Nein, es kommt nicht auf diese sichtbaren Zeichen und Äußerlichkeiten, nicht auf das patriotische Geschrei [ebensowenig wie auf den Kuß, der dem Invaliden verabreicht wird], sondern lediglich darauf an, daß wir an diesem Tage den Menschen tatsächlich wie unser höchstes Kleinod ansehen lernen — und ihn so in unsere Arme schließen und an unser Herz drücken, wie einen unserem Herzen nahestehenden Bruder, daß wir uns so über ihn freuen, wie über den unerwarteten Besuch unseres liebsten Freundes, den wir viele Jahre lang nicht gesehen haben. Ja, noch inniger, noch stärker sollte unsere Freude sein. Denn die Bande, die uns mit ihm vereinigen, sind stärker als die irdische Blutsverwandtschaft; sind wir doch mit ihm durch unseren herrlichen himmlischen Vater verwandt, der uns weit näher steht, als unser irdischer Vater, und weilen wir doch an diesem Tage — in unserer wahren Familie, d. h. in Seinem Hause. Dieser Tag ist der Tag jenes heiligen Festes, an dem die ganze Menschheit bis auf den letzten unserer Brüder eine himmlische Verbrüderung feiert, und davon ist kein einziger Mensch ausgeschlossen.
Wie gelegen müßte dieser Tag eigentlich unserem neunzehnten Jahrhundert kommen, wo der Traum vom allgemeinen Menschenglück der Lieblingsgedanke fast aller Menschen geworden; wo es der Lieblingswunsch des jungen Menschen geworden ist, die ganze Menschheit wie einen lieben Bruder zu umarmen, wo viele beständig davon träumen, den inneren Wert und die Würde des Menschen zu heben, wo die gute Hälfte der Menschen bereits feierlich anerkannt hat, daß nur das Christentum das vermag, wo man bereits fordert, daß das Gesetz Christi weit inniger mit unserem Familien- und Staatsleben verwachsen müsse [ja wo bereits davon gesprochen wird, daß alles Gemeingut werden soll: unser Haus und unser Grund und Boden], wo die hohen Taten des Mitleids und die den Armen und Unglücklichen erwiesene Hilfe bereits ein beliebter Gesprächsstoff unserer Salons geworden sind, ja wo uns infolge all dieser humanitären Anstalten [all dieser Hospize und Asyle für Obdachlose] die Erde schon zu eng zu werden beginnt. Wie freudig müßte eigentlich das neunzehnte Jahrhundert diesen Festtag begehen, der all seinen hochherzigen und ehrgeizigen Regungen so sehr entspricht! Aber gerade dieser Tag wird zum Probierstein dafür, wie matt all diese christlichen Bestrebungen, wie sie lediglich [schöne Träume und] bloße Ideen sind, die zu keinen Taten führen. Und wenn wir an diesem Tage wirklich Gelegenheit haben, einen unserer Brüder wie einen Bruder zu umarmen — so tuen wir es nicht. Wir sehnen uns danach, die ganze Menschheit brüderlich an unseren Busen zu drücken, unsern Bruder aber wollen wir nicht umarmen. Es braucht sich nur irgendein einzelner Mensch, der uns beleidigt hat, von dieser Menschheit abzulösen, dem wir unsere Arme so hochherzig entgegenbreiten, und dem wir laut Christi Gebot sofort vergeben sollen, — so werden wir ihn nicht mehr umarmen. Oder es brauchte sich von dieser Menschheit nur ein einzelner Mensch abzulösen, der in irgendeinem unwesentlichen Punkt, in irgendeiner unserer menschlich bedingten Meinungen nicht mit uns überstimmt — so werden wir ihn schon nicht mehr umarmen. Oder es braucht sich endlich nur ein einziger Mensch von dieser Menschheit abzulösen, der mehr und erkennbarer als die andern an den schweren Schäden geistiger Fehler und Gebrechen krankt und daher weit mehr Anspruch auf unser Mitleid hat als sie — so werden wir ihn von uns stoßen und ihn nicht umarmen wollen. Wir werden nur die in unsere Arme schließen, die uns noch nie beleidigt haben, mit denen wir noch nie zusammengestoßen sind, die wir noch nicht kennen und noch nie mit Augen gesehen haben. Das sind die Umarmungen, mit denen der Mensch unseres Jahrhunderts die ganze Menschheit beglücken will, und das sind häufig gerade die Menschen, die von sich glauben, daß sie wahre Menschenfreunde und echte Christen sind. [Christen! Sie haben Christus auf die Straße hinausgejagt und in die Lazarette und Krankenhäuser getrieben, statt Ihn bei sich in ihrem Hause, unter ihr heimatliches Dach aufzunehmen, und da glauben sie noch, sie seien Christen!]
Nein, unser Jahrhundert vermag den Auferstehungstag nicht würdig, nicht so zu feiern, wie er gefeiert werden sollte. Dem steht ein schreckliches, unüberwindliches Hindernis entgegen: es heißt: Hochmut. Dieser Hochmut war auch den früheren Zeitaltern bekannt, aber jener Hochmut war mehr ein kindischer Stolz auf die physische Kraft, auf unseren Reichtum, ein Stolz auf unsere Abstammung und unsere Titel, und er erreichte nie diesen schrecklichen geistigen Grad wie heutzutage. Heute tritt er in doppelter Gestalt auf. Die erste Art dieses Hochmuts ist der Stolz auf unsere Reinheit.
Hocherfreut darüber, daß sie ihre Vorfahren in vielen Beziehungen überholt und übertroffen hat, hat sich die Menschheit unserer Zeit völlig in ihre Reinheit und Schönheit verliebt. Niemand schämt sich mehr, sich öffentlich der Schönheit seiner Seele zu rühmen und sich für etwas Besseres zu halten, als die anderen Menschen. Man braucht nur darauf zu achten, wie sich heutzutage jeder Mensch für einen wahren Heros an Hochherzigkeit und Edelmut hält, wie schonungslos und mit welcher Schärfe er über andere Leute urteilt. Man muß nur einmal hören, mit was für Gründen er sich dafür rechtfertigt, daß er seinen Bruder nicht einmal am Auferstehungstage umarmt hat. Ohne jede Scham und ohne innerlich zu erbeben, erklärt er: „Ich kann diesen Menschen nicht umarmen, er ist schmutzig, er hat eine gemeine Seele, er hat sich durch ehrlose Handlungen befleckt; ich kann diesen Menschen nicht einmal in mein Vorzimmer hineinlassen; ich kann die Luft nicht atmen, die er atmet, ich mache einen großen Bogen um ihn, um ihm aus dem Wege zu gehen und um ihm nicht zu begegnen. — Ich kann nicht mit gemeinen und verächtlichen Leuten zusammen leben — und da sollte ich einen solchen Menschen wie meinen Bruder umarmen?“ Ach! der arme Mensch des neunzehnten Jahrhunderts hat leider vergessen, daß es an diesem Tage weder gemeine noch verächtliche Menschen gibt und daß alle Menschen — Brüder, Kinder derselben Familie sind und daß jeder Mensch keinen andern Namen als den: Bruder trägt. Er hat alles mit einem Male vergessen. Er hat vergessen, daß er vielleicht gerade deshalb von diesen gemeinen und verächtlichen Menschen umgeben ist, damit er durch ihren Anblick veranlaßt werde, einen Blick in sein eigenes Innere zu werfen, und nachzusehen, ob er nicht auf dem Grunde seiner Seele gerade das findet, was ihn an dem andern so sehr erschreckt hat. Er hat vergessen, daß er auf Schritt und Tritt und ohne es selbst zu merken, wenn auch in einer etwas anderen Art, eine genau so scheußliche Handlung begehen kann, die in den Augen der Gesellschaft nicht als schmachvoll gilt, die jedoch auf dasselbe hinauskommt oder wie ein russisches Sprichwort es ausdrückt, derselbe Eierkuchen ist, nur auf einer andern Schüssel serviert. Es ist alles vergessen! Er hat vergessen, daß die Zahl der gemeinen und verächtlichen Menschen vielleicht nur deshalb sehr zugenommen hat, weil die besten und edelsten Menschen sie in so rauher Weise von sich gestoßen und so dazu beigetragen haben, daß sie ihr Herz noch mehr verhärteten und noch verstockter wurden. Als ob es so leicht ist, die Verachtung anderer Menschen zu ertragen! Weiß Gott, vielleicht wird mancher gar nicht als ein so ehrloser Mensch geboren; vielleicht hat seine arme Seele, die nicht stark genug war, um den Kampf mit den Versuchungen aufzunehmen, um Hilfe gefleht und gerufen, vielleicht hätte er freudig jedem Hände und Füße geküßt, dessen Seele von Mitleid für ihn ergriffen, ihn daran verhindert hätte, in den Abgrund zu stürzen; vielleicht hätte ein einziger Tropfen Liebe ihm genügt, um ihn auf den rechten Weg zurückzuführen. Wie wenn es so schwer gewesen wäre, auf dem Wege der Liebe bis zu seinem Herzen vorzudringen! Als ob sich sein Inneres schon so sehr verhärtet hätte, als ob er schon so ganz zu Stein geworden, daß er keiner warmen Regung mehr fähig gewesen wäre, wo doch selbst der Räuber noch dankbar ist für ein Zeichen der Liebe und selbst das wilde Tier sich freundlich der Hand erinnert, die es geliebkost hat.
Allein der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts hat alles vergessen, er stößt seinen Bruder von sich, wie ein Reicher einen aussätzigen Bettler von der Schwelle seines Hauses jagt. Was kümmern ihn die Leiden des andern, er will bloß seine eiternden Schwären nicht sehen. Er will nicht einmal sein Klagelied hören, damit seine Nase den übelduftenden Hauch, der aus dem Munde des Unglücklichen kommt, nicht einzuatmen braucht, er, der so stolz auf den Wohlgeruch seiner Reinheit ist. Und ein solcher Mensch sollte das Fest der himmlischen Liebe feiern können?
Aber es gibt noch eine andere Art des Hochmuts, die noch mächtiger ist als die erste, — das ist der geistige Hochmut. Nie noch hat er solche Dimensionen erreicht, wie im neunzehnten Jahrhundert. Er kommt vor allem in der Furcht zum Ausdruck, für einen Dummkopf gehalten zu werden, einer Furcht, von der heute jeder Mensch beseelt ist. Der Mensch unserer Zeit kann alles ertragen: er kann es ertragen, daß man ihn einen Lumpen oder einen Gauner nennt; gebt ihm jeden beliebigen Namen — es läßt ihn kalt — nur den Namen Dummkopf wird er nicht dulden. Er kann jeden Spott ertragen, nur eins kann er nicht ertragen, daß man sich über seinen Verstand lustig macht. Sein Verstand ist ihm heilig. Jeder noch so leichte Spott über seinen Verstand genügt ihm, um seinen Bruder, wie es der Anstand erfordert, sich in einer gewissen Entfernung aufstellen zu lassen und ihm sodann, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Kugel in den Kopf zu jagen. Er glaubt an nichts, das einzige, woran er glaubt, ist sein Verstand. Was sein Verstand nicht sieht, das existiert nicht für ihn. Er hat sogar vergessen, daß auch der Verstand erst fortschreitet, wenn alle sittlichen Kräfte des Menschen fortschreiten und sich entwickeln, und daß er sich sogar zurückentwickelt, wenn die sittlichen Kräfte sich nicht heben. Er hat ferner vergessen, daß kein Mensch sämtliche Verstandeskräfte in sich vereinigt, daß ein anderer Mensch gerade die Seele einer Sache sehen kann, die er selbst nicht sieht, und folglich etwas wissen kann, was er nicht zu wissen vermag. Aber das glaubt er nicht und alles, was er nicht selbst sieht, das ist für ihn eine Lüge. Sein Vernunftstolz hält jeden Schatten christlicher Demut von ihm fern. An allem zweifelt er: an dem Herzen eines Menschen, den er viele Jahre lang kennt, an der Wahrheit, ja selbst an Gott, nur an seinem Verstande zweifelt er nicht. Schon streitet man sich und kämpft man nicht mehr um irgendwelche wirkliche Rechte und auch nicht aus persönlichem Haß oder Feindschaft, nein, heute sind es nicht mehr die sinnlichen Leidenschaften, die uns beherrschen, sondern die Leidenschaften des Verstandes: heute bekämpft man sich und streitet man sich miteinander, weil man verschiedener Meinung ist, und wegen der Widersprüche in der Welt der Gedanken. Schon haben sich ganze Parteien gebildet, die sich gegenseitig verabscheuen, die persönlich noch nie etwas miteinander zu tun hatten, und sich dennoch glühend hassen. Ist es nicht merkwürdig! Schon glaubten die Menschen, mit Hilfe der Bildung Haß und Bosheit aus der Welt verbannt zu haben, da dringen Haß und Bosheit von der andern Seite wieder in die Welt ein, kommen auf den Flügeln der Zeitungsblätter herangeflogen und fallen wie ein verheerender Heuschreckenschwarm von allen Seiten über die Herzen der Menschen her. Schon hört man kaum noch die Stimme der Vernunft. Schon beginnen selbst die gescheiten Leute sogar gegen ihre eigene Überzeugung zu reden, nur um der gegnerischen Partei nicht das Feld zu räumen, und nur weil ihr Stolz es ihnen nicht erlaubt, ihren Fehler vor der Welt einzugestehen — schon hat die reine Bosheit statt des Verstandes die Oberhand gewonnen.
Und der Mensch einer solchen Zeit sollte der Liebe, der christlichen Liebe zum Menschen fähig sein? Er sollte sich mit jener reinen Treuherzigkeit und Einfalt, mit jener engelhaften kindlichen Naivität erfüllen können, die alle Menschen zu einer großen Familie macht? Er sollte etwas von der Süßigkeit und Schönheit unserer himmlischen Brüderschaft empfinden können? Er sollte diesen Tag feiern können? Ist doch selbst jene äußere gütige Geste, jener Ausdruck der Güte verschwunden, der den alten schlichten Zeiten eigen war, und dem gegenüber man das Gefühl hat, als hätte der Mensch damals dem Menschen viel nähergestanden. Der stolze Verstand des neunzehnten Jahrhunderts hat ihn vernichtet und zerstört. Ohne jede Maske ist der Teufel in der Welt erschienen. Der Geist des Hochmuts kommt heute nicht mehr in verschiedenen Gestalten und schreckt keine abergläubischen Menschen mehr: er kommt in seiner eigenen Gestalt zu uns. Er fühlt, daß man seine Herrschaft anerkennt, und darum macht er nicht mehr viel Umstände mit den Menschen. Dreist und schamlos lacht er denen ins Gesicht, die sich vor ihm beugen; die törichtesten Gesetze gibt er der Welt, Gesetze, wie sie bisher noch nie gegeben worden sind — und die Welt sieht es und wagt es nicht, sich zu widersetzen! Was bedeutet diese armselige sinnlose Mode, die der Mensch sich erst als eine Bagatelle, als eine harmlose Spielerei gefallen ließ und die jetzt als absolute Herrin und Herrscherin in seinem Hause gebietet und alles Gute und Wesenhafte im Menschen austreibt. Kein Mensch fürchtet sich noch, die wahrsten und heiligsten Gebote Christi zu übertreten, wohl aber fürchtet er sich, die unsinnigste Anordnung der Mode unerfüllt zu lassen, und er zittert vor ihr wie ein furchtsamer Knabe. Was hat das zu bedeuten, daß selbst die, die sich über sie lustig machen, wie leichtsinnige windige Gesellen nach ihrer Pfeife tanzen? Was bedeuten all diese sogenannten Anstandsregeln, die uns weit stärker binden, als die grundlegendsten fundamentalsten Gebote? Was bedeuten alle diese seltsamen Autoritäten, die sich neben den gesetzmäßigen rechtmäßigen Autoritäten installiert haben — was bedeuten diese Nebenwirkungen und Nebeneinflüsse? Was hat es zu bedeuten, daß heute nur noch Näherinnen, Schneider und alle möglichen Handwerker die Welt regieren, während die Gesalbten Gottes abseits stehen? Namenlose unbekannte Menschen, ohne Ideen und ohne ehrliche Überzeugungen beherrschen die Anschauungen und die Meinungen gescheiter Leute, und ein Zeitungsblättchen, von dem jedermann weiß, daß es nichts wie Lügen verbreitet, schwingt sich unmerklich zum Gesetzgeber über die Menschen auf, die es verachten! Was bedeuten all die gesetzwidrigen Gesetze, die die unreine Macht aus der Tiefe offen und vor aller Welt aufrichtet? Und die ganze Welt sieht es, steht wie verzaubert da, und wagt’s nicht, sich zu rühren? Welch furchtbarer Hohn auf die Menschheit! [Wozu sucht man bei diesem Lauf der Dinge überhaupt noch die heiligen Sitten und Zeremonien der Kirche aufrecht zu erhalten, deren himmlischer Beherrscher keine Macht mehr über uns hat? Oder ist das etwa ein neuer Streich des Geistes der Finsternis.] Wozu dieser Feiertag [der jede Bedeutung verloren hat.] Warum kehrt er immer [aufs neue] wieder, um die auseinanderstrebenden Menschen [immer dumpfer und schwächer] zusammenzurufen, um sie in einer Familie zu vereinigen [und, nachdem er sie mit einem traurigen Blick gestreift, wie ein unbekannter Fremdling wieder von dannen zu gehen? Ist er denn wirklich für alle ein unbekannter Fremdling? Aber] warum gibt es denn noch [hie und da] Menschen, denen es so vorkommt, als würde es an diesem Tage heller in ihrer Seele, und die an diesem Tage das Fest ihrer Kindheit begehen, jener Kindheit, von der eine himmlische Liebkosung, gleich dem Kosen eines ewigen Frühlings, in ihre Seele hinüberströmt, jener herrlichen Kindheit, die dem stolzen Menschen von heute ganz verloren gegangen ist? Warum hat der Mensch diese Kindheit noch nicht für immer vergessen und warum bewegt sie noch immer unsere Herzen gleich einem fernen Traumbild? Wie kommt das nur, und was hat das alles für einen Zweck? Als ob man wirklich nicht wüßte, was es für einen Sinn und Zweck hat? Sieht man denn etwa nicht, wozu das geschieht? Damit es zum mindesten den wenigen, die noch etwas von dem Frühlingshauch dieses Festtags verspüren, plötzlich so traurig ums Herz wird, auf daß sie von einer Trauer befallen werden, wie sie nur ein Engel des Himmels empfindet, und auf daß sie ihren Brüdern mit einem herzzerreißenden Aufschrei zu Füßen fallen, und sie anflehen, wenigstens diesen einen Tag der langen öden Reihe der übrigen Tage zu entreißen und nur diesen einzigen Tag nicht nach der Weise des neunzehnten Jahrhunderts, sondern im Geiste jenes ewigen Zeitalters zu verbringen, den Menschen nur ein einziges Mal zu umfassen und in die Arme zu schließen wie ein Freund, der sich schuldig fühlt, den hochherzigen alles verzeihenden Freund umarmt, selbst wenn er ihn schon morgen wieder von sich stoßen und ihm erklären sollte, er sei ihm fremd und unbekannt. Wenn auch nur, um einmal diesen Wunsch zu fassen, wenn auch nur, um sich mit Gewalt dazu zu zwingen und sich daran zu klammern, wie ein Ertrinkender an eine Planke! Gott weiß, vielleicht wird sich schon um dieses einzigen Wunsches willen eine Leiter vom Himmel herabsenken und sich uns eine Hand entgegenstrecken, die uns hilft, an ihr emporzuklimmen.
Aber nicht einmal diesen einen Tag will der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts so verbringen. Schon ist die Erde von einem unnennbaren Weh und einer Trostlosigkeit ergriffen; immer bitterer, trostloser und nüchterner wird das Leben; alles wird kleinlich und flach, bloß das Riesengespenst der Langenweile wächst von Tag zu Tag bis ins Ungeheure. Alles ist wüst, alles ist wie ein einziges Grab. Mein Gott! Wie öde und schrecklich wird Deine Welt!
Warum kommt es denn aber nur dem Russen so vor, als ob dieses Fest nur in seinem Vaterlande würdig gefeiert werde? Ist das etwa nur ein Traum? Warum sucht denn dieser Traum keinen andern auf als den Russen? Wirklich, was hat es zu bedeuten, daß [dieser Festtag selbst verschwunden ist und daß] seine sichtbaren Kennzeichen so deutlich im Angesicht unseres Landes erkennbar sind. Man hört die von Küssen begleiteten Worte: Christ ist erstanden; mit der gleichen Feierlichkeit bricht immer wieder die heilige Mitternacht an, und der dumpfe Ton der ewigen Glocken hallt unaufhörlich über das ganze Land dahin, als wollten sie uns aus dem Schlummer wecken! Wo die Geister in so greifbarer Deutlichkeit erscheinen, da erscheinen sie nicht vergebens. Wo jemand geweckt wird, da gibt es auch ein Erwachen. Die Sitten und Bräuche, die ewig währen sollen, können nicht vergehen. Der Buchstabe stirbt, aber ihr Geist lebt wieder auf. Sie können wohl zeitweilig verblassen, sie können zugrunde gehen und absterben für eine geist- und herzlose, für eine abgestumpfte Menge, aber sie erstehen neu gekräftigt auf in den Auserwählten, um in ihnen in hellem Lichte aufzustrahlen und sich über die ganze Welt zu ergießen. Kein Titelchen von unseren alten Sitten und Bräuchen, nichts, was an ihnen wahrhaft russisch ist und was von Christus selbst geheiligt ward, wird untergehn. Die helltönenden Saiten der Dichter werden es weiter tragen, der Wohllaut ausströmende Mund unserer Priester wird es weithin verkünden; das schon erloschene Licht wird wieder aufflammen — und der heilige Auferstehungstag wird würdig gefeiert werden —, weit früher, denn von einem andern Volke.
Worauf aber, auf welche fest in unseren Herzen verschlossene Tatsachen können wir unsere Behauptung gründen? Sind wir etwa besser als andre Völker? [Sind wir in unserem Lebenswandel Christus nähergekommen als sie? Nein, wir sind nicht bessere Menschen, und unser Leben ist noch weniger geordnet und geregelt als das der andern Nationen. „Wir sind schlimmer als alle anderen“ — so müssen wir stets von uns sagen.] Aber es liegt etwas in unserem Wesen, das uns solches verheißt. Gerade die Unordnung, die bei uns herrscht, ist eine Verheißung. Wir sind noch ein flüssiges Metall, das noch nicht in seine nationale Form abgegossen ist; wir haben noch die Möglichkeit, das, was nicht zu uns paßt, abzustoßen und alles in uns aufzunehmen, wozu die anderen Völker schon nicht mehr fähig sind, die bereits ihre eigene feste Form angenommen haben und in ihr erstarrt sind. Daß in unserem innersten wahren Wesen, das wir vergessen haben, vieles liegt, was dem Geiste des Christentums verwandt ist — dafür ist schon allein das ein Beweis, daß Christus nicht mit dem Schwert in der Hand zu uns gekommen ist, und daß der aufgepflügte und wohlvorbereitete Grund unseres Herzens sich von selbst Seinem Worte entgegenstreckte, daß das Prinzip der christlichen Brüderlichkeit tief in unserer slawischen Natur begründet ist, und daß die Verbrüderung der Menschen untereinander uns näher am Herzen liegt, als unser heimatliches Dach und die Blutsverwandtschaft, daß bei uns noch nichts von jenem unversöhnlichen Haß der Stände und jenen gehässigen Parteiungen bekannt ist, die wir in Europa finden und die ein unüberwindliches Hemmnis für die Eintracht der Menschen und die brüderliche Liebe bilden, daß wir endlich Mut und Kühnheit besitzen, wie sie kein andres Volk in ähnlicher Stärke besitzt und daß, wenn wir uns vor eine Aufgabe gestellt sehen, die kein andres Volk zu lösen vermöchte, wie etwa folgende: mit einem Schlage alle unsere Fehler und Mängel und alles, was den hohen Sinn der Menschheit schändet, abzuwerfen, — daß wir uns dann, alle unsere körperlichen Schmerzen und Qualen vergessend und ohne uns im geringsten zu schonen, aufraffen und alles, was uns befleckt und schändet, von uns stoßen werden, so wie die Menschen einst im Jahre 1812 schonungslos ihre ganze Habe, ihre Häuser und ihre irdischen Besitztümer verbrannten; dann wird kein einziger Mensch hinter dem andern zurückbleiben wollen; in solchen Augenblicken ist jeder Haß und Streit, jede Feindseligkeit vergessen, der Bruder drückt den Bruder an den Busen, und ganz Rußland ist nur ein einziger Mensch. Das ist’s, worauf wir die Behauptung gründen können, daß der Auferstehungstag von uns früher gefeiert werden wird, als von den andern Völkern. Das sagt mir deutlich meine innere Stimme, und das ist kein bloßer Gedanke, der meiner Phantasie entsprungen ist. Solche Gedanken lassen sich nicht erfinden. Durch eine göttliche Eingebung werden sie mit einem Schlage im Herzen vieler Menschen zugleich geboren, die einander noch nie gesehen haben, die in den entlegensten Provinzen des Landes wohnen, und zu ein und derselben Zeit werden sie wie aus einem Munde verkündet. Ich weiß es bestimmt, daß, obwohl ich sie nicht alle kenne, in Rußland mehr als ein Mensch fest daran glaubt und schon heute spricht: „Früher denn in irgendeinem andern Lande wird bei uns der heilige Auferstehungstag Christi gefeiert werden.“