Ich weiß nicht, ob ich ehrlich genug gewesen wäre, so zu handeln, wenn ich nicht die Fähigkeit zum Schreiben verloren hätte; denn — um ganz aufrichtig zu sein — das Leben hätte dann plötzlich allen Wert für mich eingebüßt; nicht mehr schreiben, nicht schaffen, das hätte für mich ebensoviel bedeutet, wie nicht leben. Aber es gibt keinen Verlust, für den uns nicht ein Ersatz geschaffen wird, was ein Beweis dafür ist, daß der Schöpfer den Menschen keinen Augenblick verläßt. Das Herz bleibt keinen Moment ganz leer und kann nicht ganz ohne Wunsch sein. Wie die Erde, die eine Weile vom Pflug unberührt bleibt, andere und neue Kräuter und Gräser wachsen läßt, bis sie sich in ein neues von ihnen befruchtetes und gedüngtes Ackerfeld verwandelt, so kehrten auch in mir, als ich die Fähigkeit, zu schaffen verloren hatte, meine Gedanken aufs neue zu dem Gegenstand zurück, von dem ich in meiner Kindheit geträumt hatte. Ich wollte wieder dienen; jede, selbst die kleinste und unscheinbarste Stellung hätte mir genügt, wenn ich nur meinem Vaterlande so hätte dienen können, wie ich ihm einstmals hatte dienen wollen, ja ich hätte ihm jetzt noch weit treuer und besser dienen mögen, als ich dies jemals gewünscht hatte. Der Gedanke an einen solchen Dienst hat mich niemals verlassen. Ich söhnte mich auch erst mit meiner schriftstellerischen Tätigkeit aus, als ich mich innerlich überzeugte, daß man auch auf diesem Gebiete seinem Vaterlande dienen könne. Aber auch damals dachte ich noch daran, wenn ich einmal ein großes Werk vollendet haben würde, ganz so wie die anderen Menschen in den Staatsdienst einzutreten und mir eine Stellung zu suchen. Meine Pläne und Absichten hatten bloß etwas Anmaßendes und entsprangen einer hochmütigen Gesinnung. Ich glaubte, wenn ich den Beweis dafür ablegen würde, daß ich den Russen wirklich von Grund aus, in seiner Wurzel und seinen fundamentalsten Zügen kenne, d. h. wenn ich ihn sowohl in den Zügen, die allen erkennbar, als auch in denen, die bisher noch verborgen sind, verstehe, ich glaubte, wenn ich den Beweis liefern würde, daß ich die Seele des Menschen nicht aus Büchern und Erzählungen, sondern aus Erfahrung kenne, da ich schon von frühester Jugend auf von dem Wunsche beseelt war, den Menschen begreifen zu lernen, so würde man mir eine Stellung anweisen, die es mir erlauben würde, mit Menschen aller Stände und mit vielen Leuten in persönliche Berührung zu kommen, nicht erst durch Vermittlung von Akten und Kanzleien: eine Stellung, in der ich meine Menschenkenntnis mit wirklichem Nutzen verwerten, mich vielen Leuten nützlich erweisen und mir selbst noch eine größere Menschenkenntnis erwerben würde. Es schien mir so, als ob Rußland am meisten unter den gegenseitigen Mißverständnissen leidet, und daß wir vor allem solche Menschen brauchen, die bei einiger Kenntnis der Seele und des Herzens und ganz allgemein bei einigem Wissen von dem innigen Wunsche nach Frieden beseelt wären. Ich hatte gesehen und bereits die Erfahrung gemacht, daß man durch persönliche Unterhandlungen und Aufklärungen viele Streitigkeiten beilegen konnte, die niemals auf dem Aktenwege zu erledigen sind. Ich dachte mir, wenn es auch heute keine solche Stellungen gebe, so würde ich doch, wenn mein Werk ganz fertig und bereits erschienen sei, einen solchen Posten erhalten, und ich entwarf in Gedanken bereits einen Plan, ein Projekt, in dem ich darlegen wollte, wie ich mich Rußland durch die Fähigkeiten, die ich besaß, nützlich und notwendig erweisen könnte. Ich schmiedete die kühnsten Pläne, da sie sich jedoch lediglich auf den Erfolg meines Werkes gründeten, zerfielen sie sogleich in sich, als mir die Fähigkeit, dichterische Werke zu schaffen, verloren gegangen war. Jetzt sind in meinen Augen alle Ämter und Stellungen gleichwertig, jeder Posten — der kleinste wie der größte — hat die gleiche Bedeutung, wenn man ihn nur mit dem gebührenden Ernst ansieht, und es will mir so scheinen, daß man, wenn man den Menschen nur ein wenig zu schätzen weiß und einen Begriff von seiner Würde hat, die ihm selbst dann noch erhalten bleibt, wenn der Mensch viele Fehler und Mängel hat, daß man, sofern man nur etwas wahrhaft christliche Liebe für ihn hat und endlich von wirklicher Liebe zu Rußland erfüllt ist, wie ich glaube, in jeder Stellung sehr viel Gutes wirken kann. Die Kraft des sittlichen Einflusses übertrifft alles andere. Ein Amt und eine Stellung wären für mich dasselbe wie ein Hafen und das Festland für einen Seefahrer. Ich bin überzeugt, daß heutzutage ein jeder, der von dem heißen Wunsch nach dem Guten verzehrt wird, der ein Russe ist und dem Rußlands Ehre am Herzen liegt ... sich ebenso und mit demselben Eifer zu vielen Ämtern und Stellungen im Staate drängen sollte, wie einstmals jeder von uns in die Reihen trat, um das Vaterland gegen den Feind zu verteidigen; denn das Unrecht und die Zahl der Übel sind groß, und sie haben schon viel Schmach über uns gebracht. Andererseits aber bin ich auch überzeugt, daß wir schon um unserer selbst willen ein Amt und eine Stellung brauchen, um ... So stürmisch und aufgeregt die heutige Zeit ist, so erregt und bewegt auch die Geister um uns herum sind, so sehr uns unser eigener Verstand empört, man kann bei alledem doch ruhig bleiben, wenn man nur zu dem Zweck eine Stellung annimmt, um seine Pflicht so zu erfüllen, daß man dem Himmel Rechenschaft dafür abzulegen vermag und sich dessen nicht zu schämen braucht. Wie dem auch sein mag, das Leben ist für uns kein Rätsel mehr. Es war einmal ein Rätsel, als die klügsten unter den Menschen, die Denker und Dichter, über es nachsannen und zur Überzeugung kamen, daß sie nicht wissen, was das Leben ist. Aber nachdem einmal einer — der der klügste von ihnen allen war — es mit voller Sicherheit und ohne zu schwanken oder zu zweifeln ausgesprochen hat, Er wisse, was das Leben sei; seitdem dieser Eine von allen anerkanntermaßen für den größten aller Menschen, die bisher gelebt haben, selbst von denen, die nicht zugeben wollen, daß Er Gott sei, gehalten wird, muß man Ihm aufs Wort glauben, selbst wenn Er nur ein einfacher Mensch gewesen sein sollte. Folglich ist die Frage: Was ist das Leben? gelöst.
Das aber genügt noch nicht. Uns ward ein vollständiges und umfassendes Gesetz für alle unsere Handlungen gegeben — ein Gesetz, das keine Gewalt in seiner Wirkung zu hemmen oder zu beschränken vermag, das man selbst bis in die Mauern des Gefängnisses tragen, das man jedoch nicht erfüllen kann, wenn man in der Luft schwebt; dazu muß man zum mindesten ein festes irdisches Fundament unter den Füßen haben. Wenn man ein Amt und eine Stellung innehat, befindet man sich doch immer auf einem bestimmten Wege; besitzt man dagegen keine bestimmte Stellung und kein Amt, so geht man aufs Geratewohl durch Gestrüpp und Schluchten, wenn man auch das gleiche Ziel im Auge behält. Auf einem Wege geht sich’s leichter als dort, wo es keine Wege gibt. Wenn man Amt und Stellung als Mittel zu einem Ziel betrachtet, das nicht auf der Erde liegt, sondern als einen Weg zum himmlischen Ziel — zur Rettung unserer Seele — ansieht, so erkennt man, daß das Gesetz, das uns Christus gegeben hat, nur für uns selbst gegeben ward, daß er sich gleichsam an uns selbst wendet, um uns klar und deutlich zu zeigen, wie wir uns an der Stelle, an der wir stehen, und in dem Berufe, den wir uns erwählt haben, verhalten sollen. Es ward dem Christen mit aller Bestimmtheit und Deutlichkeit gesagt, wie er sich gegen Höhergestellte benehmen soll, und wenn er nur einen Teil davon erfüllt, so werden ihn alle, die über ihm stehen, liebgewinnen. Es ward dem Christen in aller Bestimmtheit und Deutlichkeit gesagt, wie er sich gegen die verhalten soll, die unter ihm stehen, und wenn er nur einen Teil hiervon erfüllt, so werden ihm alle unter ihm Stehenden von Herzen ergeben sein. Diese ganze Universalität des menschenfreundlichen Gesetzes Christi, dieses Verhältnis der Menschen untereinander kann von jedem von uns auf seine begrenzte Sphäre angewandt und übertragen werden. Wir brauchen bloß alle Menschen, mit denen wir so häufig in unangenehmster und peinlichster Art zusammenstoßen, zu unseren Nächsten und unseren Brüdern zu machen, zu jenen Nächsten, denen uns Christus am meisten zu vergeben und die Er uns am meisten zu lieben geboten hat. Man braucht bloß nicht darauf zu achten, wie die anderen sich gegen uns verhalten, und nur daran zu denken, wie man selbst gegen andere Leute handelt. Man braucht bloß nicht daran zu denken, wie die anderen uns lieben, sondern bloß darauf zu achten, ob man sie auch selbst liebt. Man braucht nur, ohne sich durch irgend etwas gekränkt zu fühlen, dem ersten, dem man begegnet, die Hand zur Versöhnung entgegenzustrecken. Man braucht bloß eine kurze Zeit lang so zu handeln und man wird bald inne werden, daß der Umgang mit anderen Leuten uns selbst und daß ihnen der Umgang mit uns viel leichter wird; dann wird man wirklich die Kraft in sich fühlen, auch an einer unscheinbaren Stelle manch nützliche Tat zu vollbringen. Am schwersten hat es der in der Welt, der noch nicht irgendwo festen Fuß gefaßt hat, der sich’s nicht klarmacht, worin sein Beruf besteht: ihm ist es am schwersten, das Gesetz Christi auf sich anzuwenden, das doch dazu da ist, um auf der Erde und nicht in der Luft verwirklicht zu werden; daher muß auch das Leben ein ewiges Rätsel für ihn sein. Ihm gegenüber ist sogar der Gefangene, der im Kerker schmachtet, noch im Vorteil: er weiß, daß er ein Gefangener ist, und er weiß daher auch, was von dem Gesetz er für sich auswählen muß. Ihm gegenüber ist noch der Bettler im Vorteil, er hat auch ein Amt: er ist ein Bettler und weiß daher, was er für sich aus dem Gesetz Christi schöpfen soll. Ein Mensch jedoch, der nicht weiß, was sein Beruf, wo sein Platz ist, der sich nichts klar, der bei nichts haltmacht und nirgends festen Fuß gefaßt hat, der hat weder in der Welt noch außer der Welt ein Heim; er weiß nicht, wer sein Nächster ist, wer seine Brüder sind, wen er lieben und wem er verzeihen soll (man kann nicht die ganze Welt lieben, wenn man nicht erst einmal die lieben lernt, die einem am nächsten stehen und die Gelegenheit haben, uns Kummer zu bereiten): sein Gemütszustand hat die meiste Ähnlichkeit mit einer trockenen mattherzigen Seelenverfassung.
So war ich denn nach vielen Jahren langer Mühe und mancherlei Versuchen und häufigem Nachdenken, auf meinem Wege sichtlich vorwärtsschreitend, endlich zu dem Ergebnis gelangt, von dem ich schon während meiner Kindheit geträumt hatte, daß das Dienen die Bestimmung des Menschen und daß unser ganzes Leben ein einziger Dienst ist. Man darf nur nicht vergessen, daß man ein Amt im irdischen Staate übernimmt, um dadurch dem himmlischen König zu dienen, und daher Sein Gesetz stets im Auge behalten muß. Nur wenn man seinen Dienst in dieser Weise auffaßt, kann man es allen recht machen: dem König, dem Volk und seinem Vaterland.
Als ich diese Überzeugung gewonnen hatte, war ich schon bereit, mich voller Eifer jedem Amte zu widmen, obwohl ich natürlich bemüht war, mir mit Rücksicht auf meine Fähigkeiten einen solchen Beruf zu wählen, der mich auch weiter in den Stand setzen würde, die Menschen in Rußland auch in der Praxis kennen zu lernen; damit ich, wenn sich bei mir die Fähigkeit zum dichterischen Schaffen wieder einstellen sollte, über ein ausreichendes Material verfügte. Und so war auch einer der Gründe meiner Reise ins Heilige Land der ehrliche Wunsch, an jener Stelle zu Gott zu beten und mir von Ihm, Der uns in jenen Gegenden, die einst Sein Fuß durchschritten, das Geheimnis des Lebens offenbart hat, den Segen für eine rechtschaffene Erfüllung meiner Pflicht und für meinen Eintritt ins Leben zu erflehen; ich wollte Ihm für alles danken, was sich in meinem Leben ereignet hatte, mir von Ihm eine Tätigkeit erbitten und Ihn um Belebung und Erfrischung für den weiteren Weg und das Werk, für das ich mich herangebildet und vorbereitet hatte, anflehen. Und darin finde ich nichts Merkwürdiges, da doch auch der Schüler nach Beendigung seines Lehrganges sich beeilt, dem Lehrer ein Wort des Dankes zu sagen. Wenn doch auch der Sohn zum Grabe des Vaters eilt, bevor er seine Tätigkeit beginnt, warum sollte ich nicht jenem Grabe Ehre und Anbetung erweisen, das alle verehren, an dem allen Trost und Kräftigung zuteil wird und vor dem alle Menschen — auch solche, die keine Dichter sind — von Begeisterung ergriffen werden. Es ist vielleicht recht sonderbar, daß ich in einem gedruckten Buche hierüber geredet habe; aber ich hatte mich damals gerade von einer schweren Krankheit erholt. Ich war noch recht schwach und glaubte gar nicht, daß ich imstande sein würde, diese Reise zu vollenden. Ich wollte, daß die für mich beten sollten, deren ganzes Leben ein einziges Gebet geworden war, wußte nicht, wie ich es anstellen sollte, daß meine Stimme bis in die Tiefe der Klosterzellen und in die Mauern der Einsiedler dränge, und ich dachte, daß vielleicht einer von denen, die mein Buch lesen würden, mein Wort bis an das Ohr jener tragen möchte. Ich bat auch die anderen, für mich zu beten, weil ich nicht wußte, wessen Gebet Ihm wohlgefälliger ist, zu Dem wir alle beten. Ich weiß nur das eine, daß der Geringste und Schlechteste unter uns schon morgen ein besserer Mensch werden kann als wir alle und daß sein Gebet eher bis an Gottes Ohr dringen kann als jedes andere Gebet. Dafür hätte man mich nicht so strenge verurteilen sollen; man hätte lieber an die Worte „Bittet, so wird euch gegeben“ denken und dies Gebot erfüllen sollen.
Wie es geschehen konnte, daß ich nun genötigt bin, dem Leser über dies alles Auskunft zu geben, das kann ich selbst nicht begreifen. Ich weiß nur das eine: daß ich nie den Wunsch hatte, mich über meine geheimsten und innersten Seelenregungen zu äußern — nicht einmal meinen aufrichtigsten Freunden gegenüber. Ich war fest entschlossen, nichts von meinen Seelenerlebnissen zu verraten und alle Urteile, die über mich gefällt wurden, ruhig über mich ergehen zu lassen, da ich fest davon überzeugt war, daß, wenn erst der zweite und dritte Band der „Toten Seelen“ erscheinen würden, sich alles aufklären und niemand mehr die Frage stellen würde: was ist der Autor selbst für ein Mensch? trotzdem der Autor gänzlich hinter seinen Helden verschwinden sollte. Nachdem ich mich jedoch einmal darauf eingelassen hatte, gewisse Erklärungen über meine Werke abzugeben, war es ganz unvermeidlich, daß ich auch von mir selbst reden mußte, weil meine Werke auf das engste mit meinen geistigen und seelischen Angelegenheiten in Zusammenhang stehen. Gott weiß, vielleicht geschah auch dies ohne den Willen Dessen, ohne Den in der Welt nichts geschieht; ja, vielleicht mußte dies gerade deswegen geschehen, damit ich einen Einblick in mein eigenes Innere gewinnen konnte. Die Versuchung, hochmütig zu werden, lag mir sehr nahe, besonders nachdem es mir gelungen war, mich tatsächlich von einigen Fehlern und Mängeln zu befreien. Dieser Hochmut nistete beständig in meiner Seele und niemand hat mich darauf aufmerksam gemacht. Bekanntlich genügt es schon, sich eine gewisse Glätte, ein gewisses Gleichmaß und eine gewisse Nachsicht und Toleranz im Umgang mit den Menschen anzueignen, damit sie unsere Fehler übersehen und nicht beachten. Wenn man sich dagegen vor unbekannten Leuten und vor der ganzen Welt zur Schau stellt, und wenn jede unserer Handlungen und Taten bis ins einzelne zerfasert wird, wenn Menschen der verschiedensten Denkungsart, der verschiedensten Anschauungen und mit den verschiedensten Vorurteilen sich jeder nach seiner Weise ein Bild von uns machen, wenn dann von allen Seiten berechtigte und unberechtigte Vorwürfe auf einen niederhageln und mit Vorbedacht oder auch ohne böse Absicht an die empfindlichsten Seiten unseres Wesens rühren, dann fängt man an — ob man nun will oder nicht — sich von solch einer Seite zu sehen, von der man sich noch nie gesehen hat, und man beginnt Fehler und Mängel in sich zu suchen, die man sonst nie in sich gesucht hätte. Das ist eine furchtbare Schule, die einen entweder um den Verstand bringt oder klüger und vernünftiger macht, als man jemals war. Nicht ohne Scham und ohne Erröten lese ich vieles in meinem Buche, trotzdem aber danke ich Gott, daß Er mir die Kraft gegeben hatte, es herauszugeben. Ich brauchte einen Spiegel, in dem ich mich erblicken und besser erkennen konnte, ohne dies Buch aber wäre ich schwerlich in den Besitz eines solchen Spiegels gekommen. Und so hat denn mein Buch, das aus der ehrlichen Absicht entsprungen war, anderen zu nützen, vor allem mir selbst am meisten genützt.
Es sei mir erlaubt, an dieser Stelle auch einige Worte über den Nutzen zu sagen, den mein Buch anderen Leuten bringen kann. Ist mein Buch wirklich so ganz wertlos für andere Menschen, besonders aber für die Gesellschaft, wie sie heute ist? Mir scheint, alle, die über dies Buch geurteilt haben, haben es mit zu weit aufgerissenen Augen und gar zu hitzig und heftig betrachtet. Man hätte es weit kaltblütiger beurteilen sollen. Statt als Vorkämpfer der ganzen Gesellschaft aufzutreten und mich im Angesicht des ganzen russischen Vaterlandes vor Gericht zu laden, hätte man die Sache viel einfacher ansehen sollen. Man hätte das Buch analysieren, man hätte feststellen sollen, was es seinem innersten Wesen nach ist, und man hätte nicht eher auf die Einzelheiten und die Teile eingehen dürfen, als bis man sich den inneren Sinn des Ganzen völlig klargemacht hatte. Nun aber hatte das allerhand törichte Wortstreitigkeiten zur Folge, ja vielem wurde ein solcher Sinn untergelegt, von dem ich mir nie hatte etwas träumen lassen.
Zunächst hätte ich jederzeit das Recht gehabt, davon zu reden, wovon ich in meinem Buche gesprochen habe, wenn ich mich nur einfacher und schicklicher ausgedrückt hätte. Es ist mir nie eingefallen, die Menschen in der Weise belehren zu wollen, wie mir das einige imputieren wollten. Das Lehren verstand ich in dem einfachen Sinne, den die Kirche im Auge hat, wenn sie gebietet, einander unaufhörlich zu belehren, wobei man es verstehen muß, mit derselben Freude Ratschläge von anderen entgegenzunehmen, mit der man selbst anderen welche erteilt. Ich aber war damals wirklich bereit, Ratschläge von anderen Menschen entgegenzunehmen. Ich stellte mir die Gesellschaft keineswegs als eine Schule vor, die mit Schülern von mir angefüllt ist, deren Lehrer ich bin. Ich bestieg mit meinem Buch kein Katheder und verlangte nicht, daß alle aus diesem Buche lernen sollten. Ich kam zu meinen Mitbrüdern und Mitschülern wie ein ihnen gleichgestellter Schulkamerad; ich brachte einige Hefte mit, in denen ich die Worte des Lehrers nachgeschrieben hatte, von Dem wir alle lernen; ich brachte vielerlei mit; mochte sich jeder das davon wählen, was er brauchen konnte. Es waren Briefe darunter, die an Personen von verschiedenem Charakter und verschiedenen Anlagen und Neigungen gerichtet waren. Viele von diesen Personen standen auf ganz verschiedenen Stufen der geistigen Entwicklung; daher konnten sich diese Briefe unmöglich in gleicher Weise auf alle Menschen beziehen und auf sie alle passen. Ich dachte mir, jeder würde sich nur das davon aneignen, was er brauchte, und das andere nicht beachten. Ich hatte nicht geglaubt, daß so mancher gerade danach greifen würde, dessen ein anderer bedurfte, ausrufen würde: „Das kann ich nicht brauchen!“ und mir dann noch zürnen würde. Ich wollte auch keine neue Lehre verkünden. Als ein Schüler, der in einigen Fächern etwas weiter fortgeschritten ist als ein anderer Mitschüler, wollte ich es den übrigen Kameraden bloß klarmachen, wie man die Lektion, die uns von dem besten aller Lehrer aufgegeben wird, am schnellsten und leichtesten lernt. Ich hatte geglaubt, wenn man mein Buch gelesen haben würde, würde man zu mir sagen: „Ich danke dir, Mitbruder!“ und nicht: „Ich danke dir, mein Lehrer!“ Wenn nur nicht mein „Testament“ gewesen wäre, das ich unvorsichtigerweise mitaufgenommen habe und in dem ich auf die Belehrung anspielte, die jeder Autor seinen Mitmenschen mit seinen poetischen Werken erteilen sollte, so wäre es niemand eingefallen, mir solche apostolische Absichten zuzuschreiben, trotz meines ziemlich entschiedenen Tons, ja sogar trotz der lyrischen Feierlichkeit meiner Rede. Dagegen wird ein jeder, der bereits in seine eigene Seele zu blicken vermag, meinem Buche mancherlei entnehmen können, was ihm von Nutzen sein dürfte.
Was ferner die Meinung anbetrifft, daß mein Buch schädlich wirken müsse, so kann ich dies unter keinen Umständen zugeben. In dem Buche kommt trotz all seiner Mängel die gute Absicht und die Liebe zum Guten viel zu deutlich zum Ausdruck. Trotz vieler unbestimmter und dunkler Stellen leuchtet der Grundgedanke ganz klar aus ihm hervor; und wenn man das Werk gelesen hat, kommt man zu der gleichen Überzeugung: nämlich daß die höchste Instanz in allen Fragen die Kirche und daß sie der Schlüssel zu allen Fragen des Lebens ist. Folglich wird sich der Leser nach der Lektüre meines Buches auf jeden Fall an die Kirche wenden, in der Kirche aber wird er wiederum nur die Lehrer der Kirche finden, die ihn darüber belehren werden, was er sich aus meinem Buche für seine Zwecke aneignen soll; vielleicht aber werden sie ihm auch andere bedeutsamere Bücher statt des meinen geben, um derentwillen er mein Buch beiseitelegen wird, so wie ein Schüler das Buchstabieren aufgibt, wenn er frei lesen gelernt hat.
Zum Schluß muß ich noch folgendes bemerken: die Urteile, die über mein Buch gefällt wurden, waren wirklich gar zu apodiktisch und scharf, und keiner, der mir Mangel an echter Bescheidenheit vorgeworfen hat, hat mir gegenüber die rechte Bescheidenheit an den Tag gelegt. Angenommen selbst, ich hätte mir in meinem Hochmut, der aus dem Glauben an meine Vorzüge entsprang, die mir von allen Leuten zugeschrieben wurden, einbilden können, daß ich höher stehe als alle anderen Menschen und daß ich das Recht habe, über andere Leute zu richten, worauf aber könnte sich der stützen, der mit solcher Sicherheit über mich zu Gericht sitzt und nicht einmal das Gefühl hat, daß er höher steht als ich? Wie dem auch sein mag, um ein allseitiges Urteil über einen Menschen zu fällen, dazu muß man höher stehen als der, über den man richtet. Man kann wohl gewisse Bemerkungen über diese oder jene Einzelheit machen, man kann Meinungen äußern und Ratschläge erteilen, allein über den ganzen Menschen aburteilen, indem man sich auf diese Ratschläge stützt, ihn für völlig verrückt erklären, behaupten, er habe seinen Verstand verloren, er sei ein Lügner und Betrüger, der die Maske der Frömmigkeit angelegt habe, ihm gemeine und niederträchtige Absichten unterlegen — nein, das sind Beschuldigungen, wie ich sie niemals, nicht einmal gegen einen offenkundigen Schurken, der das Schandmal der öffentlichen Verachtung trägt, vorzubringen imstande wäre. Mir scheint, ehe man solche Beschuldigungen ausspricht, müßte man innerlich erschrecken und erbeben, man sollte erst ein wenig darüber nachdenken, wie uns selbst wohl dabei zumute wäre, wenn öffentlich und vor aller Welt solche Anschuldigungen gegen uns erhoben würden! Es wäre wirklich gut, wenn man sich’s erst ein wenig überlegte, ehe man eine solche Beschuldigung erhebt: „Irre ich mich auch selbst nicht? Ich bin doch auch ein Mensch! Es handelt sich hier um die Seele. Die Seele des Menschen ist ein Brunnen, zu dem es nicht für alle einen Zugang gibt, und man darf sich nicht auf die äußere scheinbare Ähnlichkeit gewisser Merkmale verlassen. Oft haben schon die geschicktesten Ärzte eine Krankheit für eine andere gehalten und ihren Fehler erst dann erkannt, als sie bereits den Leichnam des Toten secierten.“ Nein, das Buch „Briefwechsel mit meinen Freunden“ enthält, so große Mängel es in jeder Hinsicht haben mag, doch auch viel Derartiges, was nicht allen sofort verständlich sein kann. Es nützt nichts, sich darauf zu berufen, daß man das Buch zwei- oder dreimal gelesen hat: manch einer kann es zehnmal lesen, und es wird doch nichts dabei herauskommen. Um dieses Buch nur im mindesten nachzuerleben, muß man entweder eine sehr einfache und gütige Seele haben oder ein sehr vielseitiger Mensch sein, der außer einem Verstande, der die Dinge von allen Seiten zu umfassen vermag, auch noch über ein hohes poetisches Talent und eine Seele verfügt, die einer vollen, großen und tiefen Liebe fähig ist.
Ich kann nicht leugnen, daß diese ganzen Wirrnisse und diese Mißverständnisse sehr bitter für mich waren — um so mehr, als ich geglaubt hatte, daß mein Buch eher den Keim zur Versöhnung als zu Streit und Zwietracht enthalte. Meine Seele wäre unter all den Vorwürfen zusammengebrochen; manche darunter waren so fürchterlich, daß Gott jeden vor solchen Anklagen bewahren möge! Andererseits aber fühle ich mich verpflichtet, denen meinen Dank auszusprechen, die mich auch wegen vieler Verfehlungen hätten mit Vorwürfen überschütten können, die mich aber in dem Gefühl, daß sie bereits das Maß dessen überstiegen, was die schwache Natur des Menschen zu ertragen vermag, mit der Hand eines mitleidigen Bruders erhoben und mir Mut zugesprochen haben. Gott möge es ihnen vergelten! Ich kenne keine größere Tat, als einem Menschen, der den Mut verliert, hilfreich die Hand zu reichen.