1843.

VI
Wie man den Armen helfen soll
Aus einem Briefe an A. O. Sm—rn—wa.

Ich komme nun zu Ihren Ausfällen gegen die Torheit der (Petersburger) Jugend, die auf die Idee verfallen ist, ausländischen Sängern und Schauspielerinnen goldene Kränze und Becher zu verehren, während in Rußland ganze Provinzen von der Hungersnot heimgesucht werden. Das ist weder Dummheit noch eine Verhärtung des Herzens, das ist nicht einmal Leichtsinn — es ist eine Folge der menschlichen Gleichgültigkeit, die ein gemeinsamer Charakterzug von uns allen ist. Die Leiden und Schrecknisse, die eine Hungersnot mit sich bringt, spielen sich ja in einer großen Entfernung von uns ab, das geschieht tief im Innern der Provinz, und nicht vor unseren Augen — da liegt des Rätsels Lösung, und das erklärt alles! Ein Mensch, der bereit ist, hundert Rubel für einen Parkettplatz im Theater zu bezahlen, um sich am Gesang eines Rubini zu erfreuen, würde sicherlich sein ganzes Hab und Gut verkaufen, wenn er zufällig Augenzeuge eines einzigen von jenen furchtbaren Bildern der Hungersnot sein müßte, vor denen alle Greuel und Schrecken, wie sie in Melodramen dargestellt werden, verblassen. Mit der Veranstaltung von Sammlungen hat es bei uns keine Schwierigkeit, wir sind alle bereit, zu geben. Aber gerade für die Armen ist man heute bei uns nicht allzugern bereit, etwas zu geben, teils, weil nicht jeder davon überzeugt ist, daß seine Gabe auch an ihr Ziel und in die Hände dessen gelangen wird, der sie erhalten soll. Meist gleicht die Hilfe einer Flüssigkeit, die man in der hohlen Hand trägt, und die unterwegs zerrinnt, ehe sie an ihren Bestimmungsort gelangt — und der Notleidende bekommt nichts zu sehen, als die trockene Hand, in der nichts enthalten ist. Das ist’s, was zuerst überlegt sein will, ehe man mit der Sammlung von Gaben beginnt. Hierüber wollen wir später miteinander reden, weil das durchaus keine unwichtige Sache ist, die es wohl wert ist, daß man sie in verständiger Weise bespricht. Nun aber wollen wir einmal gemeinsam überlegen, wo zuerst und vor allem geholfen werden muß. Man sollte in erster Linie solchen Leuten helfen, die von einem plötzlichen unerwarteten Unglücksfall betroffen wurden, durch den sie mit einem Schlage und in einem Augenblick um alles gekommen sind: es kann sich dabei um eine Feuersbrunst handeln, bei der das ganze Hab und Gut bis auf den Grund abgebrannt ist, oder um eine Seuche, der das ganze Vieh zum Opfer gefallen ist, oder um einen Todesfall, der einen Unglücklichen seiner einzigen Stütze beraubt hat — mit einem Wort um jeden plötzlichen Verlust, in dessen Gefolge die Armut mit einem Male über einen Menschen hereinbricht, der gar nicht an sie gewöhnt ist. Da ist Ihre Hilfe am Platze. Dabei aber ist es nötig, daß diese Hilfe auch in wahrhaft christlicher Weise dargebracht werde: wenn sie bloß in einer Geldunterstützung besteht, dann hat sie gar keinen Wert und kann nichts Gutes wirken. Wenn Sie nicht zuvor selbst gründlich über die ganze Lage des Menschen nachgedacht haben, dem Sie helfen wollen, und keinen Rat und keine Unterweisung für ihn mitbringen, wie er von nun an sein Leben einrichten soll, so wird ihm nicht viel Vorteil aus Ihrer Hilfe erwachsen. Der Wert der Unterstützung, die einem Menschen erwiesen wird, kommt selten dem Wert des verlorenen Gutes gleich; im allgemeinen beträgt sie selten soviel wie die Hälfte dessen, was der Mensch verloren hat, oft dagegen nur ein Viertel und zuweilen sogar noch weniger. Der Russe ist überall zum äußersten fähig: wenn er erkennt, daß er mit dem wenigen Gelde, das er erhalten hat, nicht mehr das gleiche Leben führen kann, wie früher, ist er imstande, in seiner Verzweiflung alles auf einmal durchzubringen, was ihm gegeben wird, um ihm für längere Zeit einen Lebensunterhalt zu gewähren. Daher müssen Sie ihn belehren, wie er sich mit dem, was ihm durch Ihre Unterstützung zuteil wurde, aus seiner Lage heraushelfen kann; klären Sie ihn über die wahre Bedeutung des Unglücks auf, damit er einsieht, daß es ihm gesandt ward, auf daß er sein früheres Leben aufgebe und ein anderer werde, wie früher, gleichsam ein neuer Mensch in physischer wie in moralischer Beziehung. Sie werden ihm dies schon in kluger Weise darzulegen wissen, wenn Sie nur seinen Charakter und seine Lebensverhältnisse näher kennen lernen werden. Und er wird Sie verstehen: das Unglück macht den Menschen weicher; sein Wesen wird feiner, zartfühlender, er bekommt mehr Verständnis für Dinge, die die Begriffe eines Menschen übersteigen, der in alltäglichen gewöhnlichen Verhältnissen lebt; er verwandelt sich dann gleichsam in ein Stück warmen Wachses, das man kneten kann, wie man will. Am besten wäre es jedoch, wenn die Hilfe in allen Fällen durch die Vermittlung eines erfahrenen und klugen Priesters dargebracht würde. Nur ein Priester ist imstande, den Menschen über den tiefen heiligen Sinn eines Unglücks aufzuklären, das, in welcher Gestalt und Form es auch immer auf dieser Erdenwelt über einen Menschen hereinbricht, ob er nun in einer ärmlichen Hütte oder in prunkvollen Gemächern wohnt, stets eine Stimme aus dem Himmel ist, die den Menschen auffordert, sein früheres Leben aufzugeben und von Grund aus zu ändern.

1844.

VII
Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee
An W. M. Jasykow.

Das Erscheinen der Odyssee wird eine Epoche heraufführen. Die Odyssee ist sicherlich die vollkommenste Dichtung aller Zeiten. Sie ist ein Werk von gewaltigem Umfang. Die Ilias ist ihr gegenüber nur eine Episode. Die Odyssee umfaßt die gesamte antike Welt, das öffentliche und das häusliche Leben, alle Sphären der Menschen jener Zeit mit ihren Beschäftigungen, ihrem Wissen und Glauben ... kurz, es ist beinahe schwer zu sagen, was die Odyssee nicht enthält oder was von ihr übergangen wäre. Während mehrerer Jahrhunderte ist sie den Dichtern der Antike und hierauf allen Dichtern überhaupt eine nie versiegende Quelle gewesen. Ihr entnahmen sie den Stoff für eine unzählige Menge von Tragödien und Komödien; und dies alles machte die Runde durch die Welt und wurde zum Gemeingut aller, während die Odyssee selbst vergessen wurde. Das Schicksal der Odyssee hat etwas Seltsames an sich: sie wurde in Europa nicht in ihrem wahren Werte erkannt. Daran ist teils der Umstand schuld, daß es an einer Übersetzung fehlte, die eine künstlerische Nachbildung des herrlichsten Werkes der Antike darstellte, teils der Mangel einer Sprache, die reich und vollkommen genug war, um all die unendlichen kaum faßbaren Schönheiten der hellenischen Zunge im allgemeinen und Homers im besonderen widerzuspiegeln; und endlich fehlte es auch an einem Volk, das mit einem so reinen jungfräulich unberührten Geschmack begabt gewesen wäre, wie er erforderlich ist, um einen Homer innerlich zu verstehen und nachzuempfinden.

Gegenwärtig wird diese größte Dichtung in die reichste und vollkommenste aller europäischen Sprachen übersetzt.

Schukowskis gesamte literarische Tätigkeit war gleichsam nur die Vorbereitung zu diesem Werk. Er mußte seine Verskunst an Übersetzungen von Dichtwerken aller Nationen und Sprachen schulen und ausbilden, um fähig zu werden, Homers unvergängliche Verse nachzubilden — sein Ohr mußte der Leier aller Völker lauschen, um so feinhörig zu werden, daß ihm der Eigenton der hellenischen Laute nicht entgehen konnte; er mußte auch von dem glühenden Wunsche durchdrungen werden, alle seine Landsleute zu ästhetischem Nutz und Frommen ihrer Seele, zu solcher Liebe zu Homer zu zwingen, es mußte sich im Innern des Übersetzers selbst vieles ereignen, was seine Seele zu höherer Harmonie stimmte und ihr jene hohe Ruhe mitteilte, die dazu erforderlich ist, um ein Werk nachzudichten, das einer solchen ebenmäßigen Harmonie und Ruhe entsprungen ist, er mußte endlich auch noch in tieferem Sinn zum Christen werden, um sich jene weitblickende vertiefte Lebensanschauung anzueignen, wie sie nur ein Christ haben kann, der bereits begriffen hat, was der Sinn des Lebens ist. So viele Voraussetzungen mußten erfüllt werden, damit die Übersetzung der Odyssee nicht zu einer sklavischen Nachbildung werden, sondern damit uns aus ihr das lebendige Wort entgegenklingen und ganz Rußland Homer als etwas Verwandtes und Vertrautes aufnehmen konnte.

Dafür ist auch etwas wahrhaft Wunderbares zustande gekommen. Das ist keine Übersetzung, sondern eher eine Neuschöpfung, eine Restauration, eine Auferstehung Homers. Die Übersetzung scheint uns noch tiefer in das Leben der Alten einzuführen, als selbst das Original. Der Übersetzer ist gleichsam ganz unmerklich zum Kommentator Homers geworden, er hat sich gewissermaßen wie ein die Dinge verdeutlichendes Sehrohr vor den Leser gestellt, das alle unendlichen Schätze Homers noch klarer und bestimmter hervortreten läßt.

Meiner Überzeugung nach haben sich heute die Verhältnisse wie mit Absicht so gestaltet, daß das Erscheinen der Odyssee in unserer Zeit geradezu zur Notwendigkeit werden mußte: in der Literatur wie überall sonst — macht sich eine gewisse Kühle, ein Nachlassen des Interesses bemerkbar. Eine Müdigkeit hat die Menschen ergriffen, man begeistert sich nicht mehr und man ist nicht mehr enttäuscht. Selbst die krampfhaften und krankhaften Produkte unseres Zeitalters, mit ihrem Einschlag aller möglichen unverdauten Ideen, wie sie uns als Folge politischer und anderer Gärungen angeflogen sind, sind sehr im Niedergang begriffen, nur die ewig nachhinkenden Leser, die daran gewöhnt sind, sich an die Schleppe der führenden Journalisten zu hängen, lesen noch hin und wieder etwas Derartiges, ohne in ihrer Einfalt zu bemerken, daß die vorangehenden Leithämmel schon längst sinnend und nachdenklich stehen geblieben sind, da sie selbst nicht wissen, wohin sie ihre umherirrenden Herden führen sollen. Mit einem Wort, jetzt ist eine Zeit gekommen, wo das Erscheinen eines edlen, in all seinen Teilen formvollendeten Werks, das das Leben mit einer wunderbaren Deutlichkeit und Klarheit widerspiegelt und von dem eine hohe Ruhe und der Hauch einer geradezu kindlichen Einfalt ausgeht, von unendlicher Bedeutung sein kann.