Von der Odyssee wird eine große Wirkung auf uns alle und auf jeden einzelnen von uns ausgehen.

Sehen wir einmal zu, was für eine Wirkung sie auf uns alle ausüben kann. Die Odyssee ist das Werk, das alle notwendigen Voraussetzungen dafür enthält, ein Buch zu werden, das allgemein und vom ganzen Volke gelesen wird. Sie vereint in sich die Spannung, die von einem Märchen ausgeht, und die schlichte Wahrheit menschlicher Erlebnisse, die auf jeden Menschen, er mag sein, wer er will, den gleichen Reiz ausüben. Edelleute und Bürger, Kaufleute, Gebildete wie Ungebildete, einfache Soldaten, Bediente, Kinder beiderlei Geschlechts, von jener Altersstufe an, wo die Kinder Freude an Märchen zu bekommen pflegen — sie alle werden sie lesen und ihr lauschen, ohne sich zu langweilen — ein Umstand von ungeheurer Wichtigkeit, besonders wenn man bedenkt, daß die Odyssee zugleich ein wahrhaft moralisches Werk ist und daß der alte Dichter sie nur deshalb gedichtet hat, weil er die Handlungen der damaligen Menschen und ihre Gesetze in lebendigen Bildern darstellen wollte.

Im griechischen Polytheismus liegt nichts Verführerisches für unser Volk. Unser Volk ist klug, es weiß sich selbst solche Dinge, die die gescheitesten Leute in Verlegenheit bringen, ohne viel Kopfzerbrechen zu deuten und zu erklären. Es wird aus alledem nur dies eine entnehmen: wie schwer es für den Menschen ist, allein und ohne Hilfe von Propheten und höherer Offenbarungen zu einer wahrhaften Erkenntnis Gottes zu gelangen, welch unsinnige Vorstellungen und Bilder er sich von Seinem wahren Wesen macht, wenn er die Einheit und die eine Allkraft in eine Vielheit von Kräften und Formen zerspaltet. Es wird nicht einmal über die alten Heiden lachen, weil es sie für gänzlich unschuldig halten wird: zu ihnen sprachen keine Propheten, Christus war noch nicht geboren, Apostel gab es damals noch nicht. Nein, das Volk wird sich eher den Kopf kratzen beim Gedanken, daß es mit geringerem Eifer zu Gott betet und seine Pflicht und Schuldigkeit schlechter erfüllt, als die alten Heiden, obwohl es den wahren Gott in Seiner wirklichen Gestalt kennt, obwohl es Sein geschriebenes Gesetz stets in Händen hat und in seinen Beichtvätern Lehrer und Berater hat, die ihm das Gesetz auslegen. Das Volk wird verstehen, warum der Höchste auch dem Heiden um seines guten Lebenswandels und seines inbrünstigen Gebets willen Seinen Beistand lieh, trotzdem er Ihn aus Unwissenheit in der Gestalt eines Poseidon, Kronion, Hephaistos, Helios, Kypris und der ganzen Schar von Göttern, die die lebhafte Phantasie der Griechen ersonnen hat, anbetete und zu ihnen flehte. Mit einem Wort, das Volk wird den Polytheismus beiseite lassen und sich nur das aus der Odyssee aneignen, was es sich daraus aneignen soll, d. h. das, was allen deutlich sichtbar ist, was den Geist ihres Inhalts bildet und den eigentlichen Zweck ausmacht, um dessentwillen die Odyssee geschrieben ist; er wird daraus die Lehre ziehen, daß dem Menschen überall und auf jedem Gebiet viel Unglück bevorsteht, daß er dagegen ankämpfen muß — denn nur dazu ward dem Menschen das Leben gegeben — daß er niemals verzagen darf, wie Odysseus nie verzweifelte, der sich in schweren Stunden der Not stets an sein Herz wandte, ohne zu ahnen, daß er schon durch diese Wendung an sein eigenes inneres Ich jenes innere an Gott gerichtete Gebet erschuf, das sich jedem Menschen, auch dem, der nicht einmal einen Begriff von Gott hat, auf die Lippen drängt. Das ist das Allgemeine, der lebendige Geist ihres Inhalts, durch den die Odyssee einen Eindruck auf alle machen muß, noch ehe sie entzückt und ergriffen sein werden von ihren dichterischen Vorzügen: der Wahrheit der Bilder und der Lebendigkeit der Schilderungen; noch ehe andre bewundernd staunen werden über die antiken Schätze, die sich hier vor ihnen auftun und die in all diesen Einzelheiten weder von der Skulptur, noch von der Malerei, noch von den antiken Denkmälern im allgemeinen festgehalten wurden; noch ehe wieder andre verwundert dastehen werden über die unglaubliche Kenntnis aller Windungen und Falten der menschlichen Herzen, die alle offen dalagen vor dem blinden Sänger, der alles sah; noch ehe wiederum andre staunen werden über den tiefen staatsmännischen Blick, die große Beherrschung der schweren Kunst der Menschenleitung und -regierung, die der göttliche Alte gleichfalls besaß, er, der ein Gesetzgeber seines eigenen und der kommenden Geschlechter war — mit einem Wort, noch ehe sich jemand je nach seinem Beruf, Handwerk, seiner Beschäftigung, seinen Neigungen, Liebhabereien und seiner persönlichen Eigenart für irgendeine Einzelheit in der Odyssee begeistern wird. Und dies alles nur daher, weil sich dieser Geist ihres Inhalts, dieses ihr inneres Wesen einem jeden mit so greifbarer Deutlichkeit aufdrängt, wie es in keinem andern Werk mit ähnlicher Kraft zum Ausdruck kommt, alles durchdringend und alles beherrschend, besonders wenn wir noch darauf achten, wie lebendig, wie farbig alle Episoden sind, deren jede beinahe die Grundidee zu überstrahlen, in den Hintergrund zu drängen imstande ist.

Warum aber müssen das alle so deutlich empfinden? Darum, weil es dem alten Dichter so tief aus der Seele dringt. Man sieht förmlich auf Schritt und Tritt, wie er das, was er für alle Zeiten im Menschen befestigen und sichern wollte, mit der ganzen bestrickenden Schönheit der Poesie zu umkleiden suchte; wie er danach strebte, was an den Volkssitten gut und lobenswert war, zu erhalten und zu kräftigen, wie er bemüht war, den Menschen an das Beste und Heiligste zu mahnen, was in ihm liegt, und was er jeden Augenblick vergessen kann — in jedem seiner Helden den Menschen ein Muster und Beispiel für jeden Beruf und Stand zu hinterlassen und allen zusammen in seinem unermüdlichen Odysseus ein ewiges Musterbild allgemeinmenschlicher Tätigkeit aufzustellen.

Diese strenge Achtung der Sitten, diese tiefe Ehrfurcht vor der Obrigkeit und den Regierenden, trotz der begrenzten und noch wenig entwickelten Regierungsgewalt, diese jungfräuliche Schamhaftigkeit der Jünglinge, diese Güte und diese Milde der Greise, diese herzliche Gastfreundschaft, dieser Respekt, man möchte fast sagen, diese Ehrfurcht vor dem Menschen, als dem Ebenbilde Gottes, dieser Glaube, daß kein guter Gedanke im Hirne der Menschen entspringt, ohne den souveränen Willen eines höheren Wesens, daß der Mensch aus eigener Kraft nichts zu erreichen vermag — kurz alles, jeder kleinste Zug in der Odyssee kündet von dem inneren Wunsche dieses Dichters aller Dichter, dem Menschen der alten Welt ein lebendiges und vollständiges Gesetzbuch zu hinterlassen, zu einer Zeit, als es noch weder Gesetzgeber noch Stifter von Rechtsordnungen gab, als noch die Beziehungen unter den Menschen durch keine geschriebenen Bestimmungen oder bürgerlichen Rechte geregelt waren, als die Menschen noch sehr vieles nicht wußten, ja nicht einmal ahnten und als allein der göttliche Greis alles sah, hörte, erkannte und ahnte — ein blinder Mann, der der Sehkraft beraubt, die allen Menschen eigen ist, und nur bewaffnet war mit jenem inneren Auge, das die Menschen nicht besitzen.

Wie kunstvoll ist doch die Arbeit langjähriger Überlegungen unter der Schlichtheit eines treuherzigen Berichtes versteckt! Es ist fast, als hätte er alle Menschen zu einer Familie versammelt und säße nun mitten unter ihnen, wie der Großvater unter seinen Enkeln, der gelegentlich selbst dazu bereit ist, mit ihnen zu spielen und Mutwillen zu treiben, und als trage er nun treuherzig seine Erzählung vor, nur darum besorgt, niemand zu ermüden oder durch unangebrachte und allzu lange Belehrungen zu erschrecken, sondern ihn unsichtbar auf Windesflügeln durch die ganze Welt zu tragen, auf daß sich alle spielend aneignen, was dem Menschen durchaus nicht zu Spiel und Scherz gegeben ward, und auf daß sie unmerklich davon kosteten und sich davon erfüllten, was er während seines Jahrhunderts und zu seiner Zeit an Schönstem und Bestem gesehen und erfahren hat. Man könnte das Ganze beinahe für eine ohne jede Vorbereitung dahinfließende Erzählung halten, wenn sich einem nicht nachträglich, nach einer aufmerksamen Analyse die wunderbare Kunst des Baus — des Ganzen sowohl wie die jedes Gesanges im einzelnen enthüllte. Wie dumm sind doch die superklugen deutschen Gelehrten, die den Gedanken aufgebracht haben, Homer sei ein Mythos und all seine Werke seien Volksgesänge und Rhapsodien.

Doch sehen wir nun einmal zu, was für eine Wirkung die Odyssee auf jeden einzelnen von uns ausüben kann. Zunächst wird sie auf unsere Schriftstellerzunft, auf unsere Autoren wirken. Sie wird viele dem Lichte zurückgeben, nachdem sie sie wie ein gewandter Lotse durch den Nebel und die Verwirrung hindurchgesteuert hat, die durch unsere zerfahrene und unausgegorene Schriftstellergeneration heraufbeschworen wurde. Sie wird uns alle wieder daran erinnern, mit welch naiver ungekünstelter Schlichtheit die Natur reproduziert, wie jeder Gedanke bei uns zu einer geradezu greifbaren Klarheit gebracht werden, in welch ruhigem Gleichmaß unsere Rede dahinfließen muß. Sie wird allen unseren Schriftstellern wieder jene alte Wahrheit näher bringen, die wir unser ganzes Leben lang im Auge behalten sollten und die wir doch immer wieder vergessen: daß wir nämlich nicht eher zur Feder greifen sollten, als bis sich in unserem Kopfe alles zu der Klarheit und Ordnung gestaltet hat, daß selbst ein Kind imstande wäre, alles zu verstehen und in seinem Gedächtnis aufzubewahren. Aber eine noch stärkere Wirkung als auf die Schriftsteller wird die Odyssee auf die ausüben, die sich erst auf die Schriftstellerlaufbahn vorbereiten, und die, ob sie nun auf dem Gymnasium sind oder auf der Universität studieren, ihr künftiges Arbeitsfeld noch unklar und wie im Nebel vor sich sehen: diese kann die Odyssee von Anfang an auf den rechten Weg weisen und sie vor einem unnötigen Herumirren in krummen winkligen Gassen bewahren, in denen sich ihre Vorgänger zur Genüge umhergetrieben haben.

Ferner wird die Odyssee auch einen Einfluß auf den Geschmack und die Entwicklung des ästhetischen Gefühls ausüben. Sie wird einen frischen Zug in die Kritik hineintragen. Unserer Kritik hat sich eine gewisse Müdigkeit bemächtigt, sie hat in der Analyse der problematischen Werke unserer neuesten Literatur Ziel und Richtung verloren, sie hat sich in ihrer Verzweiflung auf Seitenwege verirrt, läßt die literarischen Probleme ganz beiseite und produziert nur noch ganz törichtes Zeug. Das Erscheinen der Odyssee aber kann vielleicht viele wirklich gute und tüchtige Kritiken hervorrufen, um so mehr, als es wohl auf der Welt kaum ein zweites Werk gibt, das sich von so vielen Seiten aus betrachten läßt, wie die Odyssee. Ich bin überzeugt, daß die Diskussionen, die Untersuchungen, die Betrachtungen und Erörterungen, die Bemerkungen und Gedanken, zu denen sie Veranlassung geben wird, unsere Zeitschriften mehrere Jahre lang beschäftigen werden. Diese Leser werden nur Vorteil davon haben: die Kritiken werden nicht mehr so hohl und nichtssagend sein. Um eine solche Kritik zu schreiben, muß man viel lesen, sich über vieles neu orientieren, viel erlebt und über vieles nachgedacht haben; ein hohler und oberflächlicher Kopf wird über die Odyssee kaum etwas zu sagen wissen.

Drittens kann die Odyssee in dem russischen Gewande, das ihr Schukowski gegeben hat, viel zur Reinigung unserer Sprache beitragen. Bei keinem unserer Schriftsteller, in keinem der früheren Werke Schukowskis, ja nicht einmal bei Puschkin und Krylow, die häufig im Ausdruck, in ihren Wendungen noch schärfer und genauer sind, als jener, hat die russische Sprache einen solchen Reichtum, eine solche Vollkommenheit erreicht. Hier finden sich alle ihre Wendungen und Nuancen in sämtlichen Variationen und Abstufungen. Diese ungeheuren unendlichen Perioden, die bei jedem andern matt und dunkel wirken würden, und andererseits wiederum die knappen kurzen Perioden, die bei andern hart und abgerissen klingen und der Rede etwas Herbes, Gefühlloses verleihen würden, stehen bei Schukowski so brüderlich zusammen, alle Übergänge und der Zusammenstoß der Gegensätze vollziehen sich mit einem solchen Wohllaut, alles fließt so in eins zusammen und läßt die schwerfällige Masse des Ganzen sich so zerteilen und verschwinden, daß man den Eindruck hat, als hätten der Bau und das Gefüge der Sprache sich überhaupt verflüchtigt; sie scheinen nicht mehr vorhanden zu sein, so wie auch der Übersetzer völlig verschwindet. Statt seiner aber steht der greise Homer in seiner ganzen majestätischen Größe vor unseren Augen, und wir hören die hehren, gewaltigen, ewigen Worte, die nicht dem Munde eines Menschen entstammen, sondern deren Bestimmung es ist, — ewig durch die Welt zu tönen. Jetzt werden unsere Schriftsteller erkennen, mit welch kluger Vorsicht jedes Wort und jeder Ausdruck verwendet sein will, wie man jedem schlichten Wort seine hohe Würde wiedergeben kann durch die Kunst, ihm seinen richtigen Platz anzuweisen, und was für ein solches Werk, dessen Bestimmung es ist, in den Händen aller zu sein und von allen genossen zu werden — das ein geniales Werk ist, diese äußere Wohlgestalt und dieser äußere Anstand, diese Durchbildung und Abrundung des Ganzen bedeuten: hier fällt jedes kleinste Staubkörnchen ins Auge und wird von jedem bemerkt. Schukowski vergleicht diese Staubkörnchen sehr richtig mit Papierschnitzeln, die in einem herrlich ausgeschmückten Prunkgemach herumliegen, wo von der Decke herab bis zum Parkett alles glänzt und strahlt wie ein Spiegel: jeder Eintretende wird zuallererst diese Papierschnitzel bemerken, und zwar aus demselben Grunde, aus dem er sie in einem unsauberen unaufgeräumten Zimmer überhaupt nicht entdecken würde.

Viertens wird die Odyssee sowohl die Wißbegierde derer, die sich mit der Wissenschaft beschäftigen, wie auch derer, die keine Wissenschaft studiert haben, befruchten, indem sie uns eine lebendige Kenntnis der antiken Welt vermitteln wird. In keinem Geschichtswerk kann man das finden, was man aus ihr schöpfen kann; von ihr geht ein lebendiger Hauch der Vergangenheit aus; der antike Mensch steht lebendig vor unseren Augen, als hätten wir ihn erst gestern gesehen und mit ihm gesprochen. Man sieht ihn förmlich vor sich in seinem ganzen Tun und Treiben und zu allen Tageszeiten: wie er sich andächtig zum Opfer vorbereitet, wie er beim Becher ehrsam mit dem Gastfreund spricht, wie er sich ankleidet, wie er auf den Platz hinaustritt, wie er den Reden der Greise lauscht und die Jünglinge belehrt; sein Haus, sein Wagen, sein Schlafgemach, das kleinste Möbelstück im Hause, von den Tischen, die hereingetragen werden, bis zum Riemenriegel an der Tür — alles steht noch frischer und lebendiger vor unseren Augen, als in dem ausgegrabenen Pompeji.