Nachdem die Vorlesung beendigt ist, ruft der Priester dem Diakon aus dem Inneren des Tempels zu: „Friede sei mit dir, der du frohe Botschaft verkündigst!“ Alle Anwesenden erheben ihr Haupt und rufen im Gefühl ihrer Dankbarkeit zugleich mit dem Chor: „Ehre sei Dir, unserem Gott, Ehre sei Dir!“ Der in der Königspforte stehende Priester nimmt das Evangelium aus den Händen des Diakons entgegen und stellt es auf den Altar, als das Wort, das von Gott ausgegangen ist und nun zu Ihm zurückkehrt. Der Hochaltar, der die höchsten erhabensten Gefilde darstellt, entzieht sich jetzt den Augen der Gemeinde — die Königspforte schließt sich, und die Tür zum Allerheiligsten wird verhängt zum Zeichen, daß es keine andere Tür zum Himmelreiche gibt als die, die uns Christus geöffnet hat, und daß wir nur mit Ihm durch sie eintreten können, denn es heißt: „Ich bin die Tür.“
Hiernach pflegte während der ersten christlichen Zeit die Predigt stattzufinden, worauf die Erklärung und Interpretation der verlesenen Evangelientexte folgte. Da jedoch in unserer Zeit meist über andere Texte gepredigt wird, und da folglich die Predigt nicht zur Erklärung der vorgelesenen Evangelientexte dient, so wird sie, um den Zusammenhang und die strenge harmonische Ordnung der heiligen Liturgie nicht zu stören, ans Ende gestellt.
Der Diakon besteigt sodann, den Engel, der die Menschen zum Gebet anfeuert, versinnbildlichend, die Kanzel, um die Gemeinde zu noch inbrünstigerem Gebet aufzurufen. Er ruft: „Lasset uns beten aus ganzem Herzen, ganzer Seele, lasset uns beten aus ganzem Gemüt,“ indem er die Gebetstola mit drei Fingern in die Höhe hebt; und während alle aus tiefster Seele inbrünstige Gebete zum Himmel emporrichten, rufen sie aus: „Herr, erbarme Dich!“ Der Diakon aber unterstützt und verstärkt seinerseits das Gebet noch, indem er dreimal um Erbarmen fleht, und er fordert die Gemeinde nochmals auf, für alle Menschen zu beten, welchen Rang und welches Amt sie auch immer bekleiden mögen; zunächst und in erster Linie für die in den höchsten Ämtern und Stellungen, wo es der Mensch am schwersten hat, wo er am leichtesten strauchelt und wo er der Hilfe Gottes am meisten bedarf. Jeder von den Versammelten betet, da er weiß, in wie hohem Grade die Wohlfahrt vieler Menschen davon abhängt, daß die Mächtigen redlich ihre Pflicht erfüllen, inbrünstig und bittet Gott, Er möge sie erleuchten und belehren, getreulich ihre Schuldigkeit zu tun, und jedem Kraft verleihen, seine irdische Laufbahn in ehrenhafter Weise zu vollenden. Darum beten alle inniglich, indem sie nun nicht mehr einmal, sondern dreimal nacheinander rufen: „Herr, erbarme Dich!“ Die ganze Reihe dieser Gebete heißt: doppelte Ektenia oder die Ektenia des inbrünstigen Gebets, und der Priester bittet im Altar vor dem Gottestisch inniglich um Erhörung dieser allgemeinen verstärkten Gebete, und sein Gebet heißt das Gebet der inbrünstigen Bitte.
Wenn an jenem Tage eine Seelenmesse zu Ehren der Toten stattfindet, so wird gleich nach der doppelten Ektenia noch eine Ektenia zu Ehren der Entschlafenen verkündigt. Der Diakon hält die Stola mit drei Fingern seiner Hand empor und fordert die Gemeinde auf, für den Seelenfrieden der Knechte Gottes zu beten, die er alle beim Namen nennt, auf daß Gott ihnen alle ihre Sünden, ihre bewußten und unbewußten Verfehlungen vergeben und ihre Seelen dorthin versetzen möge, wo die Gerechten in Frieden weilen. Bei dieser Gelegenheit gedenkt jeder der Anwesenden aller Verstorbenen, die seinem Herzen nahestanden, und beantwortet jeden Ruf des Diakons mit einem dreimaligen: „Herr, erbarme Dich!“ indem er inbrünstig für seine Lieben und für alle entschlafenen Christen betet. „Wir flehen Dich an, Christus, unser Gott, unsterblicher König, gewähre uns Deine göttliche Gnade, das Himmelreich und Vergebung der Sünden!“ ruft der Diakon aus. Die Gemeinde erwidert zugleich mit dem Sängerchor: „Gewähre es uns, o Herr!“ Der Priester aber betet im Inneren des Altarraums und bittet den Überwinder des Todes, Ihn, der uns das ewige Leben schenkte, Er möge die Seelen Seiner entschlafenen Knechte in Frieden in die friedlichen grünen Gefilde, die von Krankheiten, Kummer und Seufzern gemieden werden, eingehen lassen; er bittet in seinem Herzen, Er möge ihnen alle ihre Sünden erlassen und verkündet laut: „Christus, unser Gott, da Du bist die Auferstehung, das Leben und der Frieden Deiner entschlafenen Knechte, so singen wir Dir Preis und Ruhm samt Deinem ewigen Vater und Deinem allerheiligsten, gütigen, lebenspendenden Geist, nun, hinfort und in alle Ewigkeit.“ Der Chor ruft bestätigend: „Amen,“ worauf der Diakon die Ektenia für die Katechumenen beginnt.
Obwohl die Zahl der noch nicht Getauften und derer, die noch zu den Katechumenen zählen, heute nur noch gering ist, denkt doch jeder Anwesende daran, wie weit er durch Glauben und Taten noch hinter den Gläubigen zurücksteht, die gewürdigt wurden, an den Liebesmahlen der ersten christlichen Zeit teilzunehmen, sieht ein, wie er gleichsam bloß bei Christus in die Lehre gegangen ist, jedoch sein Leben noch nicht mit Ihm erfüllt hat, wie er erst die Weisheit Seiner Worte versteht, sie aber in seinem Leben noch nicht verwirklicht, wie kalt sein Glaube noch ist, und wie es ihm noch an dem Feuer einer allesverzeihenden Liebe zu seinem Bruder gebricht, einer Liebe, die alle Herzenskälte und Dürre verzehrt, und wie er, obwohl er mit dem Wasser auf den Namen Christi getauft ward, doch noch der geistigen Wiedergeburt nicht teilhaftig ist, ohne die sein Christentum nach den eigenen Worten des Heilandes nichts ist, Der da spricht: „Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen!“ — Indem also jeder Anwesende dessen eingedenk ist, zählt er sich demutsvoll zu den Katechumenen, und so antwortet er denn auch auf den Ruf des Diakons: „Lasset uns zu Gott beten, Katechumenen!“ aus der Tiefe seines Herzens: „Gott, erbarme Dich unser!“
Hierauf ruft der Diakon: „Ihr Gläubigen, lasset uns für die Katechumenen beten und Ihn bitten, Er möge ihnen gnädig sein, sie erwecken mit dem Worte der Wahrheit, ihnen das Evangelium der Gerechtigkeit offenbaren, sie vereinigen in Seiner heiligen allgemeinen apostolischen Kirche, Er möge sie erretten, Sich ihrer erbarmen, ihnen beistehen und sie erhalten in Seiner Gnade.“
Und die Gläubigen beten, tief durchdrungen von dem Gefühle, wie wenig sie den Namen der Gläubigen verdienen, indem sie für die Katechumenen bitten, auch für sich selbst und beantworten jeden Ruf des Diakons in ihrem Innern, indem sie mit dem Sängerchor die Worte nachsprechen: „Herr, erbarme Dich unser!“ Der Diakon ruft: „Katechumenen, beugt euer Haupt vor Gott!“, und alle beugen ihr Haupt, indem sie innerlich ausrufen: „Vor Dir, o Herr!“
Der Priester betet leise für die Katechumenen, sowie für die, die sich in ihrer Herzensdemut unter die Katechumenen versetzt haben. Sein Gebet hat folgenden Wortlaut: „Herr, unser Gott, Der Du in der Höhe wohnst und herabsiehst auf die Demütigen, Der Du das Heil herabsandtest dem menschlichen Geschlechte in Gestalt Jesu Christi, Deines Sohnes, unseres Herrn und Gottes! Blicke nieder auf die Katechumenen, Deine Knechte, die ihren Nacken vor Dir beugen! Nimm sie auf in Deine Kirche und in Deine auserwählte Herde, auf daß sie mit uns Deinen hehren, herrlichen Namen loben und preisen den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!“ Der Chor fällt mit einem donnernden „Amen!“ ein. Und in Erinnerung, daß nun der Augenblick gekommen ist, wo ehemals die Katechumenen aus der Kirche herausgeführt wurden, ruft der Diakon mit lauter Stimme: „Tretet heraus, Katechumenen!“ Hierauf erhebt er abermals die Stimme und ruft noch einmal: „Tretet heraus, Katechumenen!“ Und endlich ruft er noch ein drittes Mal aus: „Tretet heraus, Katechumenen! Keiner von euch Katechumenen, sondern ihr Gläubigen alleine, laßt uns abermals und abermals zu Gott beten!“
Bei diesen Worten erbeben alle im Bewußtsein ihrer Unwürdigkeit. Inbrünstig flehen sie in Gedanken Christus selbst um Gnade an, Der die Käufer und die schamlosen Krämer, die Sein Heiligtum zu einer Mördergrube gemacht hatten, aus dem Tempel Gottes jagte, und jeder Anwesende bemüht sich, den Katechumenen, der noch nicht darauf vorbereitet ist, in dem Heiligtume zu weilen, aus dem Tempel seiner Seele zu vertreiben, und er betet zu Christus, Er möge selbst den Gläubigen, der in die auserwählte Herde aufgenommen wird, in ihm erwecken, denn von ihm sagt der Apostel: „Ein heiliges Volk, Menschen der Erneuerung sind die Steine, aus denen der Tempel erbaut wird“; Er möge ihn erwecken ihn, der zu den wahrhaften Gläubigen gehört, die während der Zeit der ersten Christen, deren Gesichter von der Ikonostasis auf den Andächtigen herabblicken, an der Liturgie teilnahmen. Und indem er sie alle mit seinem Blick umfaßt, fleht er sie um Hilfe an, als seine Brüder, die jetzt im Himmel anbeten, denn nunmehr steht die allerheiligste Handlung bevor; es beginnt die Liturgie der Gläubigen.