O, wenn Riesele Zeit gehabt hätte, wie ehedem mit den Kindern umherzutollen! Aber es mußte schaffen, solange der Tag währte, und schaffen war schließlich auch ein Spiel! Es zog den Wagen hinaus, und auf der Leiter glänzte die scharfe Sense; der Gustav schlug den würzigen Klee um und lud ihn auf, und Riesele zog ihn heim, daß die Kuh, die Geißen, die Hasen und schließlich auch die Gänse und die bequemen Enten etwas zu fressen hatten und das Riesele auch!

Es mußte den armen Kindern helfen, seinen Freunden, wo immer es konnte. Sah es, daß ein Kind eine Last Futter auf dem Kopfe heimschleppte, so mußte das Kind seine Last auf des Pferdchens Wagen legen und durfte vielleicht sogar noch selber aufsteigen! Wollten sie, die Kinder, ins Nachbardorf an den Bahnhof, und Riesele hatte dortselbst auch etwas zu besorgen, — was schon manchmal mitten in der eiligsten Feldarbeit vorkam, — so hieß es kurzerhand wie beim Militär: aufsitzen! Und wenn die Eisenbahn einmal keine Verspätung hatte, und schon hinterdrein gerannt kam, als hätte der Kommunalverband etwas übrig fürs Zügle, wer war schließlich doch zuerst am Bahnhof?

Welch eine Kraft bändigte das kleine Riesele in seinen dünnen Beinchen, wenn's was zu helfen gab!

Eines Abends erwachte hinten im Armenhaus auch ein anderes Lied wieder und schwebte in breiten Flügelschlägen übers Dorf hin. Einmal erwacht, wollte dieses Waldhorn wahrlich nicht mehr schlafen gehen und kam jeden Abend und oft unter Tag, wenn Cornel nicht gerade auf den Feldern des Großbauern schaffte. Vielleicht rief dieses Waldhorn ganz frühe Jugenderinnerungen in Riesele wach, vielleicht auch die viel näher liegenden Vorstellungen aus dem buntgekleideten Künstlerleben im Zirkus, aber es nähme durchaus nicht wunder, wenn auch ohne all diese Erinnerungen die empfindsame Pferdeseele in ihrem geruhigen Gleichgewicht beeinträchtigt worden wäre! Lag Riesele im Stall und ruhte sich aus nach des Tages Mühen, so sprang es sogleich auf, wenn Cornels Waldhorn ertönte, so bockelte sein Blut in allen Pulsen, so regten sich alle Muskeln, die draußen in der Welt für irgendein Kunststück zugestutzt worden waren: der linke Vorderfuß scharrte, der Kopf nickte, die Knie versuchten, sich zu beugen, die Hinterbeine strafften sich, als sollten sie die Last des Körpers in sich aufnehmen!

Ging Riesele an den Strängen, und das Waldhorn schwebte heran, so fing es an zu tänzeln, mochte die Last noch so schwer sein. Die Ohren stellten sich, die Nüstern weiteten sich und witterten den Tönen nach, der lange Schweif peitschte hin und her, als schwärmten Bremsen an seinen Lenden. Das Kummet begann an dem Halse zu zerren, weil der Hals steil aufragte, das kindliche Spiel der Muskeln trat deutlich aus dem Ebenmaß der Glieder hervor, und die Räder des Wagens schnitten über die Geleise.

Dem Bauern Klaus und seinen Kindern konnte dies Gebahren nicht entgehen, und da sie vermuteten, daß Riesele draußen in der Fremde für allerhand Kunststückchen abgerichtet worden sei, so ließen sie ihm diese seine Freude und erfreuten sich selber daran, und wiederholt sagte der Bauer zu allen, die sich darüber aufhielten:

„Wir wollen fröhlich miteinander unser schweres Tagwerk vollbringen und unseren Vater preisen, der mit uns ist!”

Und Riesele war voll der Lieder seines Freundes Cornel und trug sie mit sich durch sein arbeitsreiches Leben wie die Lieder der Lerchen, die aus dem Himmelsblau über es herabfielen, wie die Lieder der Blumen, die allhin läuteten, der Wälder, der Winde, der Wolken, und seine unentwegte Fröhlichkeit verschenkte Feiertag und Glück, wohin es auch kam, denn es war ja selber ein Lied draußen in dem großen Jubelruf der Natur.


Die Geschichte ist aus. Der Erzähler sah das Riesele zum erstenmal, als er am ersten Ferientag, noch voll vom Staub der Stadt, mit seiner Frau und seinen Kindern hinter den Bergen aus dem Bahnhof trat. Inmitten einer großen Menschenmenge schwang sich just im selben Augenblick eine buntgekleidete Dame in kurzem weitfaltigem Röckchen auf einen Schimmel, der im Kreise raste, und blieb aufrecht stehen und hielt einen Reif über sich und hoppste auf dem breiten Pferderücken von einem Fuße auf den andern.