Welch hoher Achtung wert ist auch der niedre Mann,
Der ungeehrt und im Verborgnen lebt
Und den für alle Sorgen, Mühn und Plagen
Der einzige Gedanke nur erhebt!
Er muß sie für das allgemeine Beste tragen.
Diese Worte werden ein ewiges Zeugnis für den hohen Sinn Krylows bleiben. Kein Dichter hat je vermocht, seinen Gedanken eine so greifbare Form zu geben, sie so allgemein verständlich auszudrücken, wie Krylow. Der Dichter und der Weise sind in ihm eins geworden. Bei ihm ist alles plastisch und anschaulich, seine Schilderungen der Natur in ihren hohen Reizen und in ihrer drohenden Größe, ja selbst in ihrer Häßlichkeit und in ihrem Schmutz, bis zu den feinsten Wendungen eines Gesprächs, die eine lebendige Offenbarung der innersten seelischen Regungen sind. Alles ist so treffend ausgedrückt, so richtig beobachtet, die Dinge sind mit einer solchen Sicherheit erfaßt, daß es eigentlich unmöglich ist, festzustellen, was das Charakterische der Krylowschen Schreibweise ausmacht. Der Versuch wäre vergeblich, das Wesen seines Stils zu ergründen. Der Gegenstand scheint überhaupt keine sprachliche Hülle zu besitzen und ganz nackt, ganz nur er selbst, so wie die Natur ihn geschaffen hat, vor unseren Augen zu stehen. Seine Verskunst spottet gleichfalls jeder Definition. Es läßt sich nicht sagen, worin ihre Eigenart besteht: Ist dieser Vers klangvoll, leicht, oder schwerfällig? Er fängt an zu tönen, wo sein Gegenstand zu tönen beginnt, er wird lebendig und beweglich, wo sich der Gegenstand bewegt, er wird kraftvoll und ehern, wo der Gedanke stark und kräftig ist und er wird plötzlich leicht, wo die Kraft und Schwere der Gedanken dem leichten oberflächlichen Geschwätz der Toren Platz macht. Seine Sprache folgt willig und gehorsam dem Gedanken, sie schwirrt hin und her wie eine Fliege; bald bewegt sie sich in langen sechsfüßigen Versmaßen, bald wieder in schnellen einfüßigen; in der wohlüberlegten Silbenzahl offenbart sich aufs deutlichste ihre unfaßbare Geistigkeit. Man denke bloß an den großartigen Schluß der Fabel „Die beiden Fässer“:
Den großen Mann erkennt man an der Tat
Und die Gedanken, die sein Hirn erfüllen,
Denkt er im Stillen.
Hier glaubt man aus der Anordnung und der Folge der Worte förmlich die Größe des in sich selbst versenkten Menschen herauszufühlen.