Es traf aber inzwischen ein Umstand ein, der die Eroberung der Stadt hätte ermöglichen können, der aber durch den Hochmut und die Hintertreibungen des Abbat Brunazzi nicht ausgenützt werden konnte. In der französischen Armee, die sich in Cattaro befand, waren auch einige Hundert Kroaten. Diese Kroaten wollten nicht in der belagerten Stadt verschmachten im Dienste ihres nationalen Feindes, sondern beschlossen zu entfliehen. In der Nacht zwischen dem 28. und 29. Oktober gelang es ihnen, aus der Stadt herauszukommen. Sie flüchteten sich nach Prtchanj, wo der Abbat verweilte, und brachten ihm die Schlüssel der Stadttore und drei französische Fahnen. Der Vladika war diese Nacht eine halbe Stunde von Cattaro entfernt—also näher wie der Abbat—im Dorfe Dobrota. Hätte er diese Schlüssel bekommen, so hätte er die Stadt in der Nacht noch erstürmen können. Der Abbat vermochte ihm natürlich auch von Prtschanj aus diese Schlüssel zu schicken. Das tat er aber nicht aus Neid gegen einen orthodoxen Bischof. Die Kroaten waren ja römisch-katholischen Glaubensbekenntnisses und hatten sich nun zu ihm, dem römisch-katholischen Geistlichen, geflüchtet. Sein Stolz war in diesem Augenblick der eines engherzigen Parteimannes.
Erst am 29. Oktober schickte er gegen Mittag dem Vladika die jetzt nicht mehr brauchbaren Schlüssel. Der Vladika war wegen eines solchen Benehmens von Seiten des Abbats höchst erzürnt. Er versuchte dennoch am selben Tage den Stadtkommandanten Gauthier zur Uebergabe zu bewegen. Dieser war durch das Weggehen der Kroaten jetzt ziemlich geschwächt. Gauthier weigerte sich. Er dankte dem Vladika, wies aber seinen Vorschlag ab.
Hoste kam seinem Versprechen gemäss öfters nach der Bucht, besah die belagerte Stadt und ging wiederum weg. Erst Ende Dezember kam er endlich mit der festen Absicht, Cattaro einzunehmen. Er führte die Arbeit aus, die die unkundigen Montenegriner nicht auszuführen vermochten, nämlich die Aufstellung der Geschütze auf dem Berge Vrmaz. Dann begann die Bombardierung, vom Lande und Wasser her, die einige Tage dauerte. Ganz in die Enge getrieben, musste Gauthier sich ergeben. Am 8. Januar 1814 wurde die Kapitulation vollzogen. Die Franzosen kamen in die Gefangenschaft des englischen Komandanten. Die Stadtschlüssel übernahmen zwei Mitglieder der bokelischen nationalen Zentralkommission und ein montenegrinischer Deputierter. Den Franzosen wurde die Ueberfahrt nach Italien gestattet. In der ganzen Bocca blieb kein Franzose mehr zurück. Die Bocca war somit vollständig befreit. Nach 2 Tagen verabschiedete sich der englische Kommandant Hoste vom Vladika und den Montenegrinern und fuhr aus der Bucht di Cattaro nach Lissa.
So blieb die Bocca in den Händen der Bokelen und Montenegriner und wurde von der Zentralkommission verwaltet.
Jene Zentralkommission wurde am 10. November gewählt. An diesem Tage nämlich hielten die Bokelen eine Volksversammlung ab, in der sie beschlossen, sich mit Montenegro zu vereinigen, die Oberhoheit des montenegrinischen Bischofs anzuerkennen und in ihrem eigenen Lande eine Verwaltung auf republikanischer Grundlage einzurichten. Als Vorbild diente ihnen die frühere republikanische Konstitution von Ragusa. Ragusa hatte einen Senat, welcher alle drei Jahre eines seiner Mitglieder zum Präsidenten («Prinz») wählte. Die Bokelen schufen eine Zentralkommission, die aus 18 Mitgliedern bestand, und deren Pflicht und Aufgabe es war, das Land zu verwalten.
Nachdem diese neue Ordnung der Dinge ins Leben gerufen und gefestigt worden war, wählte die Zentralkommission einen Sendboten, der eine Zirkularnote den europäischen Grossmächten übermitteln sollte. In dieser Note wurden jene Neuordnungen in der Bocca beschrieben und die Mächte gebeten, dieselbe anzuerkennen. Seitens des Vladika wurde ein besonderer Deputierter nach Petersburg und Wien zu dem gleichen Zwecke entsandt.
Kaum waren diese Deputierten abgereist, so verbreitete sich das Gerücht in der Bocca, ein österreichisches Heer marschiere nach Süd-Dalmatien. Dieses Gerücht bewahrheitete sich. Als Hoste kam, um Caltaro zu bombardieren, drang der österreichische General Milutinovic mit einem grossen Heer bis Castelnuovo vor. Er hatte vom Kaiser den Auftrag, den Montenegrinern und Engländern bei der Einnahme Cattaros zu helfen. Als nun Cattaro inzwischen auch ohne seine Hilfe erobert worden war, kehrte General Milutinovic mit seinem Heere wiederum nach Norden zurück.
Am 10. Juni trafen die Sendboten wieder in der Bocca ein. Sie brachten eine für die Bocca trostlose Antwort von den Höfen mit sich. Die Bocca solle jetzt Oesterreich übergeben werden. Alexander richtete ein vom 1. Juni aus Paris datierendes Schreiben an die Bokelen, in welchem er sie versicherte, dass sie unter Oesterreichs Herrschaft dieselben Vergünstigungen geniessen und dieselbe Freiheit haben würden, die ihnen auch Venedig ehedem gewährt hatte.
Zugleich mit diesem Sendboten kam General Milutinovic wieder nach der Bocca zurück. Er hatte von seinem Kaiser den Befehl, das Land zu okkupieren, was er auch in einigen Tagen vollzog. Die Bocca leistete keinen Widerstand, dazu fehlte ihr die Kraft.[90]