Nicht ohne eine gewisse Eitelkeit darf ich Ihnen sagen, daß ich das russische Publikum ein wenig zu kennen glaube. Ihr Buch hat mich erschreckt, weil ich es für möglich hielt, daß es einen schlechten Einfluß auf die Regierung und auf die Zensur ausüben, nicht aber, weil ich daran glaubte, daß es das Publikum in schlechtem Sinne beeinflussen könnte. Als sich in Petersburg das Gerücht verbreitete, die Regierung wolle Ihr Buch in vielen tausend Exemplaren drucken und zu ganz billigem Preise verkaufen lassen — wurden meine Freunde mutlos; ich sagte ihnen jedoch sogleich, daß das Buch trotz alledem keinen Erfolg haben und daß es bald vergessen sein werde. Und so lebt es ja auch heute tatsächlich mehr in den Aufsätzen, die über es geschrieben wurden, als durch sich selbst in der Erinnerung des Publikums weiter. Ja, der Russe hat einen tiefen, obwohl noch unentwickelten Wahrheitsinstinkt.

Ihr Appell mag ja vielleicht ganz aufrichtig gewesen sein, aber Ihr Gedanke, dem Publikum davon Mitteilung zu machen, war äußerst unglücklich. Die Zeiten naiver Frömmigkeit sind selbst für unsere Gesellschaft längst vorüber. Sie begreift schon, daß es ganz gleich ist, wo man betet, und daß nur solche Leute Christus in Jerusalem suchen, die ihn entweder nie in ihrem Busen getragen oder die ihn doch wieder verloren haben. Wer da fähig ist, beim Anblick fremder Leiden selbst zu leiden, wem es schwer wird, mitanzusehen, wie Menschen, die ihm völlig fremd sind, bedrückt werden, — der trägt Christus in seiner Brust und der braucht nicht zu Fuß nach Jerusalem zu pilgern. Die Demut und Ergebung, die Sie predigen, ist nichts Neues und schmeckt erstlich nach furchtbarer Überhebung und zweitens nach einer höchst schmachvollen Herabsetzung der eigenen Menschenwürde. Der Gedanke, sich in ein abstraktes Vollkommenheitsideal zu verwandeln und sich durch seine Demut über alle anderen Menschen zu erheben, kann nur die Frucht des Hochmuts oder des Schwachsinns sein und führt in beiden Fällen nur zur Heuchelei, zum Pharisäertum und zum Chinesentum. Und dabei haben Sie sich erlaubt, sich nicht nur in unsauberen und zynischen Ausdrücken über andere zu äußern (das wäre schließlich nur eine Unhöflichkeit gewesen), nein, Sie sprechen auch so von sich selbst — und das ist einfach häßlich; denn wenn ein Mensch, der seinen Nächsten auf die Backe schlägt, uns zur Empörung reizt, so erregt ein Mensch, der sich selbst ohrfeigt, unsere Verachtung. Nein, Ihr Geist ist verfinstert und nicht erleuchtet: Sie haben weder den Geist, noch die Form des Christentums unserer Zeit verstanden. Nicht die Wahrheit der christlichen Liebe, sondern krankhaftes Todesgrauen und Furcht vor Hölle und Teufel spricht aus Ihrem Buch.

Und welch eine Sprache, was für Sätze sind das: „Die Menschen sind heute allzumal solch traurige jämmerliche Waschlappen geworden.“ Glauben Sie wirklich, daß das heißt, sich biblisch ausdrücken, wenn Sie sagen, die Menschen sind allzumal, statt alle? Welch große Wahrheit ist es doch, daß, wenn der Mensch sich gänzlich der Lüge hingibt, ihn auch Verstand und Talent im Stich lassen. Wenn nicht Ihr Name unter dem Titel Ihres Buches stünde, wer hätte gedacht, daß dieser geschwollene und wirre Wort- und Phrasenflitter — ein Werk des Verfassers der „Toten Seelen“ und des „Revisors“ sein könnte!

Was endlich mich selbst anbetrifft, so erkläre ich Ihnen nochmals: Sie haben sich geirrt, wenn Sie meinen Aufsatz für eine Frucht der Verärgerung hielten, die durch Ihr Urteil über mich als einen Ihrer Kritiker hervorgerufen sei. Wenn mich nur dies allein empört hätte, dann hätte ich mich auch wirklich nur über dies eine empört und ärgerlich geäußert und über das andere ganz ruhig und unvoreingenommen gesprochen. Freilich ist es ganz richtig, daß Ihr Urteil über Ihre Verehrer in doppelter Hinsicht sehr unschön war. Ich erkenne an, daß es notwendig sein kann, einem Toren zuweilen einen kräftigen Schlag zu versetzen, wenn er uns durch seine Lobeserhebungen und seine Begeisterung lächerlich macht, aber auch das ist eine bittere Notwendigkeit, denn es ist nicht angenehm, nicht ganz menschlich, einem Menschen — selbst für seine falsche, auf einem Irrtum beruhende Liebe — mit Haß und Feindschaft zu zahlen. Sie aber hatten, wenn auch nicht gerade Menschen von auserlesenen Verstandesfähigkeiten, zum mindesten solche, die auch keine Toren sind, im Auge. Diese Leute haben voller Bewunderung über Ihre Werke weit mehr Geschrei gemacht, als sie Vernünftiges über sie gesagt haben, immerhin aber stammte ihr Enthusiasmus aus einer so reinen und edlen Quelle, daß Sie sie keinesfalls ihrem gemeinsamen Feinde bedingungslos hätten ausliefern und ihnen noch den Vorwurf machen dürfen, sie strebten danach, Ihren Werken eine falsche Deutung zu geben. Sie haben dies natürlich aus Unvorsichtigkeit getan und, weil Sie sich von dem Grundgedanken Ihres Buches fortreißen ließen, während Wjasemskij, dieser Fürst unter den Aristokraten und dieser Lakai unter den Literaten, Ihren Gedanken weiter ausführte und eine private Denunziation gegen Ihre Verehrer (also in erster Linie gegen mich) veröffentlichte. Er hat dies wahrscheinlich aus Dankbarkeit gegen Sie getan, weil Sie diesen erbärmlichen Reimschmied zu einem großen Dichter gemacht haben, wahrscheinlich, und soviel ich mich erinnere, wegen seines „matten an der Erde klebenden Verses“. Das alles ist nicht schön. Daß Sie jedoch nur auf den Zeitpunkt gewartet haben, wo es Ihnen möglich sein würde, auch den Verehrern Ihres Talents Gerechtigkeit widerfahren zu lassen (nachdem Sie Ihren Feinden mit stolzer Bescheidenheit gerecht geworden waren) — das war mir unbekannt; ich konnte es nicht wissen und hätte es, offen gestanden, auch nicht wissen wollen. Vor mir lag Ihr Buch und nicht Ihre Absichten! Ich las es, las es hundertmal nacheinander und konnte dennoch nichts darin finden als das, was darin steht, und das, was darin stand, beleidigte und empörte meine Seele aufs tiefste.

Wenn ich meinem Gefühl freien Lauf lassen wollte, würde sich dieser Brief bald in ein dickes Heft verwandeln. Ich habe nie daran gedacht, Ihnen hierüber zu schreiben, obwohl ich vom qualvollen Wunsche danach verzehrt wurde, und obwohl Sie allen und jedem öffentlich das Recht gegeben hatten, Ihnen ganz ungeniert zu schreiben, da Sie keine andere Rücksicht kennten, als die der Wahrheit. In Rußland hätte ich das nicht tun können, da die dortigen „Schpekins“ fremde Briefe öffnen, und zwar nicht zu ihrem persönlichen Vergnügen, sondern weil sie dienstlich dazu verpflichtet sind und um andere Leute zu denunzieren. Im Sommer dieses Jahres trieb mich eine beginnende Schwindsucht ins Ausland, und Nekrassow sandte mir Ihren Brief nach Salzbrunn nach, von wo ich heute in Gesellschaft Annenkows über Frankfurt am Main nach Paris weiterreise. Der unerwartete Empfang Ihres Briefes gab mir die Möglichkeit, Ihnen alles zu sagen, was mir auf der Seele lag und was ich gegen Sie und Ihr Buch empfand. Ich kann keine Halbheiten sagen und keine Winkelzüge machen, das liegt nicht in meiner Natur. Mögen Sie oder die Zeit mich belehren, daß ich mich in meinen Schlüssen über Sie geirrt habe. Ich würde der erste sein, der sich hierüber freuen würde, aber ich werde nie bereuen, was ich Ihnen gesagt habe. Hier handelt es sich nicht um meine oder Ihre Person, sondern um etwas weit Größeres und Höheres, als ich und selbst Sie sind, hier handelt es sich um die Wahrheit, um die russische Gesellschaft, um Rußland.

Und dies ist mein letztes Wort, mit dem ich schließe: wenn Sie den unglücklichen Einfall hatten, Ihre wahrhaft großen Werke mit stolzer Bescheidenheit zu verleugnen, so müssen Sie nun mit aufrichtiger Demut Ihr letztes Buch abschwören und die schwere Schuld, die Sie durch seine Veröffentlichung auf sich geladen haben, durch neue Schöpfungen wieder gutmachen, die an Ihre früheren Werke erinnern.

Salzbrunn, den 15. Juli 1847.

IV.
Gogol an Bjelinski[8]

Womit sollte ich meine Antwort auf Ihr Schreiben beginnen, wenn nicht mit Ihren eigenen Worten: „Kommen Sie zu sich, Sie stehen am Rande eines Abgrundes!“ Wie weit sind Sie vom geraden Weg abgekommen! In welch verzerrter, entstellter Gestalt erscheinen Ihnen die Dinge! Welch rohe, ungebildete Vorstellung haben Sie von meinem Buche gefaßt! Wie haben Sie es ausgelegt! ... Oh, mögen die heiligen Mächte Frieden in Ihre leidende Seele gießen! Wozu mußten Sie den einmal gewählten friedlichen Weg gegen einen anderen vertauschen? Was konnte herrlicher sein, als die Leser auf die Schönheiten in den Werken unserer Schriftsteller hinzuweisen, ihre Seele und ihre Geisteskräfte bis zum Verständnis alles Schönen zu erheben, die Schauer der in ihnen geweckten Sympathie zu genießen und so unmerklich auf ihre Seele einzuwirken? Dieser Weg hätte Sie zur Versöhnung mit dem Leben geführt, Sie gelehrt, alles in der Natur zu segnen. Jetzt dagegen fließt Ihr Mund von Haß und Galle über ... Wozu mußten Sie mit Ihrer feurigen Seele sich in diesen Strudel des politischen Lebens, in diese trüben Tageskämpfe stürzen, bei denen selbst ein vielseitiger Geist seine Festigkeit und Umsicht verlieren muß. Wie sollten Sie mit Ihrem einseitigen Geist, der die Explosivkraft des Pulvers hat und sich schon entzündet, noch ehe Sie sich davon überzeugt haben, was Wahrheit und was Lüge ist, wie sollten Sie da nicht die Orientierung verlieren? Sie werden verbrennen wie eine Kerze und auch andere mit sich in den Flammentod reißen ... Oh, wie tut mir mein Herz in diesem Augenblicke weh um Ihretwillen! Wie, wenn auch ich mitschuldig wäre? Wie, wenn auch meine Werke an Ihren Verirrungen teilhätten? Aber nein, wenn ich alle meine früheren Werke betrachte, so sehe ich, daß sie Sie nicht irreleiten konnten ... Als ich sie schrieb, hatte ich Ehrfurcht vor allem, wovor sich der Mensch beugen muß. Mein Spott und mein Haß galten nicht der Obrigkeit und nicht den höchsten Gesetzen unseres Staates, sondern ihrem Zerrbild, den Abweichungen, ihrer falschen Auslegung und den verkehrten Anwendungen. Nirgends habe ich über den Kern des russischen Charakters und die gewaltigen Kräfte, die in ihm schlummern, gespottet. Ich habe nur über das Kleinliche und Nichtige gespottet, das nicht zu seinen Charakterzügen gehört. Mein Fehler bestand darin, daß ich den Russen noch nicht deutlich genug charakterisiert, sein Wesen nicht völlig entfaltet, daß ich die tiefen Quellen, die in seiner Seele verborgen liegen, nicht aufgedeckt habe. Aber das ist keine leichte Sache. Wenn ich den Russen auch gründlich erforscht habe und wenn mir auch eine gewisse hellseherische Begabung dabei behilflich sein konnte, so war ich doch nicht durch mich selbst geblendet, meine Augen waren klar. Ich sah, daß ich noch nicht reif genug war, um den Kampf mit Ereignissen, die bedeutsamer und von höherer Art waren, als die, die bis dahin in meinen Werken vorkamen, und mit stärkeren Charakteren aufnehmen zu können. Alles konnte übertrieben und gewaltsam erscheinen. Und so geschah es auch mit diesem Buch, über das Sie so hergefallen sind. Sie haben es mit glühenden Augen betrachtet, und alles darin ist Ihnen in ganz anderem Lichte erschienen, als es in Wirklichkeit ist. Sie haben es nicht verstanden. Ich will mein Buch nicht verteidigen. Ich selbst habe es schlecht gemacht und mache es noch schlecht. Ich habe mich bei seiner Veröffentlichung einer Hast und Übereilung schuldig gemacht, die sonst nicht in meinem besonnenen und vorsichtigen Charakter liegt. Aber das Motiv war ehrlich. Ich wollte niemand mit dem Buch schmeicheln oder Weihrauch streuen. Ich wollte nur ein paar allzu stürmische Köpfe zur Besonnenheit mahnen, die im Begriffe waren, sich zu verirren und in diesen Strudel und diese Unordnung zu stürzen, in die plötzlich alle Dinge dieser Welt gestürzt waren, zu einer Zeit, wo der Geist in unserem Innern sich zu umnachten schien und gleichsam erlöschen wollte. Ich bin in Übertreibungen verfallen, aber ich versichere es Ihnen, ich habe es selbst nicht gemerkt. Eigennützige Ziele aber habe ich weder früher gehabt, als mich die Lockungen der Welt anzogen, noch viel weniger aber jetzt, wo es Zeit ist, daß ich an meinen Tod denke ... Ich wollte mir nichts dadurch erbetteln. Das liegt nicht in meiner Art. Gottlob, ich habe meine Armut liebgewonnen und würde sie niemals gegen jene Güter eintauschen, die Ihnen so verlockend erscheinen. Sie hätten doch mindestens daran denken sollen, daß ich keinen Winkel mein eigen nenne, ja ich bin sogar darum bemüht, meinen kleinen Reisekoffer möglichst zu erleichtern, damit mir der Abschied von der Welt nicht zu schwer wird. Sie hätten sich also hüten sollen, solche beleidigende Verdächtigungen gegen mich zu schleudern, die ich offen gestanden nicht einmal gegen den gemeinsten Schuft zu erheben den Mut gehabt hätte ... Sie entschuldigen sich damit, daß der Brief im Zustande heftiger Empörung geschrieben ist. Aber in welch einer Stimmung wagen Sie es, so respektlos von den wichtigsten Dingen zu reden?

Wie soll ich mich gegen Ihre Angriffe verteidigen, wenn Ihre Angriffe ihr Ziel verfehlen? — Nein, ein jeder von uns muß daran erinnert werden, daß sein Beruf heilig ist. — Er sollte daran denken, welch strenge Rechenschaft von ihm gefordert werden wird ... Aber wenn der Beruf eines jeden von uns heilig ist, so ist es vor allem das Amt dessen, dem die schwere und furchtbare Pflicht zugefallen ist, für Millionen zu sorgen. Ja wir müßten einander sogar an die Heiligkeit unserer Pflichten mahnen. Ohne dies würde der Mensch in rein materiellen Gefühlen versinken. — Oder glauben Sie, das wisse kein Mensch in Rußland? Sehen wir einmal genauer zu, woher das kommt. Rührt diese Neigung zum Luxus und diese furchtbare Häufung der Laster nicht daher, weil jeder sein eigenes Steckenpferd hat? Der eine guckt nach England, ein anderer nach Preußen, ein dritter nach Frankreich hinüber; der eine schwört auf die einen Prinzipien, ein anderer auf andere; der eine kommt uns mit dem einen Projekt, ein anderer mit einem anderen. Soviel Köpfe soviel Sinne ... Und da sollte es bei einer solchen Uneinigkeit keine Diebe und Gauner und kein Unrecht aller Art geben, wenn ein jeder sieht, daß sich uns überall Hindernisse in den Weg stellen, wo ein jeder nur an sich und daran denkt, wie er sich ein recht warmes Plätzchen verschaffen könnte? ... Sie sagen, Rußlands Heil liege in der europäischen Zivilisation; aber was ist das für ein unbestimmtes uferloses Wort? Wenn Sie doch wenigstens klar definiert hätten, was man unter dem Namen der europäischen Zivilisation verstehen soll! Dazu gehören sowohl die Phalanstère, die Roten und alle möglichen Kategorien anderer Leute, die allesamt bereit sind, einander aufzufressen, und die alle solch umstürzlerische destruktive Prinzipien haben, daß in Europa jeder denkende Kopf zittert und sich unwillkürlich fragt: wo ist denn nun unsere Zivilisation? Ein leeres Phantom hat die Gestalt dieser Zivilisation angenommen ...