Einleitung
Die Göttliche Liturgie ist die ewige Wiederholung des großen Liebeswerkes, das für uns geschehen ist. Tief bekümmert über ihre Gebrechen und Unvollkommenheiten hatten die Menschen überall und an allen Enden der Welt ihren Schöpfer um Hilfe angefleht — sowohl die, die in der Finsternis des Heidentums verharrten, als auch die, die keine Gotteserkenntnis besaßen —, fühlten sie doch, daß hier auf Erden Ordnung und Harmonie nur durch Den hergestellt werden könnten, Der die von Ihm selbst erschaffenen Welten geheißen hatte, sich in streng geregelten Bahnen zu bewegen. Überall rief die schmerzbewegte Kreatur ihren Schöpfer herbei. Alles schrie qualvoll zum Urheber seines Daseins empor, und diese Klagen tönten am lautesten und deutlichsten aus dem Munde der Auserwählten und der Propheten. Man hatte ein dunkles Vorgefühl, ja man wußte, daß der Schöpfer, Der sich hinter Seinen Werken versteckt hatte, noch einmal persönlich vor die Menschen treten — daß Er in Gestalt keines Geringeren als jenes von Ihm selbst nach Seinem Bilde erschaffenen Wesens vor ihnen erscheinen würde. Sowie sich die Begriffe, die man sich von der Gottheit machte, zu reinigen begannen, tauchte überall der Gedanke einer irdischen Menschwerdung Gottes auf. Nirgends aber wurde mit solcher Klarheit und Deutlichkeit davon gesprochen, wie bei den Propheten des von Gott auserwählten Volkes. Seine reine Fleischwerdung durch die reine Jungfrau wurde selbst von den Heiden vorausgeahnt, nirgends jedoch in jener leuchtenden greifbaren Klarheit wie bei den Propheten.
Diese Klagen fanden Erhörung: Er kam in die Welt, durch Den die Welt erschaffen ward. Er erschien unter uns in Menschengestalt, wie es die Menschen — selbst in der finstersten Finsternis des Heidentums vorausgeahnt und dunkel gefühlt hatten — nur nicht in der Weise, wie man es sich zufolge der noch ungeläuterten Begriffe vorgestellt hatte — nicht in stolzer Pracht und Majestät, nicht als Richter, der da kommt, um die Verbrecher zu strafen, die einen zu vernichten und die anderen zu belohnen. O nein! Man vernahm nichts als einen sanften Bruderkuß. Er erschien in der Gestalt, wie sie nur Gott allein eigentümlich ist, und wie sie die göttlichen Propheten, an die Gottes Gebot ergangen war, vorgebildet hatten.
Das Offertorium
(Proscomidia)
Der Priester, der die Liturgie zelebrieren soll, muß schon am Vorabend auf körperliche und geistige Nüchternheit Wert legen und Enthaltsamkeit üben, er muß sich mit allen Menschen ausgesöhnt haben und sich davor hüten, noch etwas wie Ärger oder Zorn gegen irgend jemand zu hegen. Wenn dann die Stunde gekommen ist, betritt er die Kirche. Der Diakon und er beugen sich anbetend vor der Königspforte, küssen das Bild des Heilands, das Bild der Mutter Gottes, verbeugen sich vor allen Heiligen, verneigen sich nach rechts und links vor allen Anwesenden, indem sie hierdurch alle um Vergebung bitten, und betreten den Altarraum, wobei sie still für sich die Worte des Psalms sprechen. „Ich aber will in Dein Haus gehen und anbeten gegen Deinen heiligen Tempel in Deiner Furcht.“ Sodann treten sie vor den Hochaltar, fallen [mit dem Gesicht gen Osten gewandt] dreimal vor ihm nieder und küssen das auf ihm liegende Evangelium, als wäre der auf dem Hochaltar Thronende Gott selbst, sie küssen auch den heiligen Abendmahlstisch und gehen sodann hin, sich in die heiligen Gewänder zu hüllen, um sich hierdurch nicht nur von den anderen Menschen zu unterscheiden, sondern auch um sich von sich selbst zu befreien, damit nichts an ihnen an einen Menschen erinnere, der noch seinen alltäglichen irdischen Geschäften nachgeht. Mit den Worten „Gott! reinige mich armen Sünder und erbarme Dich meiner!“ erfassen Priester [und Diakon] die Gewänder. Zuerst zieht sich der Diakon an; er bittet den Priester um seinen Segen und legt das Chorhemd (Sticharion) und ein Untergewand von glänzender, leuchtender Farbe an, das gleichsam zum Symbol des lichten Engelskleides dient und die makellose Herzensreinheit andeuten soll, die unzertrennlich mit dem Priesteramt verbunden sein muß. Daher spricht er auch, während er sich den Rock anzieht, die Worte: „Ich freue mich im Herrn, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott: denn Er hat mich angezogen mit Kleidern des Heils und mit dem Rock der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Schmuck gezieret und wie eine Braut in ihrem Geschmeide.“
Hierauf nimmt er die Stola und küßt sie; dies ist ein langes schmales Band, das Kennzeichen des Diakonenamts, mit dem er zu Beginn jeder kirchlichen Handlung das Zeichen gibt, die Gemeinde zum Gebet, die Sänger zum Singen, den Priester zur Verrichtung der heiligen Handlungen und sich selbst zu engelhafter Geschwindigkeit und Bereitschaft zum heiligen Dienste aufruft. Denn der Beruf des Diakons gleicht dem der Engel im Himmel, und durch dies schmale Band, das er an sich trägt, und das gleich einem ätherischen Flügel in der Luft flattert, sowie durch sein schnelles Durcheilen der Kirche stellt er nach dem Wort des Johannes Chrysostomus den Flug der Engel dar.
Nachdem er das Band geküßt hat, befestigt er es an der Schulter. Sodann legt er die Armbänder oder Überärmel an, die dicht über dem Handgelenk zusammengebunden werden, um den Händen eine größere Freiheit und Leichtigkeit bei der Verrichtung der bevorstehenden heiligen Handlung zu verleihen. Während er sie anzieht, denkt er über die unablässig alles erschaffende, überall wirksame Kraft Gottes nach, und indem er den rechten Überärmel anzieht, spricht er: „Herr, Deine rechte Hand tut große Wunder. Herr, Deine rechte Hand hat die Feinde zerschlagen, und mit Deiner großen Herrlichkeit hast Du Deine Widerwärtigen gestürzt.“ Dann zieht er den linken Überärmel an und denkt dabei an sich selbst, daß er ein Werk von Gottes Hand sei, und er betet zu Ihm, Der ihn erschaffen hat, Er möge ihn lenken und leiten und ihm Seine höchste himmlische Führung zuteil werden lassen, und er spricht: „Deine Hand hat mich gemacht und bereitet. Unterweise mich, daß ich Deine Gebote lerne.“
In derselben Weise kleidet sich auch der Priester an. Zuerst segnet er den Priesterrock, den er dann anzieht, indem er diesen Akt mit denselben Worten begleitet wie der Diakon; nach dem Priesterrock aber legt er sich die Stola an, jedoch nicht die einfache, sondern eine solche, die beide Schultern bedeckt, den Hals umschließt und deren beide Enden sich wieder auf der Brust vereinigen und so in eins verbunden bis an den unteren Saum seines Kleides hinabreichen; hiermit soll angedeutet werden, daß sich in seinem Amte zwei Ämter vereinigen — das des Priesters und das des Diakons. Auch heißt das Kleidungsstück nicht mehr Orarion, sondern Epitrachil, und es symbolisiert, indem es angelegt wird, die Ausgießung der himmlischen Gnade über die Priester; daher wird dieser Akt auch von den erhabenen Worten der Heiligen Schrift begleitet: „Gelobt sei Gott, Der Seine Gnade ausgießet über seine Priester wie das Salböl, das von dem Haupte Aarons herabfließet auf seinen Bart und auf den Saum seines Kleides.“ Sodann zieht der Priester beide Überärmel an, indem er diese Handlung mit denselben Worten begleitet wie der Diakon, und umgürtet sich mit einem Gürtel, der Chorrock und Stola umschließt, damit das weite bauschige Gewand ihn nicht bei der Verrichtung der heiligen Handlung behindere und um durch diese Umgürtung seine Dienstbereitschaft anzudeuten, denn der Mensch pflegt den Gürtel anzulegen, wenn er sich reisefertig macht, wenn er ein Werk in Angriff nimmt oder zur Tat schreitet; so legt auch der Priester den Gürtel an, indem er seinen Weg antritt und sich zum himmlischen Dienste vorbereitet. Er betrachtet seinen Gürtel wie eine Feste der göttlichen Macht, die ihn stärkt und kräftigt, und er spricht: „Gelobt sei Gott, Der mich mit Kraft umgürtet und meinen Weg untrüglich macht, meine Füße geschwinder denn die des Hirsches und stellt mich auf die Höhe,“ d. h. in das Haus des Herrn. Wenn er jedoch eine höhere priesterliche Würde innehat, so hängt er ein viereckiges Stück Tuch an einer seiner Ecken an seine Lende; es symbolisiert das geistige Schwert, die alles überwindende Kraft des göttlichen Wortes und ist ein Zeichen des ewigen Krieges, der dem Menschen auf Erden bevorsteht — und kennzeichnet den Sieg über den Tod, den Christus vor aller Welt errungen hat, auf daß der unsterbliche Geist des Menschen mutig den Kampf aufnehme wider die Verwesung. Daher gleicht dies Stück Tuch auch einer starken Streitwaffe, und es wird am Gürtel an der Lende aufgehängt, in der die Kraft des Menschen liegt, und dieser Akt wird von einem Anruf des Herrn selbst begleitet: „Gürte dein Schwert an deiner Seite, du Held, und schmücke dich schön. Es müsse dir gelingen in deinem Schmuck, ziehe einher der Wahrheit zugute, und die Elenden bei Recht zu behalten; so wird deine rechte Hand Wunder beweisen.“ Endlich legt der Priester noch das Psalonion, ein Gewand zum Symbol der höchsten alles umfassenden Gerechtigkeit Gottes an, und er begleitet diese Handlung mit den Worten: „Deine Priester laß sich kleiden mit Gerechtigkeit und Deine Heiligen sich freuen.“
Also ausgerüstet mit der göttlichen Rüstung steht der Priester nunmehr als ein anderer Mensch da: was er auch selbst und an sich für ein Mensch, so unwürdig er seines Amtes sein mag, alle, die im Tempel weilen, blicken auf ihn [als auf] ein Werkzeug Gottes, das vom Heiligen Geist erfüllt ist. Der Priester und der Diakon waschen sich sodann beide die Hände, indem sie die Worte des Psalms sprechen: „Ich wasche meine Hände in Unschuld und halte mich zu Deinem Altar.“ Dann verbeugen sie sich dreimal, indem sie sprechen: „Gott, reinige mich Armen von meinen Sünden und erbarme Dich meiner!“ und erheben sich gereinigt und erleuchtet, gleich ihrer leuchtenden Kleidung, in nichts mehr an andere Menschen erinnernd und eher einer strahlenden Vision als einem Menschen gleichend.
Der Diakon kündigt den Beginn der heiligen Handlung an, indem er spricht: „Segne uns, o Herr!“, der Priester eröffnet die Feier mit den Worten: „Gelobt sei Gott, jetzt und immerdar, hinfort und in alle Ewigkeit!“ und tritt dann an den Seitenaltar. Dieser ganze Teil des Gottesdienstes besteht in der Zubereitung alles dessen, was zu einer heiligen Handlung erforderlich ist: während dieses Teils des Gottesdienstes werden die Stücke Brot von den Prosphoren oder Opfergaben abgesondert, die zu Anfang den Leib Christi repräsentieren und sich sodann in ihn verwandeln sollen.