Deutsch von Ulrich Steindorff

München und Leipzig
bei Georg Müller
1914

An Arkadius Ossipowitsch Rosetti

Neapel, im Jahre 1847.

Ich weiß nicht, wie ich Ihnen für Ihren Brief und die zahlreichen Mitteilungen danken soll, die er enthält, liebster, bester Arkadij Ossipowitsch. Wenn ich häufiger das Glück hätte, solche Briefe zu erhalten, selbst wenn sie nicht von solch herzlicher Teilnahme und Liebe zu mir erfüllt wären, müßte ich schon längst viel klüger sein, als ich es jetzt bin. Aber was soll ich tun, wenn es mir durchaus nicht gelingen will, jemand in irgendeiner Weise davon zu überzeugen, daß ich wissen muß, was man über mich spricht, daß das die einzige Gelegenheit für mich ist, etwas zu lernen, kurz, daß es einen Menschen gibt, dem man die Wahrheit sagen muß, so hart und bitter sie auch sein mag, und für den selbst die harten und rohen Worte, wie sie nur dem Haß und der Lieblosigkeit entspringen, ein Bedürfnis sind? So war denn auch einer der Gründe, der mich dazu bestimmte, meine Briefe herauszugeben — das Bedürfnis, zu lernen, und nicht etwa das — andere zu belehren. Da man jedoch einen Russen nicht anders zum Reden veranlassen kann, als dadurch, daß man ihn erzürnt und ungeduldig macht, so habe ich beinahe mit Vorbedacht eine Reihe von Stellen in den Briefwechsel aufgenommen, die die Menschen durch ihren arroganten Ton verletzen und an ihrer empfindlichsten Stelle treffen mußten.

Ich kann Ihnen allen Ernstes versichern: ich leide außerordentlich darunter, daß ich sehr viele Dinge nicht kenne, die ich unter allen Umständen kennen müßte; ich leide darunter, daß ich eigentlich gar nicht weiß, was heutzutage die Menschen aller Berufsarten, Ämter und aller Bildungsstufen in Rußland darstellen. Alles, was ich hierüber bisher unter einem ungeheuren Aufwand von Mühe ermitteln konnte, ist nicht ausreichend, wenn meine „Toten Seelen“ das werden sollen, was sie eigentlich sein sollten. Das ist der Grund, weswegen ich so sehr danach dürste, zu erfahren, was die Menschen aller Klassen mit Einschluß der Bedienten und Lakaien über mein gegenwärtiges Buch sagen — nicht eigentlich im Interesse meines Buches selbst, sondern weil sich der Beurteiler mit seinem Urteil über das Werk am besten charakterisiert. Aus einem solchen Urteil kann ich sofort entnehmen, was er selbst für ein Mensch ist, auf welchem Niveau geistiger Bildung er steht, wie es in seiner Seele aussieht, ob er von Natur ein schlichter und gütiger Mensch oder unwissend und korrumpiert ist. Mein Buch kann mir in gewisser Beziehung als Probierstein dienen, und glauben Sie mir, daß Sie es sich heutzutage an keinem anderen Buche so deutlich zum Bewußtsein bringen können, wie an diesem, was der Russe von heute für ein Mensch ist. Ich kann es nicht leugnen, ich hoffte auf einzelne Leute, die an gewissen Gebrechen leiden, einen wohltätigen Einfluß auszuüben, ich hatte erwartet, daß sich mehr Stimmen zu meinen Gunsten äußern würden, als das wirklich der Fall war, und es war bitter, ja sogar sehr bitter für mich, vieles mitanhören zu müssen. Aber wie danke ich Gott heute dafür, daß es gerade so und nicht anders gekommen ist! Ich sehe mich jetzt unwillkürlich genötigt, viel strenger gegen mich zu sein, ich habe jetzt die Möglichkeit, auch die Menschen weit besser und genauer kennen zu lernen, und bin endlich in der Lage, mir eine richtigere Ansicht von ihnen zu bilden. Was aber den Umstand betrifft, daß meine Persönlichkeit hierbei Schaden gelitten hat (ich muß es Ihnen gestehen; ich brenne noch heute vor Scham, wenn ich daran denke, wie anmaßend ich mich an vielen Stellen ausgedrückt habe: fast à la Chlestakow), so muß man doch immer Opfer bringen. Ich brauchte eine solche öffentliche Ohrfeige, ja ich hatte sie vielleicht nötiger als irgendein anderer. Aber es kommt darauf an, die Gelegenheit zu ergreifen und aus den Umständen Nutzen zu ziehen: Gott hat plötzlich einen ganzen Haufen von Schätzen vor mir ausgeschüttet, so daß ich mit beiden Händen danach greifen muß, wenn ich sie bergen will. Wenn Sie mir etwas wahrhaft Gutes tun wollen, etwas, dessen nur ein Christ fähig ist, dann lesen Sie diese Kostbarkeiten für mich auf, wo Sie sie immer finden mögen. Es wäre Ihnen ein leichtes, sich täglich etwa in Form eines Tagebuches ein paar Aufzeichnungen zu machen wie z. B. die folgenden: „Heute habe ich den und den, die und die Meinung äußern hören; über das Leben dieses Menschen ist folgendes bekannt, er hat einen solchen Charakter“ (kurz, Sie könnten mir in flüchtigen Zügen ein Bild von ihm entwerfen). Ist dagegen nichts über ihn bekannt, so schreiben Sie: über sein Leben kann ich nichts in Erfahrung bringen, ich glaube aber, daß er das und das ist; äußerlich macht er einen guten und anständigen (oder unanständigen) Eindruck; er hält seine Hände so; schneuzt sich folgendermaßen; er schnupft Tabak und zwar in folgender Weise; kurz, Sie dürfen keinen Zug vergessen, der Ihnen ins Auge fällt, vielmehr sollen Sie jeden wichtigen ebenso wie jeden geringfügigen Umstand sorgfältig buchen.

Glauben Sie mir, das ist keineswegs langweilig. Hierzu bedarf es weder eines bestimmten Planes, noch braucht es in einer bestimmten Ordnung und Reihenfolge zu geschehen: man wirft bloß zwei, drei Zeilen aufs Papier, ehe man daran geht, sich zu waschen. Ich bin sogar überzeugt, daß dies eine angenehme Beschäftigung für Sie sein wird, weil Sie stets das schöne Bewußtsein haben werden, daß Sie das für einen Menschen tun, der Sie inniglich liebt, und dem Sie damit eine Freude bereiten; eine so große Freude, wie sie ein Kind empfindet, das an einem Festtag sein Lieblingsspielzeug zum Geschenk erhält. Was soll ich machen, wenn dies Spielzeug — das wenigstens von anderen Leuten nur für ein Spielzeug gehalten wird — in meinen Augen nichts weniger als ein Spielzeug ist; es ist sogar so wenig ein Spielzeug, daß, wenn ich nicht genug von diesen Spielzeugen geschenkt bekomme, aus meinen „Toten Seelen“ plötzlich statt lebendiger Menschen meine eigene Nase herausgucken kann und lauter Dinge zum Vorschein kommen können, wie Sie sie in meinem Buche gefunden und die Ihnen so mißfallen haben. Glauben Sie mir: wenn dies Buch nicht erschienen wäre, hätte ich nie jene kunstlose Einfachheit erreicht, die unbedingt in allen weiteren Teilen der „Toten Seelen“ herrschen muß, wenn sie jedermann für einen treuen Spiegel des Lebens und nicht für eine Karikatur halten soll. Sie wissen nicht, welch großen Umweg man machen muß, um sich diese Einfachheit anzueignen. Sie wissen nicht, wie hoch diese schlichte Einfachheit steht. Man tut besser, hierüber gar nicht erst zu reden, helfen Sie mir — das ist alles, was ich zu sagen vermag.

Was nun die Veröffentlichung meiner Briefe anbetrifft, so habe ich folgendes beschlossen. Wegen der inhibierten Briefe einen neuen Band herauszugeben — ist mir unmöglich. Ich habe noch andere Arbeiten vor, die nicht vergessen werden dürfen, und über meine ganze Zeit habe ich schon disponiert; zudem würde ein ganz ähnliches Werk nicht einmal Aufsehen erregen. Ich möchte nur, daß Wjasemski seine Bemerkungen dazu macht und gewisse Korrekturen vornimmt. Dann will ich die Briefe noch einmal durchsehen und verbessern, so daß selbst der schlichteste Zensor, auch ohne daß sie vor eine höhere Instanz zu gelangen brauchten, die Herausgabe gestattet. Glauben Sie mir, man kann alles sagen, wenn man es nur verständig auszudrücken versteht. Der Mißerfolg der besten und hochherzigsten Unternehmungen rührt meist von unserer Ungeschicklichkeit her — da wir gewöhnlich vergessen, an die kluge Redensart zu denken: „Man muß Wasser in seinen Wein gießen“ (Nimm dieselbe Kohlsuppe, aber verdünne sie erst ein wenig). Wenn wir — statt mit großer Sicherheit und hochmütiger Miene Ratschläge zu erteilen, die wir in dem Tone eines Menschen vorbringen, dem es nie in den Sinn kommt, daß er sich irren könnte — schlicht und bescheiden unsere Meinung vortragen, können wir sicher sein, daß unsere Gedanken von vielen Lesern beifällig aufgenommen und weiterverbreitet werden. Kurz, was nicht hineingehört, mag fortfallen, das Kluge und Gescheite wird einen anderen Ausdruck finden; wo sich meine eigene Person in aufdringlicher Weise vordrängt, da soll sie nicht nur eins auf die Nase bekommen, sondern da lasse ich auch noch eine solche Stelle einschieben, durch die die vorhergehenden schon gedruckten Sätze einen maßvolleren Ton erhalten. Jedenfalls aber sollen diese Briefe mit in das Buch aufgenommen und nicht besonders veröffentlicht werden. Sie werden dem Buche trotzdem eine höhere Bedeutung verleihen und die Menschen in Rußland an Rußland erinnern und nicht an mich. Dieses Buch darf nicht zum alten Eisen geworfen werden. Obwohl es große Mängel hat, — es ist nicht auf kurze flüchtige Eindrücke berechnet. Man muß es mehrmals lesen, und das gilt nicht nur für die, die es überhaupt nicht verstanden, sondern auch für die, die es besser verstanden haben als die anderen. In diesem Buche liegen noch Geheimnisse der Seele verborgen, die nicht sofort ergründet werden können. Vieles wird selbst von sehr klugen Leuten gar nicht in dem Sinne genommen, den ich zum Ausdruck bringen wollte. Es wäre sehr schön, wenn die vollständige Ausgabe im September erscheinen könnte. Das Buch wird gekauft werden, man kann nämlich noch einiges hinzufügen, was dazu beitragen könnte, den Leuten (bis zu einem gewissen Grade) eine richtige Ansicht davon beizubringen. Geben Sie diesen Brief auch Pletnew zu lesen. Sie danken mir dafür, daß ich Ihnen (durch die Bemühungen um mein Buch) Gelegenheit gegeben habe, Pletnews herrliche Seele näher kennen zu lernen. Und ich danke Ihnen gleichfalls dafür, daß Sie mir einige Mitteilungen über ihn zukommen ließen, um derentwillen ich ihn heute noch weit mehr liebe und seine Freundschaft noch weit höher schätze als je zuvor. Diese Freundschaft hat mir Gott geschenkt, gleich einem schönen milden Trost, dessen ich in diesen Zeiten so sehr bedarf. Ich kann nicht sagen, mit welcher Freude ich ihn jetzt umarmen, was ich dafür geben würde, wenn ich ihn jetzt sehen, persönlich mit ihm sprechen und ihn an meine Brust drücken könnte. Doch nun umarme ich ihn und Sie aufs herzlichste, mein unschätzbarer Arkadij Ossipowitsch; und indem ich Ihnen vielmals für Ihre lieben Zeilen danke, bleibe ich Ihr

Gogol.

P. S. Ich begreife nicht, warum bisher noch keines von den Büchern eingetroffen ist, die, wie Sie sagen, an mich abgesandt worden sind. Alle andern erhalten durch den Kurier die schönsten Sachen zugestellt; sogar Buchweizengrütze, Wjisiga[1] und Kaviar zu Fischpasteten; nur ich erhalte nichts, nicht einmal ein Zeitungsblättchen.