Nach Rußlands trüben Gaun zu sehnen.
Wie dem auch sein mag, dieser unwillkürliche Drang in mir war so stark, daß noch keine fünf Monate seit meiner Ankunft in Petersburg vergangen waren, als ich bereits ein Schiff bestieg, da ich nicht die Kraft hatte, diesem mir selbst so unbegreiflichen Gefühl zu widerstehen. Der Plan und der Zweck meiner Reise waren sehr verschwommen. Ich wußte nur das eine, daß ich sicherlich nicht deswegen auf Reisen ging, um mich an fremden Ländern zu erfreuen, sondern um schwere Leiden durchzukosten, ganz als ob ich ahnte, daß ich erst jenseits von Rußland den wahren Wert meines Vaterlandes erkennen und mich fern von ihm mit Liebe zu ihm erfüllen würde. Kaum befand ich mich auf See, auf einem fremden Schiffe und unter fremden Leuten (das Schiff war ein englischer Dampfer, auf dem sich keine Menschenseele aus Rußland befand), so wurde mir traurig zumute; ich sehnte mich so sehr nach meinen Freunden und den Kameraden meiner Kindheit, die ich verlassen und die ich stets innig geliebt hatte, daß ich, noch ehe ich das feste Land betreten hatte, schon an die Rückreise dachte. Ich blieb nicht länger als drei Tage im Auslande, und obwohl mich die Neuheit der Gegenstände reizte, beeilte ich mich, auf demselben Dampfer nach Hause zurückzukehren, aus Furcht, daß es mir später vielleicht nicht mehr gelingen könnte, den Weg nach Hause zurückzufinden. Von da ab gab ich mir das Wort, überhaupt nicht mehr an fremde Länder zu denken — und während der ganzen Zeit meines Petersburger Aufenthaltes, d. h. während voller sieben Jahre kam mir nicht der Gedanke an eine Reise in ein fremdes Land, bis der Zustand meiner Gesundheit, einige schmerzliche Erlebnisse und endlich mein Bedürfnis nach Einsamkeit mich dazu nötigten, Rußland zu verlassen.
Zweimal bin ich nachher wieder nach Rußland zurückgekehrt, einmal sogar, um für immer dort zu bleiben. Ich glaubte, jetzt, wo mich ein solches Verlangen erfaßt hatte, mir über alles klar zu werden, würde es mir bestimmt gelingen, vieles in Erfahrung zu bringen. Aber, ist es nicht merkwürdig? Mitten im Herzen Rußlands, sah ich beinahe nichts von Rußland selbst. Alle Menschen, denen ich begegnete, sprachen mit großer Vorliebe davon, was in Europa vorgeht, und dagegen redeten sie nie davon, was in Rußland passiert. Ich erfuhr nur, was man im englischen Klub treibt, und noch einiges andere, was ich schon von selbst wußte. Es ist bekannt, daß jeder von uns seinen eigenen Kreis von nahen Bekannten hat, und daher ist es sehr schwer für ihn, andere Leute, die nicht dazu gehören, kennen zu lernen, erstlich schon deswegen, weil er sich verpflichtet fühlt, möglichst häufig mit den ihm nahestehenden Menschen zusammen zu sein, und ferner, weil ein Kreis von Freunden schon an und für sich so viel Angenehmes hat, daß man sehr viel Selbstaufopferung besitzen muß, um sich ihm zu entziehen. Alle Menschen, die ich kennen lernte, teilten mir immer nur fertige Schlüsse und Folgerungen und nicht bloß schlichte Tatsachen mit, auf die es mir gerade ankam. Überhaupt bemerkte ich, daß eine gewisse Veränderung in den Köpfen und in den Gedanken der Leute vorgegangen war. Jedermann betrachtete die Sache mit einem weit philosophischeren Blick, als man dies jemals früher zu tun pflegte; man wollte stets den geheimsten Sinn und die tiefste Bedeutung einer jeden Sache ergründen: ein Motiv, eine Regung, die darauf hindeutete, daß die Gesellschaft einen mächtigen Schritt vorwärts gemacht hatte. Andererseits entsprang hieraus eine gewisse Übereilung, mit der man sogleich die Schlüsse und Konsequenzen zog und nach zwei bis drei Tatsachen über das Ganze urteilte; man übersah völlig, daß damit noch nicht alle Dinge und nicht alle Seiten einer Sache in Betracht und in Erwägung gezogen waren. Ich bemerkte, daß sich beinahe jeder in seinem Kopfe seine eigene Vorstellung über Rußland gebildet hatte, und das war der Anlaß zu fortwährenden Streitigkeiten. Ich aber brauchte etwas ganz anderes: ich brauchte jene einfachen Unterhaltungen, wie sie noch früher in den alten Zeiten üblich waren, wo jeder bloß das erzählte, was er in seinem Leben gesehen und gehört hatte, und wo ein Gespräch mehr einer Anekdotensammlung als einer Diskussion glich. Das brauchte ich gerade deswegen, weil ich unwillkürlich selbst von dieser hastigen Sucht, sofort übereilte Schlüsse und Folgerungen aus allem zu ziehen — dieser allgemeinen Tendenz unserer Zeit —, angesteckt war.
Noch mehr aber mußte ich mich über unsere Provinz wundern. Dort hörte man nicht einmal den Namen „Rußland“ aussprechen. Wie mir schien, waren nur solche Dinge in aller Munde und sprach man nur über solche Gegenstände, die man in den neuesten aus dem Französischen übersetzten Romanen gelesen hatte. Kurz — während meines ganzen Aufenthalts in Rußland zerfiel und zerstob Rußland förmlich in meinem Kopfe. Ich konnte mir durchaus kein Ganzes daraus gestalten, mein Mut sank, und sogar mein Verlangen, es kennen zu lernen, wurde schwächer. Sowie ich es jedoch verließ, formte es sich mir in Gedanken sogleich wieder zu einem Ganzen, der Wunsch, das Land kennen zu lernen, erwachte aufs neue, und die Lust, jeden frischen Menschen, der frisch aus Rußland eingetroffen war, kennen zu lernen, wurde wieder stark und mächtig in mir. Es bildete sich sogar die Fähigkeit in mir heraus, die Leute auszufragen, und oft erfuhr ich in einem Gespräch von der Dauer einer Stunde, was ich während meines Aufenthaltes in Rußland nicht einmal im Laufe einer Woche in Erfahrung zu bringen vermochte. Jedermann weiß, daß man im Ausland viel leichter Bekanntschaft macht, daß sich in den Bädern Deutschlands und in den Winterstationen Italiens Menschen begegnen, die in ihrem eigenen Lande vielleicht nie miteinander zusammengetroffen wären und die sich ihr ganzes Leben lang nicht kennen gelernt hätten. Das war es, was mich veranlaßte, einem Aufenthalt außerhalb Rußlands den Vorzug zu geben, schon im Hinblick darauf, daß ich auf diese Weise mehr von Rußland erfahren konnte. Ich dachte sehr lange darüber nach, wie ich mich in Rußland selbst über vieles unterrichten könnte, was dort vorgeht. Durch Reisen im Lande selbst erreicht man nicht viel: das einzige, was man davon im Kopfe behält, sind die Stationen und die Kneipen. In den Städten und Dörfern Bekanntschaften anzuknüpfen, ist für einen Mann, der nicht gerade im Auftrage der Regierung reist, auch nicht einfach, man wird leicht für einen Spitzel gehalten, und das einzige Ergebnis ist höchstens ein Sujet für eine Komödie, die man: Der Wirrwarr betiteln könnte. Wenn man jedoch erfährt, daß der Reisende noch dazu ein Schriftsteller ist, so wird die Situation noch weit komischer: die Hälfte aller russischen Leser ist fest davon überzeugt, daß ich nur einen einzigen Lebenszweck habe, nämlich diesen, alles am Menschen vom Kopf bis zu den Füßen zu verspotten. Und doch habe ich bisher noch nie ein so lebhaftes Bedürfnis empfunden, die gegenwärtige Lebenslage des Russen von heute kennen zu lernen — um so mehr, als gerade heute die Gegensätze in der Denkweise so groß geworden sind und alle Welt von einem wahren Wirbel von Mißverständnissen erfaßt ist, so daß kein Mensch mehr imstande ist, seine Nebenmenschen richtig zu beurteilen, und daß man genötigt ist, jedes Ding mit seinen eigenen Händen zu betasten, da man niemand mehr trauen kann. Ich konnte diese Daten nicht entbehren. Die Charaktere und Personen, die ich mir jetzt für mein Werk ausersehen habe, sind viel bedeutender als die, die ich mir früher zum Vorwurf genommen hatte. Je größer die Vorzüge einer bestimmten Persönlichkeit sind, um so greifbarer und plastischer muß man sie vor dem Leser erstehen lassen. Dazu bedarf man all der unendlichen Kleinigkeiten und Details, die dafür sprechen, daß diese bestimmte Person auch wirklich gelebt hat; sonst wird sie zu einem idealen Gebilde, sonst wird sie matt und blaß und trotz aller Tugenden, mit denen man sie ausstatten mag, armselig und nichtssagend ausfallen. Der Russe muß wirklich das Gefühl haben, daß die dargestellte Persönlichkeit aus demselben Leibe herausgeschnitten ist, dem er selbst als ein Bestandteil angehört, daß sie etwas Lebendiges, daß sie Fleisch von seinem Fleisch und Blut von seinem Blute ist. Nur dann wird er mit seinem Helden in eins zusammenfließen und unmerklich jene suggestiven Wirkungen, die von ihm ausgehen, an sich erfahren, die durch kein Räsonnement und keine Predigt hervorgebracht werden können. Eine solche volle Verkörperung, diese letzte in sich geschlossene Vollendung eines Charakters vollzieht sich nur dann in mir, wenn ich meinen Geist mit all diesen prosaischen realen Kleinigkeiten und Nichtigkeiten des Lebens erfülle, wenn ich alle großen Charakterzüge jener Menschen im Kopfe habe, zugleich jedoch auch all die Lumpen und Fetzen bis zur kleinsten Stecknadel, die den Menschen täglich umgeben, zusammentrage und um ihn herum aufstaple, kurz, wenn ich alles, das Große wie das Kleine, berücksichtige und nichts außer acht lasse. In dieser Beziehung habe ich genau so einen Verstand, wie man ihn beim größten Teil aller Russen findet, d. h. ich habe mehr die Fähigkeit, Schlüsse und Folgerungen zu ziehen, als etwas zu erfinden und zu erdichten. Ich mußte immer erst eine große Menge von Menschen anhören, wenn ich mir eine eigene Meinung bilden sollte, und dann erst fanden die Leute meine Meinung gesund und vernünftig. Hörte ich dagegen nicht alle an und zog ich einen übereilten Schluß, so waren meine Ansichten bloß schroff und ungewöhnlich. Selbst in meinem letzten Buch, in meinem „Briefwechsel mit meinen Freunden“, kommt vieles vor, das Ähnlichkeit mit einer bloßen Präsumtion oder einer Vermutung hat und doch gar keine Voraussetzung ist. Es enthält nichts als Folgerungen, aber die einen Schlüsse und Folgerungen sind unter Berücksichtigung sämtlicher Seiten einer Sache gezogen und sind daher allen klar, während andere nur Folgerungen aus einigen Tatsachen darstellen, die nicht allen bekannt sind; und daher sind sie auch so oder erscheinen sogar vielen einfach als Torheit. Das ist auch der Grund, weswegen es kaum ein Werk von mir gibt, in dem nicht neben reifen Gedanken auch ganz unreife stehen und in dem nicht der Mann und das Kind, der Lehrer und der Schüler gleichzeitig zu Worte kommen.
Es war mir also nicht möglich, mir all das zu verschaffen, was ich brauchte. Und da ich es mir nicht zu verschaffen vermochte — ist es da wohl ein Wunder, daß ich nicht arbeiten konnte? Wie kann man mit sich selbst kämpfen, wenn man solche Ansprüche an sich selbst zu stellen gelernt hat? Wie soll die Einbildungskraft sich da zum Fluge erheben — selbst wenn sie vorhanden ist —, wo der Verstand bei jedem Schritt die Frage nach dem „Warum“ stellt? Warum mußten eine Reihe von Umständen eintreten, die ich nicht herbeigerufen habe? Warum konnte ich mir erst durch eine strenge Erforschung und Analyse meiner eigenen Seele die Kenntnis der Menschenseele erwerben? Warum wurde ich erst da von dem Verlangen erfaßt, den russischen Menschen darzustellen, als ich das allgemeine Gesetz der menschlichen Handlungen kennen gelernt hatte, und warum lernte ich es erst kennen, nachdem ich den Weg zu Ihm gefunden hatte, Der allein alles menschliche Tun und jedes geringste Geheimnis unserer Seele durchschaut? — Warum wurde ich so von dem Verlangen gequält, die Seele des Menschen kennen zu lernen? Warum traten endlich solche Umstände ein, von denen ich nicht einmal sprechen kann, die mich jedoch nötigten, gegen meinen Willen tiefer in die Menschenseele hinabzutauchen? Warum blieb für mich die Fähigkeit, mich überall an der Schönheit der Menschenseele zu erfreuen, wo sie mir immer entgegentreten mochte, stets der Gipfel, die Krone aller ästhetischen Genüsse? Warum wurde ich seit den Tagen meiner Kindheit unaufhörlich von dem Verlangen gequält, die menschliche Seele zu ergründen? Erklärt mir vor allem, warum dies so kommen mußte, und dann fragt mich: warum ich nicht mehr so schreiben kann, wie ich früher geschrieben habe. Ich wollte den Umständen und dieser Ordnung, die ja nicht ich eingesetzt hatte, Widerstand leisten. Ich versuchte es mehrmals, so zu schreiben, wie ich es früher getan, wie ich in meiner Jugend geschrieben hatte, das heißt, wie sich’s traf, wie es meiner Feder beliebte, aber es wollte mir nichts mehr aus der Feder fließen. Voller Freude, daß ich durch meine an meine Freunde und Bekannten gerichteten Briefe wieder einigermaßen ins Schreiben hineingekommen war, wollte ich sofort Nutzen daraus ziehen, und sowie ich mich von meiner schweren Krankheit erholt hatte, machte ich gleich ein Buch daraus, wobei ich bestrebt war, den Stoff nach Möglichkeit zu ordnen und dem Ganzen einen gewissen Zusammenhang zu geben, damit das Buch den Charakter eines vernünftigen Werkes erhielte; ich bedachte nicht, daß das Publikum vieles davon, was an einzelne Personen gerichtet war, auf sich beziehen würde, besonders nach meinem Testament, das sich an alle meine Landsleute richtete. Ich fürchtete mich davor, die Fehler und Mängel des Buches selbst nachzuprüfen, und verschloß meine Augen, denn ich wußte, daß ich mein Buch, wenn ich es einer strengeren Prüfung unterziehen würde, vielleicht ebenso vernichten könnte, wie ich die „Toten Seelen“ und alles, was ich in der letzten Zeit geschrieben hatte, vernichtet habe. Ich glaubte, dies Buch könnte die Leser wenigstens in geringem Maße für mein langes Schweigen entschädigen, ich glaubte, ich könnte darin meine schwierige Lage schildern und darlegen, die mir in der letzten Zeit das Schreiben unmöglich gemacht hatte, und ich würde die Aufmerksamkeit auf die praktischen Fragen und die Fragen des Lebens lenken. Ich beabsichtigte ferner, solche Dinge zu berühren, die mir einen tieferen Einblick in Rußland verschaffen, mich erfrischen und beleben und zwingen würden, zur Feder zu greifen. Aber es geschah nichts von alledem: alle Welt überhäufte mich mit Vorwürfen. Ich bekam nur Worte und Reden über Dinge zu hören, die nicht durch Worte und Reden entschieden werden können. Ich ließ die Hände sinken. Der Trieb, der sich scheinbar schon in mir zu regen begonnen hatte, erlosch, und ich fühlte mich ganz von selbst und ohne daß ich es merkte, vor die Frage gestellt, die mir noch nie in den Sinn gekommen war: soll ich überhaupt noch etwas schreiben? Soll ich noch weiter in diesem Berufe tätig sein, von dem mich in der letzten Zeit alles so offenkundig abzuziehen schien? Angenommen, daß es mir selbst gelingen sollte, mich zu überwinden, angenommen selbst, daß mein Kiel wieder die nötige Leichtigkeit und Beständigkeit erlangen würde, und daß mir eine Seite nach der anderen ganz zwanglos aus der Feder fließen würde — war meine seelische Verfassung wirklich derartig, daß meine Werke der Gesellschaft von heute tatsächlich von Nutzen sein konnten und heute eine Notwendigkeit für sie darstellten? Werfen wir dazu einmal einen Blick auf den Zustand der Gesellschaft unserer Zeit: begünstigt die Gegenwart den Schriftsteller im allgemeinen? und ferner: ist sie einem Schriftsteller, wie ich einer bin, günstig?
Alle sind sich mehr oder weniger darüber einig, daß unsere heutige Zeit eine Übergangszeit genannt werden kann. Alle fühlen heute mehr denn je, daß sich die Welt auf dem Marsche und nicht im Hafen befindet, das ist nicht einmal eine Station, auf der man vorübergehend haltmacht, kein Nachtquartier und kein Rasten während der Reise. Alles sucht etwas, aber es sucht es nicht draußen, sondern in dem eigenen Inneren. Die moralischen Fragen haben ein starkes Übergewicht über die politischen, die Probleme der gelehrten Wissenschaft sowie alle anderen Probleme erlangt. Kein Schwert und kein Kanonendonner vermögen das Interesse der Welt mehr zu fesseln. Überall kommt mehr oder weniger deutlich der Gedanke eines inneren Aufbaus, einer inneren Organisation zum Durchbruch: alles wartet auf das Eintreten einer strengeren harmonischeren Lebensordnung. Der Gedanke der Organisation, des Aufbaus sowohl des eigenen Ichs wie des der anderen wird immer mehr Allgemeingut. Alle bedeutenden Menschen, die an der Spitze marschieren, erleben Krisen und Umwälzungen in ihrem Inneren, manche sogar in den Jahren, wo in der Seele des Menschen bisher noch nie ein innerer Umschwung oder eine innere Besserung und Erhebung möglich zu sein schienen. Ein jeder fühlt mehr oder weniger, daß er sich nicht in der richtigen Verfassung befindet, in der er sich eigentlich befinden sollte, wenn er auch nicht weiß, worin dieser ersehnte Zustand nun eigentlich besteht. Dennoch aber sucht und strebt alles nach diesem ersehnten Zustande; alle Ohren lauschen gespannt und richten sich dorthin, woher sie etwas über die Fragen, die heute alle beschäftigen, zu vernehmen hoffen. Kein Mensch will ein Buch lesen, das nicht wenigstens eine Spur von all jenen Fragen enthält. Bedarf man also wohl in solch einer Zeit der Werke eines Schriftstellers, der über ein gewisses schöpferisches Talent verfügt, der lebendige Bilder von Menschen zu erschaffen vermag, und der die Gabe hat, das Leben eindringlich und plastisch darzustellen, so wie es ihm erscheint, — der von dem Verlangen verzehrt wird, es kennen zu lernen? Machen wir uns zunächst einmal klar, was das für ein Schriftsteller ist, dessen Hauptbegabung sein schöpferisches Talent ist.
Alle Welt stimmt mehr oder weniger darin überein, daß ein produktiver Schriftsteller seine Werke schreibt, um die Menschen zu belehren. Die Ansprüche, die an ihn gestellt werden, sind gewaltig — und mit Recht: um nichts als eine gute Kopie dessen, was man vor Augen sieht, herzustellen, dazu gibt es auch andere Schriftsteller, die häufig ein außergewöhnliches Talent für das beschreibende, malende Genre besitzen, denen jedoch die schöpferische Gabe völlig mangelt. Wer dagegen schafft, wer viel Zeit und Mühe darauf verwendet, dem sein Werk teuer zu stehen kommt, der darf seine Mühe und Arbeit nicht umsonst verschwenden. Die Schöpfungen seiner Kunst müssen für unser Leben einen Fortschritt bedeuten, er muß, wenn er seine Zeit verstanden hat, wenn er auf der Höhe jener Epoche steht, dieser Epoche seine Schuld für die Belehrung, die er aus ihr geschöpft hat, abtragen können, indem er auch sie seinerseits wieder belehrt. So wenigstens bestimmen die Ästhetiker unserer Zeit ebenso wie die früherer Zeiten das Wesen des Dichters oder ganz allgemein das Wesen eines Schriftstellers von schöpferischer Begabung. Die Menschen ganz so zu reproduzieren, wie man sie in sich aufgenommen hat, ist für einen schöpferischen Schriftsteller sogar unmöglich, das wird ein Schriftsteller weit besser machen, der über einen flinken Pinsel verfügt, sofort und jederzeit nachzuahmen vermag, was an seinem Blick vorüberzieht, und der von keinen inneren Skrupeln gequält und beunruhigt wird.
Folglich kann in unserer heutigen Zeit, wo alle Menschen so sehr mit den Fragen des Lebens beschäftigt sind, ein solcher Schriftsteller mehr als jemand anderes das lösende Wort in den Fragen der Gegenwart sprechen; aber wann und in welchem Falle? Nur dann und in dem Falle, wenn er sich schon selbst alle Fragen, die ihn beunruhigen, beantwortet hat. Wenn er sich bei allen seinen großen Gaben zu einer plastischen Anschaulichkeit des Stils, zu der Adlerkraft und -schärfe des Blicks, zu dem fortreißenden lyrischen Schwung und der zermalmenden Wucht seines Sarkasmus noch eine umfassende Kenntnis seines Landes und seines Volkes bis hinab in seine Wurzeln und Auszweigungen erworben, wenn er sich zum Bürger seines Landes und zum Bürger der ganzen Menschheit herangebildet hat und überall da, wo dem Menschen geboten ward, hart zu sein wie ein Fels, unerschütterlich dasteht wie ein Stein, dann mag er seine Laufbahn antreten. Wenn er wirklich über solche Mittel und Werkzeuge verfügt, dann wird er dem Publikum solche Menschen vorführen, wie er sie gegenwärtig und in unserem heutigen Zeitalter braucht, und er wird sie mit jener porträthaften Anschaulichkeit ausstatten, die da macht, daß das Bild eines Menschen uns überallhin verfolgt, so daß wir es nicht wieder loswerden können. Bei solchen Mitteln wird es ihm natürlich nicht schwer werden, alle jene Heldengestalten, mit denen die modernen Schriftsteller unsere Köpfe vollgestopft haben, wieder auszutreiben. Man muß nur einmal statt durch heftige leidenschaftliche Reden durch solche lebendige Bilder, die wie die rechtmäßigen Herren in der Seele der Menschen ein und aus gehen, zum Publikum sprechen, — so werden sich einem die Tore der Herzen von selbst öffnen, um sie aufzunehmen, wenn man nur das Gefühl hat und nur das Geringste davon spürt, daß diese Gestalten und Bilder aus unserem eigenen Wesen geschöpft sind, daß sie unserem eigenen Körper entstammen. Wer könnte in solch einem Falle noch daran zweifeln, daß heutzutage niemand eine so starke Wirkung auszuüben vermöchte, wie solch ein Schriftsteller, und daß niemand unserer Zeit und unserer heutigen Epoche notwendiger ist als er. Wenn er jedoch tatsächlich über einige von diesen Mitteln und Werkzeugen verfügt, sich aber noch nicht zu einem Bürger seines Landes und der Menschheit herangebildet hat, wenn er, dem allgemeinen Zuge der Zeit folgend, selbst noch im Werden und in der Entwicklung begriffen ist, dann wäre es für ihn sogar gefährlich, sich in die Öffentlichkeit hinauszuwagen; dann kann seine Wirkung eher schädlich als nützlich sein. Diese Arbeit an sich selbst wird in allem zum Ausdruck kommen, was seiner Feder entstammt. Je weniger Ähnlichkeit er mit anderen Leuten hat, je ungewöhnlicher er uns erscheint, je mehr er sich von anderen Menschen unterscheidet, je eigenartiger er ist, zu um so mehr Irrtümern und Mißverständnissen kann er überall Anlaß geben. Das, was in ihm lediglich eine natürliche Äußerung, eine normale Funktion seines außergewöhnlichen Organismus, ein vorübergehender Zustand, eine Stimmung seines Geistes ist, kann anderen Menschen als ein Höhepunkt, als Zielpunkt erscheinen, den alle erreichen müssen. Je liebevoller er sich für seine Helden und Charaktere einsetzt, je gründlicher er sie ausführt, und je lebendiger seine Darstellung ist, um so größer wird der Schaden sein. Wir alle haben den Beweis dafür vor Augen. Eine bekannte französische Schriftstellerin, die alle anderen an Begabung überragt, hat in wenigen Jahren eine gewaltigere Umwälzung in den Sitten hervorgerufen als sämtliche Schriftsteller, die sich bemühten, die Menschen zu korrumpieren. Sie hat vielleicht gar nicht einmal daran gedacht, die Unsittlichkeit zu predigen, ihre Schriften waren möglicherweise nur der Ausdruck einer vorübergehenden Verirrung, der sie in einer späteren Epoche ihrer geistigen Entwicklung vielleicht wieder entsagt, von der sie sich wieder losgesagt hat, allein das Wort war bereits gefallen: „Ein Wort ist wie ein Spatz,“ sagt ein russisches Sprichwort, „läßt du es aus der Hand, so fängst du es nie mehr ein.“
Ich selbst bin ein Schriftsteller, dem es nicht ganz an schöpferischer Begabung fehlt; ich besitze auch einige von den Gaben und Fähigkeiten, in denen eine suggestiv fortreißende Kraft liegt. Der allgemeinen Zeitströmung folgend, die nicht von uns gemacht wird, sondern dem Willen des Höchsten entspringt, ... strebe auch ich nach Bildung und Organisierung meines Ichs, wie dies auch andere tun, und ich fühle, daß ich noch sehr weit von dem Ziele entfernt bin, dem ich zustrebe, und daß ich daher nicht öffentlich hervortreten sollte. Auch das unlängst veröffentlichte Buch „Briefwechsel mit meinen Freunden“ ist ein Beweis dafür. Wenn schon dies Buch, das nicht mehr als eine Abhandlung ist, wie man sagt, durch seine Unbestimmtheit zu Irrtümern Anlaß gibt und sogar zur Verbreitung verkehrter Gedanken beiträgt, wenn schon von diesen Briefen, wie man sagt, einem ganze Sätze und Seiten wie lebendige Bilder im Kopf haften bleiben, was wäre erst dann geschehen, wenn ich, statt mit diesen Briefen, mit einem erzählenden Werk voll lebendiger Anschauungen hervorgetreten wäre? Ich fühle selbst, daß hierin weit mehr meine Stärke liegt als in theoretischen Erörterungen. Jetzt kann die Kritik mich noch angreifen, dann jedoch wäre kaum jemand imstande gewesen, mich zu widerlegen. Meine Bilder hätten etwas Suggestives gehabt und hätten sich so in den Köpfen festgesetzt, daß kein Kritiker sie von dort hätte wieder austreiben können. Man darf nicht außer acht lassen, daß alle dargestellten Personen und Charaktere die Wahrheit meiner eigenen Überzeugungen hätten beweisen müssen und meine Überzeugungen ... Wenn ich dieses Buch mit den von mir vernichteten „Toten Seelen“ vergleiche, so kann ich nicht dankbar genug sein für den mir zuteil gewordenen Impuls, sie zu vernichten. Trotzdem aber stehe ich in meinem Briefwerk auf einem höheren Standpunkt als in den vernichteten „Toten Seelen“. Die Dunkelheit des Ausdrucks verwirrt an vielen Stellen den Leser; wenn ich denselben Gedanken etwas deutlicher und klarer ausgedrückt hätte, so hätten viele Leute unterlassen, mir Einwände zu machen. In den von mir vernichteten „Toten Seelen“ ist weit mehr von dem Übergangszustand, von dem inneren Umschwung in mir zum Ausdruck gekommen, es steckt noch eine weit größere Unbestimmtheit in den grundlegenden Prinzipien darin, die Gedanken haben mehr bewegende, treibende Kraft, einzelne Teile enthalten schon sehr viel Eindrucksvolles, mit sich Fortreißendes, und die Helden haben etwas Suggestives. Kurz — als ein ehrlicher Schriftsteller hätte ich die Feder niederlegen müssen, selbst dann, wenn ich wirklich den Drang gefühlt hätte, sie zu ergreifen. Aber so etwas muß mit Besonnenheit betrachtet werden. Alle die, die leichtfertig von mir verlangen, daß ich in meiner schriftstellerischen Arbeit fortfahren soll, und doch zugleich mein letztes [Buch] schlecht machen, sollten sich doch zum mindesten die ganze Sache etwas genauer überlegen und alle Umstände in Betracht ziehen, die kein Richter außer acht läßt, wenn er über jemand zu Gericht sitzt. Ich habe den Eindruck, daß heute nicht nur ein Mensch, der schriftstellerisch tätig ist, sondern jeder Kopf überhaupt sich der Tätigkeit enthalten sollte, wenn er die Neigung hat, Schlüsse und Folgerungen zu ziehen und selbst noch ... Von den klugen Leuten sollten nur solche sich öffentlich betätigen, deren Erziehung vollendet ist und die fertige Bürger ihres Landes sind, und von den Schriftstellern nur solche, die Rußland ebenso glühend lieben wie der, der sich Kosak Luganski nennt, und die es gleich ihm verstehen, die Natur so zu schildern, wie sie wirklich ist, ohne uns das Gute und Böse an der russischen Natur zu unterschlagen, das sollten nur Schriftsteller tun, die sich einzig und allein von dem Wunsche leiten lassen, alle Welt über den wirklichen Zustand aufzuklären, in dem sich heute die Menschen in Rußland befinden.
Es wird mir sicherlich viel schwerer als irgend jemand sonst, die schriftstellerische Tätigkeit aufzugeben, wo sie doch der Inhalt aller meiner Gedanken und Wünsche war, wo ich doch allem anderen, allen Lockungen des Lebens entsagt und wie ein Mönch alle Bande, die mich an alles das, was dem Menschen hier auf Erden teuer ist, zerrissen habe, um an nichts mehr zu denken als an meine Arbeit. Es wird mir nicht leicht, der schriftstellerischen Tätigkeit zu entsagen: gehörten doch gerade die Augenblicke zu den schönsten meines Lebens, wo ich das, was ich lange in Gedanken ausgebrütet hatte, zu Papier bringen durfte; bin ich doch auch jetzt noch immer überzeugt, daß es kaum einen höheren Genuß gibt als den des Schaffens. Aber — ich wiederhole dies nochmals — als ehrlicher Mensch müßte ich meine Feder selbst dann noch niederlegen, wenn ich den inneren Drang fühlte, sie zu ergreifen.