Vergessen Sie nicht, mir den Empfang dieses Briefes zu bestätigen. Senden Sie bitte von nun ab alles nach Frankfurt an Schukowski und zwar senden Sie es durch unsere Botschaft an ihn.

Über den „Zeitgenossen“
(Sowremennik)
Ein Brief an P. A. Pletnew

Den 4. Dez. 1846.

Endlich komme ich dazu, mit dir über den „Zeitgenossen“ zu sprechen. „Der Zeitgenosse“ war eine schlechte Zeitschrift trotz des vortrefflichen Ziels, das du mit ihm im Auge hattest. Selbst dieses schöne Ziel, um dessentwillen du ihn gegründet hast, war aus der Zeitschrift für niemand klar und deutlich zu erkennen; im Gegenteil, alle Leute fragten betroffen: „Erklären Sie mir bitte, warum und zu welchem Zwecke gibt Pletnew seine Zeitschrift heraus? Was will er damit sagen? Was wollen diese Gemeinplätze in seinem Programm bedeuten, diese vielen Wiederholungen über Unparteilichkeit, seine uneigennützige Liebe zur Kunst, sein Streben nach Wahrheit usw., diese Versprechungen, die jeder Journalist macht und doch keiner hält?“ Der magere Inhalt dieser dünnen Büchlein, der leblose, gleichgültige, matte, verwaschene Stil, in dem seine Urteile über alles Moderne gehalten sind, gibt allen ein Rätsel auf: warum heißt die Zeitschrift „Der Zeitgenosse“? Wir wollen ganz offen miteinander sein. Dir fehlt die journalistische Begabung: weder besitzt du genug lebendige jugendliche Begeisterung für alle modernen Bewegungen, noch jene gespannte Neugierde für alle Fragen, die die große Masse unserer Gesellschaft beschäftigen, noch endlich jenen enzyklopädischen Wissensdrang, jenes Streben, alles mit dem gleichen Interesse zu umfassen, was sich auf den Fortschritt des menschlichen Wissens auf allen Gebieten bezieht. Deiner anthologischen Seele ward nur eine hohe Gabe zuteil — sich an dem Wohlgeruch der herrlichen Blüten, die im Garten der Poesie wachsen, zu ergötzen und die höchsten Regungen der Menschenseele zu verstehen. Der Sänger des „Münnich“ und einiger anderer schöner Elegien, die von der Reinheit des Geschmacks und der stillen bescheidenen Seele des Dichters zeugen, hätte die polemische Arena meiden sollen. „Der Zeitgenosse“ war selbst unter Puschkin nicht das, was eine rechte Zeitschrift sein soll, obwohl sich Puschkin ein viel positiveres und leichter zu verwirklichendes Ziel gesteckt hatte. Er wollte eine Vierteljahrsschrift nach Art der englischen Zeitschriften schaffen, in der durchdachtere und gründlichere Abhandlungen zum Abdruck kommen sollten als in den Wochen- und Monatsschriften, wo die Mitarbeiter zur Eile gedrängt werden und nicht einmal soviel Zeit haben, das, was sie selbst geschrieben haben, noch einmal durchzusehen. Übrigens war sein Wunsch, eine solche Zeitschrift herauszugeben, nicht allzu lebhaft, und er selbst versprach sich nicht viel Nutzen davon. Als er die Erlaubnis zur Herausgabe der Zeitschrift erhielt, wollte er zuerst sogar zurücktreten. Die ganze Schuld fällt auf mich: ich flehte ihn an, seinen Plan doch auszuführen. Ich versprach ihm meine dauernde Mitarbeit. In meinen Aufsätzen fand er vieles, was einer periodischen Zeitschrift einen lebendigen journalistischen Charakter verleihen konnte, woran es ihm selbst seiner Meinung nach mangelte. Er hatte zu jener Zeit tatsächlich eine solche Reife erlangt und stand schon zu hoch, als daß er noch ein solch jugendliches Gefühl in sich hätte bergen können: meine Seele aber war damals noch jung; ich konnte mir damals noch vieles stark zu Herzen nehmen, was ihn kalt ließ. Mein hartnäckiges Zureden und mein Versprechen, tätig mitzuwirken, überzeugte ihn; aber ich hätte mein Wort doch nicht halten können, selbst wenn er am Leben geblieben wäre. Ich wußte noch nicht, welche Wege mich die Vorsehung führen würde, ich wußte nicht, daß ich einmal alle Kräfte und Fähigkeiten für jede lebendige literarische Betätigung verlieren und lange Zeit für alles absterben würde, was den Menschen von heute bewegt. Nach Puschkins Tode widmetest du dich, aufs tiefste erschüttert durch diesen für alle so schmerzlichen Verlust, der für dich noch weit schmerzlicher war als für alle anderen, mit Eifer der Herausgabe der Zeitschrift. Die Erkenntnis, daß die moderne Gesellschaft verwaist und des Lichts der Poesie beraubt zurückgeblieben und dazu verurteilt sein sollte, nichts wie törichte und unfruchtbare Diskussionen und Streitereien über die Kunst anzuhören, statt sich an den Werken der Kunst selbst zu erfreuen, machte einen starken Eindruck auf dich; und tief betrübt über diese Vereinsamung und Leere, die sich übrigens schon zu Puschkins Zeiten der Gesellschaft bemächtigt hatte, übernahmst du die Redaktion und nun wolltest du mit Gewalt jenes poetische Hellas errichten, das zu Beginn der Puschkinschen Ära ganz von selbst emporgeblüht war. Im Eifer deiner hochherzigen Begeisterung vergaßt du sogar, daß nicht wir die Dinge und die Ereignisse lenken, sondern daß eine höhere Macht jedem Ding seinen Platz anweist. Du merktest nicht einmal, daß du ein Ziel im Auge hattest, das sich durch die Herausgabe periodisch erscheinender Monatsschriften nie und auf keine Weise erreichen ließ. „Der Zeitgenosse“ hätte als Zeitschrift nicht einmal dann einen Erfolg gehabt, wenn du alle Eigenschaften eines guten Journalisten in dir vereinigt hättest. Ich muß gestehen, ich kann es mir nicht einmal vorstellen, was das Erscheinen einer neuen Zeitschrift zu einer Notwendigkeit für unsere Epoche machen sollte. Eine solche enzyklopädische Heranbildung und Erziehung des Publikums mit Hilfe einer Zeitschrift ist heute bei weitem kein so dringendes Bedürfnis mehr wie früher. Das Publikum ist schon weit besser vorbereitet. Heute drängt uns alles zu einem konzentrierten Studium; nicht nur die Bedeutsamkeit der modernen Probleme, nein selbst die Hohlheit der modernen Gesellschaft und die oberflächliche Leichtfertigkeit, mit der sie ihre Angelegenheiten behandelt, scheinen den Menschen von heute dazu aufzufordern, strenge Einkehr in sich selbst zu halten, seine Kräfte und seine Fähigkeiten genauer zu prüfen und sich eine Aufgabe, ein Ziel zu wählen, und zwar kein flüchtiges Augenblicksziel, sondern eine lebensvolle, reiche und große Aufgabe, die allein den Fähigkeiten entspricht, die jedem von uns je nach seiner Wesensart schon bei seiner Geburt geschenkt wurden. Keine einzige Zeitschrift vermag heute dem Publikum eine wirklich nahrhafte und substantielle Kost vorzusetzen. „Der Zeitgenosse“ sollte gänzlich auf den Namen einer Zeitschrift verzichten; statt in Heftform sollte er wie ehedem in gedrängter Buchform erscheinen und noch mehr als zu Puschkins Zeiten den Charakter eines Almanachs annehmen; er sollte eher etwas Ähnliches darstellen wie die „Blumen des Nordens“ des Barons Delwig, dem du durch dein Verständnis für den Wohllaut der Poesie und deine Fähigkeit, dich an ihr zu erfreuen und sie intensiv zu genießen, so sehr gleichst. Es ist weit besser, er erscheint bloß dreimal im Jahr zu ganz bestimmten Terminen: das erstemal zu Ostern, als eine heitere Festgabe, das zweitemal zum ersten Oktober, d. h. zu einer Zeit, wo bei uns alles vom Lande und aus der Sommerfrische in den Städten zusammenströmt, und das drittemal zu Neujahr; kurz — er sollte stets gerade zu solchen Zeiten erscheinen, wo sich alles mit dem größten Heißhunger auf ein neues Buch stürzt. Alles, was im eigentlichen Sinne dieses Worts den Charakter der Journallektüre trägt, muß wegbleiben: alle Berichte über Tagesneuigkeiten, jegliche politischen Nachrichten oder Anzeigen sämtlicher neuen Bücher; höchstens darf der Band einen ernsten kritischen Bericht über die bedeutsamsten Werke enthalten, die während eines Jahrdrittels erschienen sind, und zwar nur einen solchen Bericht, der selbst einen bedeutsamen literarischen Aufsatz darstellt. Der Leser darf nie daran erinnert werden, daß es irgendwelche Streitigkeiten und Parteiungen in der Literatur und daß es etwas wie eine Zeitschriftenpolemik gibt. Nur ganz konzentrierte Artikel, die eine Frage allseitig behandeln und keinerlei Ähnlichkeit mit den übereilten hastigen und fragmentarischen Produkten unserer Zeitschriftenliteratur haben, dürfen aufgenommen werden. Nur die schönsten Blüten unserer modernen literarischen Produktion dürfen hier vereinigt sein. Das aber läßt sich nur in einer Zeitschrift erreichen, die nicht mehr als dreimal jährlich zur Ausgabe gelangt: denn in drei Monaten kann man ganz gut ein Buch zusammenstellen.

Unserer Zeit mangelt es Gott sei Dank nicht an Talenten. Der prosaische Teil des Jahrbuchs kann heute viel bedeutsamer und reichhaltiger gestaltet werden als früher. Ich will hier ausdrücklich die modernen Schriftsteller anführen, deren Aufsätze unserm „Zeitgenossen“ zur Zierde gereichen würden. Vor allem müssen wir da den Grafen Sollogub nennen, der heute ohne allen Zweifel unser bester Erzähler ist. Niemand darf sich heute einer solchen korrekten, gewandten und eleganten Sprache rühmen wie er. Sein Stil ist treffend, jeder seiner Ausdrücke und jede seiner Wendungen ist prägnant und von einem feinen Anstandsgefühl erfüllt. Er hat einen großen Scharfsinn, Beobachtungsgabe und ist über alles unterrichtet, was heute unsere höheren Gesellschaftskreise beschäftigt. Nur eins mangelt ihm: die Seele dieses Dichters hat sich noch nicht mit einem strengeren ernsteren Inhalt erfüllt, und er ist durch seine inneren Erlebnisse noch nicht darauf hingeführt worden, sich eine ernstere und klarere Ansicht vom Leben zu erwerben. Käme noch solch ein innerliches Erlebnis bei ihm hinzu, dann könnte er ein treuer Schilderer unserer besten Gesellschaftskreise werden; seine Werke würden um mehr als hundert Prozent an Bedeutsamkeit gewinnen. —

Gleich nach ihm müssen wir einen anderen Schriftsteller nennen, der sich unter dem fingierten Namen: Kosak Luganski verbirgt. Er ist kein Poet, ihm fehlt die Erfindungsgabe, ja er hat nicht einmal den Wunsch, wahrhaft produktive Schöpfungen hervorzubringen: er sieht stets nur die Sache und betrachtet jedes Ding rein sachlich. Ein starker, durchaus solider Verstand spricht aus jedem seiner Worte, und eine scharfe Beobachtungsgabe und ein angeborener Scharfsinn verleihen seinem Stil eine große Lebendigkeit. Bei ihm ist alles wahr und unmittelbar aus der Natur geschöpft. Er braucht keinen Knoten zu schürzen und ihn dann wieder zu lösen, worüber sich die Romanschreiber so sehr die Köpfe zerbrechen, er braucht nur irgendeine Begebenheit herauszugreifen, die sich in russischen Landen ereignet hat, einen beliebigen Vorgang, den er miterlebt hat und dessen Augenzeuge er war, um daraus eine äußerst interessante Erzählung zu gestalten. Meiner Ansicht nach ist er weit bedeutender als sämtliche Erzähler von großer Erfindungsgabe. Vielleicht bin ich parteiisch in meinem Urteil, weil dieser Schriftsteller mehr als irgendein anderer meinem persönlichen Geschmack und den eigentümlichen persönlichen Forderungen, die ich an einen Erzähler stelle, entgegenkommt; aus jeder Zeile von ihm schöpfe ich Belehrung und neue Kenntnisse, da sie mich das russische Leben und das Wesen unseres Volkes besser kennen lehren; jedoch was mir wohl jeder zugeben wird, ist dies, daß ein solcher Schriftsteller uns allen gerade jetzt sehr nützlich sein kann, ja daß er eine Notwendigkeit für uns ist. Seine Werke sind ein lebendiger und getreuer statistischer Bericht über Rußland. Alles, was er aus seinem umfassenden Gedächtnis schöpft und was er uns in seiner wahrheitsgetreuen Sprache erzählt, wird ein wertvoller Beitrag für deinen Almanach sein.

Ich weiß nicht, warum N. Pawlow so gänzlich verstummt ist, ein Schriftsteller, der sich durch seine drei ersten Erzählungen sofort ein Anrecht auf einen Ehrenplatz unter unseren Prosaschriftstellern erworben und sich bloß dadurch geschadet bat, daß er es vorzog, nicht mehr er selbst zu sein, sondern auf den Einfall kam, (in seinen drei neuen Erzählungen) jene neuen Novellisten nachzuahmen, die doch so viel tiefer stehen als er. Er brauchte nur, ohne zu irgendwelchen gewaltsamen poetischen Einfällen oder zu künstlichen mosaikartigen Ausschmückungen des Stils, die seine klare edle Sprache so verunstalten, seine Zuflucht zu nehmen, er brauchte statt dessen nur aufs Geratewohl ein beliebiges psychologisches Phänomen unserer Gesellschaft herauszugreifen und es in seiner treffenden und gescheiten Art wiederzuerzählen, um eine Novelle mit allen Eigenschaften jener strengen klassischen Schöpfungen zu schaffen, die zu den ewigen Vorbildern der Literatur gehören.

Mancherlei Vorzüge hat meiner Ansicht nach auch ein Schriftsteller, dessen Werke unter dem Namen Kulisch erscheinen. Sein blühender Stil und seine große Kenntnis der Sitten und Bräuche Kleinrußlands sprechen dafür, daß er ganz vorzüglich dafür geeignet wäre, eine Geschichte dieses Landes abzufassen. Auch hätte er sicherlich in noch höherem Grade die Befähigung, frische und lebensvolle Aufsätze für den Almanach zu schreiben und uns schlicht und einfach von den Sitten und Bräuchen der alten Zeiten zu erzählen, ohne diese Schilderungen in den Rahmen einer Novelle oder einer dramatischen Erzählung hineinzustellen, ganz ähnlich wie uns einstmals Kornilowitsch von dem Zeitalter Peters und von der vorhergehenden Epoche erzählt hat. Sein Roman hat recht interessante Partien, als Ganzes ist er jedoch matt und langweilig; die kostbaren Perlen: sein großes historisches Wissen, die gediegenen Kenntnisse, die über alle Seiten des Werkes verstreut sind, gehen gänzlich verloren, ohne irgendeinen Nutzen zu bringen.

Man hat mir gesagt, daß die Novelle bei uns in der letzten Zeit im allgemeinen einen großen Erfolg habe und daß einige junge Schriftsteller eine besondere Neigung zur Beobachtung des wirklichen realen Lebens an den Tag legten. In den Werken, die ich zu lesen Gelegenheit hatte, konnte ich in der Tat eine ähnliche Tendenz konstatieren, obwohl der Aufbau dieser Novellen mir außerordentlich primitiv und ungeschickt vorkam; die Form der Erzählung erschien mir übertrieben und allzu wortreich, und dem Stil mangelte es an der rechten Einfachheit. Aber ich bin überzeugt: wenn in jedem dieser Schriftsteller erst einmal der Mensch, die Persönlichkeit — und zwar noch vor dem Schriftsteller — zum Durchbruch gekommen ist — daß sich dann alles andere ganz von selbst ergeben, daß jeder von ihnen eine starke schriftstellerische Eigenart bekunden, und daß keiner dieser Fehler mehr an ihnen zu bemerken sein wird. Ich muß hier noch des Schriftstellers gedenken, der seine literarische Wirksamkeit mit dem Drama „Der Tod Ljapunows“ begonnen hat. Diesem Drama fehlt es im Aufbau des Ganzen zwar noch an der vollen szenentechnischen und dramatischen Reife, über die nur ein erfahrener Bühnenschriftsteller verfügt, allein es besitzt viele Vorzüge, die in seinem Schöpfer einen Schriftsteller von hervorragender Bedeutung ahnen lassen. Das Vergangene so lebendig miterleben und in einer so lebensvollen Sprache von ihr künden zu können — das ist eine große Gabe! An seiner Stelle würde ich mich förmlich in die alten Chroniken vergraben, mich ganz an ihnen festsaugen und diese Lektüre keinen Augenblick im Stiche lassen. Ihnen könnte er viele herrliche Stoffe entnehmen. Wer weiß, vielleicht würde ihn eine solche Lektüre auf den vortrefflichen Gedanken bringen, eine wahrheitsgetreue Geschichte der Zeit zu schreiben, die sein Interesse am meisten fesseln würde. Ein echt historisches Werk, aus der Feder eines Schriftstellers, der sich so stark in die historischen Charaktere einzufühlen vermag, ein Werk, das so lebendig und farbig geschrieben ist, ist weit wertvoller als alle historischen Dramen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch etwas von den jungen Schriftstellern sagen, die ihre Laufbahn erst beginnen. Ich wünschte, du suchtest Prokopowitsch auf und könntest ihn dazu veranlassen, doch zur Feder zu greifen und sich im erzählenden Genre zu versuchen. Von allen denen, die mit mir zusammen die Schule besucht haben und zu gleicher Zeit mit mir zu schreiben begannen, zeigte er weit früher als alle anderen ein großes Talent für eine anschauliche Darstellungsweise, getreue Lebensschilderung und eine starke Beobachtungsgabe. Seine Prosa hatte etwas Munteres und Freies; alles kam bei ihm ungezwungen heraus und strömte ihm in reicher Fülle zu; alles gelang ihm ohne große Anstrengung, aus allem schien hervorzugehen, daß er einmal ein äußerst fruchtbarer Romanschriftsteller werden würde. Ich weiß wohl, er ist heute verstummt, er hat den Drang nach einer ausgebreiteten freien Tätigkeit in sich einschlafen lassen, sein Wirkungskreis hat sich verengt, und es liegt kaum noch ein weites Feld für die Beobachtung des Lebens vor ihm. Aber das Leben bleibt überall das gleiche Leben, und je geringer der Raum, je enger der Kreis ist, in dem es sich ausbreiten kann, um so gründlicher und tiefer können wir gerade dies Stück Leben erforschen und durchdringen. Sogar die Geschichte unserer Seele, die unser Erwachen aus einer totenähnlichen Erstarrung zum Gegenstand hat, ein Erwachen, angesichts dessen der Mensch mit Entsetzen auf sein in so tierischer Weise vergeudetes Leben zurückblickt, kann einen herrlichen Stoff für einen Roman abgeben ... Was für ein Festtag wäre das für meine Seele, wenn ich einmal im „Zeitgenossen“ eine Novelle fände, unter der sein Name stünde! Was endlich mich selbst angeht, so kann ich nach wie vor kein fleißiger und eifriger Mitarbeiter an deinem „Zeitgenossen“ sein. Du hast schon selbst bemerkt, daß man mich nicht einen Schriftsteller im strengen klassischen Sinne nennen kann. Von all den jungen Leuten, die zugleich mit mir und noch während unserer Schulzeit zu schriftstellern begannen, zeigte ich in weit geringerem Grade als alle anderen jene Fähigkeiten, die die notwendigen Vorbedingungen jedes literarischen Schaffens sind. Ich will dir gestehen, daß selbst in meinen frühsten Projekten und in meinen Träumen von einer künftigen Tätigkeit nie der Gedanke an die Schriftstellerlaufbahn auftauchte. Ich wurde fast wie durch einen Zufall darauf gestoßen. Ich hatte einige Beobachtungen über einzelne Seiten des Lebens gemacht, deren ich für meine inneren geistigen Angelegenheiten bedurfte, die mich von jeher aufs lebhafteste beschäftigten, und sie gaben den Anlaß dazu, daß ich zur Feder griff und beschloß, dem Leser voreilig alles das mitzuteilen, was ich ihm erst später, d. h. nach Vollendung meiner eigenen Erziehung hätte mitteilen sollen. Ich mußte mir alles unter großen Mühen erringen, was einem geborenen Schriftsteller mühelos zuteil wird. Bis auf den heutigen Tag will es mir nicht gelingen, auch wenn ich mich noch so sehr anstrenge, die rechte Form für meine Sprache und meinen Stil, diese beiden wichtigsten Werkzeuge jedes Schriftstellers, zu finden: bis auf den heutigen Tag sind beide noch so ganz roh und formlos, wie bei keinem Schriftsteller, nicht einmal bei einem von den schlechten, so daß selbst ein Anfänger, ein Schuljunge das Recht hat, sich über mich lustig zu machen. Alles, was ich geschrieben habe, ist nur von psychologischer Bedeutung, kann aber nie als Muster schöner Literatur in Betracht kommen, und ein Lehrer würde sehr unvorsichtig handeln, wenn er seinen Schülern den Rat geben wollte, bei mir zu lernen, wie man schreiben oder wie man die Natur schildern muß: er würde sie dazu anhalten, Karikaturen zu zeichnen. Den Beweis dafür kannst du bei einzelnen jungen und unerfahrenen Nachahmern meiner Manier finden, die gerade durch die Nachahmung weit unter das Niveau ihres eigenen Könnens herabgesunken sind und ihre Selbständigkeit und Eigenart verloren haben. Ich habe nie den Wunsch gehabt, ein Spiegel der Dinge zu sein und die uns umgebende Wirklichkeit, ganz so wie sie ist, in mir widerzuspiegeln — ein Streben, von dem ein Dichter während seines ganzen Lebens gespornt wird und das nur mit seinem eigenen Tode zur Ruhe kommt. Ich kann auch heute nur von solchen Dingen reden, die in einer nahen Beziehung zu meiner Seele stehen. Wenn ich also einmal das Gefühl habe, daß jemand meiner offenherzigen aufrichtigen Meinung bedarf und daß meine Worte einer Menschenseele den inneren Frieden zu geben vermögen, dann sollst du einen Aufsatz von mir für deinen „Zeitgenossen“ erhalten; wenn nicht — so wirst du keinen bekommen, und deswegen darfst du mir nicht zürnen.

Ich habe hier auch keinen von unseren heutigen Prosaschriftstellern erwähnt, die teils selbst mit der Herausgabe von Zeitschriften beschäftigt sind, teils an Schöpfungen abstrakteren Charakters arbeiten, die ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, Schriftsteller, die weder die Möglichkeit noch Muße genug haben, an deinem „Zeitgenossen“ mitzuarbeiten. — Diese sollst du gar nicht erst bemühen. Bei dieser Gelegenheit muß ich dich ein wenig ausschelten. Du bist im Unrecht, wenn du vielen Literaten Verständnislosigkeit und mangelnde Teilnahme für deine Zeitschrift vorgeworfen und dies auf ihre Gleichgültigkeit gegen die gemeinsame Sache, ihre mangelnde Liebe zur Kunst, ihre Geldgier usw. zurückgeführt hast. Ein jeder Mensch ist mit irgendeiner eigenen inneren Angelegenheit beschäftigt; in der Seele eines jeden geht etwas vor, gibt es Erlebnisse, die ihn von der Mitarbeit an der allgemeinen, gemeinsamen Sache abziehen; und man kann absolut nicht verlangen, daß ein anderer sein eigenes Interesse einem Lieblingsgedanken von uns und unseren Zielen zum Opfer bringen soll, denen wir nachzustreben entschlossen sind. Gott weist jeglichem seinen Weg an, der immer ein ganz anderer ist wie der, den ein anderer Mensch zurücklegen muß, und man darf nicht alle Menschen mit derselben Elle messen. Daher mußt du selbst die ablehnende Antwort und die Weigerung eines Menschen respektieren, auch dann noch, wenn er den Grund nicht angeben will, weshalb er keinen Beitrag für den „Zeitgenossen“ zu liefern vermag. Sei zufrieden mit dem, was man dir gibt. Wenn bloß die von mir namhaft gemachten Autoren dir Beiträge liefern werden, so würde dies allein schon vollauf genügen. Aber ich weiß, daß auch noch andere, die ich nicht genannt habe, dir welche zur Verfügung stellen werden. Im Gegensatz zu den Menschen, die heute über einen Mangel an talentvollen Schriftstellern klagen, finde ich, daß es gegenwärtig weit mehr Talente gibt als je zuvor. Sie haben nur ihren Weg noch nicht gefunden. Keiner von ihnen hat es bisher verstanden, er selbst zu sein, und das ist der Grund, warum man sie nicht bemerkt; indessen viele von ihnen werden schon von diesem Wunsch gequält, obwohl sie noch nicht wissen, wie sie ihn befriedigen sollen. Das Streben, seine eigene Bestimmung kennen zu lernen, ist heutzutage der wunde Punkt, an dem viele begabte Leute kranken. Das ist der wahre eigentliche Grund der Trägheit und Tatenlosigkeit auf literarischem Gebiet.