Unterdessen zieht der Priester im Altarraum den Aër von den heiligen Gaben hinweg, küßt ihn und legt ihn zur Seite, indem er spricht: „Die Gnade unseres Herrn ...“ Der Diakon aber betritt den Altarraum, nimmt den Fächer oder das Rhipidion in die Hand und schwingt ihn andachtsvoll über den heiligen Gaben.

Indem nun der Priester sich anschickt, das heilige Abendmahl zu zelebrieren, richtet er aus dem Inneren des Altarraums folgenden frohen Ruf an das Volk: „Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!“ worauf ihm alle Anwesenden antworten: „Und mit deinem Geiste!“ Der Altar, der vorhin die Krippe vorstellte, versinnbildlicht jetzt das Zimmer, in dem das Abendmahl zubereitet wurde; und der Hochaltar, der das Grab versinnbildlichte, stellt jetzt den Abendmahlstisch und nicht mehr das Grab dar. Der Priester gedenkt des Erlösers, Der Seine Augen zum Himmel emporrichtete, ehe Er Seinen Jüngern die göttliche Speise darreichte, und ruft: „Laßt uns unsere Herzen zum Himmel erheben!“ Und jeder, der in der Kirche anwesend ist, richtet seine Gedanken auf das, was nun geschehen wird — und er denkt daran, daß in diesem Augenblick das göttliche Lamm für ihn geschlachtet wird, daß das göttliche Blut des Herrn selbst in den Kelch fließt, um ihn zu entsühnen, und daß alle himmlischen Mächte sich mit dem Priester vereinigen, um für ihn zu beten; und indem er seine Gedanken [hierauf] richtet und seine Seele von der Erde abzieht und zum Himmel und aus der Finsternis zum Lichte erhebt, ruft er zugleich mit allen anderen aus: „Wir wollen uns zu Gott erheben!“

Der Priester ruft, des Erlösers gedenkend, Der da dankte, nachdem Er Seine Augen gen Himmel erhoben hatte: „Laßt uns unserem Gotte danken!“ Der Chor erwidert: „Geziemend ist es und fromm, anzubeten den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, die Heilige Dreieinigkeit, Die eines Wesens und unfehlbar ist.“ Der Priester aber betet im stillen bei sich: „Geziemend ist es und fromm, Dich zu verherrlichen, zu loben, Dir zu danken und Dich anzubeten allerorten in Deinem Reiche, denn Du bist Gott, der Unaussprechliche, Unergründliche, Unsichtbare und Unbegreifliche, denn Du bist ewig Derselbe samt Deinem eingeborenen Sohn und Deinem Heiligen Geist. Du hast uns aus dem Nichtsein zum Sein erweckt, hast uns Abtrünnige wieder aufgerichtet und hast uns nicht verlassen, sondern uns in den Himmel erhoben und uns Dein künftiges Reich geschenkt. Für dieses alles danken wir Dir und Deinem eingeborenen Sohn und Deinem Heiligen Geiste, danken Dir alle, für alle die Wohltaten, die wir kennen und die wir nicht kennen, die offenkundigen und die unbekannten, die Du an uns getan hast. Wir danken Dir auch für diesen Gottesdienst und bitten Dich, ihn aus unserer Hand entgegenzunehmen, obwohl Dir Tausende von Erzengeln und Legionen von Engeln, Cherubim und sechsfach geflügelte Seraphim zur Verfügung stehen, vieläugige, gefiederte, gen Himmel strebend, Dir Siegeslieder singen, rufen, jauchzen und sprechen: „Heilig, heilig, heilig ist der Gott Zebaoth; Himmel und Erde sind Deines Ruhmes voll!“

Dieses Siegeslied der Seraphim, das die Propheten in ihren heiligen Gesichten vernahmen, wird von dem ganzen Sängerchor aufgenommen; es trägt die Gedanken der Gläubigen in unsichtbare Himmelsfernen mit sich fort, nötigt alle, mit den Seraphim in den Ruf einzustimmen: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth!“ und mit ihnen den Thron des göttlichen Ruhmes zu umkreisen. Und da ferner die ganze Kirche in diesem Augenblick erwartungsvoll dessen harrt, daß der Herr selbst herabsteigen und Sich für alle zum Opfer darbringen wird, so vereinigt sich mit dem Gesang der Seraphim, der im Himmel ertönt, noch der Gesang der hebräischen Jünglinge, mit dem Ihn diese bei Seinem Einzug in Jerusalem begrüßten, Zweige auf den Weg streuend: „Hosianna in der Höhe. Gelobt sei, Der da kommt im Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“ Denn der Herr bereitet sich, in den Tempel einzuziehen, wie in das mystische Jerusalem. Der Diakon fährt fort, mit dem Fächer über die heiligen Gaben hinzufächeln, damit kein Insekt auf sie herniederfalle, und symbolisiert mit dieser Bewegung des Fächers das Walten der Gnade. Der Priester aber betet im stillen weiter: „Mit diesen heiligen Mächten, o Herr, Der Du die Menschen liebhast, flehen auch wir zu Dir und sprechen: Heilig und hochheilig bist Du und Dein eingeborener Sohn und Dein Heiliger Geist. Heilig bist Du und hochheilig, und herrlich ist Dein Ruhm, denn also hast Du die Welt geliebt, daß Du Deinen eingeborenen Sohn gabst, auf daß alle, die an Ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben, Der da kam und alles erfüllte, was von uns verkündet ward; in der Nacht, da Er verraten ward, oder besser, da Er Sich selbst dahingab für das Leben der Welt, nahm Er das Brot in Seine reinen unschuldigen Hände, dankte, segnete und heiligte es, brach es und gab es Seinen heiligen Jüngern und Aposteln und sprach ...“ Und mit lauter Stimme verkündete der Priester die Worte des Heilandes: „Nehmet hin und esset, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird zur Vergebung der Sünden.“ Bei diesen Worten fallen die ganze Kirche und der Chor ein und rufen „Amen!“ Der Diakon aber weist, die Stola in der Hand haltend und sich zum Priester hinwendend, auf die heilige Patene hin, auf welcher das Brot ruht. Der Priester aber fährt leise fort: „Desselbigengleichen nahm Er auch den Kelch nach dem Abendmahl und sprach ...“ und er verkündet laut, nachdem der Diakon auf den Kelch gedeutet hat: „Trinket alle daraus, dies ist Mein Blut des Neuen Testaments, welches vergossen wird für euch und für viele zur Vergebung der Sünden.“ Und die ganze Kirche antwortet ebenso laut wie das erstemal: „Amen!“

Der Priester fährt fort, leise zu beten: „Und indem wir also gedenken dieses erlösenden Gebotes und alles dessen, das für uns getan ward: des Kreuzes, des Grabes, der Auferstehung am dritten Tage, der Himmelfahrt, des Sitzens zur Rechten Gottes und der zweiten ruhmvollen Wiederkunft“ — und nun, nachdem er dies leise vor sich hingesprochen, erhebt er die Stimme und spricht: „— bringen wir Dir dar das Deinige von den Deinigen für alle und für alles!“ Der Diakon legt nun den Fächer beiseite und hebt die heilige Patene und den heiligen Kelch in die Höhe: in diesem Augenblick stellt der Altar nicht mehr das Zimmer, in dem das heilige Abendmahl stattfand, und der Hochaltar nicht mehr den Abendmahlstisch dar; jetzt ist er der Opferaltar, auf dem das furchtbare Opfer für die ganze Welt dargebracht wird — das Golgatha, wo die furchtbare Hinschlachtung des göttlichen Opferlamms sich vollzog. Dieser Augenblick stellt den Augenblick des Opfers und den Moment dar, da ein jeder an das dem Schöpfer dargebrachte Opfer gemahnt wird. Wir beugen uns ja auch vor den irdischen Gewalten; wir verehren und achten ja auch die Menschen und gehorchen ihnen, aber wir opfern nur dem alleinigen Gott. Und dies Opfer hat nie aufgehört seit Erschaffung der Welt, in welcher Form es auch immer dargebracht werden mochte, das, worauf es dabei ankam, war nicht das Opfer selbst, sondern ein reumütiger Geist, mit dem es dargebracht wurde. Daher muß jeder der Anwesenden dessen eingedenk sein, daß der Priester in diesem Augenblick alles Gemeine und Diesseitige geringschätzen und alle irdischen Begierden und Gedanken vergessen muß gleichwie Abraham, der, als er zum Berg emporstieg, um das Opfer darzubringen, seine Frau, seinen Knecht und seinen Esel unten ließ und nur das Holz des bitteren Bekenntnisses seiner Sünden mit sich nahm, es im Feuer seiner inneren Reue zu Asche verbrannte und mit der Flamme und dem Schwerte des Geistes in sich jede Begierde nach irdischem Besitz und irdischen Gütern tötete. Was aber sind alle unsere Opfer vor dem Angesichte Gottes, wenn Er durch den Mund des Propheten zu uns spricht. „Wie ein unreines Gewand sind alle unsere Taten.“

Tief durchdrungen vom Bewußtsein, daß es auf Erden nichts gibt, das da wert wäre, Gott zum Opfer gebracht zu werden, richtet jeder der Anwesenden seine Gedanken auf den Kelch, den der Diener des Altars im Altarraum emporhebt, und ruft im Inneren seines Herzens aus: „Also sei Dir dargebracht das Deinige von den Deinigen, für alle und für alles!“ Der Chor singt: „Dir lobsingen wir, Dich segnen wir, Dir danken wir, o Herr, und wir beten zu Dir, unser Gott!“

Und nun folgt der Höhepunkt der ganzen Liturgie: die Transsubstantiation. Im Inneren des Altarraumes wird jetzt der Heilige Geist dreimal angerufen und angefleht, Sich auf die heiligen Gaben herabzusenken — derselbe Heilige Geist, durch Den die Fleischwerdung Christi, Seine Geburt durch die Jungfrau, Sein Tod und Seine Auferstehung vollzogen ward, und ohne Den sich das Brot und der Wein nicht in den Leib und das Blut Christi verwandeln können.

Der Priester fällt vor dem heiligen Hochaltar nieder, und auch der Diakon verbeugt sich dreimal bis zur Erde, indem er bei sich selbst spricht: „Herr Gott, Der Du in der dritten Stunde Deinen Allerheiligsten Geist auf Deine Apostel herabsandtest, nimm Ihn nicht von uns, Du Gütiger, sondern laß uns wiedergeboren werden, die wir zu Dir beten.“ Und nach diesem Anruf des Heiligen Geistes wiederholen alle bei sich den Vers: „Gib mir, o Gott, ein reines Herz und erneure in meinem Inneren einen gerechten Geist.“

Noch einmal wird der Anruf wiederholt: „Herr Gott, Der Du in der dritten Stunde Deinen Allerheiligsten Geist auf Deine Apostel herabsandtest, nimm Ihn nicht von uns, Du Gütiger, sondern laß uns wiedergeboren werden, die wir zu Dir beten.“ Und die Gemeinde singt den Vers: „Verwirf mich nicht von Deinem Angesicht und nimm Deinen Heiligen Geist nicht von mir!“ Und zum drittenmal erfolgt der Anruf: „Herr Gott, Der Du in der dritten Stunde Deinen Allerheiligsten Geist auf Deine Apostel herabsandtest, nimm Ihn nicht von uns, Du Gütiger, sondern laß uns wiedergeboren werden, die wir zu Dir beten.“ Der Diakon weist gesenkten Hauptes mit der Stola auf das heilige Brot hin und spricht bei sich selbst: „Segne, o Herr, das heilige Brot!“ Und der Priester segnet es dreimal mit dem Kreuze und spricht: „Und mache dieses Brot zu dem heiligen Leibe Deines Christus.“ Der Diakon sagt: „Amen!“ Und damit ist das Brot in den Leib Christi verwandelt. Und abermals weist der Diakon mit der Stola stumm auf den heiligen Kelch und spricht bei sich selbst: „Segne, o Herr, den heiligen Kelch!“ Und der Priester segnet ihn und spricht: „Mache, den Inhalt dieses Kelches zum heiligen Blut Deines Christus.“ Der Diakon sagt: „Amen!“ und spricht, indem er auf die beiden heiligen Gaben hinweist: „Segne sie beide, o Herr!“ Der Priester segnet sie und spricht: „Verwandle sie durch Deinen Heiligen Geist!“ Der Diakon sagt dreimal: „Amen!“ Und auf dem Hochaltar ruhen jetzt der Leib und das Blut Christi selbst: die Transsubstantiation hat sich vollzogen! Ein Wort rief das ewige Wort herbei. Der Priester, dessen Stimme das Schwert vertritt, hat das Opfer vollbracht. Wer es auch sein möge — ob er Peter oder Iwan heißt —, in seiner Person hat der ewige Hohepriester selbst dies Opfer vollbracht, und Er vollbringt es ewiglich durch die Person Seiner Priester, wie auf das Wort: „Es werde Licht!“ das Licht ewiglich leuchtet und wie auf das Wort: „Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut!“ die Erde sie ewiglich aufgehen läßt. Und es ist nicht ein Bildnis oder die bloße Erscheinung des Leibes, die sich auf dem Hochaltar befindet, sondern der Leib Christi selbst — derselbe Leib, der auf Erden Backenstreiche erhalten, bespien, gekreuzigt, begraben ward, auferstand und mit dem Herrn gen Himmel fuhr und nun zur Rechten des Vaters sitzt. Er behält nur deshalb auch weiter die Gestalt des Brotes, um dem Menschen zur Speise zu dienen, und weil der Herr selbst gesagt hat: „Ich bin das Brot.“

Vom Kirchturm her ertönt jetzt Glockengeläut, um allen den großen Augenblick zu verkündigen, auf daß der Mensch — wo er sich in diesem Moment auch befinden mag — ob er unterwegs, ob er auf Reisen ist oder seinen Acker bestellt, ob er zu Hause sitzt oder einer anderen Beschäftigung nachgeht, ob er auf dem Krankenbett liegt oder in den Mauern eines Gefängnisses schmachtet — kurz, damit er überall, wo er sich auch aufhält, in diesem furchtbaren Augenblick auch für sich beten könne. Alles stürzt vor dem Leib und Blut Christi nieder und fleht den Herrn mit den Worten des Übeltäters an: „Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst.“