Ich konnte nicht gleich auf Ihren Brief antworten. Meine Seele ist ganz matt, ich fühle mich in meinem tiefsten Inneren erschüttert. Ich kann wohl sagen, es gibt keine empfindliche Seite in mir, die nicht aufs schwerste getroffen war, noch ehe ich Ihren Brief erhalten hatte. Ich habe Ihren Brief beinahe in einem zustande völliger Gefühllosigkeit gelesen, trotzdem aber war ich nicht imstande, ihn zu beantworten. Und was hätte ich auch antworten sollen! Gott weiß, vielleicht enthalten Ihre Worte wirklich etwas Wahres. Ich will Ihnen nur sagen, daß ich gelegentlich meines Buches ungefähr fünfzig verschiedene Briefe erhalten habe, aber kein einziger gleicht dem anderen, es gibt keine zwei Leute, die dieselbe Ansicht über einen Gegenstand haben: was der eine verwirft, das behauptet der andere. Und doch gibt es auf beiden Seiten gleich edle und gescheite Menschen; die einzige nicht zu bezweifelnde Lehre, die ich aus alledem entnehmen zu können glaubte, war die, daß ich Rußland überhaupt nicht kenne, daß sich sehr vieles verändert hat, seit ich nicht mehr dort war, und daß man heute beinahe alles, was es dort gibt, von neuem kennen lernen muß, und daraus zog ich für meinen Teil folgenden Schluß: daß ich nichts mehr veröffentlichen und vor das Publikum bringen darf; weder lebendige Anschauungen meiner Phantasie, noch selbst zwei Zeilen aus irgendeinem Werk, solange ich nicht in Rußland war, eine Zeitlang dort gelebt und mich mit eigenen Augen von vielem überzeugt und vieles mit eigenen Händen befühlt haben werde. Ich sehe, daß viele, die mich beschuldigt haben, manches nicht zu kennen und manche Seiten des Lebens nicht berücksichtigt zu haben, selbst in vielen Punkten eine große Unkenntnis an den Tag legen und damit beweisen, daß sie selbst viele Seiten des Lebens nicht in Betracht gezogen haben. Nicht alle Klagen sind an unser Ohr gedrungen, und wir haben nicht alle Leiden in ihrer ganzen Schwere ermessen. Mir will es sogar so scheinen, daß nicht jeder von uns die gegenwärtige Zeit versteht, eine Zeit, in der der Geist völliger Disharmonie und Unordnung deutlicher als je zutage tritt. Wie dem auch sein mag, jetzt kommt alles zum Vorschein: jedes Ding will berücksichtigt sein, das Alte und das Neue fordern einander zum Kampfe heraus, und man braucht nur auf der einen Seite in Übertreibungen und Maßlosigkeiten zu verfallen, damit sich auch die andere Seite sofort derselben Übertreibungen und Maßlosigkeiten schuldig macht. Die gegenwärtige Zeit ist das Zeitalter besonnener vernünftiger Überlegung: ohne sich zu erhitzen, wägt sie alles ab und zieht sie alle Seiten der Dinge in Betracht, denn ohne dies ist es unmöglich, die rechte Mitte, das vernünftige Maß der Dinge kennen zu lernen. Sie verlangt von uns, daß wir Umschau halten mit dem vielseitigen Blick des Greises, und daß wir nicht mit dem heißen Draufgängertum der alten Ritter vorgehen. Diesem Zeitalter gegenüber sind wir reine Kinder. Glauben Sie mir, Sie und ich haben beide unsere Pflicht gegen unsere Zeit nicht erfüllt. Ich wenigstens bin mir darüber klar, aber sind auch Sie sich dessen bewußt? Ebenso wie ich die gegenwärtigen Dinge und viele Umstände übersehen habe, die ich hätte berücksichtigen müssen, ebenso haben auch Sie vieles übersehen; wenn ich mich zu sehr in mich selbst zurückgezogen habe, so haben Sie sich zu sehr zerstreut. Wie ich noch vieles kennen lernen muß, was Sie schon wissen und was ich nicht weiß, so müßten Sie wenigstens einen Teil davon kennen lernen, was ich weiß und was Sie zu Unrecht vernachlässigt und übersehen haben. Jetzt aber denken Sie vor allem an Ihre Gesundheit; vergessen Sie die modernen Probleme für eine Weile. Sie werden später mit größerer Frische und also auch mit größerem Nutzen für Sie selbst wie für die Probleme zu diesen zurückkehren. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, daß Ihnen jener Seelenfriede zuteil werde, der unser höchstes Gut ist, ohne den man nicht wirken und auf keinem Gebiete vernünftig handeln kann.
N. Gogol.
Nachtrag
Band VII und VIII
Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden
(Die wörtliche Übersetzung des Titels lautet: Ausgewählte Stellen aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden.) Den Plan, eine Auswahl von Stücken aus seinem Briefwechsel herauszugeben, faßte Gogol bereits im Beginn des Jahres 1845; an die Ausführung seiner Idee ging er jedoch erst im April 1846 heran. Ehe er das Manuskript an Pletnjew absandte, unterzog er sämtliche Stücke, die er in Buchform herauszugeben gedachte, einer gründlichen Korrektur und Überarbeitung. Zu allererst wurde das VII. Kapitel: Über Schukowskis Übersetzung der Odyssee. An W. M. Jasykow (Band VII, Seite 55 ff.) für den Druck umgearbeitet, redigiert und dann am 4. Juli 1846 an Pletnjew zur Veröffentlichung in dessen Zeitschrift gesandt. — Am 30. Juli desselben Jahres erhält Pletnjew von Gogol aus Schwalbach: Die Vorrede (Band VII, Seite 1 ff.) und die ersten sechs Stücke des „Briefwechsels“ zugeschickt. Zwischen dem 13. und 24. August folgen aus Ostende weitere sieben Aufsätze (Nr. 8-14, Band VII, Seite 73-149) und am 12. September neuen Stils — gleichfalls aus Ostende — nochmals sieben Kapitel (Nr. 15-21, Band VII, Seite 151-253). Am 26. September sendet Gogol Pletnjew aus Ostende ein viertes Heft mit neun Kapiteln (Band VII, Nr. 22-30, Seite 255-367). Am 3. Oktober neuen Stils schickt Gogol aus Frankfurt zwei Korrekturen zu dem Aufsatz: An einen hochgestellten Mann ein (Band VII, Nr. 28, Seite 323). Am 16. Oktober endlich erfolgt von Frankfurt a. M. aus die Absendung der beiden letzten Kapitel und einer Korrektur zum 10. Kapitel: Über das Lyrische bei unseren Poeten. An W. A. Schukowski (Band VII, Seite 85 ff.).
Die Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden erschien im Dezember des Jahres 1846. Die Unterschrift des Zensors ist vom 18. August 1846 datiert, bezieht sich jedoch wahrscheinlich nur auf das erste Heft; im Oktober ergaben sich Schwierigkeiten bei der Drucklegung: der Zensor wollte den Abdruck einzelner Partien und sogar ganzer Kapitel nicht gestatten; daher mußten fünf Briefe: Nr. 19, 20, 21, 26 und 28 (Band VII, Seite 203, 209, 227, 307 und 323) gänzlich wegfallen. Diese Kapitel, sowie die von der Zensur gestrichenen Partien erschienen später in der „Gesamtausgabe“ von Gogols Werken vom Jahre 1867, die von Tschischow veranstaltet wurde. Die von der Zensur beanstandeten Stellen stehen in unserer Ausgabe in eckigen Klammern.
Ferner bat Gogol selbst Pletnjew in einem Brief vom 16. Oktober 1846, „die ganze Stelle zu streichen, die von der Bedeutung der monarchischen Gewalt und ihrer weltlichen Erscheinungsform handelt, und durch den Abschnitt auf der letzten Seite des Heftes zu ersetzen“. Die neue veränderte Fassung des Textes beginnt mit den Worten: „Diese Bedeutung des Herrschers wird allmählich auch in Europa ...“ (Band VII, Seite 100, Zeile 3 v. o.) und schließt mit dem Satze: „daher nehmen ihre Töne einen biblischen Charakter an“ (Band VII, Seite 102, Zeile 3 v. o.). Wir lassen hier die umgearbeitete Stelle folgen, wie sie von Tschischow nach dem Manuskript nachträglich in seiner Gesamtausgabe der Werke Gogols abgedruckt wurde (Band III, Seite 374 bis 376): „Die souveräne Gewalt des Monarchen wird keineswegs an Bedeutung verlieren, sondern in dem Maße, wie die ganze Menschheit an Bildung zunehmen wird, nur noch wachsen. Je mehr jeder Beruf und Stand die ihm gesteckten gesetzlichen Grenzen einhalten wird und die gegenseitigen Beziehungen aller Menschen genauer bestimmt und normiert werden, um so deutlicher wird sich die Notwendigkeit einer höchsten Obergewalt herausstellen, die die ganze Macht der einzelnen Individuen in sich vereinigt und alle höchsten Vorzüge und Tugenden, die den Menschen geradezu Gott ähnlich machen, in Erscheinung treten läßt — jene höchsten kollektiven Attribute und Eigenschaften, die der einzelne Mensch nicht besitzen kann. Eine ganze Million wie einen Menschen liebgewinnen — das ist weit schwerer, als nur wenige unter dieser Million lieben; die Leiden aller Menschen so intensiv mitempfinden wie den Schmerz unseres liebsten Freundes und an die Rettung aller Menschen bis auf den letzten denken, wie man wohl auf die Rettung der eigenen Familie hofft, — das kann nur der in vollem Maße, dem dies zum unerschütterlichen Gebot gemacht ward und der da fühlt, daß er für die Verletzung dieses Gebotes vor Gott ebenso furchtbare Rechenschaft wird ablegen müssen, wie jedes einzelne Individuum für die Verletzung seiner Pflicht in seinem besonderen Wirkungskreis Rechenschaft geben wird. Wenn diese höchste leitende Obergewalt dahinfiele — so würde der menschliche Geist verarmen. Diese souveräne Herrschergewalt des Monarchen wird heute nur deshalb angezweifelt, weil ihre ganze Bedeutung weder den Herrschern noch den Untertanen aufgegangen ist. Die monarchische Gewalt — ist eine Torheit, wenn der Monarch nicht fühlt, daß er das Abbild Gottes auf Erden sein soll. Selbst wenn er noch so sehr das Gute will, wird er sich in seinen Handlungen nicht mehr zurechtfinden können, besonders bei der gegenwärtigen Ordnung der Dinge in Europa; sowie er jedoch zur Erkenntnis kommt, daß er die Aufgabe hat, den Menschen ein Abbild Gottes zu sein, wird für ihn alles klar und deutlich werden und wird auch Klarheit in sein Verhältnis zu seinen Untertanen kommen. Dann wird er sich nicht mehr einen Napoleon, einen Friedrich, einen Peter, eine Katharina oder einen Ludwig zum Muster nehmen, wie überhaupt keinen von den Fürsten, denen die Welt den Namen des Großen beilegt, und deren Bestimmung es war, infolge der zeitlichen Verhältnisse und Umstände außer der königlichen Würde auch noch die Rolle eines Feldherrn, Neugestalters oder Reformators auf sich zu nehmen, kurz nur eine einzelne Seite glanzvoll in sich zu verkörpern, was die unbedeutenderen Nachahmer irreleitet und so viele Fürsten in Versuchung führt. Er wird sich vielmehr die Handlungen Gottes selbst zum Vorbild nehmen, die aus der Geschichte der Menschheit so vernehmbar zu uns reden und die noch deutlicher in der Geschichte des Volkes in Erscheinung treten, das Gott dazu auserwählt hatte, von Ihm Selbst regiert zu werden, um den Königen zu zeigen, wie regiert werden muß. Und wie wahrhaft göttlich hat Er regiert! Wie verstand Er es, Sein Volk mehr denn alle anderen Völker zu lieben! Mit welch väterlicher Liebe lehrte und unterwies Er es und mit welch himmlischer Geduld wartete Er auf seine Wandlung und Besserung. Wie ungern erhob Er Seine strafende Geißel wider Sein Volk! Wie beeilte Er Sich Selbst dann noch nicht, als die Gottlosigkeit und die Sünden des Volkes zum Himmel schrien, es zu strafen, sondern sprach: ‚Ich will Selbst zur Erde hinabsteigen und zusehen, ob das Unrecht und die Sündhaftigkeit wirklich so groß sind!‘ Und wer war es, der so sprach? Der Allwissende, für alles Sorgende, der die Könige dieser Erde zur Vorsicht und Behutsamkeit mahnt! Wie Er ja auch Seine Strafen nicht deshalb verhängte, um den Menschen zu vernichten, den zu vernichten ja gar nicht schwer ist, sondern um ihn zu erretten, weil es sehr schwer ist, ihn zu erretten, und um seine gefühllose Natur durch eine starke Erschütterung und ein Weckmittel aufzurütteln, ihm die ganzen Schrecken des Zieles, dem er in seiner Unwissenheit zustrebt, vor Augen zu führen und ihn dadurch zu mahnen, daß es noch Zeit wäre, an seine Rettung zu denken! Wie Er ja auch, da Er die unbestechliche sieghafte Macht Seiner unüberwindlichen Wahrheit und Gerechtigkeit kannte, alles tat, auf daß der schwache und ohnmächtige Mensch ihr nicht unterliege: sandte Er ihm doch Seine Propheten, daß sie erfüllt von Liebe zu ihren Brüdern und, nachdem sie eine Sprache gefunden, die den Menschen verständlich war, sie zur Besinnung brächten; Er, der sich entschloß, da Er endlich sah, daß alles vergeblich war, daß nichts sie zur Vernunft bringen könne und daß es kein Mittel gäbe, die Menschen Seiner unabwendlichen Gerechtigkeit zu entziehen, Sich Selbst für alle zum Opfer zu bringen, um den Preis eines solchen Opfers noch Seine Gerechtigkeit zu besiegen und den Menschen zu beweisen, daß eine solche Liebe höher ist, denn alles, was es gibt, daß sie an sich selbst die höchste himmlische Gerechtigkeit ist! Alles ward von Gott gesagt für den, der vor den Menschen in sich selbst Sein Abbild zur Darstellung bringen will, hat Er ihn doch gelehrt, wie er handeln soll. Um aber die Könige zu unterweisen, wie sie sich gegen Ihn Selbst, den Schöpfer alles Sichtbaren und Unsichtbaren, verhalten sollen, schenkte Er ihnen die Vorbilder der von Ihm Selbst gesalbten Könige David und Salomo, die mit ihrem ganzen Sein in Gott lebten, wie in ihrem eigenen Hause und die in ihrem Königstume das weise Zusammenwirken zweier Mächte — der geistlichen und weltlichen — verkörperten, und zwar in der Weise, daß nicht bloß keine von beiden die andere störte und hemmte, sondern daß sie sich gegenseitig noch stärkten und befestigten. So enthält das heilige Buch Gottes eine vollkommene Definition des Monarchen, dieses völlig von uns isolierten Wesens, dem auf Erden eine so schwere Aufgabe zuteil ward: nachdem er alles vollbracht, was jedes Menschen Aufgabe ist, und Christus in seinem ganzen Tun und Handeln bis in die kleinsten Einzelheiten seines Alltagslebens gleichgeworden ist, zu alledem auch noch in den erhabensten Äußerungen seiner Tätigkeit gegenüber allen Menschen Gott Vater gleich zu werden. In diesem Buche ist eine vollkommene Definition des Monarchen enthalten, die man nirgends sonst findet. Auf diese Definition ist noch keiner der europäischen Rechtsgelehrten gekommen, bei uns aber haben die Dichter etwas von ihr geahnt und vernommen, daher nehmen ihre Töne auch einen biblischen Charakter an.“
Der ursprüngliche Text der Aufsätze und Privatbriefe Gogols an seine Freunde, die in dem „Briefwechsel“ Aufnahme fanden und erst nach einer durchgreifenden Reinigung und Umarbeitung zur Veröffentlichung an Pletnjew gesandt wurden, stammt aus den verschiedensten Zeiten der Periode von 1843-1846, und zwar ist die Zahl der Stücke um so geringer, je mehr wir uns der ersten Hälfte des Jahres 1843 nähern. Von den Briefen dieser Epoche hat Gogol nur sehr wenige der Aufnahme in die Ausgewählten Stellen aus seinem Briefwechsel für würdig erachtet. Aus dem Jahre 1843 stammen die ersten Entwürfe folgender Artikel:
1) Über den öffentlichen Vortrag russischer Dichtungen (Band VII, Nr. 5, Seite 43) und