Da das ganze Offertorium nichts anderes ist als eine bloße Vorbereitung auf die Liturgie, hat die Kirche die Erinnerung an die ersten Lebensjahre Christi an sie geknüpft, waren doch diese auch eine Vorbereitung auf seine großen Werke, die er später auf Erden vollbrachte. Das Offertorium spielt sich ganz im Innern des Altarraumes bei geschlossenen Türen und zugezogenem Vorhang ab, ohne daß die Gemeinde etwas davon sieht, wie ja auch Christus seine ersten Lebensjahre ganz im Verborgenen verbrachte, ohne daß das Volk etwas von Ihm erfuhr. Für die andächtige Gemeinde aber werden während dieser Zeit die „Horen“[4] gelesen — eine Sammlung von Psalmen und Gebeten, die die Christen an den vier wichtigsten Tageszeiten zu lesen pflegten, um die erste Stunde, wenn für die Christen [der Morgen] begann, um die dritte, d. h. um die Stunde, als sich der Heilige Geist herabsenkte, um die sechste, d. h. also um die Stunde, als der Erlöser der Welt ans Kreuz geschlagen wurde, und um die neunte Stunde, als Er Seinen Geist aufgab. Da der Christ von heute aus Mangel an Zeit und wegen der unablässigen Zerstreuungen nicht in der Lage ist, diese Gebete zu den angegebenen Stunden zu verrichten, werden sie allesamt bei dieser Gelegenheit verlesen.
Der Priester tritt nun vor den Seitenaltar oder die Prothesis hin, die sich in einer Wandnische befindet und die alte seitliche Vorratskammer des Tempels symbolisieren soll, und nimmt eines der Weihbrote heraus, um aus ihm den Teil zu gewinnen, der sich später in den Leib Christi verwandeln soll: es ist dies das mit einem Siegel versehene Mittelstück, das den Namen Jesu Christi trägt. Durch die Absonderung eines Teils vom ganzen Brote deutet er auf den Akt der Trennung des Fleisches Christi vom Fleisch der Jungfrau — deutet er auf die Geburt des Immateriellen aus dem Fleische hin. Und indem er sich vorstellt, daß Er geboren wird, Der Sich für die ganze Welt zum Opfer brachte, verbindet sich für ihn damit erneut und unfehlbar der Gedanke an das Opfer und an die Opfertat selbst, und er erkennt im Brote das Lamm, das geopfert ward, und im Messer, mit dem er das Brot zerteilt, das Opfermesser, das das Aussehen einer Lanze hat, zur Erinnerung an die Lanze, mit der der Leib des Heilands am Kreuze durchstochen ward. Nun aber begleitet er seine Handlung nicht mit den Worten des Heilands, noch mit den Worten derer, die Zeugen der damaligen Vorgänge waren, er versetzt sich nicht in die Vergangenheit, d. h. in die Zeit, da diese Opfertat vollbracht wurde: dies geschieht später im letzten Teile der Liturgie; er erschaut dieses kommende Ereignis von ferne mit ahnender Seele, daher begleitet er auch die ganze heilige Handlung mit den Worten des Jesaias, der aus der fernen Zeit und durch die Finsternis der Jahrhunderte hindurch die künftige wundersame Geburt, die Selbstaufopferung und den Tod des Heilands vorausahnte und dies mit einer schier unbegreiflichen Klarheit vorausverkündigte. Indem der Priester die Lanze in den rechten Teil des Siegels stößt, spricht er die Worte des Propheten Jesaias: „Wie ein Lamm wird Er zur Schlachtbank geführt,“ dann stößt er die Lanze in den Teil, der zur Linken liegt, und spricht: „Und wie ein unschuldiges Lamm sich stumm scheren läßt, so öffnet er seinen Mund nicht,“ dann versenkt er die Lanze in den oberen Teil des Siegels und spricht: „Um Seiner Demut willen ward Er verdammt,“ stößt ihn dann in den unteren Teil, indem er die Worte des Propheten wiederholt, der über die wunderbare Herkunft des Opferlammes nachsinnt: „Wer vermag zu sagen, aus welchem Geschlechte Er stammt?“
Endlich hebt er das herausgeschnittene Mittelstück des Brotes auf der Lanze empor und spricht: „Denn Sein Leib ward von der Erde hinweggenommen,“ und schneidet hierauf kreuzweise — den Kreuzestod des Heilands symbolisierend — das Opferzeichen hinein, gemäß dem es während der kommenden heiligen Handlung gebrochen wird. Dazu spricht er: „Geopfert wird das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, zum Leben und zum Heil der Welt.“ Nachdem er sodann das Brot so hingelegt hat, daß das Siegel unten, der herausgeschnittene Teil oben liegt und das geopferte Lamm versinnbildlicht, stößt er die Lanze in die rechte Seite — wodurch die Hinschlachtung des Opfers symbolisiert, zugleich aber auch darauf hingedeutet werden soll, daß die Seite des Heilands von einem am Kreuze stehenden Krieger mit der Lanze durchstochen ward. Hierbei spricht er: „Der Kriegsknechte einer öffnete Seine Seite mit einem Speer, und alsbald ging Blut und Wasser heraus. Und der das gesehen hat, der hat es bezeuget, und sein Zeugnis ist wahr.“
Diese Worte dienen dem Diakon zugleich zum Zeichen, daß nun die Zeit gekommen ist, Wasser und Wein in den heiligen Kelch zu gießen. Der Diakon, der bisher alles, was der Priester getan, ehrfürchtig und andachtsvoll verfolgt hat, indem er ihn bald zum Beginn des heiligen Dienstes aufforderte, bald wieder bei jeder Handlung die Worte: „Lasset uns beten zu dem Herrn!“ vor sich hinmurmelte, gießt nun Wein und Wasser in den Kelch, nachdem er beide gemischt und sich den Segen des Priesters dazu erbeten hat. So sind nun Wein und Brot vorbereitet, um sich während der bevorstehenden heiligen Handlung zu transsubstantiieren.
Um einen Brauch der alten christlichen Kirche und der heiligen ersten Christen zu erfüllen, die sich, wenn sie an Christus dachten, stets auch an die Menschen erinnerten, die durch strenge Einhaltung Seiner Gebote und durch Heiligkeit ihres Lebenswandels Seinem Herzen am nächsten standen, schreitet der Priester zu den anderen Weihbroten, schneidet ein Stück zum Andenken an jene heraus und legt die Stücke auf dieselbe Patene[5] neben das heilige Brot, das den Herrn selbst darstellt, da ja auch jene von dem glühenden Wunsche verzehrt wurden, stets an der Seite des Herrn zu weilen. Indem er sodann das zweite Brot ergreift, schneidet er ein Stück zum Gedächtnis an die heilige Mutter Gottes heraus und legt es zur Rechten des heiligen Brotes hin, indem er die Worte aus dem Psalm Davids spricht: „Die Königin trat Dir zur Rechten, in ein goldenes Gewand gehüllt und reichlich geschmückt.“ Dann nimmt er das dritte Brot, das der Erinnerung der Heiligen geweiht ist, und schneidet mit demselben Speer neun Stücke aus ihm heraus, die er in drei Reihen zu je drei Stücken anordnet. Er schneidet ein Stück zu Ehren Johannes des Täufers, ein zweites zu Ehren der Propheten und ein drittes zu Ehren der Apostel heraus, und damit hat die erste Reihe und die erste Klasse der Heiligen ihren Abschluß erreicht. Sodann schneidet er zu Ehren der heiligen Kirchenväter ein viertes Stück, ein fünftes zu Ehren der Märtyrer und ein sechstes zu Ehren der heiligen gotterleuchteten Väter und Mütter heraus, und damit ist die zweite Reihe und die zweite Klasse der Heiligen vollendet. Und endlich schneidet er noch ein siebentes Stück zu Ehren der Wundertäter und Uneigennützigen, ein achtes zu Ehren der göttlichen Eltern Joachim und Anna und des Heiligen des Tages sowie ein neuntes zu Ehren des Johannes Chrysostomus oder Basilius des Großen heraus, je nachdem, wem zu Ehren an jenem Tage die Messe gelesen wird. Damit ist auch die dritte Reihe und die letzte Klasse der Heiligen vollendet, und der Priester legt nun alle neun Brotstücke, die er herausgeschnitten hat, auf die heilige Patene zur Linken neben das heilige Brot hin. So erscheint Christus inmitten derer, die Ihm am nächsten stehen, Er, der in der Heiligkeit Wohnende, wird sichtbar im Kreise Seiner Heiligen erblickt, als Gott unter Göttern und Mensch unter Menschen.
Hierauf ergreift der Priester das vierte Weihbrot, das der Erinnerung an alle Lebendigen geweiht ist, und schneidet aus ihm ein Stück zu Ehren des Kaisers, ein zweites zu Ehren der Synode und der Patriarchen und ferner noch einige weitere zu Ehren aller rechtgläubigen Christen heraus, wo auf Erden sie auch wohnen mögen, und endlich schneidet er auch noch für jeden einzelnen von ihnen, dessen er gedenken will und dessen zu gedenken man ihn gebeten hat, ein Stück heraus. Dann nimmt der Priester das letzte Weihbrot und schneidet Stücke zur Erinnerung an alle Verstorbenen aus ihm heraus, indem er für sie betet und Vergebung der Sünden für sie erfleht; er betet für die Patriarchen, für die Zaren, die Stifter des Tempels, den Erzpriester, der ihm die Priesterweihe erteilt hat, wenn dieser bereits verstorben ist, kurz, er schneidet für alle — bis auf den letzten Christen — für den man sich bei ihm verwendet hat oder dem zu Ehren er es selbst tun will, ein Stück heraus. Zum Schluß fleht er selbst um Vergebung aller seiner Sünden, dann schneidet er ein Stück für sich selbst heraus und legt alle Stücke auf die heilige Patene unterhalb des heiligen Brotes nieder. So also ist um dies Brot, d. h. um das Lamm, das Christus in eigener Person darstellt, Seine ganze Kirche versammelt: die triumphierende himmlische, wie die kämpfende irdische. Des Menschen Sohn erscheint inmitten der Menschen, um derentwillen er Fleisch ward und ein Mensch wurde.
Sodann nimmt der Priester einen Schwamm und liest alle Krümchen auf der Patene zusammen, auf daß nichts von dem heiligen Brote verloren gehe und auf daß alles erfüllet werde.
Dann tritt der Priester vom Altar zurück und fällt vor ihm nieder, als beuge er sich vor dem verkörperten Christus selbst; er begrüßt in dieser Gestalt das auf der Patene liegende Brot, das Erscheinen des himmlischen Brotes auf Erden; er begrüßt es, indem er mit Thymian räuchert, nachdem er das Rauchfaß zuvor gesegnet hat und indem er das Gebet spricht: „Wir bringen Dir Weihrauch dar, Christus unser Gott, auf daß es dufte von geistlichen Wohlgerüchen; nimm ihn an auf Deinen hohen über den Himmeln thronenden Altar und sende auf uns herab die Gnade Deines Heiligen Geistes.“
Und der Priester versetzt sich mit allen seinen Gedanken in die Zeit der Geburt Christi, indem er Vergangenes in Gegenwärtiges verwandelt, und er blickt auf diesen Seitenaltar, als wäre er die geheimnisvolle Krippe, darin zu jener Zeit der Himmel zur Erde herabgestiegen war: der Himmel war zur Krippe geworden, und die Krippe hatte sich in den Himmel verwandelt. Nachdem er den Asteriskos, der aus zwei goldenen Bogen mit einem Sterne darüber besteht, umräuchert und auf die Hostienschüssel gestellt hat, blickt er ihn an, wie wenn er der Stern wäre, der einst über dem Kindlein leuchtete, und er spricht: „Er kam, und der Stern stand oben über, da das Kindlein war“: er blickt auf das heilige Brot, das für die Opfer bestimmt ist, als wäre es das neugeborene Kindlein, als wäre die Patene die Krippe, in der das Kindlein lag, und als wären die Decken die Windeln, in die das Kindlein gehüllt war. Nachdem er vor der ersten Decke mit Weihrauch geräuchert hat, bedeckt er das heilige Brot und die Patene mit ihr und spricht die Worte des Psalms: „Der Herr ist König und herrlich geschmückt,“ d. h. des Psalms, in dem die wunderbare Größe und Herrlichkeit Gottes besungen wird. Hierauf räuchert er vor der zweiten Decke mit Weihrauch und bedeckt dann den heiligen Kelch mit ihr, indem er spricht: „O Herr Christus, Deine Güte bedeckt die Himmel, und die Erde ist Deines Ruhmes voll“. Er nimmt die große Decke, die der heilige Aër genannt wird, und bedeckt nun beides: die Patene und den Kelch mit ihr, indem er Gott anruft und Ihn bittet, uns mit Seinem schützenden Flügel zu bedecken; indem dann beide von dem Altar zurücktreten, verbeugen sie sich ehrfürchtig vor dem heiligen Brote, ganz so, wie einst die Hirtenkönige das neugeborene Kindlein anbeteten; hierauf räuchert der Priester vor der Krippe, zur Erinnerung an die wohlriechenden Myrrhen und Weihrauch, die die Weisen dem Kindlein zusamt dem kostbaren Golde darbrachten.
Der Diakon steht auch während dieser Zeit beständig dem Priester aufmerksam zur Seite, indem er jede Handlung mit den Worten: „Laßt uns beten zu dem Herrn“ begleitet oder das Zeichen zum Beginn der heiligen Handlung gibt. Endlich nimmt er das Räucherfaß aus den Händen des Priesters entgegen und fordert ihn zum Gebet auf, das von den für Ihn zubereiteten Gaben handelt und das er nun zu Gott emporsenden soll. „Laßt uns beten zu dem Herrn für die kostbaren Gaben, die wir ihm darbringen.“ Nunmehr beginnt der Priester das Gebet. Obwohl diese Gaben zunächst bloß für die Opferhandlung vorbereitet sind, dürfen sie von nun ab zu nichts anderem mehr verwendet werden. Der Priester spricht bei sich selbst ein Gebet, in dem er schon im voraus auf die Annahme der für das bevorstehende Opfer bestimmten Gaben vorbereitet. Dies Gebet lautet folgendermaßen: „Gott, unser Gott, Der Du uns das himmlische Brot, die Nahrung der ganzen Welt, unserm Herrn und Gott, Jesus Christus, unseren Heiland, Erlöser und Wohltäter gesandt hast, Der uns gesegnet und geheiligt hat, segne Du selbst, was wir Dir darbieten, und nimm es entgegen auf Deinem hoch über den Himmeln thronenden Altar: gedenke auch derer in Deiner Güte und Menschenliebe, die Dir dies dargebracht haben, sie, um derentwillen es dargebracht wurde, und unser selbst, und erhalte uns unschuldig in der Verrichtung Deiner göttlichen Sakramente.“ Und nach diesem Gebet vollzieht er das Offertorium. Der Diakon räuchert unterdessen vor den Schaubroten und sodann kreuzweise vor dem heiligen Altar. Er gedenkt der irdischen Geburt Dessen, Der geboren ward, ehe denn die Zeit war, der allgegenwärtig und der immerdar überall zugegen war, und er spricht bei sich selbst: „Du warst leibhaftig im Grabe, mit Deinem Geist in der Hölle, als Gott mit dem Übeltäter im Paradiese und auf dem Throne mit dem Vater und dem Heiligen Geiste, alles vollbringend, o Christus, Du Unbeschreiblicher.“