Und er tritt mit dem Räucherfaß in der Hand aus dem Altarraum hervor, um die ganze Kirche mit Wohlgerüchen zu erfüllen und alle, die sich zum heiligen Mahl der Liebe versammelt haben, willkommen zu heißen. Diese Räucherung findet stets zu Beginn des Gottesdienstes statt, wie ja auch im häuslichen Leben aller alten Völker des Orients jedem Gast bei seinem Eintritt eine Schüssel zum Waschen und Wohlgerüche dargebracht wurden. Dieser Brauch hat sich auch an dieses himmlische Festmahl geknüpft, an das geheimnisvolle Abendmahl, das den Namen der Liturgie trägt, in der sich der Gottesdienst und die brüderliche Bewirtung und Speisung aller in so wundersamer Weise vereinigt haben, wovon uns der Erlöser selbst, Der selbst allen diente und die Füße wusch, ein Beispiel gegeben hat. Indem dann der Diakon räuchert und sich in gleicher Weise vor allen verbeugt, vor den Reichsten wie vor den Ärmsten, heißt er, der Diener Gottes, sie alle herzlich willkommen als die lieben Gäste des himmlischen Wirtes; er räuchert und verbeugt sich dabei ehrfurchtsvoll vor den Bildern der Heiligen, denn auch sie sind ja Gäste, die zum heiligen Abendmahl erschienen sind: in Christo sind alle lebendig und untrennbar miteinander verbunden. Nachdem er alles vorbereitet und den Tempel mit Wohlgeruch erfüllt hat, kehrt er in den Altarraum zurück, in dem er nochmals räuchert; dann stellt er das Räucherfaß endlich beiseite, nähert sich dem Priester, und beide treten vor den heiligen Hochaltar.
Beide treten vor den heiligen Hochaltar hin, beide verneigen sich, sowohl der Priester wie der Diakon, dreimal bis zur Erde und rufen, indem sie sich nun zu der eigentlichen heiligen Handlung der Liturgie anschicken, den Heiligen Geist an, denn ihr ganzer Gottesdienst soll ja ein geistiger Dienst sein. Der Geist ist der Lehrer, der uns im Gebet unterweist. „Wir wissen nicht, um was wir bitten sollen,“ sagt der Apostel Paulus, „aber der Heilige Geist selbst tritt für uns ein, mit unaussprechlichen Seufzern.“ Der Priester und der Diakon flehen den Heiligen Geist an, in ihnen Wohnung zu nehmen, sie hierdurch zu reinigen und für ihren heiligen Dienst vorzubereiten, wobei sie zweimal nacheinander das Lied singen, mit dem die Engel die Geburt Jesu Christi begrüßten: „Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Nachdem sie ihren Gesang beendigt haben, wird der Vorhang der Kirche zurückgezogen; dies geschieht immer nur dann, wenn die Gedanken der Betenden auf die höchsten und erhabensten Gegenstände hingelenkt werden sollen. In diesem Falle soll die Öffnung des Tores zum Allerheiligsten nach dem Gesang der Engel andeuten, daß die Geburt Christi ja nicht allen Menschen offenbart ward, daß nur die Engel im Himmel, Maria, Joseph und die Magier, die gekommen waren, um das Kind anzubeten, Kenntnis von ihr besaßen, und daß nur die Propheten sie von ferne geahnt hatten. Der Priester und der Diakon sprechen bei sich: „O Herr, öffne meinen Mund, und mein Mund wird Deinen Ruhm verkünden.“ Der Priester küßt das Evangelium, der Diakon küßt den heiligen Hochaltar, senkt das Haupt und gibt das Zeichen für den Beginn der Liturgie, indem er mit drei Fingern seiner Hand die Stola emporhebt und spricht: „Es ist Zeit, zum Herrn zu beten. Segne mich, o Herr!“ und der Priester segnet ihn mit den Worten: „Gesegnet sei unser Gott, immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit.“ Und indem der Diakon der bevorstehenden heiligen Handlung gedenkt, während der er den Flug des Engels vom Altar zur Gemeinde und von der Gemeinde zum Altar nachahmen, alle in einem Geist und einer Seele vereinigen und gewissermaßen eine heilige, alles erweckende Kraft darstellen soll, und im Gefühl, daß er dieser Aufgabe nicht würdig ist, fleht er den Priester demütig an: „Bete für mich, o Herr!“ „Gott lenke deine Schritte!“ antwortet ihm der Priester. „Gedenke meiner, heiliger Mann!“ „Der Herr gedenke deiner in Seinem Reiche immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!“ Der Diakon spricht leise, aber mit kräftiger Stimme: „Amen!“ und tritt aus der nördlichen Tür vor das Volk hinaus. Er betritt die Kanzel, die der Königspforte gegenüberliegt, wiederholt nochmals bei sich selbst: „Herr, öffne meinen Mund, und mein Mund wird Deinen Ruhm verkünden!“ und indem er sich dem Altar zuwendet, fleht er den Priester nochmals an: „Segne mich, o Herr!“ Der Priester ruft ihm aus der Tiefe des Tempels die Antwort entgegen: „Gesegnet sei das Reich ...“, und die Liturgie beginnt.
Die Liturgie der Katechumenen
Der zweite Teil der Liturgie heißt die Liturgie der Katechumenen. Wie der erste Teil, d. h. das Offertorium, den ersten Lebensjahren Christi, Seiner Geburt, die nur den Engeln und wenigen Menschen offenbart war, Seiner Kindheit und Seinem Aufenthalt in tiefster Zurückgezogenheit und Verborgenheit, bis zu Seinem Auftreten in der Welt entspricht, so entspricht der zweite Teil Seinem Leben inmitten der Welt und der Menschen, denen Er das Wort der Wahrheit verkündigt hat. Dieser Teil heißt auch deshalb noch die Liturgie der Katechumenen, weil während der ersten christlichen Zeit auch die zu ihr zugelassen wurden, die erst Christen werden wollten, die sich erst darauf vorbereiteten, noch nicht die heilige Taufe empfangen hatten und zu den Katechumenen gehörten. Dazu kommt noch, daß die heilige Handlung, die aus der Verlesung der Propheten, der Epistel und des heiligen Evangeliums besteht, in erster Linie einen verkündigenden Charakter trägt.
Der Priester beginnt die Liturgie, indem er aus dem Inneren des Altarraumes ruft: „Gelobt sei das Reich des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes ...“ Da durch die Fleischwerdung des Sohnes der Welt das Mysterium der Heiligen Dreieinigkeit deutlich geoffenbart ward, geht und leuchtet die Verkündigung der Heiligen Dreieinigkeit dem Beginn aller heiligen Handlungen voran; der Betende muß daher allem entsagen, sich aller anderen Gedanken entledigen und sich gänzlich in das Reich der Heiligen Dreieinigkeit versetzen.
Der Diakon steht auf der Kanzel und hat sein Gesicht der Königspforte zugewendet. So stellt er einen Engel und Erwecker dar, der die Menschen zum Gebet anfeuert; er hebt mit drei Fingern seiner Hand das schmale Band — das Sinnbild des Engelsflügels — empor und ruft das ganze versammelte Volk auf, die Gebete zu sprechen, die die Kirche seit den Zeiten der Apostel unablässig zum Himmel emporsendet, deren erstes die Bitte um Frieden ist, ohne die man überhaupt nicht zu beten vermag. Die versammelten Andächtigen bekreuzigen sich, suchen ihre Herzen in harmonisch abgestimmte Saiten eines Instruments umzuwandeln, die bei jedem Wort des Diakons mitschwingen, und rufen im Geiste zugleich mit dem Chor der Sänger aus: „Herr, erbarme Dich unser!“
Der Diakon steht auf der Kanzel, er hält die Gebetstola, die den erhobenen Flügel eines Engels darstellt, der die Gemeinde zum Gebet anfeuern soll, empor und ruft die Gemeinde zum Gebet auf: er fordert sie auf, an die höhere Welt und die Rettung unserer Seelen zu denken und zu beten für den Frieden der ganzen Welt, das Wohlergehen der heiligen Kirchen und die Vereinigung ihrer aller, für den heiligen Tempel und die, die ihn gläubig mit Andacht und Ehrfurcht betreten, für den Kaiser, den Synod, die geistliche und weltliche Obrigkeit, den Richterstand und den Militärstand, für die Stadt, für das Haus, darin die Liturgie zelebriert wird, zu bitten um Reinheit und Gesundheit der Luft, um eine reiche Ernte, um friedliche Zeiten, für die Seefahrer und Reisenden, für die Kranken und Leidenden, für die Gefangenen und ihre Errettung; er fordert die Gemeinde auf, Gott zu bitten, daß Er uns vor jeglichem Kummer, Zorn und Not bewahren möge, und indem die Versammlung der Andächtigen alles mit dieser allumschließenden Kette von Gebeten, die die große Ektenia heißt, umschlingt, erwidert sie jedesmal, wenn sie angerufen wird, zusammen mit dem Chor der Sänger: „Herr, erbarme Dich!“
Im Bewußtsein der Ohnmacht unserer Gebete, denen es an Seelenweisheit fehlt und denen kein reiner himmlischer Lebenswandel entspricht, fordert der Diakon, derer gedenkend, die da besser zu beten verstanden als wir, die Gemeinde auf, sich selbst, einander und das ganze Leben unserem Gotte Christus zu weihen. In dem aufrichtigen Wunsch, sich selbst, einander und ihr ganzes Leben Christus, unserem Gotte zu weihen, wie dies die heilige Mutter Gottes, die Heiligen und die, die besser waren als wir, verstanden, ruft die ganze Kirche zusammen mit dem Sängerchor: „Dir, o Herr!“ Der Diakon beschließt die Kette der Gebete mit einem Lobgesang auf die Dreieinigkeit, die sich wie ein alles zusammenhaltender Faden durch die ganze Liturgie hindurchzieht und jede Handlung einleitet und beschließt. Die Versammlung der Andächtigen antwortet mit einem bestätigenden „Amen! Ja, so geschehe es!“ Der Diakon steigt von der Kanzel herab, und es beginnt der Abgesang der Antiphone.
Die Antiphone sind Wechselgesänge, d. h. Lieder, die den Psalmen entnommen sind und das Erscheinen des göttlichen Sohnes in der Welt prophetisch ankündigen; sie werden abwechselnd von einem der beiden Sängerchöre, die auf beiden Chören postiert sind, gesungen; sie bilden einen Ersatz für die älteren Psalmodien und sind kürzer als diese.
Während des Abgesangs des ersten Antiphons betet der Priester im Inneren des Altarraumes für sich; der Diakon steht unterdessen in betender Stellung vor dem Bilde des Heilands, indem er die Stola mit drei Fingern seiner Hand emporhält. Wenn der Gesang des ersten Antiphons beendet ist, besteigt er aufs neue die Kanzel und wendet sich mit folgenden Worten an die versammelten Andächtigen: „Laßt uns abermals und abermals zu Gott beten!“ Die versammelten Andächtigen rufen: „Herr, erbarme Dich unser!“ Der Diakon wendet sich nun den Bildern der Heiligen zu und fordert die Gemeinde auf, der Mutter Gottes und aller Heiligen zu gedenken und sich selbst, einander, sowie das ganze Leben unserem Gotte Christus zu weihen. Die Gemeinde ruft aus: „Dir, o Gott!“ Der Diakon beschließt diesen Teil mit einer Lobpreisung der Heiligen Dreieinigkeit. Die ganze Kirche ruft bestätigend Amen, und dann folgt der Abgesang des zweiten Antiphons.