Puschkin verstand seine Bedeutung besser als die, die ihm solche Fragen vorlegten, und widmete sich voller Liebe seiner Aufgabe. Selbst in Zeiten, wo er im Dunst der Leidenschaften versank, war die Poesie ihm heilig — wie ein Tempel. Nie betrat er unrein und ungeschmückt dies Heiligtum; und er brachte nie etwas Unüberlegtes und Übereiltes aus seinem Leben mit sich, wenn er ihn betrat; nie durfte sich die rohe ungezügelte Wirklichkeit in ihrer Nacktheit dort hineinwagen. Und doch ist alles darin — seine eigene Geschichte. Allein das bleibt allen verborgen. Der Leser atmet nichts als Wohlgeruch, was jedoch alles im Busen des Dichters zu Asche verbrennen mußte, damit diese Wohlgerüche aus ihm aufsteigen konnten, das ahnt keiner. Und wie hütete er sie in seinem Innern; wie sorgsam hegte er sie in sich! Kein italienischer Dichter hat seine Sonette so sorgfältig gefeilt, wie er an diesen leichten Werken gearbeitet hat, die uns wie Kinder des Augenblicks anmuten. Welche peinliche Genauigkeit liegt in jedem Wort! Wie bedeutend ist jeder Ausdruck! Wie ist hier alles abgerundet, wie vollkommen und in sich geschlossen. Jedes Gedicht ist eine Perle, es ist schwer, zu entscheiden, welche Elegie die vorzüglichste ist — sie gleichen alle den glänzenden Zähnen des schönen Mädchens, die der König Salomo mit den jungen Schafen vergleicht, welche eben aus dem Taufbecken steigen und alle gleich schön sind.
Wie hätte er über die Dinge sprechen können, die unsere moderne Gesellschaft interessieren und die für sie von Bedeutung sind, wenn er für jegliches Ding dieser Welt ein offenes Ohr haben wollte, wenn alles ein Echo bei ihm finden sollte und wenn jeder Gegenstand ihn in gleicher Weise anzog? Er wollte in seinem „Onegin“ den modernen Menschen darstellen und ein modernes Problem lösen — allein er vermochte es nicht. Er stieß seine Helden von ihrem Postament herunter, trat selbst an ihre Stelle und fühlte sich in ihrer Person auf’s tiefste von allem ergriffen, was den Poeten ergreift. So wurde dies Poem zu einer Sammlung heterogenster Gefühle, zarter Elegien, boshafter Epigramme und malerischer Idylle; wenn man es durchgelesen hat, behält man wiederum nichts zurück als das Bild des Dichters, dessen Seele auf alles reagiert und für alles Verständnis hat. Seine vollkommensten Schöpfungen: „Boris Godunow“ und die Dichtung „Poltawa“ sind gleichfalls treue Spiegelungen der Vergangenheit. Er hatte durchaus nicht die Absicht, durch sie zu seiner Zeit zu reden; er dachte nicht daran, seinen Landleuten einen Dienst zu leisten, als er sich diese beiden Stoffe auserwählte, man hat auch nicht das Gefühl, daß er eine besondere Sympathie für einen der hier dargestellten Helden empfunden und gerade aus diesem Grunde den Plan zu diesen beiden Dichtungen gefaßt hätte, die so meisterhaft und so künstlerisch gestaltet und durchgearbeitet sind. Das Staunen und die Verwunderung über diese beiden historischen Ereignisse trieben ihn dazu, sie zu gestalten, denn er wollte, daß auch andere Menschen über sie staunen und sich über sie wundern sollten.
Die Lektüre der Dichter aller Zeitalter und Nationen erzeugte bei ihm dieselbe Resonanz. Der spanische Held Don Juan, dies unerschöpfliche Thema unzähliger dramatischer Dichtungen, gab ihm plötzlich die Idee ein, den ganzen Stoff in einem kurzen dramatischen Bilde konzentriert darzustellen, in dem die unwiderstehliche lockende Macht dieses Verführers und die Schwäche des Weibes mit einer unerhörten Seelenkenntnis geschildert ist und in dem Spanien mit ungewöhnlicher Anschaulichkeit vor uns ersteht. Goethes Faust brachte ihn plötzlich auf den Gedanken, die Grundidee des deutschen Dichters auf zwei oder drei Seiten zusammenzudrängen, und man ist erstaunt, mit welcher Treffsicherheit sie erfaßt und trotz der Unbestimmtheit und Sprunghaftigkeit, die sie bei Goethe hat, zu einem festen kernhaften Ganzen zusammengefaßt ist. Die strengen Terzinen Dantes legten ihm die Idee nahe, im gleichen Versmaß und im Geiste Dantes die kindlichen Anfänge seines dichterischen Schaffens während seines Aufenthalts in Zarskoje Selo zu schildern, die Wissenschaft als strenge Frau, die die Kinder in die Schule treibt, und sich selbst als Schuljungen darzustellen, der aus der Klasse entronnen ist, sich in den Garten geflüchtet hat, und nun vor den antiken Statuen steht, die Zirkel und Lyra in der Hand tragen, und die ihm mehr zu sagen haben und eine lebendigere Sprache führen, als die Wissenschaft. Das beweist wieder, wie früh schon diese große Feinfühligkeit und diese Fähigkeit, auf alle Dinge der Welt mit äußerster Feinheit zu reagieren, in ihm erwachten.
Und wie wahr und treu spiegelt er alles wieder! Wie empfindlich ist sein Gehör. Man spürt förmlich den Duft, man glaubt die Farbe der Länder, der Zeiten und Völker förmlich mit dem Auge zu schauen. In Spanien ist er ein Spanier, unter Griechen ist er ein Grieche, im Kaukasus ist er der freie Bergbewohner im vollsten Sinne des Worts; weilt er unter den Menschen vergangener Epochen, so geht von ihm selbst ein Hauch der versunkenen Zeit aus; blickt er in die Hütte des Bauern — so ist er jeder Zoll ein Russe; alle Züge unseres Wesens finden sich bei ihm vertreten, und das alles ist häufig in ein einziges Wort, in ein einziges mit wunderbarer Feinheit gewähltes, treffendes Adjektivum zusammengefaßt.
Diese Fähigkeit entwickelte sich immer kräftiger in ihm, und er hätte sicherlich noch einmal das ganze russische Leben dichterisch gestaltet, wie er ja auch auf jeden einzelnen Zug dieses Lebens reagiert und ihm Beachtung geschenkt hat. Der Gedanke eines Romans, in dem er die schlichte kunstlose Geschichte vom einfachen ehrlichen russischen Leben erzählen wollte, beschäftigte ihn während dieser Zeit unablässig. Er schrieb nur deshalb keine Gedichte mehr, um sich durch nichts ablenken zu lassen, um sich einen schlichteren Erzählerton anzugewöhnen, und er befleißigte sich in der Prosa einer solchen Einfachheit, daß man an seinen ersten Erzählungen so gar nichts zu loben fand. Puschkin freute sich darüber und schrieb dann die „Hauptmannstochter“, sicherlich das beste Werk unserer Erzählungsliteratur. Gemessen an der „Hauptmannstochter“ erscheinen alle unsere Romane und Erzählungen wie fades Gesalbader. Die Reinheit und Kunstlosigkeit der Darstellung haben hier eine solche Höhe erreicht, daß die Wirklichkeit daneben fast wie gekünstelt und wie eine Karikatur erscheint. Zum erstenmal treten uns hier wahrhaft russische Charakter entgegen: der einfache Kommandant der Festung, die Hauptmannsgattin, der Leutnant, die Festung selbst mit ihrer einzigen Kanone, die Unruhe und Verworrenheit der Epoche und die schlichte Größe dieser einfachen Leute, — das alles ist nicht nur lauterste Wahrheit, sondern beinahe etwas noch Höheres als sie. Und so muß es auch wirklich sein: das ist ja gerade die Bestimmung des Dichters, uns selbst, unser Ich — aus uns herauszuheben und uns unser Selbst in geläuterter veredelter Gestalt zurückzugeben. In Puschkin deutete alles darauf hin, daß er für diesen Beruf geboren, daß dies sein Streben war. Fast zugleich mit der Hauptmannstochter entstanden die wundervollen Fragmente zweier Romane, die er uns hinterlassen hat: „Die Handschrift des Dorfes Gorochino“ und „Der Mohr des Zaren“, sowie der mit Bleistift geschriebene Entwurf zu dem großen Roman „Dubrowski“. Während der letzten Jahre hatte er viel vom russischen Leben kennen gelernt, und er sprach so gescheit und so klug über alle Dinge, daß man jedes Wort hätte aufschreiben mögen: denn seine Worte waren mindestens so bedeutend wie seine besten Verse. Was aber noch merkwürdiger war, das war der Bau, der in seiner eigenen Seele emporwuchs und von dem aus sich ein noch helleres Licht über das Leben verbreitet hätte. Die Anklänge daran kann man in einem, erst nach seinem Tode veröffentlichten Gedicht vornehmen [hier wird in fast apokolyptischen Tönen die Flucht aus einer dem Untergang geweihten Stadt und zum Teil auch sein eigener Seelenzustand geschildert]. Wieviel Schönes reifte in diesem Menschen heran, was Rußland zum Heil und Segen hätte gereichen können. — Aber in dem Maße, als er sich dem Mannesalter näherte und von überall her Kräfte zu großen Taten sammelte, dachte er um so weniger darüber nach, wie er mit den kleinen und nichtigen Dingen fertig werden sollte. Ein plötzlicher Tod riß ihn mit einem Schlage von uns hinweg, und jeder Mann im ganzen Staate erfuhr plötzlich, daß wir einen großen Mann verloren hatten. Der Einfluß des Dichters Puschkin auf die Gesellschaft war äußerst geringfügig. Das Publikum beachtete ihn nur zu Beginn seiner dichterischen Laufbahn, als er mit seinen ersten Jugenddichtungen noch an die Töne der Byronschen Leier erinnerte; als er sich jedoch selbst gefunden hatte und nun nicht mehr Byron, sondern Puschkin selbst wurde, da wandte sich das Publikum von ihm ab. Allein sein Einfluß auf die Dichter war sehr groß. Karamsin hat auf dem Gebiet der Prosa lange nicht das geleistet, was Puschkin auf dem Gebiet des Verses gewirkt hat. Die Nachahmer Karamsins lieferten traurige Karikaturen seiner Manier, und ihr Stil und ihre Gedanken nahmen etwas unangenehm Süßliches an. Puschkin dagegen wirkte auf alle Dichter seiner Zeit wie ein vom Himmel fallendes poetisches Feuer, an dem sich alle andern Dichter, die selbst Charakter und eigene Farbe hatten, entzündeten wie die Lichter. Ein ganzer Sternenkreis von Dichtern scharte sich um ihn: Delwig, dieser Sybarit unter den Poeten, der jeden Ton seiner fast hellenischen Leier förmlich auszukosten schien und den Trank der Poesie nicht etwa mit einem Zug hinabstürzte, sondern tropfenweise schlürfte, wie ein Weinkenner seine Blume genießt und seinen Duft einsaugt. Koslow, eine harmonische Natur, aus dessen Mund ungewohnte Töne einer zu Herzen gehenden Musik, wie man sie bisher noch nie vernommen hatte, an unser Ohr klangen. Baratynski, ein Dichter von strenger, fast finsterer Eigenart, der schon früh ein tief in seinem Wesen wurzelndes Streben nach innen an den Tag legte, dessen Gedanken ganz auf die Welt unserer Seele gerichtet waren und der sich bereits um ihre äußere Formung bemühte, noch ehe sie in ihm selbst völlig ausgereift waren. Finster und noch unfertig, wie er war, trat er vor das Publikum, entfremdete sich so alle Leute, und so gelang es ihm nie, jemand nahezukommen. Alle diese Dichter hat Puschkin zum Dichten angeregt, während er andre geradezu erst erschaffen hat. Ich meine hier unsere sogenannten anthologischen Poeten, die nur wenig produziert haben, aber wenn wir unter diesen duftigen Blumen eine Auswahl treffen, so ließe sich wohl ein Buch daraus machen, unter das die besten Dichter ruhig ihren Namen setzen könnten. Ich brauche nur die beiden Tumanski, A. Krylow, Tjutschew, Pletnjew und einige andere zu nennen, die nie ihr eigenes poetisches Licht hätten leuchten lassen und nie solch reiner, schöner seelischer Regungen fähig gewesen wären, wenn sie ihr Feuer nicht an dem Puschkins hätten entzünden können. Selbst ältere Dichter stimmten unter seinem Einfluß ihre Leier um. Der bekannte Übersetzer der Odyssee, Gneditsch, der Nachdichter der Psalmen, Th. Glinka, der Freischärler und Dichter Dawydow und endlich selbst Shukowski, Puschkins Lehrer und Erzieher in der Dichtkunst, gingen bei ihm in die Schule, und der Lehrer lernte von seinem Schüler. Selbst solche Köpfe wurden zu Poeten, die gar nicht für den Dichterberuf geboren waren, sondern vor denen sich eine keineswegs geringere Laufbahn eröffnete, wenn man nach den geistigen Kräften und Leistungen urteilen darf, die sie mit ihren dichterischen Versuchen vollbrachten, so z. B. Wenewitinow, der uns so früh entrissen wurde, oder Chomjakow, der Gott sei Dank noch am Leben ist und dem noch eine herrliche Zukunft bevorsteht, die sich ihm selbst noch nicht völlig enthüllt hat. Diese anregende erweckende Kraft Puschkins ist sogar für manche gefährlich geworden, besonders für Baratynski und für noch einen Dichter, von dem unten die Rede sein wird; sie wurde ihnen dadurch gefährlich, weil sie sie veranlaßte, gleich einen Ausdruck für ihre noch gänzlich unausgereiften seelischen Regungen zu suchen, obwohl ihre Seelen noch gar nicht von einer solchen Poesie erfüllt und durchdrungen waren, die allen vertraut und verständlich gewesen wäre; sie hätten lieber noch ein wenig an sich und an ihrem inneren Ich arbeiten und eine Zeitlang schweigen sollen. Sie standen alle völlig im Bann dieser unerhört künstlerischen Gestaltung und Formung dichterischer Schöpfungen, deren Puschkin fähig war. Die ganze moderne Gesellschaft und alle Bande, die den Menschen unserer Zeit mit ihr verbinden, alle Ansprüche und Forderungen, die das Vaterland an ihn stellt, waren vergessen, und alles lebte in einer Art poetischem Hellas und deklamierte Puschkins Verse.
Nicht unser Teil ist das Getümmel,
Des Pöbels Hast und Waffenklang.
Uns gab zur süßen Pflicht der Himmel
Begeistrung, Inbrunst und Gesang.
Unter den Dichtern der Puschkinschen Epoche nimmt Jasykow eine ganz besondere Stelle ein. Gleich aus seinen ersten Versen dringt einem der Ton einer neuen Leier entgegen, das sind ganz neue Laute, eine freie wilde entfesselnde Kraft, eine Kühnheit in jedem Ausdruck, eine helle jugendliche Begeisterung, wie sie in solcher Stärke und Vollendung bei einer seelischen Beherrschung noch bei keinem Dichter dagewesen war. Es ist kein Zufall, daß er den Namen Jasykow (Herr der Zunge) trug: er ist Herr über seine Zunge, wie ein Araber über sein wildes Roß, und es ist fast so, als brüstete er sich mit seiner Macht über die Sprache. Er mag eine Periode beginnen, wie er will: mit dem Kopf oder mit dem Schwanze, sie steht in ihrer ganzen anschaulichen Bildhaftigkeit da, er führt sie stets zu Ende und rundet sie ab, daß man von Staunen und Bewunderung ergriffen wird. Das was die Kraft einer noch ungebrochenen mächtigen, schwellenden Jugend ausmacht, einer Jugend, die noch voller Zukunft ist, ist der Gegenstand seiner Dichtungen. Alles, was er berührt, sprüht und strömt förmlich über von jugendlicher Frische.