Ich kann nicht mit voller Bestimmtheit sagen, ob der Schriftstellerberuf mein eigentlicher Beruf ist. Ich weiß nur das eine: daß in den Jahren, als ich über meine Zukunft nachzudenken begann (und ich begann schon sehr früh über meine Zukunft nachzudenken, d. h. zu einer Zeit, als alle meine Altersgenossen nur ans Spielen dachten), daß mir damals der Gedanke, ich könnte Schriftsteller werden, nie in den Sinn kam, obwohl es mir immer so schien, daß ich noch einmal ein berühmter Mann werden könnte, daß mir ein großes weites Wirkungsfeld offen stände und daß ich einmal etwas für das allgemeine Wohl leisten würde. Ich dachte einfach, ich würde mich empordienen und dies alles würde mir durch den Staatsdienst gelingen. Daher hatte ich in meiner Jugend eine sehr starke Neigung für den Staatsdienst. Mein Kopf war beständig davon erfüllt, und alles, was ich tat und womit ich mich beschäftigte, tat ich im Hinblick darauf. Meine ersten Versuche, meine ersten dichterischen Experimente, in denen ich es während der letzten Schuljahre zu einer gewissen Fertigkeit brachte, hatten fast alle einen ernsten und lyrischen Charakter. Weder ich selbst, noch meine Schulkameraden, die sich mit mir in der Schriftstellerei versuchten, dachten je daran, daß ich einmal ein komischer und satirischer Autor werden könnte, obwohl ich trotz meiner melancholischen Naturanlage oft zum Scherzen aufgelegt war und sogar andere Leute mit meinen Späßen belästigte, und obgleich sich schon in meinen frühesten Urteilen über die Menschen eine gewisse Fähigkeit, bestimmte charakteristische Eigenheiten sowie gröbere und feinere und komische Charakterzüge, die von anderen nicht bemerkt werden, zu entdecken, bemerkbar machte. Man sagte, ich verstünde es, — ich möchte nicht sagen, die Menschen nachzuäffen oder zu parodieren, — sondern sie zu erraten, d. h. zu erraten, was ein Mensch in dieser oder jener Situation sagen würde, unter völliger Wahrung seiner Anschauungsweise, seiner Denkart sowie seiner Art, sich auszudrücken. Aber ich brachte dies alles nicht zu Papier, ja ich dachte gar nicht einmal daran, daß ich diese Fähigkeit noch einmal verwerten würde.
Die heitere fröhliche Stimmung, die sich in den ersten Schriften, die von mir im Druck erschienen, bemerkbar machte, hatte ihren Grund in einem gewissen seelischen Bedürfnis. Ich hatte oft unter Anfällen einer mir selbst völlig unerklärlichen Melancholie zu leiden, die vielleicht eine Folge meines krankhaften Zustandes war. Um mich zu zerstreuen, dachte ich mir die komischsten Dinge aus, die sich nur ersinnen lassen. Ich stellte mir komische Personen und Charaktere vor, die ich völlig aus dem Kopfe erfand, und versetzte sie in Gedanken in die komischsten Situationen, ohne mir viele Sorgen zu machen, wozu das gut sei und was für einen Nutzen das haben könne. Es war die Jugend in mir, die mich dazu veranlaßte, die Jugend, der ja noch keinerlei Fragen durch den Kopf gehen. Das ist der Ursprung meiner ersten Werke, die die einen ebensosehr zu einem sorglosen naiven Lachen reizten, wie mich selbst, während sich andere erstaunt fragten, wie einem vernünftigen Menschen nur solche Torheiten einfallen konnten. Vielleicht hätte diese Lustigkeit allmählich und zugleich mit dem Bedürfnis nach Zerstreuung aufgehört, ebenso wie meine schriftstellerische Tätigkeit. Allein Puschkin veranlaßte mich, diese Sache ernster anzusehen. Er hatte mich schon längst dazu zu überreden gesucht, ich sollte ein großes Werk in Angriff nehmen, und als ich ihm einmal den kurzen Entwurf einer kleinen Szene vorlas, der jedoch einen weit stärkeren Eindruck auf ihn machte, als alles, was ich ihm bis dahin vorgelesen hatte, sagte er zu mir: „Wie ist es nur möglich, daß Sie bei dieser Fähigkeit, den Charakter eines Menschen zu erraten und durch wenige Züge ganz vor einem erstehen zu lassen, wie er leibt und lebt, — wie ist es nur möglich, daß Sie sich bei dieser Fähigkeit nicht entschließen, ein großes Werk zu schreiben! Das ist einfach eine Sünde!“ Hierauf hielt er mir meine schwächliche Konstitution und meine körperlichen Gebrechen vor, die meinem Leben früh ein Ziel setzen könnten; er führte das Beispiel des Cervantes an, der zwar bereits früher ein paar ausgezeichnete, vortreffliche Erzählungen verfaßt hatte, jedoch niemals die Stelle unter den Schriftstellern einnehmen würde, die er heute inne hat, wenn er sich nicht entschlossen hätte, den Don Quijote zu schreiben, und schließlich trat er mir sein eigenes Sujet ab, aus dem er eine Art Poem hatte machen wollen und das er, wie er mir sagte, keinem anderen außer mir überlassen hätte. Dieser Stoff waren „Die toten Seelen“. (Die Idee zum „Revisor“ stammt gleichfalls von ihm.) Diesmal wurde auch ich ernstlich nachdenklich — um so mehr, als ich bereits in die Jahre zu kommen begann, wo man sich bei jeder Tat, die man vollbringen will, ganz von selbst die Frage vorlegt: warum und zu welchem Zweck willst du dies tun? Ich erkannte, daß ich in meinen Werken sinnlose Scherze trieb und spottete, ohne eigentlich zu wissen, wozu ich das tat. Wenn man schon spottet, so ist es doch besser, man lacht und spottet kraftvoll und über Dinge, die wirklich den allgemeinen Spott verdienen. Im „Revisor“ wollte ich alles Schlechte und Häßliche, das es in Rußland gibt, soweit es mir damals bekannt war, zusammentragen und anhäufen, alle Mißbräuche, die an allen den Stellen und in allen den Fällen vorkommen, wo gerade Gerechtigkeit und Redlichkeit vom Menschen verlangt werden, und dies alles auf einmal verspotten. Die Wirkung war bekanntlich eine furchtbare, erschütternde. Durch das Gelächter hindurch, das sich mir noch nie mit einer solchen Gewalt entrungen hatte, vernahm der Leser etwas wie Kummer und Schmerz. Ich selbst fühlte, daß mein Lachen nicht mehr das Lachen von ehedem war, daß ich in meinen Werken nicht mehr derselbe sein konnte, der ich früher war, und daß das Bedürfnis, mich durch harmlose heitere Szenen zu zerstreuen, zugleich mit meinen jungen Jahren verschwunden war. Nach dem Revisor empfand ich mehr denn je das Bedürfnis, ein umfassendes Werk zu schreiben, das mehr enthielt als lediglich Dinge, über die man lachen mußte. Puschkin fand, daß der Stoff der „Toten Seelen“ sich gerade darum so gut für mich eignete, weil er eine vortreffliche Gelegenheit bot, ganz Rußland in Gesellschaft des Helden nach allen Richtungen zu durchqueren und eine ganze Reihe völlig verschiedener Charaktere an uns vorüberziehen zu lassen. Ich ging ans Werk und fing an zu schreiben, ohne mir einen detaillierten Plan ausgearbeitet und ohne mir darüber Rechenschaft gegeben zu haben, was für ein Mensch mein Held eigentlich sein mußte. Ich dachte mir einfach, daß der komische Plan, mit dessen Durchführung Tschitschikow beschäftigt war, mir schon von selbst die Idee zu allerhand verschiedenen Personen und Charakteren eingeben und daß die Spott- und Lachlust, die sich in mir regte, schon von selbst eine Reihe von komischen Momenten und Phänomenen erzeugen würde, die ich mit rührenden Elementen mischen wollte. Aber bei jedem Schritt, den ich tat, mußte ich mir die Frage vorlegen: welchen Sinn? welchen Zweck hat das? was soll dieser Charakter zum Ausdruck bringen? was hat diese Erscheinung zu bedeuten? Es fragt sich nun: was soll man tun, wenn sich einem derartige Fragen aufdrängen? Soll man sie verscheuchen? Ich versuchte es damit; allein da erstanden Fragen vor mir, denen ich mich nicht zu entziehen vermochte. Da ich nichts von einer Nötigung empfand, meinen Helden gerade zu solch einem Menschen und zu keinem anderen zu machen, konnte ich auch keine Liebe für die Aufgabe empfinden, ihn darzustellen. Im Gegenteil, ich empfand etwas wie Ekel davor: alles kam gewaltsam und gezwungen heraus, und sogar das, worüber ich lachte, wirkte traurig und deprimierend.
Ich sah mit voller Klarheit ein, daß ich nicht mehr ohne einen ganz bestimmten und klaren Plan zu schreiben vermochte, daß ich mir erst selbst den Zweck meines Werks völlig deutlich machen, mir über seinen wirklichen Nutzen und seine Notwendigkeit klar werden müßte, was erst den Dichter mit einer starken und wahren Liebe für sein Werk erfüllt, die alles belebt und ohne die die Arbeit nicht vorwärtsschreitet — kurz, daß der Autor das Gefühl und die Überzeugung haben muß: indem er an seinem Werk arbeite, erfülle er gerade die Pflicht, die seine irdische Bestimmung ausmache, und für die ihm alle seine Gaben und Fähigkeiten verliehen seien, und indem er diese Pflicht erfülle, diene er zugleich seinem Staate, wie wenn er tatsächlich im Staatsdienst stünde. Der Gedanke an den Staatsdienst verließ mich nie. Ehe ich den Schriftstellerberuf wählte, wechselte ich mehrmals meine Tätigkeit und meine Stellung, um zu erfahren, für welchen Beruf ich mich am besten eignete, aber ich war weder mit dem Dienst noch mit mir selbst, noch mit denen zufrieden, die meine Vorgesetzten waren. Ich wußte damals noch nicht, wie viel mir dazu fehlte, um dem Staate so dienen zu können, wie ich ihm dienen wollte. Ich wußte damals nicht, daß man dazu jede persönliche Empfindlichkeit, Eitelkeit und Selbstüberhebung in sich besiegen müsse und keinen Augenblick vergessen dürfe, daß man seine Stellung nicht um seines persönlichen Glückes, sondern um des Wohles vieler solcher willen innehat, die da unglücklich werden würden, wenn ein edler Mann seinen Posten im Stiche läßt, und daß man allen persönlichen Kummer und alle Kränkungen vergessen müsse. Ich wußte damals noch nicht, daß der, der Rußland wahrhaft und ehrlich dienen will, sehr viel Liebe für sein Vaterland besitzen muß, eine Liebe, die alle anderen Gefühle in sich aufgesogen hat, daß man sehr viel Liebe für den Menschen im allgemeinen besitzen und ein wahrhafter Christ im vollen Sinn dieses Wortes sein muß. Daher ist es auch kein Wunder, wenn ich, der ich diese Eigenschaften nicht besaß, auch meinen Dienst nicht so ausüben konnte, wie ich es wollte, obwohl ich tatsächlich förmlich darauf brannte, meinem Lande ehrlich zu dienen. Sowie ich jedoch fühlte, daß ich dem Staate auch als Schriftsteller zu dienen vermag, gab ich alles andere auf: meine früheren Stellen, Petersburg, die Gesellschaft, die meinem Herzen nahestehenden Freunde, ja sogar Rußland, um in der Fremde und in der Einsamkeit fern von allen Menschen zu erwägen, wie ich es durchführen, wie ich mein Werk so gestalten, wie ich mit ihm den Beweis liefern könnte, daß ich gleichfalls ein Bürger meines Vaterlandes gewesen bin, und daß ich ihm hatte dienen wollen. Je mehr ich über mein Werk nachdachte, um so mehr fühlte ich, daß ich die Charaktere nicht auf gut Glück wählen durfte, wie sie sich mir gerade darboten, sondern nur solche Menschen darstellen mußte, an denen sich unsere wahren wesenhaften russischen Charakterzüge am stärksten und deutlichsten offenbarten. Ich wollte in meinem Werk vor allem jene höheren Züge der russischen Natur darstellen, die noch nicht von allen richtig eingeschätzt werden, sowie ferner und in erster Linie jene gemeinen und niedrigen Charaktereigenschaften, die von allen noch nicht genügend verlacht und gegeißelt werden. Ich wollte nur die hervorstechendsten charakteristischen psychologischen Phänomene zusammentragen und meine Beobachtungen über die Menschen zusammenfassen, die ich seit langen Jahren insgeheim gemacht hatte und die ich nur noch nicht dem Papier hatte anvertrauen wollen, da ich mir bewußt war, noch nicht die rechte Reife erworben zu haben; denn diese Beobachtungen konnten, richtig dargestellt, viel zur Enträtselung mancher Seiten unseres Lebens beitragen, kurz — ich wollte, daß dem Leser bei der Lektüre meines Buches der russische Mensch, mit all seinen reichen mannigfaltigen Gaben und Fähigkeiten, die ihm allein im Unterschiede von den anderen Völkern verliehen waren, aber auch mit der ganzen großen Menge von Fehlern, die ihm gleichfalls im Unterschied von den anderen Völkern eigen sind, vor Augen treten sollte. Ich glaubte, die lyrische Kraft, von der ich einen genügenden Vorrat besaß, würde mir helfen, diese Vorzüge so darzustellen, daß der Russe von einer heißen Liebe zu ihnen entbrennen würde, und die Gewalt des Lachens, von der ich gleichfalls einen genügenden Vorrat mein eigen nannte, würde es mir ermöglichen, seine Fehler und Mängel in so leuchtenden Farben zu schildern, daß den Leser ein tiefer Haß gegen sie erfassen würde, selbst wenn er sie in sich selbst entdecken sollte. Aber ich fühlte zugleich, daß ich dies alles nur dann vollbringen könnte, wenn ich mir selbst völlig darüber klar geworden war, was nun die wirklichen Vorzüge unseres Wesens und welches seine wahren Mängel und Fehler sind. Man muß sich beides genau überlegen und es gegeneinander abschätzen, man muß es sich ganz klarmachen, um nicht eine unserer Schwächen in eine Tugend zu verwandeln und nicht zugleich mit unseren Fehlern auch unsere Vorzüge dem Gelächter preiszugeben. Ich wollte meine Kraft nicht unnütz vergeuden. Seitdem man mir vorwarf, ich spottete nicht nur über die Fehler, sondern über die Menschen, die gewisse Schwächen haben, im allgemeinen, und nicht nur über den ganzen Menschen, sondern auch über seine Stellung und das Amt, das er innehat (was mir nie auch nur in Gedanken eingefallen ist), da sah ich ein, daß man sehr vorsichtig mit dem Spott umgehen müsse — um so mehr, da er ansteckend wirkt; ein witziger Mensch braucht nur irgendeine Seite einer Sache ins Lächerliche zu ziehen, damit die Dümmsten und Stumpfsinnigsten sofort über deren sämtliche Seiten lachen. Kurz, es wurde mir so klar wie der Satz: zwei mal zwei ist vier, daß ich nicht eher an die Arbeit gehen durfte, als bis ich mir ganz genau darüber klar geworden war, worin das Hohe und das Gemeine, worin die Vorzüge und die Mängel unseres russischen Wesens bestehen; um sich jedoch über das russische Wesen klar zu werden, muß man zunächst die menschliche Natur und die Seele des Menschen im allgemeinen kennen lernen: ohne dies wird man nie den richtigen Standpunkt finden, von dem aus einem die Vorzüge und Mängel eines jeden Volkes deutlich sichtbar werden.
Seit dieser Zeit wurden der Mensch und die Seele des Menschen mehr denn je Gegenstand meines Studiums. Ich wandte mich für eine Zeitlang gänzlich von der Gegenwart ab: ich hatte vor allem das Interesse, jene ewigen Gesetze kennen zu lernen, die den Menschen und die Menschheit im allgemeinen beherrschen. Die Werke der Gesetzgeber, der Seelenforscher und Erforscher der menschlichen Natur wurden von nun ab meine Lektüre. Mich begann alles zu interessieren, worin sich eine gewisse Menschenkenntnis und eine Kenntnis der Menschenseele offenbarte, von dem Wissen eines Weltmannes bis zu dem eines Anachoreten und Einsiedlers, und auf diesem Wege sah ich mich ganz unmerklich und beinahe ohne daß ich selbst wußte, wie dies geschah, zu Christus geführt, denn ich sah, daß er der Schlüssel zur Seele des Menschen war, und daß noch kein Seelenkenner sich je auf jene Höhe der Seelenkenntnis erhoben hatte, die er erreicht hat. Ich prüfte alles mit dem Verstande nach und überzeugte mich so davon, was anderen durch den Glauben völlig klar ist und was ich bisher nur dunkel und unbestimmt geahnt hatte. Und zu demselben Ergebnis brachte mich die Analyse meiner eigenen Seele: ich sah mit mathematischer Klarheit ein, daß man auf Grund von Vorstellungen unserer Einbildungskraft nicht über die höheren Regungen und Gefühle des Menschen reden und schreiben könne; man muß wenigstens etwas davon in sich selbst tragen — kurz, man muß zuvor selbst besser werden. Das mag sehr sonderbar erscheinen, besonders denen, die in ihrer Jugend eine gründliche und umfassende Bildung genossen haben. Ich muß jedoch sagen, daß ich in der Schule eine recht schlechte Erziehung erhalten hatte, und daher ist es kein Wunder, daß der Gedanke, ich müßte noch etwas lernen, sich mir erst in reiferem Alter aufdrängte. Ich begann mein Studium mit so elementaren Büchern, daß ich mich geradezu schämte, anderen Menschen zu verraten, womit ich mich beschäftigte, ja, ich suchte es vor ihnen zu verheimlichen. Ich begann nunmehr nicht so sehr beim Studium von Büchern — als vielmehr bei meinen einfachen sittlichen Übungen auf mich zu achten, wie ein Lehrer auf seinen Schüler, und ich betrachtete mich selbst als Lehrling. Ich habe auch etwas von diesen Experimenten, die ich an mir selbst vollzog, in das Buch meiner Briefe aufgenommen, nicht etwa, um damit zu prahlen (ich wüßte auch nicht, womit man hier prahlen könnte!), sondern in der allerbesten Absicht: vielleicht konnte jemand Nutzen daraus ziehen. Ich war fest davon überzeugt, daß viele gleich mir eine schlechte Schulbildung genossen haben, plötzlich zur Besinnung kommen und den ehrlichen Wunsch fassen konnten, das Verlorene nachzuholen und wieder gutzumachen. Ich hatte oft gehört, daß viele sich darüber beklagten, sie könnten sich nicht mehr von ihren schlechten Gewohnheiten befreien, trotz des heißesten Wunsches, sie loszuwerden. Ich nahm dies also in mein Buch auf, nachdem ich es, so gut es ging, dem übrigen angepaßt hatte, aber ich nahm es erst auf, nachdem ich mich durch die Erfahrung davon überzeugt hatte, daß sich manches davon verschiedenen Personen, die ich kannte, heilsam erwiesen hatte. Denen jedoch, die es mir zum Vorwurf machen, daß ich mein ganzes Innere zur Schau gestellt habe, kann ich erwidern, daß ich immerhin noch kein Mönch, sondern ein Schriftsteller bin. Ich habe in diesem Falle so gehandelt, wie alle Schriftsteller, die ausgesprochen haben, was ihre Seele bedrückte. Wenn Karamsin während seiner schriftstellerischen Tätigkeit ein ähnliches Erlebnis gehabt hätte, er hätte es sicherlich in derselben Weise zum Ausdruck gebracht. Aber Karamsin hatte in der Jugend eine gute Erziehung genossen. Er eignete sich erst die Bildung an, die dazu gehört, um ein Mensch und ein Bürger zu sein, ehe er als Schriftsteller auftrat. Mir ging es anders. Ich konnte mir nicht denken, daß jemand daran Anstoß nehmen könnte, wenn ich öffentlich erklärte, ich strebte danach, besser zu sein als ich bin. Ich finde nichts Anstößiges dabei, daß ein Mensch sich qualvoll danach sehnt und im Angesichte aller Menschen von dem Verlangen, vollkommen zu sein, verzehrt wird, wenn doch selbst Gottes Sohn vom Himmel zu uns herabgestiegen ist, um uns zu sagen: „Seid vollkommen wie unser Vater im Himmel!“
Was endlich den Vorwurf anbelangt, daß ich in meinem Buch, nur um mit meiner Demut und Bescheidenheit zu prahlen, eine Selbstverkleinerung an den Tag gelegt hätte, die schlimmer sei als jeder Stolz und Hochmut, so muß ich darauf erwidern, daß bei mir weder von Selbstverkleinerung noch Demut die Rede ist. Wer solches aus meinem Buche herausgelesen hat, hat sich durch die Ähnlichkeit gewisser Kennzeichen und Merkmale täuschen lassen. Ich kam mir in der Tat widerwärtig vor, aber nicht etwa aus Demut, sondern weil sich in meinem Geiste mit der Zeit immer deutlicher das Ideal des schönen Menschen herausarbeitete, jenes herrliche Vorbild des Menschen, wie er sich hier auf Erden darstellen sollte, und wenn ich daran dachte, so ergriff mich jedesmal ein Ekel vor mir selbst. Das aber ist nicht Demut, sondern eher ein Gefühl, das ein neidischer Mensch hat, wenn er sieht, daß ein anderer einen besseren und schöneren Gegenstand in Händen hält, als er selbst, den seinen wegwirft und nichts mehr von ihm wissen will. Dazu hatte ich das Glück gehabt, während meines Lebens, besonders aber während der letzten Zeit, einige Menschen kennen zu lernen, deren geistige und seelische Qualitäten mir so groß erschienen, daß meine eigenen daneben verblaßten, und ich zürnte mir immerfort, weil ich das nicht besaß, was andere besaßen. Man hätte also höchstens das Recht, meinen mißgünstigen und neidischen Charakter im allgemeinen verantwortlich zu machen und anzuklagen.
Aber ich will zu meiner Lebensgeschichte zurückkehren. Eine Zeitlang waren also der Gegenstand meiner Studien nicht Rußland und die Menschen in Rußland, sondern der Mensch und die menschliche Seele im allgemeinen. Alles führte mich in dieser Zeit auf die Erforschung der Gesetze unserer Seele hin: mein eigener Seelenzustand und endlich auch die äußeren Verhältnisse, über die wir keine Macht haben und die mich jedesmal gegen meinen Willen veranlaßten, mich wieder meinem Gegenstand zuzuwenden, sowie ich ihn einmal verlassen hatte. Mehrmals griff ich zur Feder, weil man mir den Vorwurf machte, ich täte nichts; ich wollte mich gewaltsam dazu zwingen, etwas zu schreiben, sei es nun eine kleine Erzählung oder irgendeinen literarischen Essay, aber ich vermochte durchaus nichts zu produzieren. Alle meine Anstrengungen endigten meist mit Unwohlsein, schweren Leiden und schließlich sogar mit solchen Anfällen, die mich dazu nötigten, jede Beschäftigung für lange Zeit gänzlich aufzugeben. Was sollte ich tun? War ich etwa schuld daran, daß ich nicht imstande war, nochmals zu wiederholen, was ich schon einmal in jüngeren Jahren gesagt und geschrieben hatte? Als ob es im Menschenleben einen doppelten Frühling gibt! Und wenn jeder Mensch beim Übergang aus einem Lebensalter in das andere unvermeidlich eine solche Verwandlung durchmachen muß, warum soll allein der Schriftsteller eine Ausnahme davon machen? Ist denn der Schriftsteller nicht auch nur ein Mensch? Ich wich nicht von meinem Wege ab. Ich verfolgte meinen Pfad immer weiter. Ich behielt immer denselben Gegenstand im Auge: das Objekt meines Studiums war — das Leben, und nichts anderes. Ich suchte das Leben, so wie es in Wirklichkeit ist, und nicht etwa so, wie es sich in den Träumen unserer Phantasie darstellt, und so fand ich schließlich Den, Der die Quelle des Lebens ist. Seit meiner frühsten Jugend hatte ich eine leidenschaftliche Vorliebe dafür, den Menschen zu beobachten, seine Seele aus seinen feinsten Zügen und Regungen, die die Menschen nicht beachten, abzulesen, — und so wurde ich zu Ihm geführt, Der allein die Seele ganz durchschaut und mit Dessen Hilfe allein ich zu einer vollständigen Kenntnis der Seele gelangen konnte. Ich beruhigte mich nicht eher, als bis ich die Lösung einiger eigener Fragen, die sich auf mich selbst bezogen, gefunden hatte; und erst, als ich mir über einige Hauptfragen im klaren war, konnte ich wieder an mein Werk gehen, dessen erstes Buch bis heute noch ein Rätsel darstellt; denn es spiegelt zum Teil noch jenen Übergangszustand, in dem sich meine Seele befand, als sie noch nicht alles von sich abgestoßen hatte, was sich einmal von mir ablösen sollte.
Sowie dieser Zustand in mir überwunden und mein Verlangen nach Erkenntnis des Menschen im allgemeinen befriedigt war, begann sich in mir der lebhafte Wunsch zu regen, Rußland näher kennen zu lernen. Ich knüpfte Bekanntschaften mit Menschen an, von denen ich etwas lernen und von denen ich erfahren konnte, was in Rußland vorgeht; ich suchte erfahrene Männer der Praxis aus allen Ständen kennen zu lernen, die alle Mißbräuche und Machenschaften in Rußland kannten. Ich wollte Bekanntschaft mit Menschen aus allen Ständen machen und von jedem etwas erfahren. Jeder Beamte, jeder Mensch, der irgendeine Beschäftigung hatte, erschien mir interessant. Vor allem aber wollte ich mir einen genauen Begriff von jedem Beruf, jedem Stand, jeder Stellung und jedem Amt im Staate bilden. Mir erschien das als eine Notwendigkeit für jeden Schriftsteller, der Menschen aus allen Berufen schildert. Wenn man nicht einen Begriff von der ganzen Pflicht und allen Aufgaben des Menschen, den man schildern will, in seinem Kopfe hat, wird es einem nie gelingen, den Menschen wahrheitsgetreu, richtig und so darzustellen, daß sich die Lebenden daraus eine Lehre ziehen, daß sie daraus etwas lernen können. Deshalb knüpfte ich einen Briefwechsel mit solchen Leuten an, die mir irgendwelche Tatsachen mitteilen konnten. Die übrigen bat ich, flüchtige Porträts und Charakterskizzen von Leuten für mich herzustellen, und zwar von den ersten besten, denen sie auf ihrem Wege begegneten. Das alles brauchte ich nicht deshalb, weil ich keine genügende Anzahl von Charakteren oder keinen Helden im Kopfe gehabt hätte; daran hatte ich keinen Mangel; diese Figuren entsprangen mir in meiner Phantasie aus einer weit vollständigeren und umfassenderen Erkenntnis der menschlichen Natur, als ich sie jemals gehabt hatte; ich brauchte diese Tatsachen ganz einfach, so wie ein Künstler, der ein großes Gemälde, eine eigene Komposition malt, nach der Natur gemalte Skizzen braucht. Er überträgt diese Skizzen nicht auf sein Bild, sondern hängt sie ringsum an den Wänden auf, um sie beständig vor Augen zu haben, und um nie einen Verstoß gegen die Natur, gegen die Zeit oder Epoche zu begehen, die er sich für die Darstellung ausersehen hat. Ich habe nie etwas rein aus der Phantasie geschöpft und erzeugt, ich besaß nie diese Fähigkeit. Mir glückte immer nur das, was ich aus dem wirklichen Leben und aus Tatsachen schöpfte, die mir bekannt waren. Einen Menschen erraten konnte ich nur dann, wenn ich mir seine äußere Gestalt bis auf die feinsten Einzelheiten vorstellen konnte. Ich habe nie ein Porträt im Sinne einer bloßen Kopie entworfen. Ich habe ein solches Porträt stets erschaffen, ich erschuf es durch Nachdenken, mit Überlegung und nicht in der reinen Phantasie. Je mehr Dinge ich in Erwägung zog, um so wahrer und treuer ward das, was ich schuf. Ich mußte weit mehr wissen als jeder andere Schriftsteller, denn ich brauchte nur ein paar Einzelheiten zu übersehen oder nicht zu berücksichtigen — damit das Unwahre und Unrechte der Darstellung weit deutlicher in die Augen sprang als bei einem anderen. Dies vermochte ich niemand klarzumachen, und daher erhielt ich fast niemals solche Briefe, wie ich sie brauchte. Alle wunderten sich und konnten es nicht begreifen, daß ich all diese Kleinigkeiten und Torheiten wissen wollte, während ich doch eine Phantasie besaß, die selbst schaffen und produzieren konnte. Allein meine Phantasie hat mich bisher noch mit keinem einzigen hervorragenden Charakter beschenkt und kein einziges Ding produziert, das mein Auge nicht irgendwo in der Natur entdeckt hätte.
Ich habe ein paar Briefe an einige Gutsbesitzer und an verschiedene Beamte in den Briefwechsel mit meinen Freunden aufgenommen (von diesen Briefen ist die große Mehrzahl nicht zum Abdruck gekommen); das habe ich jedoch nicht etwa deswegen getan, damit alle mir zustimmen, sondern gerade deswegen, damit man mich durch Anführung einzelner anekdotischer Züge widerlegen sollte. Derartige Einwände von praktischen und erfahrenen Leuten sind für mich deswegen so wichtig, weil sie mir die Sache selbst näher bringen und mir einen tieferen Einblick in das innere Wesen Rußlands gewähren. Aber man hatte kein Interesse an den Dingen, die jeden Russen etwas angehen, so wenig wie für die Fragen unseres inneren Lebens, statt dessen beschäftigte man sich mit meiner Persönlichkeit und schrieb ganze Bogen darüber voll, ob ich ein Recht habe, mich in solche Angelegenheiten hineinzumengen. Ich richtete um dieselbe Zeit einen Aufruf an alle Leser der „Toten Seelen“ — der nicht sehr taktvoll und recht ungeschickt war. Ich wußte sehr gut, daß viele sich über ihn lustig machen würden, aber ich war fest entschlossen, jeden Spott zu ertragen, wenn ich bloß mein Ziel erreichte. Ich glaubte, daß vielleicht fünf oder sechs Leser meine Bitte so erfüllen würden, wie ich es wünschte. Ich verlangte gar nicht, daß man die Fehler der „Toten Seelen“ verbessern sollte: ich hoffte mich unter diesem Vorwande bloß in den Besitz von einigen privaten Aufzeichnungen oder Erinnerungen an einzelne Charaktere und Personen, mit denen der eine oder der andere während seines Lebens zusammengetroffen war, sowie von Berichten über solche Vorfälle zu setzen, von denen ein Hauch ausgeht, der uns an Rußland gemahnt. Ich weiß, daß wir uns alle schwer aufraffen können und daß wir träge sind und nicht recht arbeiten wollen, daher wird es fast jedem von uns schwer, aus seiner Erinnerung zu schöpfen; ich dachte jedoch, die Lektüre der „Toten Seelen“ würde die Menschen aufrütteln, besonders wenn sie dabei immer Papier und Bleistift bei der Hand hätten. Ich gab meine Adresse an und bat darum, daß nur die mir in ihren Briefen solche Fälle mitteilen möchten, die sie selbst nicht in der Presse veröffentlichen wollten, im allgemeinen aber hielt ich es für weit nützlicher, sie überall bekanntzumachen. Es kam mir sogar so vor, als ob eine solche Verbreitung von Kenntnissen über Rußland in Form von lebendigen Tatsachen gerade gegenwärtig eine dringende Notwendigkeit sei, denn in unserer Zeit, die man nicht ohne Grund eine Übergangszeit nennt, macht sich bei allen Menschen und auf allen Gebieten ein Streben bemerkbar, überall zu verbessern, zu reformieren, alles umzugestalten, ja dem Übel mit allen Mitteln energisch zu Leibe zu gehen. Ich glaubte, daß wir heute mehr denn je bemüht sein müssen, alles herauszustellen und ans Licht zu bringen, was im Inneren Rußlands vorgeht, damit wir ein Gefühl dafür bekommen, aus was für einer Menge verschiedener Elemente der Grund und Boden besteht, auf dem wir alle unsere Saat ausstreuen wollen; da aber wäre es wirklich besser, wenn wir uns erst einmal ordentlich umsähen und uns die Sache überlegten, bevor wir so über die Dinge aburteilen, wie dies heute alle Leute tun. Ich hegte die geheime Hoffnung, daß die Lektüre der „Toten Seelen“ viele auf die Idee bringen würde, Aufzeichnungen über sich selbst zu machen, und daß viele dazu veranlaßt werden könnten, in sich zu gehen, weil auch im Autor während der Zeit, als er die „Toten Seelen“ schrieb, eine solche Wendung nach Innen stattgefunden hatte. Ich glaubte, es könnte einem Menschen, der bereits den Gipfel seines Lebens erstiegen hat, von dem der Weg nur noch abwärts gehen kann, und der von dem Gedanken beunruhigt wird, sein Leben sei nutzlos verstrichen und er habe nur wenig für das allgemeine Wohl und sein Land geleistet, lebhafter zum Bewußtsein kommen, daß er durch eine getreue und lebendige Darstellung der Menschen, Charaktere und Ereignisse seiner Zeit die jungen Leute, die erst im Beginn ihrer Wirksamkeit stehen, mit Rußland bekannt machen und sie damit in schöner Weise für seine Untätigkeit entschädigen, ja mehr als entschädigen kann. Ein junger Mann aber, der seine Laufbahn erst eben beginnt, dessen Anteilnahme für alle Dinge noch nicht erkaltet ist, der daher noch einen frischen lebendigen Blick besitzt und der alles mit starkem Interesse verfolgt, könnte die heutige Zeit so darstellen, wie sie dem Auge des Jünglings erscheint. Kurz, ich dachte wie ein Kind; ich täuschte mich in manchen Leuten: ich glaubte, daß in einem Teil meiner Leser noch ein Funke von Liebe lebte. Ich wußte damals noch nicht, daß mein Name nur deshalb so populär ist, weil er einzelnen Leuten die Möglichkeit und das Recht zu geben schien, anderen etwas vorzuwerfen und sich gegenseitig übereinander lustig zu machen. Ich glaubte, daß viele durch mein Gelächter hindurch das Gute in meiner Natur, in meinem Ich erkennen, das ja gar nicht aus böser Absicht lachte oder spottete. Aber ich erhielt keine Aufzeichnungen zugeschickt, trotz meiner Aufforderung, und in den Zeitschriften erwiderte man mir nur mit Hohn und Spott. Ich führe dies alles nur deswegen an, um zu beweisen, daß ich alle meine Kräfte angespannt habe, um meinem Berufe treu zu bleiben, daß ich über alle nur möglichen Mittel nachgesonnen habe, die meine Arbeit fördern könnten, ich ließ es mir keinen Augenblick auch nur einfallen, meinen Schriftstellerberuf aufzugeben. Bei dieser Gelegenheit muß ich übrigens erwähnen, daß viele ihr Erstaunen darüber geäußert haben, daß ich ein solches Bedürfnis nach Daten über Rußland habe und dabei selbst fern von Rußland im Auslande bleibe, diese Leute haben es sich nicht überlegt, daß ich, ganz abgesehen von meinem leidenden Zustand, der für mich einen Aufenthalt in einem warmen Klima nötig machte, gerade eine solche Entfernung von Rußland brauchte, um mit meinen Gedanken um so intensiver in Rußland verweilen zu können. Für die, die mir das nicht nachzufühlen vermögen, will ich mich hier näher erklären, obwohl es mir etwas schwer wird, hier alles darzulegen, was die Eigenheit meines Wesens ausmacht.
Fast alle Schriftsteller, denen es nicht an jeglicher schöpferischen Begabung fehlt, besitzen eine Fähigkeit, die ich die Einbildungskraft nennen will — eine Fähigkeit, die darin besteht, sich Gegenstände, die einem nicht gegenwärtig sind, so lebhaft vorzustellen, wie wenn sie uns unmittelbar vor Augen stünden. Diese Fähigkeit ist nur dann in uns wirksam, wenn wir uns von den Gegenständen entfernen, die wir beschreiben wollen. Das ist der Grund, weswegen die Dichter sich gewöhnlich solche Epochen zum Gegenstand wählen, die bereits hinter uns liegen, und sich in die Vergangenheit versenken. Indem die Vergangenheit uns von allem, was um uns ist, loslöst, versetzt sie unsere Seele in eine stille ruhige Stimmung, wie sie zur Arbeit erforderlich ist. Ich hatte keine Vorliebe für die Vergangenheit. Mein Gegenstand war die Gegenwart und das Leben in unserer heutigen Welt, vielleicht deswegen, weil mein Geist stets eine Vorliebe für das Wesentliche und Faßliche und für einen greifbaren Nutzen hatte. Mit den Jahren wurde mein Wunsch, ein moderner Schriftsteller zu werden, immer lebhafter. Aber ich sah zugleich ein, daß man, wenn man das gegenwärtige Leben schildern will, nicht beständig in jener erhabenen und ruhigen Stimmung verharren konnte, deren man bedarf, um ein großes und formvollendetes Werk hervorzubringen. Das Gegenwärtige ist viel zu lebendig, es bewegt einen und regt einen zu sehr auf; die Feder des Schriftstellers wird ganz unmerklich und ohne daß man es fühlt, von einer satirischen Anwandlung erfaßt. Dazu sieht man, wenn man selbst mitten unter den Leuten weilt und mehr oder weniger mit ihnen zusammenarbeitet, nur die Menschen vor sich, die sich in unserer Nähe befinden: die ganze Masse, die Menge sieht man nicht, denn man kann nicht alles übersehen. Ich fing also an, darüber nachzugrübeln, wie ich mich den anderen Leuten entziehen und einen solchen Standpunkt einnehmen konnte, von dem ich die ganze Masse und nicht nur die Menschen zu sehen vermochte, die neben mir standen — wie ich mich so vom Gegenwärtigen entfernen konnte, daß es sich für mich gewissermaßen in Vergangenheit verwandelte. Meine erschütterte Gesundheit und einige kleine Unannehmlichkeiten, die noch dazu kamen und die ich heute mit Leichtigkeit ertragen hätte, mit denen ich dagegen damals noch nicht fertig zu werden vermochte, veranlaßten mich dazu, das Ausland aufzusuchen. Ich habe mich nie nach fremden Ländern hingezogen gefühlt, ich habe nie eine leidenschaftliche Vorliebe für sie gehabt. Auch besaß ich nichts von jener dunklen Neugierde, wie sie Menschen verzehrt, die nach starken Eindrücken dürsten. Aber seltsam! schon während meiner Kinderjahre, selbst während meiner Schulzeit und damals, als ich immer nur an den Staatsdienst und keinen Augenblick daran dachte, daß ich Schriftsteller werden könnte, kam es mir immer so vor, als ob ich dazu bestimmt sei, in meinem Leben noch einmal irgendein großes Opfer zu bringen, und daß ich gerade, um meinem Vaterlande zu dienen, gezwungen sein würde, mich in der Ferne darauf vorzubereiten und zu erziehen. Ich wußte nicht, wie das geschehen würde, noch wozu das nötig sei; ich dachte auch gar nicht darüber nach, ich sah mich jedoch so lebendig vor mir, sah, wie ich mich in einem fremden Lande in Sehnsucht nach meinem Vaterlande verzehre, ja dies Bild verfolgte mich so häufig, daß es mich ganz traurig machte. Vielleicht war das nur jene unbegreifliche poetische Sehnsucht, die auch Puschkin manchmal beunruhigte und ihn veranlaßte, fremde Länder aufzusuchen, lediglich um, wie er sich ausdrückt,
Mich unterm Himmel Afrikas