Die Gemeinde der Andächtigen spricht dem Vorleser mit vor Tränen bebender Stimme diese Worte des Heilandes nach, die da verkündigen, wer in der Zukunft auf ein ewiges Leben hoffen und warten darf, welche die wahren Könige der Welt, die Erben des Himmels sind und am himmlischen Reiche teilhaben.

Jetzt öffnet sich feierlich die Königspforte, als wäre sie das Tor zum himmlischen Königreiche, und dem Auge aller Anwesenden bietet sich der schimmernde Hochaltar dar, der den Sitz des göttlichen Ruhms und die höchste Lehrstätte darstellt, aus der wir die Erkenntnis der Wahrheit schöpfen und die uns das ewige Leben verheißt. Der Priester und der Diakon nähern sich dem Altar, nehmen das Evangelium und bringen es dem Volke dar; hierbei gehen sie nicht durch die Königspforte, sondern durch eine Seitentür, die die Tür der Seitenkammer darstellt, der man in der ersten Zeit die Bücher entnahm. Diese wurden dann in die Mitte des Tempels getragen, worauf hier aus ihnen vorgelesen wurde.

Die Gemeinde der Andächtigen richtet ihre Blicke auf das Evangelium, das die demütigen Diener der Kirche in den Händen tragen, als wäre es der Heiland selbst, der zum erstenmal hervortritt, um Gottes Wort zu verkündigen; er schreitet durch die schmale nördliche Tür, gleichsam unerkannt, bis in die Mitte der Kirche, um, nachdem er sich allen gezeigt hat, durch die Königspforte wieder ins Allerheiligste zurückzukehren. Die beiden Diener Gottes bleiben mitten in der Kirche stehen; beide beugen ihr Haupt. Der Priester betet bei sich selbst, „Er, Der im Himmel die Heerscharen der Engel und die himmlischen Würden eingesetzt hat, auf daß sie Seinem Ruhm und Seiner Ehre dieneten, möge diesen Engeln und himmlischen Kräften, die Ihm mit uns dienen, gebieten, mit uns zusammen das Allerheiligste zu betreten“. Der Diakon weist mit der Gebetstola auf die Königspforte und spricht zum Priester: „Segne, o Herr den heiligen Eingang!“ — „Gesegnet sei der Eingang Deiner Heiligen immerdar, jetzo, hinfort und in alle Ewigkeit!“ erwidert der Priester. Der Diakon reicht ihm das heilige Evangelium zum Kusse hin und trägt es in den Altarraum, bleibt jedoch inmitten der Königspforte stehen, hebt es hoch mit den Händen empor und ruft: „Höchste Weisheit!“ wodurch er ausdrücken will, daß das Wort Gottes, Sein Sohn, Seine ewige höchste Weisheit der Welt durch das Evangelium verkündet ward, das er jetzt mit seinen Händen emporhebt. Dann ruft er: „Verzeih!“ d. h.: „Erwachet, rafft euch auf, überwindet eure Trägheit und Lässigkeit!“ Die Gemeinde der Andächtigen richtet ihren Geist empor und singt zusammen mit dem Chor: „Kommt, laßt uns vor Christus niederfallen und Ihn anbeten! Errette uns, Du Sohn Gottes, uns, die wir Dir ‚Halleluja‘ singen!“ Das hebräische Wort Halleluja bedeutet soviel wie: „Der Herr kommt gegangen, lobet den Herrn!“ da jedoch das Wort kommt gegangen nach dem Sinn der heiligen Sprache Gegenwart und Zukunft in einem ausdrückt, d. h. es kommt der, der schon gekommen ist und der wiederkommen wird, so begleitet dieses Wort Halleluja, das das ewige Wandeln Gottes ankündigt, jedesmal solche heilige Handlungen, bei denen Gott selbst in Gestalt des Evangeliums oder der heiligen Gaben zum Volke hinaustritt.

Das Evangelium, das die frohe Botschaft vom Worte des Lebens verkündigt, wird auf den Hochaltar gestellt. Auf dem Chor ertönen jetzt Gesänge zu Ehren des Festtages, oder kurze Lobgesänge und Hymnen zu Ehren des Heiligen, dem der Tag geweiht ist und den die Kirche feiert, weil er denen gleicht, die Christus in den Seligpreisungen aufgezählt hat, und weil Er durch das lebendige Beispiel Seines eigenen Lebens gelehrt hat, wie wir Ihm nachfolgen und ins ewige Leben eingehen sollen.

Nachdem die Lobhymnen beendigt sind, beginnen die Trichagien, d. h. der Abgesang des Dreimalheilig. Der Diakon erbittet sich den Segen des Priesters, betritt die Königspforte, schwingt die Stola und gibt den Sängern das Zeichen. Feierlich und mit Donnerlaut dröhnt der Gesang des Dreimalheilig durch die Kirche. Er besteht in folgendem Anrufe Gottes, der dreimal wiederholt wird: „Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher, erbarme Dich unser!“ Mit dem Ruf: heiliger Gott verkündigt das Trichagion Gott den Vater; mit dem Ruf: heiliger Starker — Gott den Sohn, Seine Kraft, Sein schaffendes Wort; und mit dem Ruf: heiliger Unsterblicher — Seinen unsterblichen Gedanken, den ewigen lebendigen Willen Gottes, des Heiligen Geistes. Dreimal stimmen die Sänger diesen Gesang an, damit es bis ans Ohr aller Menschen dringe, daß in dem ewigen Sein Gottes das ewige Sein der Dreieinigkeit mitenthalten ist und daß es keine Zeit gab, wo Gottes Wort nicht bei Ihm gewesen wäre und wo der Heilige Geist Seinem Worte gemangelt hätte. „Der Himmel ist durch das Wort des Herrn gemacht, und all sein Heer durch den Geist Seines Mundes,“ sagt der Prophet David. Jeder in der Gemeinde ist sich dessen bewußt, daß auch in ihm als dem Ebenbilde Gottes jene Dreiheit enthalten ist: Er selbst, Sein Wort und Sein Geist oder der Gedanke, der das Wort bewegt, daß jedoch sein menschliches Wort ohnmächtig ist, vergebens ertönt und nichts schafft, daß sein Geist nicht ihm gehört, da er von allen möglichen fremden Eindrücken beeinflußt wird, und daß nur durch seine Erhebung zu Gott in ihm das eine wie das andere Kraft gewinnt: im Worte spiegelt sich Gottes Wort, im Geiste Gottes Geist; das Bild der Dreieinigkeit des Schöpfers drückt sich im Geschöpfe ab, und das Geschöpf wird seinem Schöpfer ähnlich — Indem dies jedem bewußt wird, betet er, während er dem Trichagion lauscht, innerlich bei sich selbst, daß der heilige, starke, unsterbliche Gott sein ganzes Ich reinigen und es zu Seinem Tempel und Wohnhaus machen möge, und dabei wiederholt er dreimal bei sich selbst: „Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher, erbarme Dich unser!“ Der Priester betet im Inneren des Altarraums leise zu Gott, er möge dieses Trichagion gnädig aufnehmen, wirft sich dreimal vor dem Altar nieder und wiederholt dreimal bei sich selbst: „Heiliger Gott, heiliger Starker, heiliger Unsterblicher!“ Auch der Diakon wiederholt gleich ihm dreimal das Trichagion und wirft sich zusammen mit dem Priester vor dem Altar nieder.

Nachdem der Priester den Kniefall getan hat, besteigt er den erhöhten Platz im Allerheiligsten, als dränge er bis in die Tiefe der Gotteserkenntnis ein, daher uns das Mysterium der Allerheiligsten Dreieinigkeit gekommen ist; dieser Platz symbolisiert jenen höchsten erhabensten über allem schwebenden Ort, da der Sohn im Schoße des Vaters und in der Einheit mit dem Heiligen Geiste ruht. Durch dieses Emporsteigen stellt der Priester das Emporsteigen Christi selbst samt dem Fleische in den Schoß des Vaters dar, wodurch der Mensch gleichfalls aufgefordert wird, Ihm in den Schoß des Vaters nachzufolgen — eine Wiedergeburt, die schon der Prophet Daniel von ferne vorausgeahnt hat, als er in einem erhabenen Gesichte erschaute, wie des Menschen Sohn zu dem „Alten der Tage“ kam.

Der Priester schreitet nun unerschütterlichen Schrittes voran und spricht: „Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn.“ Der Diakon fleht ihn an: „Segne, o Herr den erhabenen Hochaltar!“ und der Priester segnet ihn, indem er spricht: „Gelobet seist Du auf dem Throne des Ruhms in der Herrlichkeit Deines Reiches. Du thronest auf Cherubim immerdar, jetzo, hinfort und von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Dann nimmt er auf dem erhöhten Orte Platz, der für den Erzpriester bestimmt ist. Von hier aus sucht er wie ein Apostel Gottes und als sein Stellvertreter mit dem Gesicht zum Volke gewandt die Aufmerksamkeit der Gemeinde wach zu halten und die Gemeinde auf die bevorstehende Vorlesung der Epistel vorzubereiten — er tut dies in sitzender Stellung und deutet hierdurch an, daß er selbst den Aposteln gleichgestellt ist.

Der Vorleser tritt mit den Episteln in der Hand in die Mitte des Tempels. Mit dem Ruf: „Laßt uns aufmerken!“ fordert der Diakon alle Anwesenden zur Aufmerksamkeit auf. Der Priester fleht vom Inneren des Altarraumes aus Frieden auf den Vorleser und die Anwesenden herab, und die Gemeinde der Andächtigen erwidert diesen Wunsch des Priesters mit dem gleichen Wunsche. Da sein Dienst jedoch ein rein geistlicher Dienst sein muß, gleich dem der Apostel, deren Worte nicht aus ihnen selbst kamen, sondern deren Lippen vom Heiligen Geist bewegt wurden, so sagen sie nicht: „Friede sei mit dir!“ sondern „mit deinem Geiste“! Der Diakon ruft aus: „Höchste Weisheit!“ Laut und ausdrucksvoll, so daß jedes Wort einem jeden vernehmlich ist, beginnt der Vorleser seine Vorlesung; aufmerksam, empfänglichen Herzens, mit suchender Seele und einem Verständnis, das den inneren Sinn des Vorgelesenen zu erfassen sucht, lauscht die Versammlung, denn die Vorlesung der Epistel ist eine Stufe und Leiter zum besseren Verständnis der Evangelien. Wenn der Vorleser seine Vorlesung beendigt hat, ruft ihm der Priester aus dem Inneren des Altarraumes zu: „Friede sei mit dir!“ Der Chor antwortet: „Und mit deinem Geiste!“ Der Diakon ruft aus: „Höchste Weisheit!“ Der Chor singt ein donnerndes „Halleluja!“, das das Nahen des Herrn ankündigt, Der kommt, um durch den Mund des Evangeliums zum Volke zu sprechen.

Nunmehr erscheint der Diakon mit dem Räucherfaß in der Hand, um den Tempel mit Wohlgerüchen zu erfüllen und für den Empfang des Herrn, der da naht, vorzubereiten; dieses Räuchern soll uns an die geistige Reinigung unserer Seelen ermahnen, denn wir sollen die wohltönenden Worte des Evangeliums reinen Herzens anhören. Der Priester betet im Innern des Altarraumes bei sich selbst, er bittet, daß das Licht der göttlichen Weisheit in unseren Herzen aufgehen und daß unsere geistigen Augen sich öffnen mögen, auf daß wir die Predigt des Evangeliums verständnisvoll in uns aufnehmen. Auch die Gemeinde betet leise bei sich selbst, sie bittet, daß das gleiche Licht auch in ihrem Herzen aufgehen möge, und bereitet sich auf die Vorlesung vor. Der Diakon erbittet sich den Segen des Priesters, dieser erwidert ihm mit dem Wunsche: „Gott verleihe auf Fürbitte des hochheiligen, hochgelobten Apostels und Evangelisten [hier folgt sein Name] deiner Stimme große Kraft, daß du die frohe Botschaft machtvoll verkündigest, auf daß erfüllet werde das Evangelium Seines innig geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesu Christi!“ Hierauf besteigt der Diakon die Kanzel, wobei ihm eine Leuchte vorangetragen wird, die das alles erleuchtende Licht Jesu Christi symbolisiert. Der Priester ruft der Gemeinde aus dem Inneren des Altarraumes zu: „Höchste Weisheit! Vergib! Laßt uns dem heiligen Evangelium lauschen! Friede sei mit euch allen!“ Der Chor antwortet: „Und mit deinem Geiste!“, worauf der Diakon seine Vorlesung beginnt.

Alle beugen andächtig ihr Haupt, als lauschten sie den Worten Christi selbst, Der von der Kanzel zu ihnen spricht, und als bemühten sie sich, die Saat des heiligen Wortes die der himmlische Säemann selbst durch den Mund Seines Dieners ausstreut, in sich, in ihr Herz, aufzunehmen; — nicht mit einem Herzen, das der Heiland mit der Erde am Wege vergleicht, auf die zwar auch einige Samenkörner fallen, um jedoch sofort von den Vögeln — den bösen Gedanken und Absichten — aufgefressen zu werden; — auch nicht mit solch einem Herzen, das Er mit dem steinigen Erdreich vergleicht, das nur ganz oberflächlich mit Erde bedeckt ist, sie, die das Wort zwar willig aufnehmen, es aber nicht tief Wurzeln schlagen lassen, da es ihnen an Herzenstiefe fehlt; — auch nicht mit solch einem Herzen, das Er mit dem verwahrlosten und ungesäuberten Acker vergleicht, der von Dornen überwuchert ist, auf dem die Saat zwar aufgeht, dessen eben aufsprießende Keime jedoch von den schnell emporwachsenden Dornen — den Dornen zeitlicher Sorgen und Mühen, den Dornen der Versuchungen und der zahllosen Lockungen des ertötenden, weltlichen Lebens mit seinen trügerischen Reizen und Annehmlichkeiten — sofort erstickt werden, — so daß die Saat keine Frucht trägt; wohl aber mit jenem hingebungsvollen Herzen, das Er mit gutem Lande vergleicht, welches Frucht trägt — etliches hundertfältig, etliches sechzigfältig, etliches dreißigfältig —, das alles, was es in sich aufnimmt, beim Verlassen der Kirche, zu Hause, in der Familie, im Dienst, während der Arbeit, während der Mußestunden und Vergnügungen, im Gespräche mit anderen Menschen, und, wenn es mit sich allein ist, wieder zurückerstattet. Kurz, jeder Gläubige bemüht sich, ein Hörer und Täter des Wortes zugleich zu sein, den der Heiland mit dem weisen Manne gleichzumachen verspricht, der sein Haus nicht auf Sand, sondern auf einem Felsen erbaut, so daß sein geistiges Heim, selbst wenn sich, gleich nachdem er die Kirche verlassen hat, Regen, Flüsse und Wirbelstürme, alle möglichen Leiden und Mißgeschick wider ihn erhöben, unerschütterlich dastehen wird, gleich einer auf einem Felsen erbauten Feste.