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Man kann nicht auf Grund einer oberflächlichen journalistischen Bildung über solche Gegenstände urteilen. Dazu muß man die Geschichte der Kirche studiert haben. Dazu muß man die ganze Geschichte der Menschheit verständnisvoll und mit Überlegung aus den Quellen selbst kennen lernen und nicht etwa aus modernen oberflächlichen Broschüren, die Gott weiß wer geschrieben hat. Dieses flache enzyklopädische Wissen zerstreut den Geist nur und konzentriert ihn nicht.

Was soll ich Ihnen auf Ihre schroffen Bemerkungen über den russischen Bauern sagen — Bemerkungen, die Sie mit so viel Selbstvertrauen und Sicherheit vorbringen, als ob Sie Gott weiß wie lange mit den Bauern zu tun gehabt hätten? Was soll ich dazu sagen, wenn doch Tausende von Kirchen und Klöstern, die das russische Land erfüllen und die nicht aus den Mitteln, die von den Reichen gestiftet, sondern aus den armseligen Groschen der Besitzlosen erbaut werden, eine so überzeugende Sprache sprechen! ... Nein, ein Mensch, der sein Leben lang in Petersburg zugebracht hat und es beständig mit leichten Zeitungsaufsätzen französischer Romanschreiber zu tun hat, die sich so in ihre Ideen verrannt haben, und der nicht merkt, in welcher verzerrten Form und wie töricht das Leben bei ihnen dargestellt ist, nein, ein solcher Mensch kann nicht über das Volk urteilen. Gestatten Sie mir auch zu bemerken, daß ich mehr Recht habe, über das russische Volk zu sprechen, als Sie. Alle meine Werke zeugen, nach der einstimmigen Überzeugung aller Leute, von einer gründlichen Kenntnis des russischen Wesens; sie sind die Schöpfungen eines Schriftstellers, der das Volk ernsthaft studiert und beobachtet hat und vielleicht schon die Gabe besitzt, sich in seine Lebensgewohnheiten hineinzuversetzen, was auch Sie in Ihren Kritiken zugestanden haben. Was aber wollen Sie zum Beweise Ihrer Kenntnis des russischen Wesens anführen? Was haben Sie geschrieben, woraus eine solche Kenntnis hervorginge? Das ist ein großer Gegenstand, und darüber könnte ich Ihnen ganze Bücher vollschreiben. Sie würden sich schämen, daß Sie den Ratschlägen, die ich einem Gutsbesitzer erteile, solch einen plumpen Sinn untergelegt haben. Diese Ratschläge mögen eine noch so geringe Bedeutung haben, sie enthalten jedenfalls keineswegs einen Protest gegen die Volksbildung ... sondern höchstens einen Protest gegen die Korruption des russischen Volkes durch die Literatur, während doch die Schriftkunde uns gegeben ward, um den Menschen zur höchsten Klarheit zu führen. Überhaupt erinnern Ihre Urteile über die Gutsbesitzer an die Zeiten Von-Wisins. Seit jener Zeit hat sich vieles, sehr vieles in Rußland verändert, und seitdem ist sehr viel Neues entstanden. Daß die Aufsicht und Autorität eines Gutsbesitzers, der die Universität besucht und folglich für vieles ein Gefühl hat, ... weit günstiger und vorteilhafter für die Bauern ist, ... wie es ja auch viele Gegenstände gibt, über die wir rechtzeitig nachdenken sollten, ehe wir mit dem himmelstürmenden Feuer des Jünglings oder Ritters darüber reden ... Überhaupt bemüht man sich bei uns weit mehr um die Änderung der Namen und der Ausdrücke, als um das Wesen der Sache ... Sie sollten sich schämen, in unseren Diminutiven, mit denen wir mitunter sogar unsere Freunde benennen, einen Ausdruck der Knechtung und Unterdrückung zu sehen. Auf solche kindische Folgerungen wird man geführt, wenn man eine falsche Ansicht von den wichtigsten und wesentlichsten Dingen hat.

Sodann bin ich auch über das kühne Selbstvertrauen und die Sicherheit erstaunt, mit der Sie erklären: „Ich kenne unsere Gesellschaft und den Geist, der sie beseelt.“ Wie kann man für dies sich jeden Augenblick verwandelnde Chamäleon einstehen? Durch welche Tatsachen können Sie beweisen, daß Sie die Gesellschaft kennen? Welche Mittel besitzen Sie dazu? Haben Sie etwa irgendwo in Ihren Werken bewiesen, daß Sie ein tiefer Kenner der menschlichen Seele sind? Sie, der Sie fast nie mit den Menschen und der Welt in Berührung kommen, der Sie das friedliche Leben eines Journalisten führen und stets nur mit Feuilletonartikeln beschäftigt sind, wie sollten Sie einen Begriff von jenem furchtbaren Schreckbilde haben, das uns durch unerwartete Erscheinungen in seine Falle lockt; geraten doch alle jungen Schriftsteller in diese Falle hinein, die über alles in der Welt und die ganze Menschheit reden, während es um uns herum genug Dinge gibt, um die wir uns kümmern sollten. Wir sollten zuerst einmal diese Aufgaben erfüllen, dann würde es der Gesellschaft schon ganz von selbst gut gehen. Wenn wir dagegen unsere Pflichten gegen die uns nahestehenden Menschen vernachlässigen und dem Wohl der Gesellschaft nachjagen, so geraten wir auf Abwege ... ebenso ... Ich bin in der letzten Zeit vielen vortrefflichen Menschen begegnet, die über diese Sache völlig die Orientierung verloren haben.

Viele denken, wenn sie sehen, daß die Gesellschaft sich auf einem Abweg befindet und daß die Dinge immer verworrener werden, daß man die Welt durch allerhand Reorganisationen und Reformen oder dadurch, daß man sie in dieser oder jener Weise umgestaltet, verbessern könne. Andere glauben, man könne mit Hilfe einer besonderen, recht mittelmäßigen Literatur, die Sie Belletristik nennen, erzieherisch auf die Gesellschaft wirken. Das sind Träume! Abgesehen davon, daß selbst die gelesensten Bücher daliegen, ohne Nutzen zu bringen ... sind auch die Früchte ... wenn überhaupt welche daraus erwachsen, ganz anderer Art, als der Autor glaubt; vielmehr sind sie häufig so beschaffen, daß er entsetzt vor ihnen zurückweicht ... Die Gesellschaft bildet sich von selbst, sie setzt sich aus Einheiten zusammen. Jede dieser Einheiten muß ihre Pflicht und Schuldigkeit tun ... Der Mensch muß eingedenk sein, daß er nichts weniger als ein Stück Materie, daß er kein Vieh ist, sondern ein hoher Bürger des hohen himmlischen Bürgerreichs, und so lange nicht ein jeder wenigstens zum Teil sein Leben dem Geiste dieses himmlischen Bürgerreichs entsprechend gestalten wird, wird es auch im irdischen Gemeinwesen keine Ordnung geben.

Sie sagen, Rußland hätte lange vergeblich gebetet. O nein, Rußland hat im Jahre 1612 gebetet und das Land vor den Polen gerettet; dann hat es 1812 noch einmal gebetet und das Land vor den Franzosen gerettet. Oder nennen Sie das beten, wenn ein Tausendstel aller Menschen betet und alle übrigen vom Morgen bis zum Abend bummeln und zechen ... wenn sie bei jeder Schaustellung dabei sind und ihre letzte Habe verpfänden, um nur allen Komfort zu genießen, den uns die europäische Zivilisation samt all ihren Torheiten beschert hat.

Nein, lassen wir diese Träume ... Lassen Sie uns ehrlich unsere Pflicht tun. Wir wollen uns bemühen, unsere Talente nicht in der Erde zu vergraben. Wir wollen unser Handwerk gewissenhaft ausüben. Dann wird alles gut gehen, und die Lage der Gesellschaft wird sich ganz von selbst bessern ... Die Gutsbesitzer werden auf ihre Güter zurückkehren. Die Beamten werden erkennen, daß man kein üppiges, verschwenderisches Leben zu führen braucht, und werden aufhören, Geschenke anzunehmen. Die Ehrgeizigen aber werden sehen, daß eine hohe Stellung weder mit einem hohen Gehalt, noch mit großen Geldeinnahmen verknüpft ist ... weder sie noch ich sind geboren ... Gestatten Sie mir, Sie an Ihre frühere Tätigkeit zu erinnern. Der Literat lebt für die Wahrheit. Er soll der Kunst ehrlich dienen und den Seelen dieser Welt Frieden und nicht Haß und Feindschaft einhauchen. Machen Sie den Anfang und fangen Sie noch einmal an, zu lernen! Studieren Sie die Dichter und Weisheitslehrer, die erzieherisch auf den Geist wirken. Die journalistische Tätigkeit laugt die Seele aus, man entdeckt plötzlich eine innere Leere in sich. Denken Sie daran, daß Sie nur eine oberflächliche Bildung genossen und nicht einmal die Universität beendigt haben. Machen Sie das durch die Lektüre großer Werke und nicht durch Beschäftigung mit modernen Broschüren wieder gut, die aus einem erhitzten Gemüt entspringen, das von der geraden gesunden Ansicht der Dinge ablenkt.

V.
Fragment aus demselben Brief, das an einer anderen Stelle aufgefunden worden ist

Sie haben meine Worte über das Lesen und Schreiben ganz buchstäblich verstanden und ihnen einen zu engen, begrenzten Sinn untergelegt. Diese Worte waren an einen Gutsbesitzer gerichtet, dessen Bauern Landwirte sind. Es kam mir beinahe komisch vor, daß Sie aus diesen Worten den Schluß ziehen konnten, als wollte ich die elementare Volksbildung bekämpfen; als ob jetzt davon die Rede wäre — wo das doch eine Frage ist, die unsere Väter längst gelöst haben! Unsere Väter und Großväter haben, selbst wenn sie selbst Analphabeten waren, entschieden, daß die Elementarbildung etwas Notwendiges sei. Aber darum handelt es sich ja gar nicht. Der Gedanke, der mein ganzes Buch durchzieht, ist dieser: wie man erst die Menschen aufklären könne, die in nahem Verkehr mit dem Volke stehen, und dann erst das Volk selbst. Alle diese kleinen Beamten und Regierungsvertreter, die alle lesen und schreiben können und sich dabei doch soviel Mißbräuche zuschulden kommen lassen ... Glauben Sie mir, es ist viel notwendiger, daß wir die Bücher, die Ihrer Ansicht nach so nützlich für das Volk sind, für diese Leute herausgeben. Das Volk ist weit weniger verdorben, als diese ganze lese- und schreibkundige Gesellschaft. Dagegen Bücher für diese Leute herauszugeben, Bücher, die ihnen das Geheimnis offenbaren, wie man mit dem Volk und mit den ihnen anvertrauten Untergebenen umgehen muß — nicht in dem umfassenden Sinne, wie ihn die oft wiederholten Worte ausdrücken: „Stiehl nicht, sei rechtschaffen und ehrlich“ oder „Denke daran, daß deine Untergebenen ebensolche Menschen sind wie du“ — sondern, die sie belehren, wie man es anfängt, nicht zu stehlen, und daß das Recht wirklich eingehalten werde ...

VI.
Gogol an W. G. Bjelinski[9]