand zuzuwenden, um abermals auszurufen: „Schaut hin, wie herrlich ist Gottes Schöpfung!“ Was daher an seinen Werken immer wieder in Erstaunen setzt, ist der Widerspruch der Gefühle, die sie in dem Leser hervorrufen. Nach der Ansicht von sonst vielleicht klugen Leuten, denen es jedoch an poetischem Empfinden fehlt, sind seine Dichtungen unvollendete, leicht hingeworfene Fragmente — Kinder des Augenblicks. Nach der Ansicht dichterisch empfindender Menschen dagegen stellen sie reiche, wohldurchdachte, vollendete Dichtungen dar, die alle Elemente eines wirklichen Kunstwerks ich sich vereinigen.
Puschkin gegenüber verstummten alle Fragen, die bis dahin noch an keinen von unsern Dichtern gerichtet worden waren, und die von dem Geist eines erwachenden Zeitalters Zeugnis ablegen. Wozu diente, welchen Sinn hatte seine Poesie? Was für eine neue Richtung, welche neue Wendung hat Puschkin der Welt des Geistes gegeben? Was hat er ausgesprochen, dessen sein Zeitalter bedurfte, wonach es verlangte? Hat er einen heilsamen oder wohl gar einen destruktiven Einfluß auf dieses Zeitalter ausgeübt? Hat er, wenn auch nur durch seinen eigenen Charakter oder seine Persönlichkeit auf andre Menschen gewirkt: durch die Genialität seiner Verirrungen, wie z. B. Byron oder selbst viele andre Dichter zweiten Ranges und minderwertige Poeten? Warum ward er der Welt geschenkt, und was hat er mit seinem Auftreten bewiesen? Puschkin ward der Welt geschenkt, um durch sein Dasein zu demonstrieren, was der Dichter ist, und sonst nichts — was der Dichter ist, sofern man ihn nicht als Produkt einer bestimmten Epoche oder bestimmter Verhältnisse aber auch nicht als Produkt seines eigenen persönlichen Charakters, d. h. als Mensch betrachtet, sondern unabhängig von allen diesen Faktoren in Betracht zieht, damit, wenn später einmal irgendein höherer Seelenanatom der Sache auf den Grund gehen und sich darüber klar werden wollte, was der Dichter in seinem innersten Wesen eigentlich ist: dieses zarte feinnervige Geschöpf, das auf alles in der Welt reagiert, selbst ewig einsam bleibt, und bei keinem Verständnis findet — damit es ihm dann an nichts fehle, da er in Puschkin alle diese Züge vereint finden würde. Puschkin war der einzige, dem diese unabhängige Geistesart und eine so fein gestimmte Seele beschieden ward, in der alles ein Echo fand und die bei jedem Ton, der die Luft durchbebte, mitschwang. Wenn wir an einen Dichter denken, stellen wir ihn uns mehr oder weniger leibhaftig vor. Vor wem ersteht nicht bei dem Gedanken an Schiller sofort diese reine kindliche Seele, die stets von den höchsten und letzten Idealen träumte, sich eine Welt aus ihnen erschuf und damit zufrieden war, daß sie in dieser poetischen Welt leben durfte? Wer denkt, wenn er Byron liest, nicht an Byron selbst, diesen stolzen, mit allen Gaben des Himmels begnadeten Mann, der doch der Vorsehung nie seinen geringfügigen körperlichen Fehler vergeben konnte, tönt doch der Groll des Dichters über dies Gebrechen bis in seine Dichtungen hinein. Selbst Goethe, dieser Proteus unter den Poeten, der alles umfassen wollte, die ganze Welt der Natur und die gesamte Welt der Wissenschaft, bringt gerade in diesem wissenschaftlichen Streben seine Persönlichkeit zu so deutlichem Ausdruck, eine Persönlichkeit, die eine echt deutsche Würde atmet und nach echt deutscher Art den Anspruch erhebt, allen Zeitaltern und Epochen genug zu tun. Alle unsere Dichter: Dershawin, Schukowski, Batjuschkow haben ihre eigene Persönlichkeit, ihre eigene Physionomie. Nur Puschkin hat keine. Was wollte man auch aus seinen Dichtungen für Züge herauslesen, die für ihn persönlich charakteristisch wären? Man versuche es doch einmal, seinen Charakter als Mensch zu fassen. Statt seiner wird man sich immer wieder jener wunderbaren Gestalt gegenübersehen: der Gestalt des Menschen, in dessen Seele alles ein Echo findet, und der allein einsam und unverstanden bleibt. Alle seine Werke sind ein reiches Arsenal aller Werkzeuge, Waffen und Rüstungen der Dichtung. Nun denn, so tretet herein und wählet euch das Werkzeug, das euch paßt, und zieht mit ihm hinaus in die Schlacht; nur der Dichter selbst mischt sich nicht mit der Waffe in der Hand in den Kampf. Und warum hat er das nicht getan? — Das ist eine andre Frage. Er selbst beantwortet sie mit den Versen:
Nicht unser Teil ist das Getümmel
Des Pöbels Hast und Waffenklang,
Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel
Begeistrung, Inbrunst und Gesang.
(Eliasberg.)