III.
Bjelinskis Brief an Gogol

Sie haben nur teilweise recht, wenn Sie glauben, den Zorn eines verärgerten Menschen aus meinem Aufsatz herauslesen zu können. Dieses Epitheton ist viel zu schwach und matt, um die Stimmung zu charakterisieren, in die mich die Lektüre Ihres Briefes versetzt hat. Aber Sie haben vollkommen unrecht, wenn Sie dies auf Ihr tatsächlich nicht sehr schmeichelhaftes Urteil über die Verehrer Ihres Talentes zurückführen. Nein, das hat einen anderen, weit gewichtigeren Grund. Eine Kränkung, eine Verletzung unseres Selbstgefühls läßt sich noch ertragen, und ich wäre vernünftig genug gewesen, über diesen Gegenstand zu schweigen, wenn es sich bloß darum gehandelt hätte; was der Mensch jedoch nicht ertragen kann, ist eine Verletzung seines Wahrheitsgefühls, seiner Menschenwürde: man kann nicht mehr schweigen, wenn man unter dem Deckmantel der Religion und einer Apologie der Knute Lüge und Unsittlichkeit für Wahrheit und Tugend ausgibt.

Ja, ich habe Sie geliebt, ich habe Sie mit der ganzen Leidenschaft geliebt, mit der ein Mensch — den die Bande des Blutes mit seinem Vaterlande verknüpfen, dessen Hoffnung, dessen Ehre und Ruhm — einen seiner großen Führer auf dem Wege zum Selbstbewußtsein, zum Fortschritt und zur Entwicklung lieben kann. Und Sie hatten begründeten Anlaß, einen Augenblick Ihre Seelenruhe zu verlieren, als Sie das Recht auf eine solche Liebe einbüßten. Ich sage dies nicht deshalb, weil ich glaube, meine Liebe sei ein würdiger Lohn für ein großes Talent, sondern deshalb, weil ich in dieser Beziehung nicht nur eine einzige, sondern viele Personen darstelle, deren Mehrzahl weder Sie noch ich je gesehen und die Sie ihrerseits auch noch niemals kennen gelernt haben. Ich bin nicht imstande, Ihnen auch nur einen schwachen Begriff von der Empörung zu geben, die Ihr Buch in allen edlen Herzen hervorgerufen hat, noch von dem wilden Freudengeheul, in das alle Ihre Feinde und alle die unliterarischen Tschitschikows, Nosdrjows, Polizeimeister so gut wie alle literarischen, deren Namen Ihnen wohlbekannt sind, ausgebrochen sind. Sie sehen selbst, daß sogar Menschen von derselben Geistesrichtung wie die, die in Ihrem Buche vertreten wird, Ihr Werk fallen lassen. Selbst wenn es das Produkt einer tiefen, aufrichtigen Überzeugung wäre, selbst dann müßte es denselben Eindruck auf das Publikum machen. Und wenn alle (mit Ausnahme weniger Menschen, die man gesehen haben und die man kennen muß, um sich nicht über ihren Beifall zu freuen) das Buch für einen schlauen, aber gar zu ungenierten Trick hielten, um auf dem Umwege über den Himmel einem höchst irdischen Ziel nachzujagen, — so sind Sie allein schuld daran. Und das ist durchaus nicht verwunderlich, erstaunlich ist nur das, daß Sie sich darüber wundern. Ich glaube, das käme daher, weil Sie Rußland nur als Künstler so tief und gründlich kennen, nicht aber auch als denkender Mensch, dessen Rolle Sie in Ihrem phantastischen Buche mit so wenig Glück auf sich genommen haben. Und das nicht etwa deswegen, weil Sie kein denkender Mensch sind, sondern deshalb, weil Sie sich schon seit vielen Jahren daran gewöhnt haben, Rußland aus einer gewissen lockenden Ferne anzusehen, es ist doch bekannt, daß nichts leichter ist, als die Dinge aus der Ferne genau so zu sehen, wie man sie gerne sehen möchte; denn Sie leben ja auch in dieser schönen Ferne ganz für sich und in sich selbst, bleiben ihr selbst fremd und bewegen sich in dem einförmigen Kreise gleichgestimmter oder doch solcher Menschen, die nicht kräftig genug sind, sich Ihrem Einfluß zu widersetzen. Daher haben Sie auch nicht bemerkt, daß Rußlands Heil nicht im Mystizismus und Asketismus, ebensowenig wie im Pietismus, sondern vielmehr in dem Fortschritt der Zivilisation, der Aufklärung und der Humanität liegt. Was es braucht, sind nicht Predigten (die hat es genug gehört!) und nicht Gebete (die hat es genug gestammelt!), was es braucht, ist, daß das Volk zum Gefühl seiner Menschenwürde erweckt wird, ein Gefühl, das ihm für Jahrhunderte durch den Schmutz und die Unsauberkeit, in denen es lebte, verloren gegangen war; was es braucht, sind Rechte und Gesetze, nicht wie sie den Lehren der Kirche, sondern wie sie der gesunden Vernunft und der Gerechtigkeit entsprechen, und eine möglichst strenge und pünktliche Erfüllung dieser Gesetze. Statt dessen aber bietet Rußland das furchtbare Bild eines Landes dar, in dem Menschen mit Menschen handeln, ohne sich auch nur damit rechtfertigen zu können, womit sich die schlauen amerikanischen Pflanzer entschuldigen, die da behaupten, der Neger sei kein Mensch; das Bild eines Landes, in dem sich die Menschen nicht beim Namen nennen, sondern sich mit plumpen Kosenamen und Diminutiven wie Wanjka, Waßjka, Stjoschka, Palaschka titulieren; eines Landes endlich, in dem es keinerlei Garantien für die Integrität der Persönlichkeit, die Ehre und das Eigentum, ja nicht einmal eine polizeiliche Ordnung, sondern nur gewaltige Korporationen aller möglicher Diebe und Räuber in Ämtern und Würden gibt! Die aktuellsten nationalen Fragen, die das Rußland von heute bewegen, sind folgende: die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Abschaffung der Prügelstrafe und die Sorge für eine möglichst strenge Durchführung zum mindesten der Gesetze, die es heute schon gibt. Das fühlt sogar die Regierung selbst (die sehr gut weiß, wie die Gutsbesitzer ihre Bauern behandeln, und wie viele von den ersten alljährlich durch die Hand der letzten umkommen), was durch die schwächlichen, fruchtlosen und halben Regierungsmaßnahmen zugunsten der weißen Neger und durch die komische Einführung der einschwänzigen Knute an Stelle der dreischwänzigen Peitsche dokumentiert wird.

Das sind die Fragen, die ganz Rußland während seines apathischen Schlummers bewegen und beunruhigen! Und in einer solchen Zeit tritt ein großer Schriftsteller, der durch seine wunderbaren, künstlerischen, von tiefer Wahrheit durchdrungenen Werke so machtvoll an der Erweckung Rußlands zum Selbstbewußtsein mitgearbeitet und ihm die Möglichkeit gegeben hat, sich selbst wie in einem Spiegel zu sehen, mit einem Buche auf, in dem er barbarische Gutsbesitzer im Namen Christi und der Kirche unterweist, wie sie ihren Bauern möglichst viel Geld abnehmen können, und sie belehrt, daß sie sie möglichst viel schimpfen sollen ... Und das sollte mich nicht empören? Ja, wenn Sie einen Angriff auf mein Leben unternommen hätten, könnte ich Sie nicht mehr hassen, wie um dieser schmachvollen Zeilen willen ... Und danach wollen Sie, daß man an die Aufrichtigkeit, an die gute Absicht Ihres Buches glauben soll! Nein! Wenn Sie von der wahren Lehre Christi und nicht von einer falschen teuflischen Lehre erfüllt wären, so hätten Sie in Ihrem neuesten Buche etwas ganz anderes geschrieben. Sie hätten zum Gutsbesitzer gesagt: Da seine Bauern seine Brüder in Christus seien, und da ein Bruder nicht der Sklave seines Bruders sein kann, so seien die Gutsherren verpflichtet, ihren Bauern die Freiheit zu schenken oder wenigstens ihre Arbeitskraft möglichst im eigenen Interesse ihrer Bauern zu gebrauchen, da sich die Herren in ihrem Inneren und vor ihrem Gewissen eingestehen müßten, wie unwahrhaftig das zwischen ihnen und ihren Bauern bestehende Verhältnis sei.

Und dann der Ausdruck: „O du ungewaschenes Maul!“ Welchem Nosdrjow, welchem Sabakewitsch haben Sie diesen Ausdruck abgelauscht, um ihn der Welt als eine große Entdeckung zum Nutz und zur Belehrung der Bauern zu überliefern, die sich ja auch ohnedies nur darum nicht waschen, weil sie ihren Brüdern glauben und sich selbst nicht für Menschen halten? Und Ihren Begriff von der nationalen russischen Rechtspflege, deren Ideal Sie in der törichten Redensart erblicken, daß man sowohl den, der recht, wie den, der unrecht hat, auspeitschen solle? Aber das geschieht ja auch ohnedies oft genug bei uns, obwohl man freilich weit häufiger den prügelt, der im Recht ist, wenn er sich durch nichts von der Strafe loszukaufen vermag; sagt doch ein anderes Sprichwort in solch einem Falle: Schuldig ohne Schuld! Und solch ein Buch konnte das Ergebnis eines mühsamen und schwierigen inneren Prozesses, einer erhabenen geistigen Erleuchtung sein! Das ist unmöglich! Entweder Sie sind krank ... dann müssen Sie sich eiligst in Behandlung begeben, oder ... ich wage es nicht, meinen Gedanken auszusprechen ... Apologet der Knute, Apostel der Unwissenheit, Vorkämpfer des Obskurantismus und der finstersten Reaktion, Verherrlicher tatarischer Sitten — was tuen Sie! Blicken Sie vor sich hin — Sie stehen vor einem Abgrund. Daß Sie für diese Lehre eine Stütze in der apostolischen Kirche suchen, das verstehe ich noch: sie war ja doch stets die Stütze der Knute und die Bediente des Despotismus: warum aber ziehen Sie Christus in diese Sache hinein? Was haben Sie Gemeinsames zwischen ihm und der Kirche, vor allem aber der griechisch-katholischen Kirche entdeckt? War er es doch, der den Menschen zuerst die Lehre von der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verkündete und der die Wahrheit seiner Lehre durch sein Martyrium bekräftigte und besiegelte. In dieser Lehre lag ja auch nur so lange das Heil der Menschen, als diese sich nicht zu einer Kirche zusammenschlossen und das Prinzip der Orthodoxie zu ihrer Grundlage machten. Die Kirche aber erschuf eine Hierarchie und wurde demgemäß eine Vorkämpferin der Ungleichheit, die den Machthabern schmeichelte, eine Feindin und Verfolgerin der Brüderlichkeit unter den Menschen — und das ist sie bis auf die heutige Zeit geblieben. Indessen, der Sinn der Lehre Christi ist durch die philosophische Bewegung des verflossenen Jahrhunderts an den Tag gebracht worden. Und daher ist ein Voltaire, der in Europa mit dem Hauch seines Spottes alle Scheiterhaufen, die Fanatismus und Unwissenheit errichteten, auslöschte, natürlich in weit höherem Sinn ein Sohn Christi, Fleisch von Seinem Fleisch und Bein von Seinem Bein, als alle Ihre Popen, Erzpriester, Metropoliten und Patriarchen zusammen! Sollten Sie das wirklich nicht wissen? Das weiß doch heute bereits jeder Gymnasiast! ... Sollte es daher wirklich möglich sein, daß Sie, der Verfasser des „Revisors“ und der „Toten Seelen“, aufrichtigen Herzens einen Hymnus auf die niederträchtige russische Geistlichkeit singen und sie so unendlich hoch über die katholische stellen konnten? Nehmen wir einmal an, Sie wußten nicht, daß diese Kirche einmal etwas bedeutet hat, während die erste nie etwas war, als die Bediente und Sklavin der weltlichen Macht; — wie —? sollten Sie denn wirklich nicht wissen, daß unsere Geistlichkeit vom ganzen russischen Volke und der russischen Gesellschaft verachtet wird? Von wem erzählt das russische Volk obszöne Anekdoten? Vom Popen, von der Popenfrau, von der Popentochter und vom Knecht des Popen. Ist nicht in Rußland der Pope für jeden Russen der Inbegriff der Gefräßigkeit, des Geizes, der Speichelleckerei, der Schamlosigkeit? Und das sollten Sie alles nicht wissen? Seltsam! Nach Ihrer Meinung ist das russische Volk das religiöseste Volk der Welt. Das ist eine Lüge. Die Grundlage der Religiosität ist der Pietismus, die Ehrfurcht und die Gottesfurcht. Der Russe dagegen kratzt sich den ... wenn er den Namen Gottes ausspricht ... Und von den Heiligenbildern sagt er: sind sie gut — so betet man zu ihnen; sind sie nicht mehr zu brauchen — so deckt man die Töpfe mit ihnen zu.

Blicken Sie aufmerksamer hin und Sie werden sich überzeugen, daß dies ein seinem innersten Wesen nach von Grund aus atheistisches Volk ist. Es besitzt noch sehr viel Aberglauben, aber keine Spur von Religiosität. Der Aberglaube verschwindet mit dem Fortschritt der Zivilisation, die Religiosität aber erhält sich daneben und verträgt sich häufig mit ihm: ein lebendiges Beispiel dafür ist Frankreich, wo es auch heute noch unter den aufgeklärten und gebildeten Leuten viele aufrichtige Katholiken gibt und wo viele zwar das Christentum aufgegeben haben, dennoch aber noch an einem Gott festhalten. Nicht so das russische Volk: mystische Exaltationen liegen nicht in seiner Natur; dazu besitzt es viel zu viel gesunde Menschenvernunft, Klarheit und positiven Verstand, und darin liegt vielleicht gerade die Gewähr für die Größe seiner künftigen historischen Schicksale. Die Religiosität hat nicht einmal in der Geistlichkeit Wurzel geschlagen, denn die wenigen eximierten Persönlichkeiten, die sich durch eine solche kalte asketische kontemplative Geisteshaltung auszeichneten, beweisen noch nichts. Die Mehrzahl unserer Geistlichen dagegen sind nur durch dicke Bäuche, scholastische Pedanterie und rohe Unwissenheit ausgezeichnet. Man würde ihnen unrecht tun, wenn man ihnen religiöse Intoleranz und Fanatismus vorwerfen wollte, man hätte eher noch Grund, ihren vorbildlichen Indifferentismus in Sachen des Glaubens zu loben. Echte Religiosität findet sich bei uns nur bei den Sektierern und Ketzern, die in einem solchen Gegensatz zu dem Volksgeist stehen und deren Anzahl im Vergleich zu der Masse des Volkes gar nicht ins Gewicht fällt.

Ich will nicht näher auf Ihren Dithyrambus auf das Band der Liebe eingehen, das das russische Volk mit seinem Herrscher verknüpft. Ich will es ohne Umschweife aussprechen: dieser Dithyrambus hat bei niemand Sympathie gefunden und hat Ihnen selbst bei solchen Leuten geschadet, die Ihnen in anderer Hinsicht, d. h. in ihren Anschauungen, sehr nahe stehen. Was mich persönlich anbetrifft, so überlasse ich es Ihrem Gewissen, ob Sie sich noch weiter verzückt in die Betrachtung der göttlichen Schönheit des Selbstherrschertums versenken wollen (das ist sehr bequem und daher sehr — einträglich), nur bitte ich Sie, seien Sie vernünftig und betrachten Sie es aus Ihrer schönen Ferne; aus der Nähe gesehen ist es viel weniger schön und auch nicht so ungefährlich. — Ich will hier nur eins bemerken: wenn ein Europäer, besonders ein Katholik, von dem religiösen Geist ergriffen wird, wird er zum Ankläger, der sich gegen das Unrecht und die Ungerechtigkeit der Machthaber wendet, wie die jüdischen Propheten, die die Ungerechtigkeiten und Missetaten der Mächtigen an den Pranger stellten. Bei uns dagegen ist es umgekehrt: wenn ein Mensch (selbst ein anständiger) von der Krankheit, die bei den Psychiatern unter dem Namen religiosa mania bekannt ist, ergriffen wird, dann fängt er sofort an, dem irdischen Gotte mehr Weihrauch zu spenden als dem himmlischen; dabei aber übertreibt er gleich und wird so maßlos, daß der Gott, selbst wenn er ihn für seinen sklavischen Diensteifer belohnen wollte, sieht, daß er sich damit vor der Gesellschaft kompromittieren würde. — Wir sind halt dumme Kerle —, wir Russen.

Hierbei fällt mir noch ein, daß Sie in Ihrem Buche behaupten und es als eine große Wahrheit hinstellen, daß Lesen und Schreiben dem einfachen Volke nicht nur nicht nützen, sondern sogar geradezu schaden würde. Was soll ich Ihnen darauf sagen?

Möge Ihnen Ihr byzantinischer Gott diesen byzantinischen Gedanken verzeihen, wenn Sie nicht gewußt haben sollten, was Sie sagten, indem Sie ihn niederschrieben. — Aber vielleicht werden Sie entgegnen: „Es ist möglich, daß ich mich geirrt habe und daß alle meine Gedanken falsch sind, warum aber will man mir das Recht nehmen, mich zu irren, und warum will man nicht an die Aufrichtigkeit meiner Irrtümer glauben?“ Darauf antworte ich Ihnen folgendes: weil eine solche Anschauung in Rußland schon lange nichts Neues mehr ist. Erst vor kurzem ist sie von Buratschok und Genossen in erschöpfender Weise vertreten worden. Natürlich steckt in Ihrem Buche weit mehr Verstand und sogar Talent, als in ihren Werken, obwohl es nicht allzu reich an beiden ist, dafür aber haben jene die Ihnen gemeinsame Lehre mit viel größerer Energie und mit weit größerer Konsequenz vertreten, sie sind kühn bis zu ihren letzten Ergebnissen vorgedrungen, haben alles dem byzantinischen Gotte geopfert und nichts für den Satan übriggelassen, während Sie jedem von beiden eine Kerze stiften wollten, sich hierdurch in Widersprüche verwickelten und für Puschkin, die Literatur und das Theater eintraten, die von Ihrem Standpunkt aus, wenn Sie nur ehrlich genug gewesen wären, um konsequent zu sein, nichts zum Heil unserer Seele, wohl aber sehr viel zu ihrem Verderben beitragen können ... Wessen Hirn aber hätte den Gedanken von der Identität Gogols und Buratschoks ertragen können? Sie haben sich einen viel zu hohen Platz in der Meinung des russischen Publikums erobert, als daß es Ihnen die Aufrichtigkeit solcher Überzeugungen zu glauben vermöchte. Was uns bei einem Toren natürlich vorkommt, kann uns bei einem genialen Mann nicht so erscheinen. Es gibt Menschen, die auf den Gedanken gekommen sind, Ihr Buch sei die Frucht einer geistigen Störung, die ganz positiv an Wahnsinn grenzt. Aber sie haben diese Folgerung bald wieder fallen gelassen — denn es ist doch ganz klar, daß dies Buch nicht an einem Tag, auch nicht in einer Woche oder in einem Monat, sondern vielleicht während eines ganzen Jahres geschrieben wurde, oder daß Sie gar zwei oder drei Jahre lang daran gearbeitet haben; alles darin hängt sehr genau zusammen, selbst die nachlässige Darstellung läßt erkennen, daß viel Überlegung darin steckt, daß es wohl durchdacht ist. Ein Hymnus auf die höchsten Machthaber ist ja doch auch sehr geeignet, dem frommen Autor eine angenehme und gesicherte irdische Existenz zu verschaffen. Das war der Grund, weshalb sich in Petersburg das Gerücht verbreitete, Sie hätten dieses Buch geschrieben, um Erzieher bei dem Sohne des Thronfolgers zu werden. Schon früher ist in Petersburg einer Ihrer Briefe an Uwarow bekanntgeworden, in dem Sie mit Schmerz davon sprechen, daß man in Rußland Ihre Werke falsch auslegt, Ihre Unzufriedenheit mit Ihren früheren Schriften äußern und erklären, Ihre Werke würden Sie erst dann befriedigen, wenn Sie den Beifall des Zaren fänden. Und nun urteilen Sie selbst, ob man sich wundern kann, daß Ihr Buch Ihnen beim Publikum sowohl als Schriftsteller, noch viel mehr aber als Mensch geschadet hat.

Sie verstehen, wie ich sehe, das russische Publikum nicht recht. Sein Charakter wird durch die Situation bestimmt, in der sich die russische Gesellschaft befindet. In ihr regen sich frische Kräfte, die nach außen drängen, jedoch durch den schweren Druck, der auf ihr lastet, gehemmt werden und, da sie keinen Ausweg finden, nichts wie Trübsinn, Melancholie und Apathie erzeugen. Nur in der Literatur regt sich trotz der tatarischen Zensur noch etwas wie Leben und Fortschritt. Daher ist auch der Schriftstellerberuf bei uns etwas so Edles und Hohes, und daher wird es bei uns selbst dem kleinsten Talent so leicht, einen literarischen Erfolg zu erringen. Der Name des Poeten, der Titel des Literaten haben bei uns schon längst den glänzenden Flitter der Epauletten und der bunten Uniformen verdunkelt. Das ist auch der Grund, weshalb bei uns jede sogenannte literarische Tendenz und Bewegung, selbst bei einem geringen und dürftigen Talent, auf den Lohn der allgemeinen Beachtung rechnen darf, und warum die Popularität der großen Talente so schnell dahinsinkt, die ihre Kräfte aus ehrlicher Überzeugung oder aus unehrlichen Motiven in den Dienst der Orthodoxie, des Absolutismus und des Nationalismus stellen. Das treffendste Beispiel hierfür ist Puschkin, der nur zwei oder drei untertänige Gedichte zu schreiben und die Kammerjunkerlivree anzulegen brauchte, um mit einem Schlage die Liebe seines Volkes zu verlieren! Sie sind in einem großen Irrtum befangen, wenn Sie allen Ernstes glauben, daß der Mißerfolg Ihres Buches nicht seiner schlimmen Tendenz, sondern der Härte der Wahrheiten zuzuschreiben sei, die Sie allen und jedem ins Gesicht gesagt hätten. Das konnten Sie vielleicht von den Literaten glauben, wie aber paßte das Publikum in diese Kategorie? Wäre es wirklich möglich, daß Sie ihm im „Revisor“, in den „Toten Seelen“ mit geringerer Schärfe und weniger Wahrheit und Talent weniger bittere Wahrheiten gesagt haben sollten? Die alte Schule zürnte und grollte Ihnen ja auch tatsächlich bis zur Raserei, aber der „Revisor“ und die „Toten Seelen“ sind darum doch nicht vergessen, während Ihr Buch schmählich vom Orkus verschlungen wurde. Und das Publikum hat in diesem Falle recht: es sieht in den russischen Schriftstellern seine einzigen Führer, seine Beschützer und Erretter aus dem russischen Absolutismus, der Orthodoxie und dem Nationalismus, daher ist es stets bereit, einem Schriftsteller ein schlechtes Buch zu verzeihen, nie aber wird es ihm ein schädliches Buch vergeben. Das beweist, wieviel frische gesunde Instinkte, wenn auch erst keimhaft, in unserer Gesellschaft schlummern, und es beweist auch, daß diese Gesellschaft eine Zukunft hat. Wenn Sie Rußland lieben, so freuen Sie sich über die Niederlage Ihres Buches.