Die Gemeinde: „Gewähre uns das, o Herr!“
„Wir gedenken unserer hochheiligen, reinen, gesegneten, herrlichen Gebärerin, unserer Heiligen Jungfrau, sowie aller Heiligen und weihen uns selbst, einander und unser ganzes Leben Christus, unserem Gott.“
Und in dem innigen Wunsche, sich also selbst und einander Christus, ihrem Herrn, zu weihen, rufen alle: „Dir, o Herr!“
Die Ektenia wird mit folgendem Gebet beschlossen: „Durch die große Gnade Deines eingeborenen Sohnes, sei gesegnet mit Ihm samt Deinem allerheiligsten, gütigen, lebenspendenden Geist, nun, hinfort und in alle Ewigkeit!“
Der Chor singt ein donnerndes „Amen!“
Noch immer bleibt der Altar geschlossen. Noch immer beginnt der Priester nicht mit dem Opfer; denn noch muß vieles geschehen, ehe das heilige Abendmahl stattfinden kann. Aus der Tiefe des Altarraumes ruft der Priester der Gemeinde den Gruß des Heilands zu: „Friede sei mit euch allen!“ Die Gemeinde antwortet: „Und mit deinem Geiste!“ Der Diakon steht auf der Kanzel und ermahnt, wie dies bei den ersten Christen Sitte war, alle, einander zu lieben, indem er spricht: „Laßt uns einander lieben und einmütig bekennen ...“ Hier fällt der Sängerchor ein, indem er die Schlußworte: „Den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, die alleinige unteilbare Dreieinigkeit!“ mitsingt, wodurch wir daran erinnert werden sollen, daß wir, wenn wir einander nicht liebhaben, auch Den nicht liebgewinnen können, Der ganz Liebe, Der die ganze vollkommene Liebe ist und Der in Seiner Heiligen Dreieinigkeit den Liebenden und den Geliebten, sowie die Handlung der Liebe, mit der der Liebende den Geliebten liebt, vereinigt: der Liebende ist Gott der Vater, der Geliebte Gott der Sohn, und die Liebe selbst, die Sie vereinigt, Gott der Heilige Geist. Dreimal verneigt sich der Priester im Inneren des Altarraumes, indem er leise bei sich wiederholt: „Ich will Dich lieben, o Herr, meine Stärke, mein Fels und mein Hort!“ Er küßt die mit dem Tuch verdeckte heilige Patene und den heiligen Kelch, küßt den Rand des heiligen Hochaltars und alle Priester, die mit ihm am Gottesdienst teilnehmen, tuen desgleichen; dann küssen sie sich alle untereinander und der Hauptpriester spricht: „Christus ist mitten unter uns!“ Man antwortet ihm: „Er ist und wird sein!“ Auch alle Diakone, die zugegen sind, küssen zuerst die Stelle ihrer Stola, auf der das Kreuz abgebildet ist, und dann einander, indem sie dieselben Worte sprechen.
Früher küßten alle, die in der Kirche waren, einander gleichfalls, die Männer die Männer, die Frauen die Frauen, indem sie sprachen: „Christus ist mitten unter uns!“ und gleich darauf die Antwort erhielten: „Er ist und wird sein!“ daher stellt sich auch heute ein jeder, der in der Kirche anwesend ist, in Gedanken vor, daß er alle Christen vor sich hat, nicht nur die, die in der Kirche sind, sondern auch die Abwesenden, nicht nur die, die seinem Herzen nahestehen, sondern auch die, die ihm fernstehen, beeilt sich, sich mit denen von ihnen auszusöhnen, gegen die er etwas wie Mißgunst, Haß oder Zorn hegte — und gibt jedem von ihnen in Gedanken einen Kuß, indem er bei sich spricht: „Christus ist mitten unter uns!“ und in ihrem Namen antwortet: „Er ist und wird sein!“ denn ohne dies wäre er tot für alle folgenden heiligen Handlungen nach Christi eigenem Wort: „So lasse allda vor dem Altar deine Gabe und gehe zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder und alsdann komm und opfere deine Gabe“; und an einer anderen Stelle heißt es: „Und wer da sagt, ich liebe Gott und hasse meinen Bruder, der lügt; denn wenn er seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, Den er nicht sieht?“
Der Diakon steht auf der Kanzel, er wendet sein Gesicht den Anwesenden zu, hält die Stola mit drei Fingern seiner Hand empor und ruft nach altem Brauch: „Die Tore, die Tore!“ Ehedem wurde dieser Ruf an die Pförtner gerichtet, die am Toreingang standen, damit sich keiner von den Heiden, die den christlichen Gottesdienst zu stören pflegten, frech und blasphemisch in die Kirche eindrängte; heute wird dieser Ruf an die Anwesenden selbst gerichtet, die hierdurch ermahnt werden sollen, die Tore ihres Herzens zu behüten, in denen die Liebe bereits Eingang gefunden hat, auf daß kein Feind der Liebe sich in die Herzen eindränge, und die Tore ihres Mundes und ihrer Ohren weit aufzutun und für die Verlesung des Glaubenssymbols offen zu halten; zum Zeichen dafür wird der Vorhang vor der Königspforte, oder die „hohe Pforte“, hinweggezogen, die sich nur dann öffnet, wenn die Aufmerksamkeit des Geistes auf die höchsten Mysterien hingelenkt werden soll. Der Diakon fordert die Versammlung mit folgenden Worten zum Zuhören auf: „Laßt uns der höchsten Weisheit lauschen!“ Die Sänger stimmen einen kraftvollen mannhaften Gesang an, der mehr einer Art Sprechgesang gleicht, und rufen laut und ausdrucksvoll: „Ich glaube an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer des Himmels und der Erden, alles Sichtbaren und Unsichtbaren.“ Dann machen sie eine kurze Pause, damit sich alle in Gedanken die erste Person der Heiligen Dreieinigkeit — Gott den Vater klar und deutlich vorstellen, und fahren dann fort: „Und an Jesum Christum, Gottes eingeborenen Sohn, unseren Herrn, vom Vater in Ewigkeit geboren, Licht vom Licht, wahrhaftigen Gott vom wahrhaftigen Gott, geboren, nicht erschaffen, einerlei Wesens mit dem Vater, durch welchen alle Dinge geworden sind. Um der Menschen und um des Heiles willen vom Himmel Fleisch geworden aus dem Heiligen Geist und der Jungfrau Maria und Mensch geworden, um unseretwillen gekreuzigt unter Pontius Pilatus, gelitten, gestorben und begraben. Am dritten Tage nach der Schrift wiederauferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel und sitzend zur Rechten des Vaters. Von dannen Er wiederkommen wird in Herrlichkeit, zu richten die Lebendigen und die Toten und Dessen Reiches kein Ende sein wird. Und an den Heiligen Geist, Der da machet lebendig und gehet aus vom Vater, Der da zusammen mit dem Vater und dem Sohne angebetet und verehret wird und durch die Propheten geredet hat.“ Dann machen sie wieder eine kurze Pause, damit sich alle in Gedanken die dritte Person der Heiligen Dreieinigkeit — Gott, den Heiligen Geist klar und deutlich vorstellen, und fahren fort: „Und an eine heilige katholische und apostolische Kirche. Ich glaube an eine Taufe zur Vergebung der Sünden und hoffe auf die Auferstehung der Toten und ein ewiges Leben. Amen!“
Mannhaft und kraftvoll ist der Gesang der Sänger und er prägt jedes Wort des Glaubenssymbols den Herzen tief ein. Mit fester Stimme wiederholt hierauf ein jeder die Worte des Symbols. Mutigen Herzens und voll starken Geistes wiederholt auch der Priester vor dem heiligen Hochaltar, der den heiligen Abendmahlstisch darstellen soll, leise bei sich selbst das Glaubensbekenntnis, auch alle Zelebranten, die ihm zur Seite stehen, wiederholen es still bei sich selbst, indem sie den heiligen Aër, der über den heiligen Gaben ruht, hin und her bewegen.
Festen Schrittes kommt jetzt der Diakon gegangen und verkündet: „Laßt uns fromm, laßt uns ehrfurchtsvoll dastehen und aufmerken und das heilige Opfer in Frieden darbringen,“ d. h. laßt uns würdig vor Gott hintreten, wie es sich für den Menschen geziemt, d. h. mit Zittern und Ehrfurcht, zugleich aber auch tapfer und kühnen Mutes, indem wir Gott loben, mit friedlichem versöhntem, einträchtigem Herzen, denn ohne dies vermag man sich nicht zu Gott zu erheben. Und die ganze Kirche wiederholt, diesen Ruf beantwortend, indem sie den Lobgesang, der aus ihrem Munde emporsteigt, und die Besänftigung der Herzen als Opfergabe darbringt mit dem Sängerchor: „Die Gnade des Friedens, das Opfer des Dankes.“ In der Urkirche herrschte die Sitte, bei dieser Gelegenheit etwas Salböl als Opfergabe darzubringen, welches ein Symbol der Besänftigung ist, denn Salböl und Barmherzigkeit bedeuten im Griechischen dasselbe.