Der poetische Teil des „Zeitgenossen“ kann gleichfalls sehr reichhaltig gestaltet werden, trotzdem im heutigen Publikum der Geschmack an der Poesie erloschen zu sein scheint; Gott sei Dank lebt der Patriarch unserer Poesie noch, — noch hat uns der Himmel ja Schukowski erhalten. Zum Dank für sein reines, makelloses Leben darf er sich allein unter uns allen noch im Greisenalter einer wahren Jugendfrische erfreuen und jugendliche Kraft zu neuen poetischen Taten in sich fühlen. Seine jetzigen Arbeiten sind weit ernster und bedeutsamer als seine früheren. Man darf ihn nicht nach jenen Verserzählungen und Märchen beurteilen, die in der letzten Zeit im „Zeitgenossen“ zum Abdruck gekommen sind. Sie konnten und sollten auch keinen Eindruck auf das Publikum machen, und es ist kein Wunder, daß das Publikum, das jedes neue Werk an seinen eigenen geistigen Bedürfnissen mißt und in ihm eine Antwort auf sein unruhiges Fragen und Sehnen sucht, diese Gedichte für eine „Kinderei“ von Schukowski erklärt hat. Sie waren tatsächlich für kleine Kinder geschrieben. Diese Märchen und Erzählungen hätten in Form eines besonderen Buches unter dem Titel „Eine Gabe für die Kinder“ von Schukowski, erscheinen sollen. Es war ein Fehler von ihm, sie einer Zeitschrift einzusenden. Ich habe ihm dies schon damals gesagt und ihm geraten, entweder gar nichts oder doch nur etwas einzusenden, was dem Empfinden eines erwachsenen Menschen entspricht. Jetzt aber weiß ich, daß er dir für den Almanach einige von den Perlen überlassen wird, die tief im Inneren seiner Seele gereift sind, in der sich während der letzten Zeit soviel Herrliches ereignet hat. Noch leben Gott sei Dank zwei andere von unseren erstklassigen Dichtern: Fürst Wjasemski und Jasykow. Sie können den „Zeitgenossen“ mit neuen Tönen bereichern, wie man sie von ihnen noch nicht vernommen hat — mit Tönen, die aus einem gequälten, gepreßten Herzen hervorströmen, mit Liedern, die aus der Seele selbst kommen, einer Seele, die sich bereits mit dem strengen Gehalt der Poesie erfüllt hat.

Die jüngeren von unseren Dichtern, die erst in jüngster Zeit aufgetreten sind und die ich hier nicht mit Namen nenne, haben zwar bisher nur eine gewisse Begabung für eine wohllautende, leichte und elegante Verskunst an den Tag gelegt, aber noch nicht gezeigt, daß sie echte und wahre Gefühle besitzen, allein auch sie können poetische Saiten anschlagen, die unserem Empfinden näher liegen. Die Poesie ist die reine Manifestation, die Offenbarung der Seele und nicht ein künstliches Erzeugnis oder Produkt des menschlichen Wollens; die Poesie ist die Wahrheit der Seele und kann daher allen in gleicher Weise zugänglich und verständlich sein. Die Schöpferkraft, die Dichtergabe ist eine sehr hohe Gabe und wird nur den universellen Genies verliehen, die nur ganz selten auf der Erde erscheinen; für einen anderen ist es gefährlich, diesen Weg zu betreten. Selbst von den erstklassigen Talenten sanken viele unter ihr eigenes Niveau herab, wenn sie sich in die Sphäre der reinen Erdichtung wagten, während sogar geringe Talente sich hoch über sich selbst erhoben, wenn sie durch ihre eigenen seelischen Erlebnisse dazu veranlaßt wurden, lediglich die reine nackte Wahrheit ihres geistigen Erlebens darzustellen. Die Zeit rückt immer näher, wo der Drang nach einer inneren Seelenbeichte immer lebhafter und lebhafter werden wird. Selbst die, die nicht einmal daran denken, daß sie Dichter sein könnten, werden Töne wahrer Poesie erklingen lassen; viele herrliche Blumen, viele kostbare Schätze werden dir von allen Seiten für deinen „Zeitgenossen“ zufließen. Du selbst, der du die Leier schon längst beiseitegelegt und vergessen, der du es schon lange nicht mehr versucht hast, ihr einen Ton zu entlocken, du selbst wirst von neuem zu ihr greifen. Du hast doch sicherlich in dieser Zeit auch nicht wenig schmerzliche Augenblicke und manchen Kummer erlebt, von dem niemand etwas erfahren hat; auch deine Seele wurde sicherlich von dem Verlangen verzehrt, sich jemand mitzuteilen und sich auszusprechen, sie hat sicherlich nach einem Freunde gesucht, der Verständnis für all ihre Bitternisse hätte; da sie ihn nicht finden konnte, hat sie sich sicherlich an jenes uns allen verwandte und vertraute Wesen gewandt, das es allein versteht, den Trauernden und Bekümmerten liebevoll an seinen Busen zu ziehen, jenes Wesen, an das sich schließlich alles wendet, was da lebt. Nun denn, so denke an alle diese Augenblicke, sowohl an die des Kummers, wie an die der höheren Tröstung, die auf dich herabgesandt wurde; nun denn, so finde einen Ausdruck für sie, stelle sie recht und wahrhaft dar, wie du sie erlebt hast. Die Tränen der Rührung und die innigsten Gefühle eines dankbaren Herzens werden dir dabei zu Hilfe kommen und es dir ermöglichen, sie mit solcher Kraft zum Ausdruck zu bringen, wie dies selbst ein großer, alle Zauberkünste der Dichtung beherrschender Poet, der jedoch den wahren Schmerz noch nicht kennen gelernt hat, nie vermöchte. Dann wird der „Zeitgenosse“ seinen Namen rechtfertigen, aber freilich in einem anderen — höheren Sinne: er wird allen höchsten Augenblicken, allen höchsten Empfindungen der russischen Schriftsteller und Menschen Genüge tun. Dann wird er sich auch dem eigentlichen Ziele weit mehr nähern, das deinem Geiste unklar und entfernt vorschwebte; er wird alle Schriftsteller zu einem ästhetischen Bund voll herrlicher brüderlicher Liebe vereinen. In ganz Rußland vermagst nur du so ein Wagnis zu unternehmen und eine solche Zeitschrift zu schaffen, weil du allein den Gedanken an sie fortwährend in dir genährt hast; nur du hast keine pekuniären Interessen im Auge gehabt und an keinen Lohn für deine Arbeit gedacht; nur du hast ganz unbewußt eine reine, kindliche Liebe zur Kunst in dir gehegt, die dich unseren besten Dichtern entfremdete und die die Kunst zu deiner eigensten, vertrautesten Herzens- und Familienangelegenheit machte. Folglich kann auch nur dir eine solche Zeitschrift anvertraut werden. Sie muß glänzend ausgestattet sein; sie muß eine in jeder Beziehung kostbare und wertvolle Gabe darstellen: der Druck muß so schön und vornehm wie nur möglich, die Bücher müssen mit den schönsten Stichen und Vignetten, die bei uns in Rußland hergestellt werden können, geschmückt sein (damit mußt du russische Graveure beauftragen und keine Ausländer heranziehen). Das Format der Bände mußt du nicht zu groß wählen, es sollte nur ein wenig größer sein als das der „Blüten des Nordens“, kurz, das Werk muß seinem inneren Wert und seiner äußeren Ausstattung nach den Eindruck eines kostbaren Gegenstandes machen. Das alles aber vermagst nur du zu bewerkstelligen; denn da du nicht die Absicht hast, die Einkünfte davon für deine eigenen Bedürfnisse und deinen Unterhalt zu verbrauchen, kannst du alles darauf verwenden, das Werk möglichst schön auszustatten und hierdurch unseren armen Künstlern, die häufig bitteres Elend leiden müssen, Gelegenheit geben, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Und nun gehe, wenn alles, was ich dir hier gesagt habe, deinen Beifall hat, in Gottes Namen an die Arbeit, stelle zunächst einmal das erste Buch des „Zeitgenossen“ zusammen und sorge dafür, daß es am kommenden Osterfeste des Jahres 1847 erscheinen kann; meinen Brief kannst du als ersten Aufsatz, als Programm oder als Einleitung zu dem Bande abdrucken. Vorher aber gib ihn allen denen zu lesen, von denen du einen Aufsatz haben möchtest. So matt und flüchtig er auch geschrieben sein mag, ich bin trotzdem davon überzeugt, daß ein jeder, der ihn lesen wird, mit dir und mir darin übereinstimmen wird, daß ein solches Werk eine Notwendigkeit für Rußland ist, und er wird dir sicherlich die beste seiner Arbeiten zur Verfügung stellen. In den Zeitungen brauchst du es nur mit wenigen Worten anzukündigen und zwar brauchst du nur zu erwähnen, — daß vom „Zeitgenossen“ dreimal im Jahre, zu den oben angeführten Terminen, je ein Band erscheinen werde; füge nur noch die Namen der Autoren hinzu, deren Aufsätze zum Abdruck kommen sollen — das wird vollständig genügen. Alles übrige — der Gehalt und die Bedeutung der Aufsätze sowie die Pracht und Schönheit der Ausstattung — mag für jeden Leser eine angenehme Überraschung sein.

Die Beichte des Dichters

Alle sind sich darüber einig, daß noch nie ein Buch soviel Aufsehen gemacht und zu so verschiedenen Meinungen und Deutungen Anlaß gegeben hat, wie die „Auswahl aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden“. Und was das merkwürdigste ist, was bisher vielleicht in der Literatur noch niemals passiert ist, der Gegenstand dieses Geredes und dieser Kritiken war nicht das Buch selbst, sondern sein Autor. Jedes Wort wurde mit Mißtrauen und Argwohn analysiert, und alle Leute wetteiferten miteinander, die wahre Quelle aufzudecken, aus der es herstammte. An dem lebenden Körper eines noch lebenden Menschen wurde jene furchtbare anatomische Sektion vollzogen, bei der selbst ein Mensch von starker Konstitution in kalten Schweiß ausbricht. So erschütternd und kränkend jedoch für einen vornehm denkenden und anständigen Menschen viele von diesen Schlüssen und Folgerungen auch sein mochten, ich nahm dennoch alle die schwachen Kräfte, über die ich verfügte, zusammen, ich beschloß, alles zu ertragen, mir dies Erlebnis wie einen Wink von oben zunutze zu machen — und strenge Einkehr in mich selbst zu halten. Auch hierüber habe ich nie eine Meinung, einen Rat, einen Tadel oder einen Vorwurf geringgeachtet und verschmäht, denn ich überzeugte mich mit der Zeit immer mehr, daß, wenn der Mensch einmal alle jene empfindlichen Saiten in sich vernichtet hat, die ihn zum Zorn und Ärger geneigt machen, und wenn er sich erst einmal die Fähigkeit erworben hat, alles ruhig anzuhören, er dann jene Stimme der rechten Mitte vernehmen muß, die sich als Resultat ergibt, wenn man alle einzelnen Stimmen zusammenfügt und die Extreme auf beiden Seiten in Erwägung zieht, kurz, ich meine jene Stimme der rechten Mitte, von der es heißt: „Volkes Stimme — Gottes Stimme“ und nach der alle suchen. Aber obwohl viele Vorwürfe, die gegen mich gerichtet wurden, meiner Seele wirklich heilsam waren, diese Stimme der Mitte konnte ich diesmal nicht vernehmen, und ich vermag nicht zu sagen, welche Wendung die Sache genommen und welches Urteil man über mein Buch zu fällen beschlossen hat. Wenn ich die Summe von alledem ziehe, so sind im ganzen drei verschiedene Meinungen laut geworden: nach der ersten Ansicht ist mein Buch das Produkt eines unerhörten Hochmuts, das Werk eines Menschen, der sich eingebildet hat, er stünde hoch über allen seinen Lesern, habe ein Anrecht, von ganz Rußland gehört und beachtet zu werden, und verfüge über die Kraft und die Fähigkeit, die ganze Gesellschaft zu reformieren; nach der zweiten Ansicht ist dies Buch zwar das Werk eines guten, aber betörten Menschen, der auf Abwege geraten ist und dem das Lob und der Beifall zu Kopfe gestiegen sind; der Autor habe sich gar zu sehr an seinen Vorzügen berauscht, seine Begriffe haben sich verwirrt, und so sei er vom rechten Wege abgekommen; nach der Ansicht der dritten endlich ist dies Buch das Werk eines Christen, der die Dinge im rechten Lichte sieht und jeder Sache ihren richtigen Platz anweist. Unter jeder Partei, die eine dieser Ansichten vertritt, befinden sich gleichermaßen gescheite und aufgeklärte Leute, wie auch gläubige Christen. Folglich kann keine der Ansichten, die sicherlich alle einen Teil der Wahrheit enthalten, — völlig wahr sein. Am richtigsten wäre es noch, dies Buch einen treuen Spiegel des Menschen zu nennen. Dieses Buch hat das zum Inhalt, was in jedem Menschen verborgen liegt: vor allem das Streben nach dem Guten, dem das Buch selbst entsprungen, und das in jedem Menschen lebendig ist, wenn er erst einmal erfahren hat, was das Gute ist; ferner eine aufrichtige Erkenntnis seiner Fehler und daneben eine hohe Einschätzung seiner Vorzüge; ein ehrliches Verlangen, von andern Menschen zu lernen, und daneben die feste Überzeugung, daß auch die anderen viel von ihm lernen können; Demut und Bescheidenheit, daneben aber auch Stolz, ja vielleicht sogar ein gewisser Demutsstolz; Vorwürfe wider andere Leute wegen solcher Dinge, an denen man selbst zu Fall gekommen ist und für die man noch weit heftigere Vorwürfe verdiente — kurz alles, was man in der Seele jedes Menschen finden kann, nur mit dem Unterschiede, daß hier alle Formen und Konventionen abgestreift sind, und daß alles, was der Mensch in seinem Inneren verschließt, nach außen gekommen ist, sowie ferner mit dem Unterschied, daß sich dies alles in weit wilderer und lauterer Weise äußert und förmlich zum Himmel schreit, eben wie in einem Schriftsteller, in dem sich alles, was seine Seele erfüllt, nach außen und ans Licht drängt; es tritt allen Leuten viel klarer und deutlicher vor Augen, eben wie bei einem Menschen, dem größere Gaben und Fähigkeiten verliehen sind als anderen Leuten. Kurz, dies Buch ist nur ein Beweis für die ewige Wahrheit der Worte des Apostels Paulus, der da gesagt hat: der ganze Mensch ist eine einzige Lüge.

Zu diesem Schluß jedoch, der sich vielleicht der Wahrheit am meisten nähert, ist niemand gekommen, weil der feierliche Ton des Buches und seine ungewohnte Sprache alle mehr oder weniger verwirrt hat und niemand das richtige Verhältnis zu ihm finden ließ. Als ich dies Buch schrieb, stand ich unablässig unter dem Druck einer Todesfurcht, die mich während der ganzen Zeit meines Krankseins verfolgte, selbst dann noch, als ich mich außer jeder Gefahr befand. So kam es, daß ich ganz unmerklich in einen mir sonst ganz fremden Ton verfiel, der einem noch lebenden Menschen durchaus nicht ansteht. In meiner Angst, ich könnte vielleicht das Werk nicht mehr vollenden, das während zehn Jahren alle meine Gedanken beschäftigte, beging ich die Unvorsichtigkeit, schon im voraus von solchen Dingen zu reden, die ich durch das Leben der Helden eines epischen, erzählenden Kunstwerks hätte beweisen sollen. So verwandelten sich meine Gedanken in eine recht unpassende Predigt, die sich im Munde eines Autors sehr seltsam ausnimmt, in eine Anzahl mystischer, unverständlicher Stücke, die keinen Zusammenhang mit den anderen Briefen hatten. Dazu kam schließlich noch der völlig verschiedene Ton dieser Briefe, die an Menschen von ganz verschiedenem Wesen und Charakter gerichtet und zu verschiedenen Zeiten und in ganz entgegengesetzten geistigen und seelischen Stimmungen geschrieben waren. Die einen von ihnen waren in einer Zeit verfaßt, als ich selbst zu meiner Erziehung des Tadels und der Rüge bedurfte, mir solche Rügen von anderen erbat und forderte und sie daher auch anderen erteilte; andere Briefe wieder waren zu einer Zeit geschrieben, als ich die Empfindung hatte, daß ich die Vorwürfe für mich selbst aufsparen und in meinen an andere Leute gerichteten Reden nur die brüderliche Liebe zum Worte kommen lassen sollte: so geschah es, daß häufig Milde und Schärfe fast dicht nebeneinander standen. Ferner sind viele Aufsätze, die für das Buch bestimmt waren, die einen Zusammenhang zwischen einzelnen Stücken herstellen und vieles näher erklären sollten, nicht aufgenommen worden. Dazu kommt schließlich noch meine dunkle Sprache und Unfähigkeit, mich auszudrücken, — zwei Eigentümlichkeiten eines noch nicht ganz ausgereiften und fertigen Schriftstellers —; das alles trug dazu bei, mehr als einen Leser zu verwirren und zu zahllosen falschen Schlüssen und Folgerungen Anlaß zu geben. Meinen Hochmut glaubte man gerade in solchen Sätzen zu entdecken, die vielleicht ganz anderen Motiven entsprungen waren; wo aber wirklicher Hochmut aus meinen Worten sprach, da bemerkte man ihn nicht; man nannte das Selbstverkleinerung, was nichts weniger als Selbstverkleinerung war. Aber was die Hauptsache ist, es gab keine zwei Menschen, die innerlich übereinstimmten, sowie sie an die Analyse der einzelnen Teile dieses Buches herangingen, was einzelne zu der sehr richtigen Bemerkung veranlaßte, daß ein jeder in der Beurteilung meines Buches mehr seine eigene Denkungsart, als die meine, als den Charakter meines Buches zum Ausdruck brachte. Es versteht sich von selbst, daß die Schuld ganz — auf meiner Seite ist. So kränkend daher auch all diese Angriffe und Verdächtigungen seiner persönlichen moralischen Qualitäten für einen Menschen sein mögen, in dem noch nicht jedes Ehrgefühl erstorben ist, — ich habe kein Recht, jemand deswegen anzuklagen.

Ich muß hier noch ein paar flüchtige Bemerkungen über eine Frage machen, die nicht mit meinen moralischen Qualitäten zusammenhängt. Ich war äußerst erstaunt, wenn gescheite und kluge Leute Anstoß an Worten nahmen, die doch völlig klar waren, wenn sie sich an zwei, drei Stellen klammerten und Schlüsse aus ihnen zogen, die in absolutem Gegensatz zu dem Geist des ganzen Werkes standen. Aus zwei, drei Worten, die an einen Gutsbesitzer gerichtet waren, dessen sämtliche Bauern Landwirte und von schweren Sorgen und Arbeiten in Anspruch genommen sind, den Schluß zu ziehen, daß ich gegen die Volksbildung zu Felde ziehe — das erschien mir äußerst sonderbar, um so mehr als ich mich ein halbes Leben lang mit dem Gedanken getragen habe, ein wahrhaft nützliches Buch für das einfache Volk zu schreiben, und nur deswegen davon abstand, weil ich das Gefühl hatte, man müsse sehr klug sein, um zu wissen, was man dem Volk in erster Linie vorsetzen müsse. Solange es jedoch noch keine so gescheiten Bücher gibt, wollte es mir so erscheinen, als ob das lebendige Wort der Diener der Kirche mehr Nutzen bringen könne und ein stärkeres Bedürfnis für die Bauern darstelle, als alles, was ihnen unsereiner, d. h. ein Schriftsteller, zu sagen vermag. Soweit meine Erinnerung reicht, bin ich stets für die Volksbildung eingetreten; aber es schien mir so, als ob es besser wäre, ehe man für die Bildung des Volkes sorgt, erst einmal für die Bildung der Menschen zu sorgen, die in engstem Verkehr mit dem Volke stehen, worunter das Volk oftmals zu leiden hat. Und endlich kam es mir so vor, als ob jener niedere wenig zahlreiche, heute jedoch an Zahl immer zunehmende Stand von Leuten, die aus dem Bauernstande hervorgehen, die allerhand kleine Stellen besetzen, denen es trotz ihrer allerdings geringen Bildung an der rechten moralischen Grundlage fehlt, und die daher überall nur Schaden stiften, weil sie bestrebt sind, auf Kosten der armen Leute zu leben, — es kam mir so vor, als ob dieser Stand weit mehr Anspruch auf unsere Beachtung hätte als der Bauernstand.

Dieser Stand schien mir weit mehr der Bücher zu bedürfen, die der Feder kluger Schriftsteller entstammten, d. h. solcher Schriftsteller, die Verständnis für ihre Pflichten haben und daher imstande sind, sie auch jenen Leuten klarzumachen. Unser mit Ackerbau beschäftigter Bauer dagegen schien mir stets weit sittlicher zu sein als die anderen Leute und weniger als andere der Belehrung durch die Schriftsteller zu bedürfen. Nicht weniger erstaunt war ich, als man aus einer Stelle meines Buches, wo ich sage, daß die gegen mich gerichteten Kritiken viel Wahres enthalten, den Schluß zog, ich spräche meinen Werken jegliche Vorzüge ab und stimmte nicht mit den Kritikern überein, die sich zu meinen Gunsten geäußert haben[2]. Ich erinnere mich sehr gut und habe es keineswegs vergessen, daß meine geringen Vorzüge und Verdienste Anlaß zu sehr bedeutsamen Kritiken gegeben haben, die ewige Denkmäler der Kunstliebe bleiben werden und die dazu beigetragen haben, in den Augen des Publikums den Wert und die Bedeutung dichterischer Werke zu erhöhen. Aber es hätte sich doch nicht geschickt, wenn ich selbst von meinen Vorzügen gesprochen hätte; ja und warum hätte ich das auch tun sollen? Ich habe von den Fehlern gesprochen, die mir als Literaten anhaften, weil eine psychologische Frage, die das Hauptthema meines Buches bildet, Anlaß dazu bot. Wie kann man nur so etwas nicht verstehen! Nicht weniger seltsam berührte es mich — daß man daraus, daß ich die Grundeigenschaften unseres russischen Wesens so stark betont und hervorgehoben habe, den Schluß zog, ich leugnete die Notwendigkeit der europäischen Bildung und hielt es für überflüssig, daß sich ein Russe über den ganzen schweren Weg, auf dem die Menschheit sich zur Vollkommenheit emporarbeitet, unterrichte. Früher sowohl als auch jetzt war ich immer der Meinung, ein russischer Bürger müsse über die europäischen Angelegenheiten unterrichtet sein. Aber ich war auch immer überzeugt, daß, wenn man über diesem sehr löblichen glühenden Interesse für die Fragen des Auslandes seine eigenen Grundlagen vergißt, eine solche Kenntnis der ausländischen Dinge nicht zu unserem Wohl ausschlagen, unsere Gedanken nur zerstreuen und verwirren, ihnen eine falsche Richtung geben könne, statt sie in sich zu sammeln und zu konzentrieren. Ich war von jeher davon überzeugt und bin es noch heute, daß wir unser russisches Wesen sehr gut und sehr gründlich kennen lernen müssen, und daß wir nur durch eine solche Kenntnis ein Gefühl dafür bekommen können, was wir aus Europa entlehnen und uns aneignen sollen, denn Europa selbst kann uns das nicht sagen. Mir ist es stets vorgekommen, als ob wir, noch ehe wir etwas Neues bei uns einführen, das Alte — nicht nur oberflächlich sondern gründlich und in seiner Wurzel — kennen lernen müßten; denn sonst kann selbst die wohltätigste Entdeckung der Wissenschaft nicht mit Erfolg angewendet werden. In dieser Absicht habe ich in erster Linie von dem Alten gesprochen.

Kurz, alle diese einseitigen Folgerungen gescheiter Leute, die ich überdies gar nicht für einseitig gehalten hatte, dieses Deuteln und am Worte Hängenbleiben, statt sich an den Sinn und Geist des Buches zu halten, beweisen mir nur, daß niemand sich bei der Lektüre meines Buches in einer ruhigen Gemütsstimmung befand; daß sich schon ein bestimmtes Vorurteil herausgebildet hatte, noch ehe das Buch erschienen war, und daß jedermann es bereits von einem festen vorher eingenommenen Standpunkt betrachtete; so kam es, daß alle nur das bemerkten, was sie in ihrem Vorurteil bestärkte und reizte, und an allem vorübergingen, was geeignet war, dies Vorurteil zu zerstören und den Leser zu beruhigen. Diese seltsame Gereiztheit hatte einen so hohen Grad erreicht, daß sie sogar alle Gesetze des Anstandes außer acht ließ, die man bisher einem Schriftsteller gegenüber noch zu beobachten pflegte. Man sagte es dem Verfasser beinahe ins Gesicht, daß er verrückt geworden sei, und man empfahl ihm allerlei Rezepte gegen seine geistige Zerrüttung. Ich kann nicht leugnen, daß es mich noch mehr betrübt hat, wenn ebenfalls gescheite und nicht einmal sehr erregte und gereizte Leute öffentlich in der Presse erklären, mein Buch enthalte nichts Neues, und wenn es etwas Neues darin gäbe, so sei es nicht wahr, sondern unrichtig und unwahr. Das erschien mir sehr hart. Wie es sich auch immer damit verhalten möge, das Buch enthielt meine Seelenbeichte, es war der Erguß meines Herzens und meines Inneren. Noch bin ich nicht öffentlich für einen ehrlosen Menschen erklärt worden, dem man kein Vertrauen schenken darf. Ich kann Fehler machen, ich kann mich irren wie jeder Mensch, ich kann eine Unwahrheit sagen, wie ja der ganze Mensch — eine einzige Lüge ist; aber alles, was meinem Herzen und meiner Seele entströmt ist, eine Lüge zu nennen — das ist zu hart. Das ist ebenso ungerecht wie die Behauptung, daß mein Buch nichts Neues enthalte. Die Bekenntnisse eines Menschen, der mehrere Jahre ganz für sein inneres Ich gelebt hat, nur mit sich selbst beschäftigt war, der sich selbst zu erziehen versucht hat wie einen Schüler, um sich einen wenn auch späten Ersatz für die in seiner Jugend verlorene Zeit zu schaffen, der überdies den andern Menschen nicht völlig gleicht, sondern gewisse Eigenschaften besitzt, die ihm allein angehören — die Bekenntnisse eines solchen Menschen können unmöglich so gar nichts Neues enthalten. Wie dem aber auch sei, in einer Angelegenheit, an der die Seele beteiligt ist, darf man kein so entscheidendes Urteil fällen. Einem solchen Fall gegenüber wird selbst der tiefste Seelenkenner nachdenklich werden müssen. In Angelegenheiten, die die Seele betreffen, ist es sogar schwierig, über einen gewöhnlichen Menschen zu richten. Es gibt Dinge, die sich der kühlen Erwägung, dem Räsonnement eines Menschen entziehen, selbst wenn dieser noch so klug sein sollte, und die man nur in solchen Augenblicken und in einer solchen Seelenstimmung versteht, wo unsere eigene Seele das Bedürfnis zu einer Aussprache, zu einer Beichte hat, wo sie Verlangen trägt, in sich zu gehen und nicht über andere, sondern über sich selbst Gericht zu halten. Kurz, die große Sicherheit, mit der diese Urteile gefällt wurden, schien mir von dem großen Selbstvertrauen des Urteilenden zu zeugen — von seinem stolzen Vertrauen auf seine Vernunft und die Überlegenheit seiner Ansicht. Ich sage das hier nicht deswegen, um jemand zu tadeln, sondern nur, um darauf hinzuweisen, wie wir bei jedem Schritt Gefahr laufen, in denselben Fehler zu verfallen, den wir soeben erst bei einem unserer Brüder gerügt haben; wie wir, indem wir einem anderen sein hochmütiges Selbstvertrauen zum Vorwurf machen, zugleich durch unsere eigenen Worte einen Beweis für unseren eigenen Hochmut und unser Selbstvertrauen liefern; wie wir, während wir einem anderen Intoleranz vorwerfen, zugleich selbst unduldsam und kleinlich werden. Jedenfalls zeugt es von einer vornehmen Gesinnung, wenn jemand den Mut hat, dies einzugestehen, und sich nicht schämt, öffentlich und vor allen Leuten zu erklären, er habe sich geirrt. Aber genug davon. Nicht um meine moralischen Qualitäten zu verteidigen, erhebe ich hier meine Stimme. Nein, ich halte es lediglich für meine Pflicht, auf eine Frage zu antworten, die fast einstimmig von seiten sämtlicher Leser aller meiner früheren Werke an mich gerichtet worden ist — auf die Frage nämlich: warum ich jene literarische Gattung und jene Sphäre aufgegeben habe, die ich einmal in Besitz genommen hatte und die ich beherrschte, über die ich fast Herr war, und warum ich mich einem neuen, mir fremden Genre zuwandte.

Um auf diese Frage zu antworten, habe ich mich entschlossen, offenherzig und in möglichster Kürze die ganze Geschichte meiner literarischen Tätigkeit zu erzählen, um einem jeden Gelegenheit zu geben, mich gerechter zu beurteilen. Der Leser soll sehen können, ob ich die Sphäre meines Schaffens wirklich gewechselt und ob ich auf eigene Verantwortung zu grübeln und klügeln begonnen habe, in der Absicht, meinem Schaffen eine andere Richtung zu geben; man wird anerkennen müssen, daß sich an meinem Schicksal wie an allen anderen Dingen der Eingriff Dessen offenbart, Der über die Welt gebietet, und zwar nicht immer so, wie wir dies wünschen, und gegen Den der Mensch nicht anzukämpfen vermag. Vielleicht wird meine treuherzige Geschichte wenigstens etwas davon erklären, was vielen in meinem vor kurzem veröffentlichten Buche als ein so unlösliches Rätsel erscheint. Wenn dies der Fall sein sollte, so würde mich das aufrichtig freuen, weil diese ganze merkwürdige Angelegenheit mich sehr mürbe und müde gemacht hat, und weil es mir nach diesem Wirbelsturm von Mißverständnissen sehr schwer ums Herz ist.